Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen -Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

„Die Menschheitsgeschichte. Die Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte. Die Geschichte der Evolution selbst. Sie alle wurden uns als objektive Fakten präsentiert. In Wahrheit haben diese Fakten uns belogen. Sie alle wurden verzerrt, weil sie die Hälfte der Menschheit nicht berücksichtigen – nicht zuletzt durch die Worte, mit denen wir unsere Halbwahrheiten vermitteln. Dieses Scheitern hat zu Lücken in den wissenschaftlichen Daten geführt und hat das korrumpiert, was wir über uns selbst zu wissen glauben. Es hat den Mythos männlicher Universalität befördert. Und das ist eine Tatsache.“
S.43

Caroline Criado Perez nimmt uns mit auf eine Reise um die Welt, durch alle gesellschaftsrelevanten Bereiche und alle Themen unserer Lebensgestaltung und zeigt uns, wo wir in den einzelnen Ländern, aber auch weltweit stehen in der Einbeziehung weiblicher Lebensrealität in männlich gestaltete Räume. Es ist oft schwer zu verstehen, wie wenig Relevanz die Bedürfnisse und Anliegen der halben Weltbevölkerung haben. Und, obwohl das Buch schon ein paar Jahre alt ist, zeigt es in Zusammenhang mit zunehmendem Einfluss von KI, dass diese Problematik durch die Auswahl von Algorithmen sich noch verstärken wird. Ein Beispiel vorab: „27 % der CEOs in den USA sind weiblich, aber nur 11 % der Ergebnisse der Google Bilderbuch zeigten Frauen. Die Suche nach >>Autor/in<< erbrachte nur 25 % Frauen, obwohl die Autorinnen in den USA 56 % stellen. Und das ist hier ein Ergebnis, die die weibliche Form im Wort mit einbezieht! Was geschieht also bei der Suche nach >>Autoren<<? Ich habs gemacht, für Deutschland und muss sagen, erstaunlicherweise war mindestens die Hälfte mit weiblichen Namen besetzt. Bei der Bildersuch sieht es aber anders aus. Auf die Frage nach „Bildern deutscher Gegenwartsautoren“ werden unter 72 Bildern 5 Bilder von Frauen gezeigt!
Aber das sind nur plakative Beispiele zum Verständnis. Die bedeutendsten Fragen kreisen um die Themen des weiblichen Körpers und seiner Gesundheit, um die unbezahlte Care-Arbeit und um die Gewalt gegen Frauen. Zum Beispiel als Opfer in Kriegen, auf der Flucht, in Auffanglagern, auf der Toilette …

Noch heute werden vor allem Männer als Wissenschaftler aufgeführt, als Probanden herangezogen, als Untersuchungspersonen für Medikamente, für Crashtests als exemplarisch gewählt usw., kurzum, Männer sind immer noch in allem der Maßstab. Die Feminist*innen des 20. Jahrhunderts haben diese Maßstäbe hinterfragt und die Problematik, die mit der Verallgemeinerung des Männlichen einhergehen erkannt.
Dass wir den Feminismus nicht hinter uns lassen können, weil er seine Aufgaben erfüllt hat, wissen wir. Ein Rollback in allen Bereichen zeigt, wie die Macht von manipulativen Medien ihre Wirksamkeit entfaltet, indem junge Mädchen und Frauen wieder sexualisierten Schönheitsidealen anhängen und daran gemessen werden, traditionellen Frauen- und Rollenbildern folgen – Trad-Wifes – und eine Mehrzahl junger Menschen wieder zu traditionellen Rollenerwartungsmodellen zurückkehrt (laut einer Studie wünscht sich die Hälfte der 20 – 25 jährigen wieder eine klassische Rollenverteilung).

