Abdulrazak Gurnah: Das versteinerte Herz

„Mein Vater wollte mich nicht.“
S.9

Der erste Satz: ein Missverständnis, ein Familiengeheimnis, eine persönliche Tragödie. Abdulrazak Gurnah, Literaturnobelpreisträger 2021 aus Tansania erzählt uns in diesem Roman eine ganz persönliche Geschichte und transportiert gleichzeitig das Schicksal so vieler Familien aus nicht-privilegierten Verhältnissen in ihrem Ausgeliefertsein den Kolonial- und Postkolonialmächten gegenüber. Im östlichen Afrika, im ehemaligen Sansibar spielt diese Geschichte, die genau das leistet, was ich an der Literatur so liebe: über ein Einzelschicksal das für die Leserin erlebbar zu machen, was ein Schicksal vieler ist.

„Abdulrazak Gurnah: Das versteinerte Herz“ weiterlesen

Harper Lee: Das Land der süßen Ewigkeit

Am 28.04.26, wäre Harper Lee 100 Jahre alt geworden.“Wer die Nachtigall stört“, ein Roman über die Verhältnisse in einem Amerika der 30er Jahre, schildert mit feiner Sprache den offensichtlichen Rassismus und die schwelenden kaum wahrgenommenen Rassismen, die die europäische und amerikanische Kultur bis heute prägen. Der Roman wurde an die 40 Millionen mal verkauft und mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und 1962 in einer eindrucksvollen Verfilmung in Szene gesetzt.

Hier als Hörbuch, eingelesen von Eva Mattes:
https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:39f40a7f64d66d64/

„Harper Lee: Das Land der süßen Ewigkeit“ weiterlesen

Max Frisch: Stiller

Jahrzehnte später noch einmal gelesen anlässlich des Films, vieles erinnert und vieles vergessen, habe ich mich erneut faszinieren lassen von Max Frisch’s Erzählkunst. Wo andere nur Umrisse gestalten, zergliedert Max Frisch die innersten Beweggründe. Wie in „Mein Name sei Gantenbein“ ist auch dr „Stiller“ eine Beziehungs- und Identitätsgeschichte. Als würde man in einem anatomischen Körper die Nervenfasern freilegen, so werden hier im Roman die mentalen Beweggründe und das Unverständliche einer misslungenen Beziehung freigelegt; die Vorwürfe, die Missverständnisse, die Selbstanklagen – und eine Selbstsezierung bis zur Identitätsaufgabe.

„Entweder verzweifeln wir daran, wir selbst sein zu wollen, oder wir verzweifeln daran, nicht wir selbst sein zu wollen.“

„Max Frisch: Stiller“ weiterlesen

Stephen King: Ihr wollt es dunkler

Über dreißig Jahre habe ich keinen Stephen King mehr gelesen, seit mich der „Friedhof der Kuscheltiere“ einst so gefesselt und gleichzeitig gegruselt hat. Im vergangenen Jahr bin ich zufällig durch einen Freund auf „The Stand“, Das letzte Gefecht, gestoßen und habe seither tausende Seiten King verschlungen. Die alten Bände aus den 70er und 80er Jahren sind so purer, bekannter Grusel mit dieser besonderen Faszination: man schlägt die Hände vors Gesicht und will eigentlich nicht hinschauen, aber zwischen den Fingern muss man doch durchgucken, weil es einen nicht loslässt. Und dann ist King einfach ein großartiger Erzähler, der immer Tempo und Spannung hält.

„Stephen King: Ihr wollt es dunkler“ weiterlesen

Hannah Häffner: Die Riesinnen

In meinen Büchern kleben immer zurechtgeschnittene Streifen von Post it’s, an den schönsten oder wichtigsten Stellen. Bei diesem Buch habe ich erst gar nicht damit angefangen. Es ist so besonders und voller „schönster“ Stellen, dass ich einen Zettelwald hätte. Der Schreibstil ist einzigartig. Eine Poesie, die auch das Nüchterne, das Einfache, auch das Zwanghafte mit Worten beschreibt, die es fühlbar machen.
Drei Frauen, drei Generationen. In einem kleinen Dorf im Schwarzwald spielt diese Geschichte in den Zwischenräumen von Liebe und Zweifel, von Heimat und Sehnsucht.

