„Welt“- Literaturpreis: Haruki Murakami „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki „.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont, Köln 2014.

Wieder einmal wird in den Rezensionen häufig der Begriff „Magischer Realismus“ bemüht, um eine Besonderheit des Erzählens mit wenigen Worten zu erklären. Was ist es, das Haruki Murakami zu diesem besonderen Erzähler macht, dass die Welt von ihm fasziniert ist? „„Welt“- Literaturpreis: Haruki Murakami „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki „.“ weiterlesen

Lutz Seiler: Kruso – Eine andere Chronik der Wende

Lutz Seiler: Kruso – Eine andere Chronik der Wende
Suhrkamp Verlag Berlin, 2014.

Deutscher Buchpreis 2014

Hiddensee, eine Insel „außerhalb der Zeit“. Nach einer persönlichen Tragödie sucht der junge Germanistikstudent Ed Zuflucht im „Klausner“, einer Gaststätte an der Steilküste, die als letzte Bastion einer idealisierten Freiheit innerhalb des Sozialismus gilt.

„Lutz Seiler: Kruso – Eine andere Chronik der Wende“ weiterlesen

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend

Übersetzung von Elisabeth Edl.
Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. Auflage, München 2014, franz. Originalausgabe 2007

Modiano ist ein Erzähler. Von der ersten Seite an gelingt es ihm, eine Illusion zu schaffen, die den Leser einfängt. Ohne große Schnörkel, ohne exaltierte Kunstfertigkeit kommt der Roman damit aus, vier verschiedene Perspektiven zu zeichnen, vier verschiedene Blickwinkel auf das Leben anzubieten und damit eine Person zu umkreisen, die, obwohl in einer Passage aus der Innenperspektive beschrieben, doch vage und schemenhaft bleibt. Es entsteht viel mehr eine Stimmung, die gespannt macht und gefangen nimmt. „Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend“ weiterlesen

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?

Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2014, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Wahrscheinlich lebten Menschen immer schon in sehr unterschiedlichen Welten, doch der Bruch zwischen den digital Natives und den digitalen Vollverweigerern ist ein so frappierender, dass man über diese Kluft hinweg kaum eine Sprache findet. Wie kann man erklären, was die technologischen Entwicklungen, jenseits aller schwarz-weiß Malerei für Potentiale und Gefahren bergen? Lanier macht das mit seinem Buch auf eine sehr anschauliche Art und Weise, seine Beispielbilder sind für Nerds nahe Realität, für Laien einfach Science Fiction. „Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?“ weiterlesen

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht

Das Glück der Melancholie.

Mirko Bonné, 1965 in Tegernsee geboren, lebt seit 1975 in Hamburg und hat eine lange Liste an Übersetzer-, Förder-, und Literaturpreisen vorzuweisen. Seine Romane sind getragen von einer eigentümlichen Stimmung. Es ist eine Stimmung die entsteht aus dem Wissen, dass alles, was wir leben und erleben immer nur eine Möglichkeit ist, begleitet von der Traurigkeit über den Verlust des Ungelebten. „Mirko Bonné: Nie mehr Nacht“ weiterlesen

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha? Suhrkamp Verlag Berlin, 2012
Eine feine Geschichte über den Abschied vom Leben

Die 1981 in Odessa (Ukraine) geborene junge Autorin schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr in deutscher Sprache, ist Preisträgerin des Chamisso-Preises und hat mit „Wer ist Martha“ ein bezauberndes, ein bestrickendes und ein humorvoll groteskes Buch vorgelegt. In einem Interview sagt sie von sich selbst, sie schreibe, weil sie die Zusammenhänge interessieren, von Herzen, die Geschichten ergreifen von ihr Besitz und entwickeln sich wie von selbst. „Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?“ weiterlesen

Viktor Pelewin: Tolstois Albtraum

Ein phantastischer Roman über das Wechselspiel Dichtung – Leben – Gedankenkonstruktion.

In gewisser Anlehnung an Filme wie „Matrix“ oder „Die Truman Show“ ist der Kern der Frag: Woher kann jemand sicher wissen, dass er tatsächlich existiert? Ist er selbst vielleicht nur eine Erfindung von jemand anderem? Und wenn ja, von wem und wie kann, wenn alle Erfindungen von jemandem sind, so etwas wie ein Rest Freiheit erlangt werden?

Die Geschichte dreht sich um eine Figur, den Grafen T., der vermutlich, weil Tolstoi ein Schriftsteller war und sich als solcher anmaßte, Figuren zu erfinden, zur Strafe dieser Hybris nun als Verkörperung von Tolstoi selbst als Romanfigur auftaucht.