Und nun zum Thema, das die Journalistin Caroline Criado-Perez erschreckend deutlich in den Fokus nimmt: Welche Folgen hat die Nichtbeachtung von Geschlecht in einer Gesellschaft, die ihre Gestaltung aus der Analyse von Daten ableitet, wenn diese Daten nur aus Daten eines Geschlechts bestehen?
Wie sehr unsere Meinungen, unsere Haltungen und unsere Lebensgestaltungsentwürfe von Daten abhängen, wissen wir mittlerweile. Und dass die gesamte Daten-Welt eine männlich geprägte ist, wissen wir auch. Vor über zehn Jahren hat Wikipedia, unsere bedeutendste Wissensenzyklopädie, versucht, mit speziellen Unterstützungsprogrammen mehr Frauen als Autorinnen zu gewinnen. Denn es gibt keinen neutralen Wissensschatz.

Beispiel Medizin: Bedeutend mehr Männer erleiden einen Herzinfarkt, aber bedeutend mehr Frauen sterben daran, weil sie andere Symptome haben und während des Medizinstudiums allein der männliche Herzinfarkt bis vor nicht langer Zeit beispielgebend war. (in Deutschland wissen wir das schon lange und haben es in das Medizinstudium einbezogen, in anderen Ländern, auch der EU sieht es zum Teil anders aus)
ADHS wird bei Mädchen sehr häufig nicht diagnostiziert, weil sie aufgrund der Rollensozialisation nicht überdreht auftreten, sondern eher introvertiert, unorganisiert, verplant.
Zu PMS gibt es kaum Studien, weil es, wie vieles in die psychosomatische Ecke geschoben wird. Genauso Endometriose oder Beckenvenensyndrom. Die durchschnittliche Leidenszeit, in der Frauen häufig mit Antidepressiva behandelt werden, anstatt den Schmerzen auf den Grund zu gehen, beträgt laut Criado-Perez acht Jahre.
Apropos PMS – es gibt so gut wie keine Studien über die Wirksamkeit von Medikamenten in den verschiedenen Phasen des Zyklus.
In dieser Art gibt es eine Reihe von Beispielen aus dem Alltag, bei denen es zum Teil fatale, also wirklich schicksalsbestimmende bis hin zu tödlichen Folgen zeitigt, dass kein gendersensibler Blick auf die Erhebung von Daten geworfen wird. Und die Erhebung von Daten ist das, was unser heutiges Leben bestimmt.

„Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO über Frauengesundheit in der EU besagt, dass im Jahr 2013 >>selbst in Ländern mit der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartung Frauen fast zwölf Jahre bei schlechter Gesundheit zubringen<<.
( 307)


Beispiel Stadtplanung: Nach der Weltwirtschaftskrise 1929, also vor knapp hundert Jahren, haben sich die Wirtschaftsmächte zusammengetan und ein Instrument entworfen, mit dem die Wirtschaftskraft eines Landes bemessen werden kann und mit dem Prognosen aufgestellt werden können. Um zukünftige Krisen solchen Ausmaßes zu verhindern. Dabei wurde das Bruttoinlandsprodukt als Ermittlungsfaktor erfunden. Man hat sich dafür entschieden, nur Geldwert und gegen Geldwert geleistete Arbeit zu berücksichtigen, also alle unbezahlte Arbeit, die ja der Boden ist, auf dem alles andere stattfinden kann, unberücksichtigt zu lassen. Dank dieser Entscheidung werden alle Bereiche der bezahlten Arbeit in allen Gesellschaftsanalysen vorrangig behandelt.


Beispiel Sicherheit: Wo wird zuerst Schnee geräumt? Auf den Straßen, auf denen der Berufsverkehr rollt. Viele Unfälle passieren aber auf Gehwegen, wo meist Frauen Ihre Kinder und Alten transportieren, versorgen, zur Schule und in den Kindergarten bringen, die Einkäufe für die Familie tätigen. Nun hat Schweden in einem Präzedenzfall eine Rechnung aufgestellt. Sie haben eine Neubewertung vorgenommen und Care-Arbeit als Arbeit berücksichtigt, demnach eine beschleunigte Gehwegräumung veranlasst und damit so viele Kosten für das Gesundheitssystem eingespart, dass die Mehrkosten durch diese Räumung bei weitem aufgewogen wurden. 
Wenn in den Nachrichten von Unfällen gesprochen wird, dann doch immer nur von Verkehrsunfällen auf der Straße. Witterungsbedingte Unfälle auf Gehwegen werden bei uns in Zahlen nicht erfasst. Zahlen zu Unfällen von Fussgängern gibt es nur in Verbindung mit Kraftfahrzeugen.


