Michel Houellebecq: Serotonin

Der Klappentext verspricht eine Abrechnung mit der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik – und mit sich selbst. Durch Zweidrittel des Romans habe ich gewartet auf diese Abrechnung, bis mir klar wurde, dass die Perspektive des um sich selbst kreisenden Individuums zur Abrechnung gar nicht fähig ist, es nimmt die Außenphänomene allenfalls zur Bestätigung seiner selbstzerstörerischen Stimmung auf.
Nun ist Serotonin ein Hormon und Neurotransmitter, der über das Zentralnervensystem erheblich auf die Stimmung wirkt, auf verschiedene Funktionen in mehreren Körpersystem und unter anderem die Blutgerinnung. Wo Serotonin fehlt, verstopft das System. In seiner schlechtesten Phase, nach einer Beziehung mit einer Nymphomanin, verkriecht sich der Protagonist in einem Ferienhaus bei einem alten Schulfreund, dessen Landwirtschaftsbetrieb vor dem Aus steht. Die Milchquote. Weiterlesen „Michel Houellebecq: Serotonin“

Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben

„Trotz alledem“, ein Unabhängigkeitssong aus dem alten Schottland um 1795, begleitet Hannes Wader über lange Etappen seines Lebens in variierender Gestalt und gibt schließlich einen wunderbaren Titel ab, für eine Autobiographie eines eigenwilligen Musikers, bei dem man sofort einen Namen, einen Zeitgeist, ein Gefühl im Kopf hat.

„Allein bei der Vorstellung, mich derart einzuengen, meinen Tag zu planen, am Vorabend schon festzulegen, was ich am nächsten Vormittag tun und was ich am Nachmittag lassen werde, bekomme ich Bauchschmerzen.“ S.299 Weiterlesen „Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben“

Jürgen Wertheimer: Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen

Was ist Europa? Ein Kontinent, eine geopolitische Zone, eine Wirtschaftsgemeinschaft oder ein Werteverbund? Jürgen Wertheimer, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen, versucht für uns entschlüsseln, wo Europa herkommt, angefangen bei seinen Gründungsmythen, wie es sich entwickelt hat im Laufe von Jahrhunderten, geprägt von Widersprüchen, und wo es hingehen könnte bei allen Unterschiedlichkeiten in der humanen Entwicklung. „Europa fehle die Narration, die große Erzählung (S.14)“. Diese Erzählung baut er zusammen aus Mythologie, Politik und Literatur. Wo andere TheoretikerInnen die Chance für Europa in einem engeren Verbund aus gemeinsamer Sozial- und Fiskalpolitik sehen, ist Wertheimer der Auffassung, dass es bei allem Respekt vor den Unterschiedlichkeiten allenfalls zu einer „Freihandelszone kontroversen Denkens“ (S.518) gereicht. Darin sieht er die Chance, zu einer kleineren Einigkeit zu kommen, ohne Zäune dazwischen, denn: Europa muss lernen, seinen überaus elaborierten Code ernst zu nehmen und unterschiedliche Wertesysteme auf Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Inkompatibilitäten hin zu befragen. (S.514/15) Weiterlesen „Jürgen Wertheimer: Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen“

Sasa Stanisic: Herkunft

„Du übertreibst: Herkunft als Wimmelbild mit Drachen? Und einer überwacht den Steg über den Fluss in die jenseitige Welt?“
„Es ist dein Steg, Oma.“ (S.355)
Das Erzählen hält sie nicht am Leben, aber die Erinnerung lebendig. „Herkunft“ ist ein Roman, ist eine Geschichte, die abbildet und erfindet zugleich. „Fiktion, wie ich sie mir denke, sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt – “ (S.20)
Natürlich hat er es drauf, der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019, genau dieses Versprechen einzulösen, ins Geschriebene umzusetzen: „Herkunft“ ist die Erzählung seiner Migrationsgeschichte, der Wurzeln in Visegrad im ehemaligen Jugoslawien, ist die Geschichte erfüllter und unerfüllter Träume und Sehnsüchte und ist ein Abschied. Anlass ist der Tod der an Demenz leidenden Großmutter. Mit ihrem Blick, der die sie umgebenden Dinge erkennt und auch nicht mehr erkennt, versucht Stanisic, sich ein Bild seiner Herkunft zu machen. Weiterlesen „Sasa Stanisic: Herkunft“

Dirk Steffens/Fritz Habekuss: Überleben. Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden

