Martina Altschäfer: Andrin

Eine Ghostwriterin macht sich auf den Weg nach Italien, um dort entspannt in Klausur zu gehen, für ein Premium-Projekt ihres Verlags, bei dem sie für einen von seiner eigenen Großartigkeit geblendeten Unternehmer eine Biographie verfassen soll. In den Schweizer Bergen landet sie durch verschiedene Umstände und eigenen Trotz in einem Bergdorf, in dem sie dann völlig unerwartet Monate verbringt. Und hier beginnt die zauberhafte Geschichte eines „nebenbei“ ereigneten Ausstiegs in eine Landschaft und eine Atmosphäre, in die die Leserin der Protagonistin sofort folgen möchte. Auch wenn die Berglandschaft keineswegs heimelig beschrieben wird, sondern allem etwas Unwägbares anhängt, so ist doch das Sich-Einfügen in die Umgebung von einem magischen Zauber begleitet. Weiterlesen „Martina Altschäfer: Andrin“

Francois Lelord: Es war einmal ein blauer Planet

Francois Lelord, ehemals praktizierender Psychologe und Psychiater in Paris, wurde bekannt mit seinen Romanen über den Psychiater Hector, der sich überall auf der Welt auf die Suche macht, nach dem Glück, nach dem Sinn, nach der Liebe, nach einem neuen Leben.
In „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ schreibt er:

„Lektion Nr. 12: Glück ist schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird.“

Alle seine Bücher sind ein bisschen Roman, ein bisschen Lebensratgeber, ein bisschen Suche nach vereinfachenden Antworten für die komplexen Fragen des Lebens. Mit seinem neuen Buch „ Es war einmal ein blauer Planet“ wagt er nun einen Blick in die Zukunft und es fallen viele seiner bisherigen Fragen thematisch zusammen: Was braucht es für eine Gesellschaft, damit ihre Mitglieder glücklich sein können? Welche Formen kann Liebe darin annehmen? In was für einer Welt wollen wir leben? Weiterlesen „Francois Lelord: Es war einmal ein blauer Planet“

Michel Houellebecq: Serotonin

Der Klappentext verspricht eine Abrechnung mit der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik – und mit sich selbst. Durch Zweidrittel des Romans habe ich gewartet auf diese Abrechnung, bis mir klar wurde, dass die Perspektive des um sich selbst kreisenden Individuums zur Abrechnung gar nicht fähig ist, es nimmt die Außenphänomene allenfalls zur Bestätigung seiner selbstzerstörerischen Stimmung auf.
Nun ist Serotonin ein Hormon und Neurotransmitter, der über das Zentralnervensystem erheblich auf die Stimmung wirkt, auf verschiedene Funktionen in mehreren Körpersystem und unter anderem die Blutgerinnung. Wo Serotonin fehlt, verstopft das System. In seiner schlechtesten Phase, nach einer Beziehung mit einer Nymphomanin, verkriecht sich der Protagonist in einem Ferienhaus bei einem alten Schulfreund, dessen Landwirtschaftsbetrieb vor dem Aus steht. Die Milchquote. Weiterlesen „Michel Houellebecq: Serotonin“

Sasa Stanisic: Herkunft

„Du übertreibst: Herkunft als Wimmelbild mit Drachen? Und einer überwacht den Steg über den Fluss in die jenseitige Welt?“
„Es ist dein Steg, Oma.“ (S.355)
Das Erzählen hält sie nicht am Leben, aber die Erinnerung lebendig. „Herkunft“ ist ein Roman, ist eine Geschichte, die abbildet und erfindet zugleich. „Fiktion, wie ich sie mir denke, sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt – “ (S.20)
Natürlich hat er es drauf, der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019, genau dieses Versprechen einzulösen, ins Geschriebene umzusetzen: „Herkunft“ ist die Erzählung seiner Migrationsgeschichte, der Wurzeln in Visegrad im ehemaligen Jugoslawien, ist die Geschichte erfüllter und unerfüllter Träume und Sehnsüchte und ist ein Abschied. Anlass ist der Tod der an Demenz leidenden Großmutter. Mit ihrem Blick, der die sie umgebenden Dinge erkennt und auch nicht mehr erkennt, versucht Stanisic, sich ein Bild seiner Herkunft zu machen. Weiterlesen „Sasa Stanisic: Herkunft“

Karen Köhler: Miroloi

So muss es sein, wenn man ein gutes Buch liest: die Zeit vergeht und man merkt es nicht, man ist hineingezogen in eine Geschichte und spürt es nicht, das Buch ist zu Ende und man wollte das nicht. Ist es ein Coming-of-Age-Roman, eine Dystopie, eine Gesellschaftskritik, eine Kulturkritik … es ist ein Debütroman, der den/die Leser/in für einen Moment verzaubern kann, wenn man ihn nicht gleich mit Analysen überfrachtet. Weiterlesen „Karen Köhler: Miroloi“

Victoria Mas: Die Tanzenden

Es scheint zur Zeit ein Thema zu sein: die Behandlung von Hysterikerinnen mittels Hypnose in der Salpetrière in Paris Ende des 19. Jahrhunderts. Netflix hat eine Mystery Serie mit dem Titel „Freud“ herausgebracht, die den jungen Psychoanalytiker zeigt, wie er mittels Hypnose mit einer jungen Frau arbeitet, die mit Geistern spricht. Warum wurde die Hypnose von Freud und anderen behandelnden Ärzten damals aufgegeben? Dazu gibt es offizielle Begründungen und inoffizielle Spekulationen. Weiterlesen „Victoria Mas: Die Tanzenden“

Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.

