Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

Paolo Cognetti, bekanntgeworden mit seinem prämierten Buch „Acht Berge“, das von den sich widerstreitenden Ansprüchen ans Leben erzählt, dort, im Bergdorf am Monte Rosa Massiv, hat eine feine, unaufdringliche Sprache gefunden für die dringlichen Fragen an des Menschen Verhältnis zur Natur. Auf dieser neuen Reise, auf die er uns mitnimmt, ist es ein anderes Buch von einem anderen Autor, das ihn begleitet und vielleicht sogar zu gerade dieser Reise angeregt hat. Peter Matthiessens „Auf der Spur des Schneeleoparden“ ist dem autobiographisch erzählenden Bergsteiger Inspiration und Begleitung auf seiner Wanderung im Dolpo, der entlegensten Region Nepals an der tibetischen Grenze ist. Zwei seiner besten Freunde sind mit in der Reisegruppe, später gesellt sich unterwegs ein Hund als Gefährte dazu. Über Höhen und Täler, bis auf über 5500 Meter, durch fremde Dörfer und Landschaften führt die Tour, ohne je einen Gipfel zum Zielpunkt zu haben.

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Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau.

Eine bedeutende Autorin des 20. Jahrhunderts bekommt über vierzig Jahre nach ihrem Tod zwei neue Bände mit Erzählungen im Penguin Verlag. Clarice Lispector, 1920 in der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik geboren, aufgrund wiederkehrender Juden-Pogrome mit ihren Eltern emigriert nach Brasilien, war bereits mit 23 Jahren eine erfolgreiche Romanautorin. Nun, zu ihrem 100sten Geburtstag erschienen zwei Bände mit Erzählungen.

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Juli Zeh: Corpus Delicti

„Corpus Delicti. Ein Prozess.“ Der Roman zur Pandemie – so scheint es auf den ersten Blick. Eine Gesundheitsdiktatur der Zukunft, vorgestellt für das Jahr 2054, stellt die physische Gesundheit über alle anderen Interessen und scheut nicht davor zurück, mit aller Konsequenz und Härte ihr Gesundheitsparadigma durchzusetzen. Es wird behauptet, dass an diesem Punkt das private und das öffentliche Interesse zusammenfallen, übereinstimmen. Wer ein privates Interesse hat, das diese Übereinstimmung aus dem Gleichgewicht bringt, wird zum „Methodenfeind“ stilisiert. Dieses Buch aber als Ideengeber für „Querdenker“ und Konsorten zu rezipieren wäre viel zu kurz gedacht. Hier stehen drei Bücher von Juli Zeh in einem Zusammenhang, die die überzeitliche Problematik unseres Sicherheitsbedürfnisses im Verhältnis zu einer Freiheit, die unser Menschsein ausmacht, zum Thema hat.

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Martina Altschäfer: Andrin

Eine Ghostwriterin macht sich auf den Weg nach Italien, um dort entspannt in Klausur zu gehen, für ein Premium-Projekt ihres Verlags, bei dem sie für einen von seiner eigenen Großartigkeit geblendeten Unternehmer eine Biographie verfassen soll. In den Schweizer Bergen landet sie durch verschiedene Umstände und eigenen Trotz in einem Bergdorf, in dem sie dann völlig unerwartet Monate verbringt. Und hier beginnt die zauberhafte Geschichte eines „nebenbei“ ereigneten Ausstiegs in eine Landschaft und eine Atmosphäre, in die die Leserin der Protagonistin sofort folgen möchte. Auch wenn die Berglandschaft keineswegs heimelig beschrieben wird, sondern allem etwas Unwägbares anhängt, so ist doch das Sich-Einfügen in die Umgebung von einem magischen Zauber begleitet. Weiterlesen „Martina Altschäfer: Andrin“

Francois Lelord: Es war einmal ein blauer Planet

Francois Lelord, ehemals praktizierender Psychologe und Psychiater in Paris, wurde bekannt mit seinen Romanen über den Psychiater Hector, der sich überall auf der Welt auf die Suche macht, nach dem Glück, nach dem Sinn, nach der Liebe, nach einem neuen Leben.
In „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ schreibt er:

„Lektion Nr. 12: Glück ist schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird.“

Alle seine Bücher sind ein bisschen Roman, ein bisschen Lebensratgeber, ein bisschen Suche nach vereinfachenden Antworten für die komplexen Fragen des Lebens. Mit seinem neuen Buch „ Es war einmal ein blauer Planet“ wagt er nun einen Blick in die Zukunft und es fallen viele seiner bisherigen Fragen thematisch zusammen: Was braucht es für eine Gesellschaft, damit ihre Mitglieder glücklich sein können? Welche Formen kann Liebe darin annehmen? In was für einer Welt wollen wir leben? Weiterlesen „Francois Lelord: Es war einmal ein blauer Planet“