Beispiel Stadtplanung Brasilien im Zuge der Fußballweltmeisterschaft: es gab Zwangsumsiedlungen von Familien aus den Favelas in staatliche Neubaugebiete weit entfernt vom Stadtzentrum, ohne Gemeinschaftsräume, ohne Anbindung. Frauen können ihre Kinder nicht mehr in die Kinderbetreuung oder zur Großmutter bringen, können keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen, sind zunehmend isoliert und verarmt.Beispiel Sicherheit: es ist bekannt, dass das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel während der Stoßzeiten zu erhöhten Zahlen von sexueller Belästigung an Frauen führt. Das wird einfach hingenommen. Oder dunkle Orte in öffentlichen Räumen, an denen sexuelle Übergriffe bis hin zum Mord passieren. Es wird dann die Frage gestellt: Warum müssen die Frauen auch dort unterwegs sein? Die falsche Frage. Warum ist es eine Gefahr für Frauen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu sein?
Öffentliche Toiletten, auch so ein Thema. Immer mehr Gelder werden gestrichen, immer mehr öffentliche Toiletten fallen Sparmaßnahmen zum Opfer. Frauen, die sich irgendwo im Freien versteckt erleichtern müssen, sind häufiger Opfer von Übergriffen. Aber es gibt keine Daten dazu, die den Zusammenhang offenlegen und die Folgekosten analysieren würden, die weit höher liegen, als z.B. die Instandhaltung öffentlicher Toiletten.

Wie viele Frauen sind an Kriegs- oder Friedensverhandlungen beteiligt? Und doch sind sie in allem überproportional betroffen.
Auch von Naturkatastrophen, bedingt durch den Klimawandel, sind Frauen stärker betroffen, weil sie z.B. auf einen männlichen Verwandten warten müssen, der sie in Sicherheit bringt (z.B. in muslimischen Ländern wie Bangladesch bei Hochwasser).
Nicht selten kommt es in Schutzräumen zu Übergriffen und Vergewaltigungen, warum Frauen diese erst gar nicht aufsuchen.

„Manche Frauen in deutschen Aufnahmelagern essen und trinken möglichst nicht – ein Verhalten, das auch bei geflüchteten Frauen in Griechenlands damals größtem inoffiziellen Flüchtlingslager Idomeni beobachtet wurde.
Laut einem Bericht des Guardian von 2018 tragen einige Frauen notgedrungen Erwachsenenwindeln.“ (400)
„Wird die potentiell von männlichen Mitarbeitern ausgehende Gewalt beim Aufbau von Versorgungssystemen von Flüchtlingsfrauen ignoriert, entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie – denn männliche Gewalt ist häufig der Grund dafür, dass die Frauen überhaupt zu Flüchtlingen wurden.“

Die Autorin über ihr Buch:
Youtube: https://www.youtube..com/watch?v=C6vAoD3HA9I
„Frauen werden belästigt und sterben, weil die Daten von Männern voreingenommen sind.“

Genderdiskriminierung: Sexualisierte Übergriffe, Beleidigungen und Gewalt setzen voraus, dass es einen weiblichen Körper gibt, der mit spezifischen Assoziationen belegt werden kann. Übergriffe geschehen nicht aufgrund von Geschlecht, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Zuschreibungen zum Geschlecht also Gender.

„Damit das Konzept Gender funktioniert, muss offensichtlich sein, welchen Körpern welcher Umgang zukommt.“
(413)

Interessanterweise sind die Gender und Diversitätsgegner ganz stark im Gendern, also Beleidigen eines Geschlechts aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit.

