Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte


Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje

Der Storyplot dieser Geschichte ist richtig gut. Zwillingsschwestern, die unterschiedliche Wege gehen, bilden immer eine gute soziologische Vergleichsfolie ab. Besonders in diesem Fall, in dem die eine als Farbige und die andere als Weiße lebt. Damit ist es hier aber noch nicht getan. Britt Bennett widmet einen gut Teil der Geschichte den Nachfolgegenerationen, dem weißen Mädchen, das in einem sie über die Maßen verwöhnenden Milieu groß wird, aber mit einer Lüge lebt; und dem farbigen Mädchen, das sich in einen Transsexuellen verliebt und immer versucht, die Geheimnisse der Familie aufzudecken. Ein vielschichtiger Storyplot also, sehr gelungen aufgebaut und spannend erzählt. Es wird auch den kleinen Veränderungen in der Gesellschaft über die Jahrzehnte Rechnung getragen. Dazu muss sich die junge Autorin natürlich gewisser Klischees bedienen. Und das ist auch ein Manko des Romans: eine noch sehr junge Frau hat sich an ein riesiges Thema gewagt, von dem sie die Komplexität hauptsächlich auf die familiären Spannungen reduziert, um es so im Zaum zu halten. Und dabei lässt die Sprache manchmal etwas an Reife vermissen.

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Judith Hermann: Daheim

Eine feine Geschichte, in der die Ereignisse verwoben werden mit Erinnerungsschichten und sich überlagernden Bildern. Die wichtigen, die entscheidenden Lebensmomente geschehen wie beiläufig und stellen sich im Nachhinein als die großen Momente mit prägender Kraft heraus. So wie das Leben eben ist. Die Erzählung von Judith Hermann ist manchmal sparsam in der Wortwahl, in der Ausschmückung. Keine zu großen Worte. Aber gerade deshalb berührt diese Geschichte. Es ist eine Geschichte über das Weggehen, das Ankommen, das Dableiben – vielleicht. Und es passt so gut zu dieser Geschichte, dass die umschließende Klammer die Begegnung mit einem Zauberer in jungen Jahren ist und mit dem Zaubertrick der zersägten Frau. Diese Kiste hat mehrere Formen in dieser Geschichte, sie taucht immer wieder auf, auch als Marderfalle, aus der die Protagonistin am Ende den Gefangenen wieder in die Freiheit entlässt.

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Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren

Poesie ist Widerstand

Konstantin Wecker macht ein Kaleidoskop auf mit der Poesie als Wunderwaffe gegen eine eintönige Welt, gegen eine den Menschen vernutzende Gesellschaftsform, gegen Schranken und Grenzen, die durch Konventionen gezogen sind. Ein kleines Büchlein mit Texten und Liedern, die sich auflehnen gegen Ideologien, dogmatische Weltsichten. Gestaltet als Konzertprogramm ist es ein „anarchischer Psalm“ mit viel Liebe ans Leben geschrieben.

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Dostojewski: Die Brüder Karamasow

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, 1821- 1881, Moskau, zählt zu den größten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er entstammte einer wohlhabenden gutbürgerlichen Familie, war mit 18 Jahren bereits Waise und begann mit 23 Jahren zu schreiben, doch erst die letzten zehn Jahre seines Lebens genoß er stabile Verhältnisse und Anerkennung.
Einer seiner großen Romane, „Die Brüder Karamasow“, wurde von Sigmund Freud beschrieben als >>großartigsten Roman, der je geschrieben wurde<<. 1200 klein geschriebene Seiten, über drei Brüder, eine Gesellschaft um 1870 in Russland, die äußeren und die inneren Bewegungen und Erschütterungen. Den äußeren Rahmen bilden Familienzwist unter Halbbrüdern, Erbstreitigkeiten, ein Gerichtsdrama und ein Justizirrtum. Dabei führen „Die Brüder Karamasow“ auf eine sehr besondere Art in die Irren und Wirren der menschlichen Psyche ein.

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Karl Ove Knausgard: Im Frühling

Das Buch liegt schon einige Tage gelesen auf dem Tisch. Immer noch versuche ich ihm näher zu kommen. Mein Einstieg in den Knausgard mit dem für Einsteiger empfohlenen, nun als Taschenbuch herausgekommenen kleinen Band „Frühling“, in dem er die Zeit der Geburt und die ersten Monate seiner jüngsten Tochter retrospektiv beschreibt, während seine Frau an einer schweren Depression leidet und immer wieder in der Klinik stationär behandelt werden muss, geht über das Buch hinaus. Die Erzählung ist eingepackt in einen einzigen erlebten Tag zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

