Max Frisch: Stiller

Jahrzehnte später noch einmal gelesen anlässlich des Films, vieles erinnert und vieles vergessen, habe ich mich erneut faszinieren lassen von Max Frisch’s Erzählkunst. Wo andere nur Umrisse gestalten, zergliedert Max Frisch die innersten Beweggründe. Wie in „Mein Name sei Gantenbein“ ist auch dr „Stiller“ eine Beziehungs- und Identitätsgeschichte. Als würde man in einem anatomischen Körper die Nervenfasern freilegen, so werden hier im Roman die mentalen Beweggründe und das Unverständliche einer misslungenen Beziehung freigelegt; die Vorwürfe, die Missverständnisse, die Selbstanklagen – und eine Selbstsezierung bis zur Identitätsaufgabe.

„Entweder verzweifeln wir daran, wir selbst sein zu wollen, oder wir verzweifeln daran, nicht wir selbst sein zu wollen.“

Der Film kann natürlich nur eine Skizze davon liefern, was Max Frisch auf über 400 Seiten ausbreitet. Sicher ist die Frage der Identitätssuche heute kein literarisch hervorzuhebendes Thema mehr. Es ist Konsens, dass wir uns damit immer wieder auseinandersetzen. Die Art und Weise, wie Max Frisch dies in dem Roman angeht hat etwas absurd Komisches, wenn es um die Schweiz geht, um die Regeln, um die Gesetze und ihre Hüter. Er verarbeitet hier seine Kritik an der Schweiz auf bitter satirische Weise.

Die Beziehungsproblematik hat für mich einen Höhepunkt in der Passage: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ An anderer Stelle im Tagebuch ausgeführt, ist dies ein zentraler Gedanke Max Frisch’s, der mich immer begleitet hat: die Liebe stirbt, wenn wir glauben, den anderen zu kennen, wenn wir uns ein Bild von ihm machen.

„Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes mal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft auf, weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.“ 

Tagebuch 1946-49

Leben bedeutet, die eigene Identität immer wieder neu zu wählen. Und die Unfähigkeit, in all den Rollen, Verstrickungen, Konventionen, einen Weg zu finden, bei dem eine wirkliche Wahl treffen könnte. Für Stiller bleibt nur die Wahl der Nicht-Identität.

„Daß ein Leben ein wirkliches Leben gewesen ist, es ist schwer zu sagen, worauf es ankommt. Ich nenne es Wirklichkeit, doch was heißt das! Sie können auch sagen: daß einer mit sich selbst identisch wird. Andernfalls ist er nie gewesen!“

Ein existentialistischer Roman seiner Zeit. Was Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre vorgelegt haben mit ihren Dramen um Existenz, Identität und die Möglichkeit der Liebe (Sartre: Der Ekel, Beauvoir: Sie kam und blieb u.v.a.) führt Max Frisch hier fort. Wie kann Kommunikation gelingen, wenn man sich der Grenzen der eigenen Existenz und der des Anderen nicht gewiss ist?

»Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dazu genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dazu genügt ein Lächeln. Ich möchte den Menschen sehen, der nicht durch Lächeln umzubringen ist oder durch Schweigen. Alle diese Morde, versteht sich, vollziehen sich langsam.«

Ingeborg Bachmann beendet ihren einzig vollendeten 1971 erschienen Roman Malina bekanntlich mit der Klarstellung: „Es war Mord.“(Ingeborg Bachmann: „Malina)

Und auch im Stiller taucht der Satz auf:


»Das ist doch Wahnsinn, Stiller, das ist doch Mord …«


An wem? Die große Krise bildet die Bühne für die einzelnen Schaustücke. Exzellent inszeniert im Roman und im Film in aller Kürze glänzend auf den Punkt gebracht. Als besonders gelungen muss man die Schauspielerauswahl hervorheben. Zwei Schauspieler für den vergangenen und den gegenwärtigen Anatol Stiller, gerade so ähnlich, dass man sie für denselben oder eben auch für unterschiedliche Männer halten könnte.