 

Ursprünglich als Theaterstück geschrieben und 2007 in Essen uraufgeführt, behandelt der Roman die Problematik des Abwägens von Sicherheit und Kontrolle versus Freiheit und Eigenverantwortlichkeit. Juli Zeh schrieb hier eine Dystopie über eine zukünftige Gesundheitsdiktatur, in der per Definitionem allgemeines und persönliches Wohl zusammenfallen sollen. Die Menschen werden strengen Regeln unterworfen, werden überwacht und genötigt, sich dem Gesundheitsparadigma als einzigem Grundsatz zu unterwerfen. Und wie es wohl in der Natur der Sache liegt: auch diese Diktatur erhebt einen Unfehlbarkeitsanspruch. Ihre METHODE wird von der Allgemeinheit getragen – außer von der RAK, einer terroristischen Vereinigung, die plädiert auf ein „Recht auf Krankheit“ – bis zu diesem Präzedenzfall, bei dem sich erweist, dass auch dieses System einem Irrtum mit fatalen Folgen unterliegen kann. Weiterlesen „Lesung aus Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.“

Elan Mastai: Die beste meiner Welten

Zugegeben, nicht jedermanns/fraus Sache: Zeitreisen, Parallelwelten, Blockuniversum, viele physikalische Details … und trotzdem, der Titel spielt gleich mehrere Ebenen an: die Theodizee versuchte den Glauben an Gott zu retten mit der Behauptung, dies sei „die beste aller Welten“. Gerade jetzt treffen wir Entscheidungen darüber, was in Zukunft die beste unserer Welten sein soll. Bei diesem Roman ist gleich klar, dass die von den Techniknerds als „die Beste meiner Welten“ ausgegebene eben nicht die beste ist, denn „An eins jedoch denke ich nicht mit Wehmut zurück: jeden Morgen, wenn ich dieser glitzernden Utopie aufwachte und mich anzog und frühstückte, war ich allein.“ (11) Weiterlesen „Elan Mastai: Die beste meiner Welten“

Lesung aus Albert Camus: Die Pest

Die Pest ist ein Roman, der seit Generationen die Menschen darin bestärkt, in den extremsten Situationen an die Solidarität zu glauben. Für den ersten Teil habe ich einen Abschnitt gegen Ende des Romans ausgesucht, in dem Tarrou, ein ursprünglich Fremder in der von der Pest befallenen Stadt Oran, dem Arzt Rieux erklärt, warum er es sich hier zur Aufgabe gemacht hat, zu helfen, Tag für Tag. Ein besonders bedeutender Abschnitt, indem er erklärt, warum der von Menschen gemachte Tod, in Form der Todesstrafe, die Menschheit verseucht. Vielleicht ist dies überhaupt eine Schlüsselstelle zur Interpretation des Romans. Die Pest hat mehrere Bedeutungsbezüge. Der Tod einiger kann nicht hingenommen werden, auch nicht für ein Ideal eines besseren Lebens für viele. Das Thema der Revolution, über das sich Camus mit Sartre überworfen hat.
Bild: Bildquelle: (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons

 

Auf literaturcafé.de entdeckt, für die, die sich für den ganzen Roman interessieren:

Ab kommenden Montag, 30. März 2020, täglich von 10 bis 11 Uhr morgens liest Wolfgang Tischer an dieser Stelle den Roman von Albert Camus.

https://www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live/?pk_campaign=feed&pk_kwd=die-pest-albert-camus-live

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land.

Die Physikern Ruth, ermüdet von ihrer Habilitationsarbeit, über die Blockuniversumstheorie, einer alternativen Theorie über die Zeit, macht sich auf den Weg nach Groß-Einland, dem Ort, an dem ihre Eltern beerdigt werden möchten, dem Ort, der in diesem Roman Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich verkörpert. Im Gepäck für die nächsten Jahre führt sie ihren andauernden Derealisierungszustand mit sich und verschiedene Psychopharmaka. Schöpfungsgegenwart, Traumzeit, innere und äußere Landschaft verschmelzen ineinander. Aber Achtung: die wahnhaften Elemente des Romans bilden eine außergewöhnliche Möglichkeitsplattform für eine politische Geschichte. Denn eigentlich geht es um Macht, um Verdrängung, um Zusammenhalt im Verbrechen und um – Vernichtung. Weiterlesen „Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land.“

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