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Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Ein plakativer Titel, eine ungewöhnliche Form, ein revolutionäres Leben, das alles ergibt eine epische Erzählung über eine Revolutionärin, die mit humanistischem Anspruch immer an eine Entwicklung zum Besseren glaubt und dafür ihr eigenes, persönliches Glück hinten an stellt.
Die klassischen Helden-Epen von Homer, die Illias, die Odyssee, stehen beispielhaft für ein Epos. Endlich gibt es eine Heldin, für die ein Epos geschrieben wurde. Wobei das heute nicht mehr in der klassischen Versform funktionieren kann. Eine Mischform aus dem antiken Verständnis eines Epos als Versschöpfung und dem modernen Verständnis von Epos als Erzählung ergibt eine verschränkte Textform mit vielen zäsierenden Zeilenumbrüchen, aber ohne Versmaß und Reim. Es liest sich flüssig, aber Betonungen können anders gesetzt werden durch diese Form, das ist wohl der Sinn des Ganzen.

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Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

Paolo Cognetti, bekanntgeworden mit seinem prämierten Buch „Acht Berge“, das von den sich widerstreitenden Ansprüchen ans Leben erzählt, dort, im Bergdorf am Monte Rosa Massiv, hat eine feine, unaufdringliche Sprache gefunden für die dringlichen Fragen an des Menschen Verhältnis zur Natur. Auf dieser neuen Reise, auf die er uns mitnimmt, ist es ein anderes Buch von einem anderen Autor, das ihn begleitet und vielleicht sogar zu gerade dieser Reise angeregt hat. Peter Matthiessens „Auf der Spur des Schneeleoparden“ ist dem autobiographisch erzählenden Bergsteiger Inspiration und Begleitung auf seiner Wanderung im Dolpo, der entlegensten Region Nepals an der tibetischen Grenze ist. Zwei seiner besten Freunde sind mit in der Reisegruppe, später gesellt sich unterwegs ein Hund als Gefährte dazu. Über Höhen und Täler, bis auf über 5500 Meter, durch fremde Dörfer und Landschaften führt die Tour, ohne je einen Gipfel zum Zielpunkt zu haben.

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Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau.

Eine bedeutende Autorin des 20. Jahrhunderts bekommt über vierzig Jahre nach ihrem Tod zwei neue Bände mit Erzählungen im Penguin Verlag. Clarice Lispector, 1920 in der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik geboren, aufgrund wiederkehrender Juden-Pogrome mit ihren Eltern emigriert nach Brasilien, war bereits mit 23 Jahren eine erfolgreiche Romanautorin. Nun, zu ihrem 100sten Geburtstag erschienen zwei Bände mit Erzählungen.

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Juli Zeh: Corpus Delicti

„Corpus Delicti. Ein Prozess.“ Der Roman zur Pandemie – so scheint es auf den ersten Blick. Eine Gesundheitsdiktatur der Zukunft, vorgestellt für das Jahr 2054, stellt die physische Gesundheit über alle anderen Interessen und scheut nicht davor zurück, mit aller Konsequenz und Härte ihr Gesundheitsparadigma durchzusetzen. Es wird behauptet, dass an diesem Punkt das private und das öffentliche Interesse zusammenfallen, übereinstimmen. Wer ein privates Interesse hat, das diese Übereinstimmung aus dem Gleichgewicht bringt, wird zum „Methodenfeind“ stilisiert. Dieses Buch aber als Ideengeber für „Querdenker“ und Konsorten zu rezipieren wäre viel zu kurz gedacht. Hier stehen drei Bücher von Juli Zeh in einem Zusammenhang, die die überzeitliche Problematik unseres Sicherheitsbedürfnisses im Verhältnis zu einer Freiheit, die unser Menschsein ausmacht, zum Thema hat.

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Martina Altschäfer: Andrin

Eine Ghostwriterin macht sich auf den Weg nach Italien, um dort entspannt in Klausur zu gehen, für ein Premium-Projekt ihres Verlags, bei dem sie für einen von seiner eigenen Großartigkeit geblendeten Unternehmer eine Biographie verfassen soll. In den Schweizer Bergen landet sie durch verschiedene Umstände und eigenen Trotz in einem Bergdorf, in dem sie dann völlig unerwartet Monate verbringt. Und hier beginnt die zauberhafte Geschichte eines „nebenbei“ ereigneten Ausstiegs in eine Landschaft und eine Atmosphäre, in die die Leserin der Protagonistin sofort folgen möchte. Auch wenn die Berglandschaft keineswegs heimelig beschrieben wird, sondern allem etwas Unwägbares anhängt, so ist doch das Sich-Einfügen in die Umgebung von einem magischen Zauber begleitet. Weiterlesen „Martina Altschäfer: Andrin“

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