„Fehlende Informationen über Frauen und ihre Leben bedeuten, dass wir Geschlechter- und Genderdiskriminierung weiter naturalisieren – und diese Diskriminierung gleichzeitig nicht wahrnehmen. Wir sehen sie nicht, weil wir sie naturalisieren. Sie ist zu offensichtlich, zu verbreitet, zu normal um überhaupt kommentiert zu werden.“
(414)

Tatsächlich war ich neugierig und habe mal die google KI befragt:
Inwieweit verstärkt KI die Vorauswahl männlicher Stereotype?
Die Antwort: KI verstärkt männliche Stereotype in der Vorauswahl erheblich, indem sie historische Diskriminierungen aus Trainingsdaten lernt, reproduziert und oft sogar intensiviert. Da KI_Systeme darauf trainiert werden, Muster erfolgreicher Mitarbeiter aus der Vergangenheit zu erkennen – die oft Männer in Führungspositionen waren -, favorisieren sie indirekt oder direkt männliche Profile.

Fazit: KI führt nicht zu mehr Objektivität, sondern perpetuiert und verstärkt bestehende Ungleichheit.

Dieser Text diente als Grundlage zum Vortrag am 06.03.2026, anlässlich des bevorstehenden Weltfrauentags, im Rahmen von Literatur im FEnster e.V. in der Stadtbücherei Isny.

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen -Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert
Deutsche Erstausgabe März 2020
Verlagsgruppe Randomhouse, München

Martin Kordić: Jahre mit Martha

Was ist die Leerstelle, die nicht zu füllen ist im Leben eines Jungen aus einer Familie, in der die Eltern aus ihrem Land flüchten mussten? Die Eltern haben eine Entscheidung getroffen. Der Junge muss damit leben. Die Nicht-Zugehörigkeit wächst sich aus zu einem seelischen Unbehaustsein. Željko, genannt Jimmy, lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Ludwigsburg in einer Zweizimmerwohnung. Der Vater arbeitet die ganze Zeit auf irgendwelchen Baustellen in Deutschland, die Mutter putzt an mehreren Stellen – ein Klischee, aber ja, eine Realität, so stellt sich das eine Mehrheit auch vor, ohne sich Vorwürfe zu machen.
Der schlaue Junge wird in der zehnten Klasse mit einem Stempel versehen: Arbeiterkind. Er solle doch vom Gymnasium abgehen und Gärtner werden. Das könne man aus seinem Interesse für Mathematik und Biologie ablesen. Geradezu zynisch! Der Hunger nach Bildung und nach einem anderen Leben scheint in einer hoffnungslosen Sackgasse zu enden, doch der junge Željko bekommt eine Chance. Er lernt Martha kennen, bei der seine Mutter eine ihrer Putzstellen hat. Die viel ältere Universitätsprofessorin eröffnet ihm eine neue Welt der Gedanken und Möglichkeiten. Hauptsächlich erzählt diese Coming-of-Age-Geschichte von einer wunderbar zärtlichen Liebe, so schön, so achtsam, so auf das Wohlergehen des anderen bedacht, mit Szenen einer zurückhaltenden Sexualität, die verzaubern. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte, die in Wahrheit eine Geschichte der Machtverhältnisse ist, das Scheitern der wichtigen Beziehungen, weil auch diese Beziehungen auf einer Art Abhängigkeit beruhen. Martha macht das geschickt. Sie lässt ihm alle Freiheit. Aber sie bindet ihn auf eine Art und Weise an sich, in der sie sein Leben kontrolliert. Ein Pop-Professor der Uni, an der er studiert, macht ihn vollkommen von sich, von seinem Wohlwollen abhängig und lässt ihn fallen.
Martin Kordić erzählt aber das Schwere nicht mit dieser Schwere. Der Roman ist in einem malerischen Ton gehalten und verzaubert mit seiner Sprache, der man die dahinterliegenden Abgründe nicht gleich anmerkt.