Was die Geschichte interessant macht: Die Figur will leben, ringt um Selbstermächtigung und führt dazu verschiedene Experimente aus. An einer fortgeschrittenen Stelle gelingt es dem Helden gar, seinen Erzähler zu vernichten. Wobei allerdings klar wird, dass auch dieser Erzähler nur eine erzählte Figur ist.

Die Romanfigur Graf T. wird vom Verlag, der die Erzählung in Auftrag gibt, nach Optina Puschtyn geschickt. Die Idee: Der exkommunizierte Tolstoi sollte nun als Graf T. in den Schoß der Kirche zurückkehren, weil sich so für den Verlag mit Namen Jasnaja Poljana ein neues Geschäft mit dem alten Tolstoi machen lässt. Die Romanfigur soll allmählich die historische Geschichte überlagern.

Doch dann kommt es zu einem Konzeptwechsel: Die Finanziers des Romans beschließen, lieber ein Computerspiel daraus zu machen, gestalten turbulente Känpfe auf mehreren Spielebenen, und kehren dann doch wieder zum Romangedanken zurück. Hier klingt durchaus politisch-wirtschaftliche Kritik durch, vor allem wenn Marktforscher behaupten, den Leser in die Erzählung einzubinden, sei für die Masse (und damit für die Wirtschaftlichkeit) uninteressant.

Genau dies tut aber Pelewin mit seinem Roman und auch für den Leser stellt sich wieder einmal die Frage: To be or not to be, that ist the question.

Die Romanfigur wird zum Leser in ihrer Welt, der Erzähler im Roman ist Gestalter und er wird gelesen. Wenn auch der Erzähler erfunden ist, wer ist dann der wirkliche Autor?

Jeder Leser ist der Schöpfer seiner Welt, auch wenn es ihm unbehaglich sein mag. “Wenn ich der Schöpfer des Albtraums bin, warum habe ich solche Angst dabei?“ S.397

Am Ende hat Tolstoi geträumt, er schreibe einen Roman.

Oder ist da noch mehr?

Die Ironie liegt im changierenden Wechsel zwischen Beweisen und Widerlegungen der Welt als existierender Welt. Eine vergnügliche Leseherausforderung.

http://www.randomhouse.de/Buch/Tolstois-Albtraum-Roman/Viktor-Pelewin/e364597.rhd

Tomás Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse

Die Ökonomie von Gut und Böse nach Tomás Sedlácek

Wie kommt ein Ökonom dazu, die Wirtschaftssysteme im historischen Rückblick anhand philosophischer Kategorien zu untersuchen oder gar zu beurteilen? Ein gewagtes Unterfangen! Tomás Sedlácek bemüht in seinem Buch eine ganze Serie an Geisteswissenschaften: Philosophie, Theologie, Anthropologie, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Ökonomie… um daraus eine metaökonomische Analyse als Kritik am herrschenden ökonomischen Paradigma zu formulieren.

„Was ist der Mensch?“ Allen Modellen und Theorien vorausgehend ist ein bestimmtes Menschenbild, ein Weltbild, eine Verhältnismäßigkeit. Zusammenfassend ist die Richtung des Buches eine Untersuchung der Frage: „Was ist der Mensch, was ist das den Menschen Kennzeichnende, in welchem Verhältnis steht er zur Welt und welche Bedeutung hat dies für die Ökonomie?“ In Hinblick auf die modernen Wirtschaftsverhältnisse wird hier ganz klar Kritik formuliert an einem Sozialdarwinismus, an Binsenwahrheiten, die angebliches Gemeinwohl rechtfertigen und an einseitigen Theoriemodellen, die den Menschen reduzieren. Und am Ende wird es interessant wenn Sedlácek fragt: „Was ist der Mensch unserer Ansicht nach?“ Denn das erfährt man im Laufe der Auseinandersetzung: es gibt weder ein ausreichend differenziertes und dabei definiertes Menschenbild, noch ist das Verhältnis, in das sich der Mensch zur Welt setzt, eines, das mathematisch-methodische Voraussagen für eine marktwirtschaftliche Zukunftsentwicklung erlaubt. Das Buch schließt mit einer Aufforderung: Noch mal zu überdenken  „Was ist der Mensch unserer Ansicht nach?“ und anschließend daran vielleicht: Was kann man wünschen, das er nach unserer Ansicht sei?