Stephen King: Ihr wollt es dunkler

Über dreißig Jahre habe ich keinen Stephen King mehr gelesen, seit mich der „Friedhof der Kuscheltiere“ einst so gefesselt und gleichzeitig gegruselt hat. Im vergangenen Jahr bin ich zufällig durch einen Freund auf „The Stand“, Das letzte Gefecht, gestoßen und habe seither tausende Seiten King verschlungen. Die alten Bände aus den 70er und 80er Jahren sind so purer, bekannter Grusel mit dieser besonderen Faszination: man schlägt die Hände vors Gesicht und will eigentlich nicht hinschauen, aber zwischen den Fingern muss man doch durchgucken, weil es einen nicht loslässt. Und dann ist King einfach ein großartiger Erzähler, der immer Tempo und Spannung hält.

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Hannah Häffner: Die Riesinnen

In meinen Büchern kleben immer zurechtgeschnittene Streifen von Post it’s, an den schönsten oder wichtigsten Stellen. Bei diesem Buch habe ich erst gar nicht damit angefangen. Es ist so besonders und voller „schönster“ Stellen, dass ich einen Zettelwald hätte. Der Schreibstil ist einzigartig. Eine Poesie, die auch das Nüchterne, das Einfache, auch das Zwanghafte mit Worten beschreibt, die es fühlbar machen.
Drei Frauen, drei Generationen. In einem kleinen Dorf im Schwarzwald spielt diese Geschichte in den Zwischenräumen von Liebe und Zweifel, von Heimat und Sehnsucht.

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Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen -Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

„Die Menschheitsgeschichte. Die Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte. Die Geschichte der Evolution selbst. Sie alle wurden uns als objektive Fakten präsentiert. In Wahrheit haben diese Fakten uns belogen. Sie alle wurden verzerrt, weil sie die Hälfte der Menschheit nicht berücksichtigen – nicht zuletzt durch die Worte, mit denen wir unsere Halbwahrheiten vermitteln. Dieses Scheitern hat zu Lücken in den wissenschaftlichen Daten geführt und hat das korrumpiert, was wir über uns selbst zu wissen glauben. Es hat den Mythos männlicher Universalität befördert. Und das ist eine Tatsache.“
S.43

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Martin Kordić: Jahre mit Martha

Was ist die Leerstelle, die nicht zu füllen ist im Leben eines Jungen aus einer Familie, in der die Eltern aus ihrem Land flüchten mussten? Die Eltern haben eine Entscheidung getroffen. Der Junge muss damit leben. Die Nicht-Zugehörigkeit wächst sich aus zu einem seelischen Unbehaustsein. Željko, genannt Jimmy, lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Ludwigsburg in einer Zweizimmerwohnung. Der Vater arbeitet die ganze Zeit auf irgendwelchen Baustellen in Deutschland, die Mutter putzt an mehreren Stellen – ein Klischee, aber ja, eine Realität, so stellt sich das eine Mehrheit auch vor, ohne sich Vorwürfe zu machen.
Der schlaue Junge wird in der zehnten Klasse mit einem Stempel versehen: Arbeiterkind. Er solle doch vom Gymnasium abgehen und Gärtner werden. Das könne man aus seinem Interesse für Mathematik und Biologie ablesen. Geradezu zynisch!

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Samantha Harvey: Umlaufbahnen

Booker Prize 2024. Auf ganz eigenwillige Art und Weise beschreibt Samantha Harvey einen einzigen Tag von sechs Astronautinnen auf einer Raumstation. Aufgeteilt ist das Buch in 16 Umlaufbahnen. Sechzehn mal umkreist die Raumstation die Erde und jedes mal erscheint sie wörtlich in anderem Licht. Das, was die Astronautinnen auf dieser Reise wahrnehmen, ist verknüpft mit persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen, an Orte, an Personen, an Ereignisse.
Ich konnte mich mit keiner der Personen so richtig anfreunden, aber das spielte hier überhaupt keine Rolle. Jede/r für sich hat einen einzigartigen Blick auf die Welt und gleichzeitig eint sie etwas:

„Bald ergreift sie alle ein Verlangen. Das Verlangen, nein, das inbrünstige Bedürfnis, diese riesige und zugleich winzige Erde zu beschützen.“ …
„Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte. (…) Langsam erkennen sie die Politik des Hungers. Wenn sie nach unten blicken, beginnen sie die Politik des Wachstums und Erwerbs zu sehen, eine millionenfache Potenz des Verlangens nach mehr.“
S.120 ff.