„Es hatte bisher in meinem Leben keine Notwendigkeit gegeben, in einem Hotel zu übernachten. Wenn ich in den Sommerferien mit meinen Eltern und Geschwistern in die Herzegowina gefahren war, hatten wir auf dem Weg an einer österreichischen Raststätte kurz hinter Villach zu fünft im Auto geschlafen und im Haus meiner Baba und meines Dedos dann auf mitgebrachten Luftmatratzen.“
(S.119/120)

Bei einem Segelkurs am Starnberger See lernt er, Kommandos zu geben und Kontrolle abzugeben, je nach Situation und ihm wird klar, was es für Martha bedeutet, gemeinsam zu segeln. Ein zauberhaftes Vergleichsbild, das zugleich einen Einblick gibt in die darunterliegenden Abgründe:

„Ich lernte, dass Dominanz ein starkes Füreinander bedeuten kann, wenn die Unterwerfung freiwillig geschieht und beide Seiten das gleiche Ziel haben: das sichere und gemeinsame Erreichen eines Hafens bei gleichzeitigem physischen und psychischen Wohlergehen aller Beteiligten.“(S.148/149) …
… >>Warum sind wir ein so diszipliniertes Schiff?<<
>>Um vorbereitet zu sein.<<
(S.151)

Alle anderen, parallel laufenden Liebesverhältnisse sind hier im Roman ein Katalysator für die vielen ins Leere laufenden Emotionen. Sie sind eine Möglichkeit, für einen Moment ein echtes Gefühl mit jemandem zu teilen, der es auch wirklich versteht.

„>>Nostalgija haben<< war eine Wendung, die wir erfunden hatten für etwas, das wir beide oftmals fühlten. Es war unsere balkanische Verlorengegangenheit bei gleichzeitiger Sehnsucht nach einem Zuhause, das es nicht gab, in einem Land, das es nicht gab, die sich in Sex und einem Gegenüber auflösen musste, das genau das Gleiche fühlte.“
(S.218/219)

Wie wenig eine Verständigung darüber möglich ist mit jemandem, der keine erzwungene Identitätsteilung oder -auflösung erfahren hat, das zeigt sich nicht nur in den besonderen Situationen, sonder oft auch im ganz Alltäglichen. Was ist selbstverständlich für jemanden? Was gehört, sozialisationsbedingt zur eigenen Identität und kann nicht hinterfragt werden?

„Jeder Vorwurf, den ich anderen hatte machen können, wäre auch ein Vorwurf gegen einen Teil von mir selbst gewesen. Einerseits wusste ich, was richtig und was falsch war, andererseits küsste ich Menschen links und rechts auf die Wang, die andere Menschen getötet hatten, genauso wie ich Menschen links und rechts auf die Wange geküsst hatte, die später getötet worden waren.
Weil das meine Familie war.“
(S.213)

Identität und Stolz, das hängt hier – wie in anderen Migrationsgeschichten auch – auf eine Art und Weise zusammen, dass man es sich als Nichtbetroffene wenigstens ansatzweise vorstellen kann, wie sehr die ständigen Herabwürdigungen aufgrund von Rassismus und Vorurteilen die Entwicklung einer mit sich selbst einigen Identität nahezu unmöglich machen.

Die politische Hintergrundgeschichte ist nicht nur eine Geschichte der Klassenkämpfe und Machtverhältnisse, sondern auch eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der Bereitschaft zur militärischen und paramilitärischen Gewalt, die überall lauert und überall zu beobachten ist – selbst auf der Almhütte. Als wäre die Bereitschaft zur kriegerischen Auseinandersetzung etwas Selbstverständliches. In diesem Sinne gerade jetzt eine wichtige Geschichte.

