Karen Köhler: Miroloi

So muss es sein, wenn man ein gutes Buch liest: die Zeit vergeht und man merkt es nicht, man ist hineingezogen in eine Geschichte und spürt es nicht, das Buch ist zu Ende und man wollte das nicht. Ist es ein Coming-of-Age-Roman, eine Dystopie, eine Gesellschaftskritik, eine Kulturkritik … es ist ein Debütroman, der den/die Leser/in für einen Moment verzaubern kann, wenn man ihn nicht gleich mit Analysen überfrachtet. Weiterlesen „Karen Köhler: Miroloi“

Victoria Mas: Die Tanzenden

Es scheint zur Zeit ein Thema zu sein: die Behandlung von Hysterikerinnen mittels Hypnose in der Salpetrière in Paris Ende des 19. Jahrhunderts. Netflix hat eine Mystery Serie mit dem Titel „Freud“ herausgebracht, die den jungen Psychoanalytiker zeigt, wie er mittels Hypnose mit einer jungen Frau arbeitet, die mit Geistern spricht. Warum wurde die Hypnose von Freud und anderen behandelnden Ärzten damals aufgegeben? Dazu gibt es offizielle Begründungen und inoffizielle Spekulationen. Weiterlesen „Victoria Mas: Die Tanzenden“

Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.

 

Ursprünglich als Theaterstück geschrieben und 2007 in Essen uraufgeführt, behandelt der Roman die Problematik des Abwägens von Sicherheit und Kontrolle versus Freiheit und Eigenverantwortlichkeit. Juli Zeh schrieb hier eine Dystopie über eine zukünftige Gesundheitsdiktatur, in der per Definitionem allgemeines und persönliches Wohl zusammenfallen sollen. Die Menschen werden strengen Regeln unterworfen, werden überwacht und genötigt, sich dem Gesundheitsparadigma als einzigem Grundsatz zu unterwerfen. Und wie es wohl in der Natur der Sache liegt: auch diese Diktatur erhebt einen Unfehlbarkeitsanspruch. Ihre METHODE wird von der Allgemeinheit getragen – außer von der RAK, einer terroristischen Vereinigung, die plädiert auf ein „Recht auf Krankheit“ – bis zu diesem Präzedenzfall, bei dem sich erweist, dass auch dieses System einem Irrtum mit fatalen Folgen unterliegen kann. Weiterlesen „Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.“

Elan Mastai: Die beste meiner Welten

Zugegeben, nicht jedermanns/fraus Sache: Zeitreisen, Parallelwelten, Blockuniversum, viele physikalische Details … und trotzdem, der Titel spielt gleich mehrere Ebenen an: die Theodizee versuchte den Glauben an Gott zu retten mit der Behauptung, dies sei „die beste aller Welten“. Gerade jetzt treffen wir Entscheidungen darüber, was in Zukunft die beste unserer Welten sein soll. Bei diesem Roman ist gleich klar, dass die von den Techniknerds als „die Beste meiner Welten“ ausgegebene eben nicht die beste ist, denn „An eins jedoch denke ich nicht mit Wehmut zurück: jeden Morgen, wenn ich dieser glitzernden Utopie aufwachte und mich anzog und frühstückte, war ich allein.“ (11) Weiterlesen „Elan Mastai: Die beste meiner Welten“

Lesung aus Albert Camus: Die Pest

Die Pest ist ein Roman, der seit Generationen die Menschen darin bestärkt, in den extremsten Situationen an die Solidarität zu glauben. Für den ersten Teil habe ich einen Abschnitt gegen Ende des Romans ausgesucht, in dem Tarrou, ein ursprünglich Fremder in der von der Pest befallenen Stadt Oran, dem Arzt Rieux erklärt, warum er es sich hier zur Aufgabe gemacht hat, zu helfen, Tag für Tag. Ein besonders bedeutender Abschnitt, indem er erklärt, warum der von Menschen gemachte Tod, in Form der Todesstrafe, die Menschheit verseucht. Vielleicht ist dies überhaupt eine Schlüsselstelle zur Interpretation des Romans. Die Pest hat mehrere Bedeutungsbezüge. Der Tod einiger kann nicht hingenommen werden, auch nicht für ein Ideal eines besseren Lebens für viele. Das Thema der Revolution, über das sich Camus mit Sartre überworfen hat.
Bild: Bildquelle: (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons

 

Auf literaturcafé.de entdeckt, für die, die sich für den ganzen Roman interessieren:

Ab kommenden Montag, 30. März 2020, täglich von 10 bis 11 Uhr morgens liest Wolfgang Tischer an dieser Stelle den Roman von Albert Camus.

https://www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live/?pk_campaign=feed&pk_kwd=die-pest-albert-camus-live

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land.