„Dies ist ein Buch über den Gesang der Vögel, über die Vielfalt der Natur und die Schönheit der Erde. Über das Netz des Lebens und darüber, wie alles mit allem zusammenhängt.“
Da sind zwei Autoren, die sich mit wissenschaftsjournalistischem Anspruch mit dem Thema des Artensterbens auf unserem Planeten befassen. Und da ist eine Amsel, die singt und als zugegebenermaßen kitschiges Bild die Liebe zur Natur über das Alltägliche, oft nicht bewusst wahrgenommene, transportiert. Und da ist ein Schrecken, gleich im Vorwort. Es gäbe keine Luft, kein Wasser, keine Erde, ohne Biodiversität. „Nicht einmal die eng damit verbundene Klimakrise bedroht uns so sehr in unserer Existenz – sie gefährdet zwar die Art, wie wir leben, aber nicht ob wir leben.“ (S.8) Das scheint mir angesichts der vielen, vielen Menschen, die durch den Klimawandel ihr Leben verlieren, direkt und indirekt, eine schwierige Aussage. Diese Provokation steht nun im Raum, von der zweiten Seite an. Weiterlesen „Dirk Steffens/Fritz Habekuss: Überleben. Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden“

Karen Köhler: Miroloi

So muss es sein, wenn man ein gutes Buch liest: die Zeit vergeht und man merkt es nicht, man ist hineingezogen in eine Geschichte und spürt es nicht, das Buch ist zu Ende und man wollte das nicht. Ist es ein Coming-of-Age-Roman, eine Dystopie, eine Gesellschaftskritik, eine Kulturkritik … es ist ein Debütroman, der den/die Leser/in für einen Moment verzaubern kann, wenn man ihn nicht gleich mit Analysen überfrachtet. Weiterlesen „Karen Köhler: Miroloi“

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken – Eine Einladung.

Krisen bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor. Ein altes Sprichwort sei das. 2020 wird es häufig in den Mund genommen, vom Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier, vom „Weltspiegel“, von Menschen die sich Sorgen machen und von solchen, die in der Krise eine Chance für nach der Krise sehen. Worauf wollen wir den Fokus richten? GesellschaftswissenschaftlerInnen wie Maja Göpel, „Unsere Welt neu denken“, entwickeln mutig ein Szenario einer politischen Weltordnung, die sich daran orientiert, was für die Zukunft des Menschen auf diesem Planeten tragend sein könnte. Als Politökonomin fordert sie „Nullwachstum“. Schon der Klang dieses Begriffs lässt ÖkonomInnen zurückzucken. Weiterlesen „Maja Göpel: Unsere Welt neu denken – Eine Einladung.“

Victoria Mas: Die Tanzenden

Es scheint zur Zeit ein Thema zu sein: die Behandlung von Hysterikerinnen mittels Hypnose in der Salpetrière in Paris Ende des 19. Jahrhunderts. Netflix hat eine Mystery Serie mit dem Titel „Freud“ herausgebracht, die den jungen Psychoanalytiker zeigt, wie er mittels Hypnose mit einer jungen Frau arbeitet, die mit Geistern spricht. Warum wurde die Hypnose von Freud und anderen behandelnden Ärzten damals aufgegeben? Dazu gibt es offizielle Begründungen und inoffizielle Spekulationen. Weiterlesen „Victoria Mas: Die Tanzenden“

Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.

 

Ursprünglich als Theaterstück geschrieben und 2007 in Essen uraufgeführt, behandelt der Roman die Problematik des Abwägens von Sicherheit und Kontrolle versus Freiheit und Eigenverantwortlichkeit. Juli Zeh schrieb hier eine Dystopie über eine zukünftige Gesundheitsdiktatur, in der per Definitionem allgemeines und persönliches Wohl zusammenfallen sollen. Die Menschen werden strengen Regeln unterworfen, werden überwacht und genötigt, sich dem Gesundheitsparadigma als einzigem Grundsatz zu unterwerfen. Und wie es wohl in der Natur der Sache liegt: auch diese Diktatur erhebt einen Unfehlbarkeitsanspruch. Ihre METHODE wird von der Allgemeinheit getragen – außer von der RAK, einer terroristischen Vereinigung, die plädiert auf ein „Recht auf Krankheit“ – bis zu diesem Präzedenzfall, bei dem sich erweist, dass auch dieses System einem Irrtum mit fatalen Folgen unterliegen kann. Weiterlesen „Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.“

Elan Mastai: Die beste meiner Welten

Zugegeben, nicht jedermanns/fraus Sache: Zeitreisen, Parallelwelten, Blockuniversum, viele physikalische Details … und trotzdem, der Titel spielt gleich mehrere Ebenen an: die Theodizee versuchte den Glauben an Gott zu retten mit der Behauptung, dies sei „die beste aller Welten“. Gerade jetzt treffen wir Entscheidungen darüber, was in Zukunft die beste unserer Welten sein soll. Bei diesem Roman ist gleich klar, dass die von den Techniknerds als „die Beste meiner Welten“ ausgegebene eben nicht die beste ist, denn „An eins jedoch denke ich nicht mit Wehmut zurück: jeden Morgen, wenn ich dieser glitzernden Utopie aufwachte und mich anzog und frühstückte, war ich allein.“ (11) Weiterlesen „Elan Mastai: Die beste meiner Welten“

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