Martin Kordić: Jahre mit Martha
Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2022

Samantha Harvey: Umlaufbahnen

Booker Prize 2024. Auf ganz eigenwillige Art und Weise beschreibt Samantha Harvey einen einzigen Tag von sechs Astronautinnen auf einer Raumstation. Aufgeteilt ist das Buch in 16 Umlaufbahnen. Sechzehn mal umkreist die Raumstation die Erde und jedes mal erscheint sie wörtlich in anderem Licht. Das, was die Astronautinnen auf dieser Reise wahrnehmen, ist verknüpft mit persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen, an Orte, an Personen, an Ereignisse.
Ich konnte mich mit keiner der Personen so richtig anfreunden, aber das spielte hier überhaupt keine Rolle. Jede/r für sich hat einen einzigartigen Blick auf die Welt und gleichzeitig eint sie etwas:

„Bald ergreift sie alle ein Verlangen. Das Verlangen, nein, das inbrünstige Bedürfnis, diese riesige und zugleich winzige Erde zu beschützen.“ …
„Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte. (…) Langsam erkennen sie die Politik des Hungers. Wenn sie nach unten blicken, beginnen sie die Politik des Wachstums und Erwerbs zu sehen, eine millionenfache Potenz des Verlangens nach mehr.“
S.120 ff.

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Maria Braig: Die Nordseeprinzeßin

Maria Braig ist eine engagierte Autorin, die ich persönlich auch als solche kennengelernt habe. Wir hatten vor Jahren hier eine Lesung mit ihr und ich durfte schon mehrere ihrer Bücher rezensieren, z.B. Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?
Ihr Kernthema: Selbstermächtigung, aber das beschreibt sie selbst am besten:

„Meine Geschichten erzählen von starken Frauen und Mädchen aus unterschiedlichen Ländern auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben; von Menschen, die nach einem besseren Leben suchen und wie wir uns zu ihnen verhalten. Es geht um Vielfältigkeit, um Queerness, um Anderssein oder darum wie man Menschen zu „den Anderen“ macht, um Sexismus, Rassismus – um das Leben im Alltag geradeso wie im Ausnahmefall (manchmal nähert sich beides ja auch stark an).“
http://www.maria-braig.de/

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Daniela Holsboer: Der Zauber des Berges

Mit dem Hinweis „Die wahre Vorgeschichte von Thomas Manns Zauberberg“ legt Daniela Holsboer die Erwartungslatte hoch an für ihren Debütroman. Ob es zur Überschätzung führt oder dem Roman guttut – vermutlich beides. Es weckt auf jeden Fall Interesse, zumal bei Thomas Mann-Interessierten.

Tatsächlich ist diese Geschichte von der Faktenlage her die Entwicklungsgeschichte des Bergdorfes Davos hin zum international beliebten Kurort für Lungenerkrankungen und somit die Vorgeschichte zur Entwicklung des mondänen Ortes, explizit der Schatzalp, die in Anlehnung mit zum Schauplatz des „Zauberbergs“ wurde. Von diesen Fakten abgesehen hat dieser Roman nichts mit Thomas Manns Zauberberg zu tun, allerdings hätte „Der Zauberberg“ so nicht entstehen können, wenn nicht Willem Jan Holsboer sein Leben der Entwicklung und Gestaltung dieses Ortes gewidmet hätte.

„Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten.

Und dem magischen Rest.“

S.7

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Sasa Stanisic: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

Vor Jahren durften wir ihn hier in Isny live erleben, diesen sympathischen Autor, dessen Besonderheit darin besteht, der Welt, dem Leben, seinen Figuren mit eben dieser Sympathie und Zuneigung zu begegnen, dass man als Leser*in gar nicht anders kann, als sie alle ins Herz zu schließen mit all ihren Eigenarten. Die zwölf Geschichten, deren Zusammenhang sich erst im letzten Kapitel erschließt – weshalb es sich empfiehlt, der Reihe nach zu lesen – beginnen mit einem Gedankenexperiment. Was, wenn man einen „Anproberaum“ für die Zukunft, für künftige Erlebnisse, erfinden könnte und Menschen könnten schon mal testen, könnten ihr zukünftiges Ich für einen Moment anprobieren? Auf diese Idee kommen die vier Jugendlichen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen, die in einem Brennpunktviertel leben und die sich die Zukunft nicht leisten können.
Manche Geschichten handeln im Kern von der Familie, oder von der Liebe, von der Freundschaft oder davon, wie ein Autor zum Schriftsteller wird. Ob Heinrich Heine oder Heinrich Kleist, die Gaststätte „Krug“ fördert jedenfalls vielerlei Assoziationen.