Die Physikern Ruth, ermüdet von ihrer Habilitationsarbeit, über die Blockuniversumstheorie, einer alternativen Theorie über die Zeit, macht sich auf den Weg nach Groß-Einland, dem Ort, an dem ihre Eltern beerdigt werden möchten, dem Ort, der in diesem Roman Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich verkörpert. Im Gepäck für die nächsten Jahre führt sie ihren andauernden Derealisierungszustand mit sich und verschiedene Psychopharmaka. Schöpfungsgegenwart, Traumzeit, innere und äußere Landschaft verschmelzen ineinander. Aber Achtung: die wahnhaften Elemente des Romans bilden eine außergewöhnliche Möglichkeitsplattform für eine politische Geschichte. Denn eigentlich geht es um Macht, um Verdrängung, um Zusammenhalt im Verbrechen und um – Vernichtung. Weiterlesen „Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land.“

Lesung zu Jean Paul Sartres „Bei geschlossenen Türen“

Anlässlich der aktuellen Situation und der vielen beispielhaften kreativen Ideen, wie das Internet ersatzweise für kulturelle Angebote genutzt werden kann, habe auch ich mir etwas überlegt und einfach mal einen Text eingelesen, der mir passend erschien. In der Beschäftigung mit dem Existentialismus wären jetzt an der Frauenakademie und Männerakademie Ulm Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre auf dem Programm gestanden. Bei vollständigem Unterrichtsausfall habe ich die Zeit genutzt. Ein Wagnis als Laiensprecherin. Zur gemeinsamen Unterhaltung auf youtube mit Standbild Sartre und einigen wenigen Szenenbildern aus einer Theateraufführung:

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Entwickelt ein intelligenter, zum Selbstlernen befähigter Maschinenmensch eine Persönlichkeit? Hat er eine Würde? Er ist programmiert. Persönlichkeitsmerkmale, übersetzt in Algorithmen, werden vom Besitzer gewählt. Ian McEwans Protagonist entscheidet sich bei der Auswahl der Merkmale seines künftigen Begleiters für Güte und Wahrhaftigkeit. Sein Adam ist eine Mensch gewordene Maschine der ersten Generation, die perfekt im Aussehen und in der Nachahmung wirkt. Etwas lernt diese Maschine aber nicht: einen zynischen Plan umzusetzen. Und noch etwas, wobei die Programmierer an ihre Grenzen stoßen: die Lüge, wie bringt man einem Roboter das Lügen bei? Weiterlesen „Ian McEwan: Maschinen wie ich“

Maria Braig: Nie wieder zurück

Es ist bereits Maria Braigs fünfter Roman, der Geschichten erzählt von geflüchteten Menschen und ihren Begegnungen im Ankunftsland Deutschland. Sie hat sich ehrenamtlich in der Arbeit mit Geflüchteten engagiert und kennt diese Geschichten. Und beim Lesen tauchen Allgemeinplätze auf, die man kennt, aber auch viele Details, die sich erst im Einlassen auf die besonderen Umstände in ihrer Wechselwirkung mit den besonderen Umständen eines Gegenübers erschließen. In ihrem neuen Roman werden die beiden 16 jährigen Mädchen Fadia und Alisa und der Alltag ihrer Familien nebeneinander gestellt. Die aus einer praktizierend katholischen Familie kommende Alisa beneidet ihre Freundin Fadia um ihre Freiheiten. In Fadias Familie fasten die Eltern an Ramadan, ob Fadia sich religiösen Praktiken anschließen möchte, steht ihr jedoch gänzlich frei. Weiterlesen „Maria Braig: Nie wieder zurück“

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