Michel Houellebecq: Serotonin

Der Klappentext verspricht eine Abrechnung mit der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik – und mit sich selbst. Durch Zweidrittel des Romans habe ich gewartet auf diese Abrechnung, bis mir klar wurde, dass die Perspektive des um sich selbst kreisenden Individuums zur Abrechnung gar nicht fähig ist, es nimmt die Außenphänomene allenfalls zur Bestätigung seiner selbstzerstörerischen Stimmung auf.
Nun ist Serotonin ein Hormon und Neurotransmitter, der über das Zentralnervensystem erheblich auf die Stimmung wirkt, auf verschiedene Funktionen in mehreren Körpersystem und unter anderem die Blutgerinnung. Wo Serotonin fehlt, verstopft das System. In seiner schlechtesten Phase, nach einer Beziehung mit einer Nymphomanin, verkriecht sich der Protagonist in einem Ferienhaus bei einem alten Schulfreund, dessen Landwirtschaftsbetrieb vor dem Aus steht. Die Milchquote. Weiterlesen „Michel Houellebecq: Serotonin“

Sasa Stanisic: Herkunft

„Du übertreibst: Herkunft als Wimmelbild mit Drachen? Und einer überwacht den Steg über den Fluss in die jenseitige Welt?“
„Es ist dein Steg, Oma.“ (S.355)
Das Erzählen hält sie nicht am Leben, aber die Erinnerung lebendig. „Herkunft“ ist ein Roman, ist eine Geschichte, die abbildet und erfindet zugleich. „Fiktion, wie ich sie mir denke, sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt – “ (S.20)
Natürlich hat er es drauf, der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019, genau dieses Versprechen einzulösen, ins Geschriebene umzusetzen: „Herkunft“ ist die Erzählung seiner Migrationsgeschichte, der Wurzeln in Visegrad im ehemaligen Jugoslawien, ist die Geschichte erfüllter und unerfüllter Träume und Sehnsüchte und ist ein Abschied. Anlass ist der Tod der an Demenz leidenden Großmutter. Mit ihrem Blick, der die sie umgebenden Dinge erkennt und auch nicht mehr erkennt, versucht Stanisic, sich ein Bild seiner Herkunft zu machen. Weiterlesen „Sasa Stanisic: Herkunft“

Karen Köhler: Miroloi

So muss es sein, wenn man ein gutes Buch liest: die Zeit vergeht und man merkt es nicht, man ist hineingezogen in eine Geschichte und spürt es nicht, das Buch ist zu Ende und man wollte das nicht. Ist es ein Coming-of-Age-Roman, eine Dystopie, eine Gesellschaftskritik, eine Kulturkritik … es ist ein Debütroman, der den/die Leser/in für einen Moment verzaubern kann, wenn man ihn nicht gleich mit Analysen überfrachtet. Weiterlesen „Karen Köhler: Miroloi“

Victoria Mas: Die Tanzenden

Es scheint zur Zeit ein Thema zu sein: die Behandlung von Hysterikerinnen mittels Hypnose in der Salpetrière in Paris Ende des 19. Jahrhunderts. Netflix hat eine Mystery Serie mit dem Titel „Freud“ herausgebracht, die den jungen Psychoanalytiker zeigt, wie er mittels Hypnose mit einer jungen Frau arbeitet, die mit Geistern spricht. Warum wurde die Hypnose von Freud und anderen behandelnden Ärzten damals aufgegeben? Dazu gibt es offizielle Begründungen und inoffizielle Spekulationen. Weiterlesen „Victoria Mas: Die Tanzenden“

Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.

 

Ursprünglich als Theaterstück geschrieben und 2007 in Essen uraufgeführt, behandelt der Roman die Problematik des Abwägens von Sicherheit und Kontrolle versus Freiheit und Eigenverantwortlichkeit. Juli Zeh schrieb hier eine Dystopie über eine zukünftige Gesundheitsdiktatur, in der per Definitionem allgemeines und persönliches Wohl zusammenfallen sollen. Die Menschen werden strengen Regeln unterworfen, werden überwacht und genötigt, sich dem Gesundheitsparadigma als einzigem Grundsatz zu unterwerfen. Und wie es wohl in der Natur der Sache liegt: auch diese Diktatur erhebt einen Unfehlbarkeitsanspruch. Ihre METHODE wird von der Allgemeinheit getragen – außer von der RAK, einer terroristischen Vereinigung, die plädiert auf ein „Recht auf Krankheit“ – bis zu diesem Präzedenzfall, bei dem sich erweist, dass auch dieses System einem Irrtum mit fatalen Folgen unterliegen kann. Weiterlesen „Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.“

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