„Hannah Häffner: Die Riesinnen“ weiterlesen

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen -Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

„Die Menschheitsgeschichte. Die Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte. Die Geschichte der Evolution selbst. Sie alle wurden uns als objektive Fakten präsentiert. In Wahrheit haben diese Fakten uns belogen. Sie alle wurden verzerrt, weil sie die Hälfte der Menschheit nicht berücksichtigen – nicht zuletzt durch die Worte, mit denen wir unsere Halbwahrheiten vermitteln. Dieses Scheitern hat zu Lücken in den wissenschaftlichen Daten geführt und hat das korrumpiert, was wir über uns selbst zu wissen glauben. Es hat den Mythos männlicher Universalität befördert. Und das ist eine Tatsache.“
S.43

„Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen -Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ weiterlesen

Martin Kordić: Jahre mit Martha

Was ist die Leerstelle, die nicht zu füllen ist im Leben eines Jungen aus einer Familie, in der die Eltern aus ihrem Land flüchten mussten? Die Eltern haben eine Entscheidung getroffen. Der Junge muss damit leben. Die Nicht-Zugehörigkeit wächst sich aus zu einem seelischen Unbehaustsein. Željko, genannt Jimmy, lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Ludwigsburg in einer Zweizimmerwohnung. Der Vater arbeitet die ganze Zeit auf irgendwelchen Baustellen in Deutschland, die Mutter putzt an mehreren Stellen – ein Klischee, aber ja, eine Realität, so stellt sich das eine Mehrheit auch vor, ohne sich Vorwürfe zu machen.
Der schlaue Junge wird in der zehnten Klasse mit einem Stempel versehen: Arbeiterkind. Er solle doch vom Gymnasium abgehen und Gärtner werden. Das könne man aus seinem Interesse für Mathematik und Biologie ablesen. Geradezu zynisch!

„Martin Kordić: Jahre mit Martha“ weiterlesen

Samantha Harvey: Umlaufbahnen

Booker Prize 2024. Auf ganz eigenwillige Art und Weise beschreibt Samantha Harvey einen einzigen Tag von sechs Astronautinnen auf einer Raumstation. Aufgeteilt ist das Buch in 16 Umlaufbahnen. Sechzehn mal umkreist die Raumstation die Erde und jedes mal erscheint sie wörtlich in anderem Licht. Das, was die Astronautinnen auf dieser Reise wahrnehmen, ist verknüpft mit persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen, an Orte, an Personen, an Ereignisse.
Ich konnte mich mit keiner der Personen so richtig anfreunden, aber das spielte hier überhaupt keine Rolle. Jede/r für sich hat einen einzigartigen Blick auf die Welt und gleichzeitig eint sie etwas:

„Bald ergreift sie alle ein Verlangen. Das Verlangen, nein, das inbrünstige Bedürfnis, diese riesige und zugleich winzige Erde zu beschützen.“ …
„Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte. (…) Langsam erkennen sie die Politik des Hungers. Wenn sie nach unten blicken, beginnen sie die Politik des Wachstums und Erwerbs zu sehen, eine millionenfache Potenz des Verlangens nach mehr.“
S.120 ff.

„Samantha Harvey: Umlaufbahnen“ weiterlesen

Maria Braig: Die Nordseeprinzeßin

Maria Braig ist eine engagierte Autorin, die ich persönlich auch als solche kennengelernt habe. Wir hatten vor Jahren hier eine Lesung mit ihr und ich durfte schon mehrere ihrer Bücher rezensieren, z.B. Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?
Ihr Kernthema: Selbstermächtigung, aber das beschreibt sie selbst am besten:

„Meine Geschichten erzählen von starken Frauen und Mädchen aus unterschiedlichen Ländern auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben; von Menschen, die nach einem besseren Leben suchen und wie wir uns zu ihnen verhalten. Es geht um Vielfältigkeit, um Queerness, um Anderssein oder darum wie man Menschen zu „den Anderen“ macht, um Sexismus, Rassismus – um das Leben im Alltag geradeso wie im Ausnahmefall (manchmal nähert sich beides ja auch stark an).“
http://www.maria-braig.de/

„Maria Braig: Die Nordseeprinzeßin“ weiterlesen

Daniela Holsboer: Der Zauber des Berges

Mit dem Hinweis „Die wahre Vorgeschichte von Thomas Manns Zauberberg“ legt Daniela Holsboer die Erwartungslatte hoch an für ihren Debütroman. Ob es zur Überschätzung führt oder dem Roman guttut – vermutlich beides. Es weckt auf jeden Fall Interesse, zumal bei Thomas Mann-Interessierten.

Tatsächlich ist diese Geschichte von der Faktenlage her die Entwicklungsgeschichte des Bergdorfes Davos hin zum international beliebten Kurort für Lungenerkrankungen und somit die Vorgeschichte zur Entwicklung des mondänen Ortes, explizit der Schatzalp, die in Anlehnung mit zum Schauplatz des „Zauberbergs“ wurde. Von diesen Fakten abgesehen hat dieser Roman nichts mit Thomas Manns Zauberberg zu tun, allerdings hätte „Der Zauberberg“ so nicht entstehen können, wenn nicht Willem Jan Holsboer sein Leben der Entwicklung und Gestaltung dieses Ortes gewidmet hätte.

„Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten.

Und dem magischen Rest.“

S.7

„Daniela Holsboer: Der Zauber des Berges“ weiterlesen

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