Reso Tscheischwili: Die himmelblauen Berge

Ein Stück absurde Literatur aus Georgien. Einige Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist diese Geschichte entstanden über einen Literaturverlag, besetzt mit Staatsbeamten, die selbst nicht so recht wissen, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Sie sollen den Roman des Schriftstellers Sosso lesen und darüber entscheiden, ob er angenommen wird. Ein ganzes Jahr lang wird dieses Manuskript, in drei Exemplaren abgegeben, durch das Haus verteilt, überall werden zwischendurch ein paar Seiten gesehen, dann sind sie wieder spurlos verschwunden, bleiben in Schubladen liegen, werden im Taxi vergessen, landen mit anderen Papieren im schlammigen Hinterhof. Eine hektische Jagd nach den einzelnen verloren Seiten kaschiert die lähmende Unfähigkeit, sich überhaupt inhaltlich mit der Geschichte auseinanderszusetzen. Nach einem Jahr trifft sich der Mitarbeiterstab zu einer Versammlung. Diskutiert wird über den Titel: Tian Shan, Die himmelblauen Berge. Niemand hat es gelesen. Weiterlesen „Reso Tscheischwili: Die himmelblauen Berge“

Arthur Schnitzler: Fräulein Else

Manch’ intelligenente LiteraturkritikerIn würde Arthur Schnitzler als zu einem obsoleten Literaturkanon angehörigen Repräsentanten bezeichnen und aus der als lesenswert zu würdigenden Literatur ausschließen. Es braucht schon ein gewisses literaturhistorisches Interesse, sich mit diesen bildungsbürgerlich orientierten Inhalten auseinanderzusetzen. Bei der Lektüre wird er dann aber doch zu einem zeitlosen Roman, der nicht umsonst seinen Platz im Kanon verteidigt.

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Franzobel: Das Floß der Medusa

„Wo es kein Brot gibt, gibt es kein Gesetz mehr.“

Postmodernes Spiel mit der Literatur und ihrer Geschichte lockert die historisch verbürgte Gebundenheit der Havarie der Medusa und des fürchterlichen Schicksals der 150 auf einem selbstgebauten Floß zurückgelassenen Menschen erzähltechnisch auf. Dieser Blick erlaubt uns, einen schützenden Raum zwischen uns und das Geschehen einzubauen, gleichzeitig finden wir uns konfrontiert mit den Fragen und Zweifeln, die das Gelesene im eigenen Kopf auslöst.

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Robert Menasse: Die Hauptstadt

Das Big Jubilee Project zum 50 jährigen Bestehen der Europäischen Kommission, geleitet von einer ehrgeizigen Karrieristin, ist von Beginn an zur Farce verurteilt, denn von Anfang bis Ende macht ein nicht zu fassendes Schwein die Straßen Brüssels unsicher.

Robert Menasse erzählt über politische Machtstrukturen, menschliche Leidenschaften und zwischenmenschliche Unwägbarkeiten, die das Jubilee Project torpedieren. Dabei wäre die Aufgabe ganz einfach: „Aus der Geschichte lernen heißt bekanntlich: Nie wieder!“ Der clevere Referent Susman nimmt die Idee ernst und begründet, warum Ausschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission gelten kann und warum man am besten dort eine Hauptstadt Europas errichten sollte:

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Sommers Weltliteratur to go

Etwas Amüsantes zum Wochenende: Weltliteratur to go. Mit Playmobil. Kann man das mit der Philosophie auch machen? 😉

Schlußszene: Werther erschießt sich, aber er lebt noch ein bisschen. Am nächsten Morgen kommt sein Bursche und findet ihn: Uääähhhh (Figur fliegt aus dem Bild) dann phantasiert er den Verlobten Lottes, der kommt: Uääähhhh (Figur fliegt aus dem Bild) und dann die Lotte, die nicht vorbeikommt: Uääähhhh (Figur fliegt aus dem Bild) …. und dann stirbt er ….

Also waisch!

Aber vielleicht macht das ja bei der jüngeren Generation mehr Lust auf Lektüre!

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

Ex-Alphamännchen im Rentenalter knallt mit voller Kraft voraus gegen eine Schwimmbeckenwand im Konkurrenzschwimmkampf mit einer jungen Frau. Zu Hause in seinem Badezimmer bleibt er auf den Fliesen einfach liegen und versucht, sein Selbstbild, seine Lebensgeschichte, seine Beziehungskisten zu retten. Natürlich muss sich Julia Wolf hier einer Menge von Stereotypen bedienen, um dieses völlig überlebte Männerleben zu skizzieren und ja es ist enervierend, wenn die Typologie so wenig kreativ ist. Trotzdem.

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Peter Härtling / André Gorz / Matthias Oden

Hab’ da noch von meinem SuB ein paar Bücher dieses Sommers, die keine Rezension bekommen, aber nicht unerwähnt bleiben sollen.

Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand.
Nach dem Tod von Peter Härtling, den ich vornehmlich als Kinderbuchautor kannte, habe ich mir ein kleines, schmuckes Buch bestellt mit dem Titel Niembsch oder Der Stillstand.
Eine Suite. Die Biographie eines Dichters des 19. Jahrhunderts hat ihn zu dieser bezaubernden Liebesgeschichte angeregt. Niembsch schreibt an einem Werk über Don Juan und erzählt auf ambitioniert poetische Art von seinen eigenen Liebesgeschichten. Es sind aber, im Unterschied zu Don Juan, einige wenige Frauen, die alle, auf unterschiedliche Art, tief in sein Leben eingreifen. Und am Ende begleitet er eine langjährige Geliebte beim Sterben. Dieses Erlebnis ist so einzigartig schön beschrieben, dass mir die Worte fehlen. Den Lyriker merkt man am Schreibstil überall und manchmal fiel es mir etwas schwer, die Geschichte sortiert zu bekommen.

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Gustave Flaubert: Madame Bovary

Womit könnte man der „Fifty-Shades-of-Grey-Generation“ die Madame Bovary schmackhaft machen? Sicher nicht mit dem zunächst beinahe banalen Storyplot eines Liebesdramas aus dem 19. Jahrhundert. Und doch. Es steckt etwas darin, etwas vom ewigen Wahnsinn der leidenschaftlichen Liebe, etwas von der Versuchung des Verderbten und etwas von dem Sog, den die Sehnsucht, bis zum Letzten zu gehen, und sei es um den Preis des Lebens, damals wie heute ausübt.

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Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

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·  Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr

 

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