Ob dabei allerdings wirklich die Wertkategorien Gut und Böse hilfreich sind, oder durch ihre einfache Reduktion als Verkaufsförderung ihre Wirksamkeit entfalten … ? Die Seite „Tomás Sedlácek: die Ökonomie von Gut und Böse“ möchte zu den einzelnen Kapiteln des Buches Anregungen bieten.

Jacob beschließt zu lieben

Catalin Dorian Florescu „Jakob beschließt zu lieben“

Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen

Eichendorff-Preis 2012

Catalin Dorian Florescu ist ein Geschichtenerzähler. In seinem Roman „Jacob beschließt zu lieben“ wird uns in aufregenden Bildern ein verschachtelter Rückblick einer Familiengeschichte präsentiert: der aus Lothringen stammenden Obertins. Wir begleiten sie vom dreißigjährigen Krieg bis nach dem zweiten Weltkrieg auf ihrem Weg durch Europa.  Die Kriege bilden die äußere Klammer um die Geschichte, die innere Klammer zeigt sich in der immer wieder kehrenden Darstellung, wie schwierig es ist, unter unmenschlichen Bedingungen ein Mensch zu bleiben. Humanismus wird zum Luxus der Saturierten. Die Armen, die Gebrandmarkten, die Verfolgten, die Geächteten können sich eine solche Lebenshaltung schlicht nicht leisten. Und trotzdem spricht aus dem Ganzen, aus dem bildhaft dargestellten Erleiden widrigster Lebensumstände, eine tief gehende Philanthropie und die Überzeugung, dass tief im Herzen, im Wesen des Menschen ein unantastbarer Kern unter allen Umständen menschlich bleibt, die Fähigkeit zu lieben behält.

Und dies zu vermitteln ist auch die Aufgabe der Geschichtenerzähler in der Geschichte.

Die Zigeunerin Ramina als Analphabetin ist gebunden an Mythen, an das für sie Unerklärliche und spinnt daraus ein Gewebe von Geschichten, die für den Jungen Jacob zwar als erfundene Geschichten durchschaubar sind, ihm aber doch Halt geben als Ersatzrealitäten in einem Leben, in das er geworfen wurde durch seine Geburt auf dem Mistkarren. Sie scheut sich nicht, für ihn zu lügen und ihm damit eine eigene Wahrheit zu schenken, die Wahrheit seiner zweiten Geburt.

Der Großvater erzählt die Wanderbewegungen der Obertins, von Caspar Obertin während des Dreißigjährigen Kriegs und von Frederik Obertin im 18. Jahrhundert während der Besiedlung des Banats. Beiden Männern machten es die Lebensumstände schwer, einen Rest Menschlichkeit zu bewahren und auf der Reise verfolgen wir als Leser Entwicklungslinien und Veränderungen. Und in dem Moment, in dem die Obertin-Ahnen sich schützend vor die ihnen Anvertrauten stellen, entwickeln sie die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, und nicht nur das, auch ein zärtliches Gefühl: die Fähigkeit zu lieben.

Dadurch, dass Geschichten erzählt werden als eine Weitergabe von Kulturgut und als Hoffnung auf Menschlichkeit, mit dem Wunsch, die kommende Generation nicht nur aufzuklären, sondern sie mit dem Herzen sehend zu machen, werden die Inhalte in den Geschichten von einer alles überlagernden Warmherzigkeit getragen. Auch wenn grausame Vorgänge geschildert werden, so obsiegt doch immer wieder ein halb verborgener, zarter Ansatz gepaart mit distanzierender Ironie, der das Entsetzen der Situation entschärft.

Das Buch beschreibt zu Beginn die Gründung des Ortes Triebswetter im Banat und beschreibt die Pflicht zum Liebesdienst. Der Liebesdienst ist aber viel mehr als eine Pflicht, viel mehr als eine Gewöhnung. Er ist das, was nicht nur die Gemeinschaft zusammenhält, sondern auch den Einzelnen in seinem Innersten. Und wenn Jacob, mit c, am Ende beschließt zu lieben, so tut er dies aus seinem innersten Wesen und auf der Basis einer Bindung, die über alle Geschehnisse hinweg Bestand hat. Und damit erfüllt Florescu eine ganz tiefe Sehnsucht in uns: die Sehnsucht nach der bedingungslosen Liebe, die nicht nur als Sehnsucht, sondern auch als Fähigkeit im Menschen angelegt ist.

Die Geschichtenerzähler erzählen ihre Geschichten vom Menschsein. Catalin Dorian Florescu erzählt uns von der unglaublichen Gabe, uns unser Selbst unter allen Umständen zu bewahren. Und macht damit das Geschichtenerzählen zu einem unersetzlichen Gut, zu einem Wesenskern des Menschseins.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