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Richard Powers: Das grosse Spiel

„Ganz klar der Ozean.“ Das ist das Zentrum der Geschichte, Anfang und Ende, Mittelpunkt und Basis eines Romans um die große Freundschaft, die große Liebe, die Leidenschaft der Berufung und die Sehnsucht nach Weltgestaltung. Dabei spielen KI und Soziale Medien eine bedeutende Rolle. Die unerforschte Tiefsee und die unerforschte Reichweite der künstlichen Intelligenz in Analogie zu setzen, ist einer der cleveren Schachzüge dieses Romans.

Alles scheint eine größere Reichweite und mehr Zusammenhänge zu haben, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Die Fäden laufen zusammen auf einer Insel, auf Makatea, einer zu französisch-Polynesien gehörenden Koralleninsel, einst ein Naturatoll, dann eine zeitlang während des vergangenen Jahrhunderts geprägt von Gastarbeitern, Gruben und Industrie, um 60 Jahre lang Phosphat abzubauen. Nun wieder ein Naturparadies und Heimat für weniger als hundert Menschen.

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Mirko Bonné: Alle ungezählten Sterne

Mirko Bonné, eine meiner liebsten Autoren, hat eine Geschichte vorgelegt, in der wieder einmal Brücken eine große Rolle spielen, wie in seinem Roman „Nie mehr Nacht“. Hier nun, als sich der Brückenkommissar Dr. Benno Romik mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert sieht und sich fragt, was diese letzte Phase wohl sein wird, wie noch leben möglich ist („Die Lebendigkeit wird Erinnerung.“ S.9 ), da sind die Brücken natürlich die beste Metapher, nach rückwärts, nach vorwärts, ins Mögliche und ins Unmögliche.

Eine Brücke hängt in seinem Wohnungsflur, sieben Meter lang – ungefähr – gebaut mit der Tochter, zu der er keinen Kontakt mehr hat und keine Brücke findet. Ereignisse, die lebensprägend waren, bleiben teilweise im Dunkeln, denn wo keine Brücke sichtbar ist, kann auch keine Klarheit über Anfang und Ende, über Gründe und Ursachen bestehen.

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Ilona Jerger: Lorenz

Das sind die Bücher, die im Gedächtnis bleiben. Die Geschichten von Menschen, die etwas bewirken, für die Menschheit, in diesem Fall auch für das Tierreich, für die Natur, die für ihre großartigen Leistungen ausgezeichnet wurden – für Konrad Lorenz war es der Nobelpreis – und die gleichzeitig auch widersprüchlich in sich sind, die Abgründiges denken oder tun und eben auch menschlich, allzumenschlich sind. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn bekanntermaßen hat Konrad Lorenz auch eine NSDAP Vergangenheit.

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John Burnside: So etwas wie Glück

Ein wunderschöner Erzählband für zwischen den Jahren oder auch zwischen den Zeiten, lauter Geschichten über ungewöhnliche Arten der Freundschaft und Liebe. Es sind die unerfüllten Geschichten, die so zauberhaft sind, weil sie in ihren Träumen eine Erfüllung finden, die reellen Geschichten oft verwehrt bleibt.

John Burnside erzählt auf eine ganz besondere Art und Weise von Menschen, die alle irgendwie anders sind, nicht dem entsprechen, was die Konvention erwarten würde. Sie sind sich dessen bewusst, aber tragen ihr besonderes Schicksal mit einer Selbstverständlichkeit, dass man größte Sympathie für viele dieser Menschen empfindet. Manche sind auch einfach nur unglücklich, aber auch das auf eine besondere, sie ganz einnehmende Art.

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