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Maria Braig: Die Nordseeprinzeßin

Maria Braig ist eine engagierte Autorin, die ich persönlich auch als solche kennengelernt habe. Wir hatten vor Jahren hier eine Lesung mit ihr und ich durfte schon mehrere ihrer Bücher rezensieren, z.B. Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?
Ihr Kernthema: Selbstermächtigung, aber das beschreibt sie selbst am besten:

„Meine Geschichten erzählen von starken Frauen und Mädchen aus unterschiedlichen Ländern auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben; von Menschen, die nach einem besseren Leben suchen und wie wir uns zu ihnen verhalten. Es geht um Vielfältigkeit, um Queerness, um Anderssein oder darum wie man Menschen zu „den Anderen“ macht, um Sexismus, Rassismus – um das Leben im Alltag geradeso wie im Ausnahmefall (manchmal nähert sich beides ja auch stark an).“
http://www.maria-braig.de/

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Daniela Holsboer: Der Zauber des Berges

Mit dem Hinweis „Die wahre Vorgeschichte von Thomas Manns Zauberberg“ legt Daniela Holsboer die Erwartungslatte hoch an für ihren Debütroman. Ob es zur Überschätzung führt oder dem Roman guttut – vermutlich beides. Es weckt auf jeden Fall Interesse, zumal bei Thomas Mann-Interessierten.

Tatsächlich ist diese Geschichte von der Faktenlage her die Entwicklungsgeschichte des Bergdorfes Davos hin zum international beliebten Kurort für Lungenerkrankungen und somit die Vorgeschichte zur Entwicklung des mondänen Ortes, explizit der Schatzalp, die in Anlehnung mit zum Schauplatz des „Zauberbergs“ wurde. Von diesen Fakten abgesehen hat dieser Roman nichts mit Thomas Manns Zauberberg zu tun, allerdings hätte „Der Zauberberg“ so nicht entstehen können, wenn nicht Willem Jan Holsboer sein Leben der Entwicklung und Gestaltung dieses Ortes gewidmet hätte.

„Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten.

Und dem magischen Rest.“

S.7

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Sasa Stanisic: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

Vor Jahren durften wir ihn hier in Isny live erleben, diesen sympathischen Autor, dessen Besonderheit darin besteht, der Welt, dem Leben, seinen Figuren mit eben dieser Sympathie und Zuneigung zu begegnen, dass man als Leser*in gar nicht anders kann, als sie alle ins Herz zu schließen mit all ihren Eigenarten. Die zwölf Geschichten, deren Zusammenhang sich erst im letzten Kapitel erschließt – weshalb es sich empfiehlt, der Reihe nach zu lesen – beginnen mit einem Gedankenexperiment. Was, wenn man einen „Anproberaum“ für die Zukunft, für künftige Erlebnisse, erfinden könnte und Menschen könnten schon mal testen, könnten ihr zukünftiges Ich für einen Moment anprobieren? Auf diese Idee kommen die vier Jugendlichen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen, die in einem Brennpunktviertel leben und die sich die Zukunft nicht leisten können.
Manche Geschichten handeln im Kern von der Familie, oder von der Liebe, von der Freundschaft oder davon, wie ein Autor zum Schriftsteller wird. Ob Heinrich Heine oder Heinrich Kleist, die Gaststätte „Krug“ fördert jedenfalls vielerlei Assoziationen.

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Richard Powers: Das grosse Spiel

„Ganz klar der Ozean.“ Das ist das Zentrum der Geschichte, Anfang und Ende, Mittelpunkt und Basis eines Romans um die große Freundschaft, die große Liebe, die Leidenschaft der Berufung und die Sehnsucht nach Weltgestaltung. Dabei spielen KI und Soziale Medien eine bedeutende Rolle. Die unerforschte Tiefsee und die unerforschte Reichweite der künstlichen Intelligenz in Analogie zu setzen, ist einer der cleveren Schachzüge dieses Romans.

Alles scheint eine größere Reichweite und mehr Zusammenhänge zu haben, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Die Fäden laufen zusammen auf einer Insel, auf Makatea, einer zu französisch-Polynesien gehörenden Koralleninsel, einst ein Naturatoll, dann eine zeitlang während des vergangenen Jahrhunderts geprägt von Gastarbeitern, Gruben und Industrie, um 60 Jahre lang Phosphat abzubauen. Nun wieder ein Naturparadies und Heimat für weniger als hundert Menschen.

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