Ian McEwan: Maschinen wie ich

Entwickelt ein intelligenter, zum Selbstlernen befähigter Maschinenmensch eine Persönlichkeit? Hat er eine Würde? Er ist programmiert. Persönlichkeitsmerkmale, übersetzt in Algorithmen, werden vom Besitzer gewählt. Ian McEwans Protagonist entscheidet sich bei der Auswahl der Merkmale seines künftigen Begleiters für Güte und Wahrhaftigkeit. Sein Adam ist eine Mensch gewordene Maschine der ersten Generation, die perfekt im Aussehen und in der Nachahmung wirkt. Etwas lernt diese Maschine aber nicht: einen zynischen Plan umzusetzen. Und noch etwas, wobei die Programmierer an ihre Grenzen stoßen: die Lüge, wie bringt man einem Roboter das Lügen bei? Weiterlesen „Ian McEwan: Maschinen wie ich“

Marina Garcés: Neue radikale Aufklärung

Gegenwärtiges kritisches Denken steht im Zentrum der Arbeit der spanischen Philosophin Marina Garcés, so auch in der 2019 auf deutsch erschienenen Ausgabe: Neue radikale Aufklärung.
In der Tradition der Frankfurter Schule übt Garcés ihre Kritik an einer ideologisierten Vernunftinterpretation, die uns eben dahin geführt hat, wo wir heute stehen: an einen historischen Punkt allgemeiner Erkenntnis der angerichteten Zerstörung. Sie bezieht sich zum Einstieg auf ein Zitat aus dem Grundlagenwerk von Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, der Dialektik der Aufklärung:
„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollen aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ (Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Band 3, Suhrkamp, 1997, S.19) Weiterlesen „Marina Garcés: Neue radikale Aufklärung“

Maria Braig: Nie wieder zurück

Es ist bereits Maria Braigs fünfter Roman, der Geschichten erzählt von geflüchteten Menschen und ihren Begegnungen im Ankunftsland Deutschland. Sie hat sich ehrenamtlich in der Arbeit mit Geflüchteten engagiert und kennt diese Geschichten. Und beim Lesen tauchen Allgemeinplätze auf, die man kennt, aber auch viele Details, die sich erst im Einlassen auf die besonderen Umstände in ihrer Wechselwirkung mit den besonderen Umständen eines Gegenübers erschließen. In ihrem neuen Roman werden die beiden 16 jährigen Mädchen Fadia und Alisa und der Alltag ihrer Familien nebeneinander gestellt. Die aus einer praktizierend katholischen Familie kommende Alisa beneidet ihre Freundin Fadia um ihre Freiheiten. In Fadias Familie fasten die Eltern an Ramadan, ob Fadia sich religiösen Praktiken anschließen möchte, steht ihr jedoch gänzlich frei. Weiterlesen „Maria Braig: Nie wieder zurück“

Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

In neuem Zusammenhang einen alten Schatz entdeckt: „Und Nietzsche weinte“. Auch bei wiederholter Lektüre erneut ein sehr starkes Buch, eines, das so recht ordentlich an die Substanz geht.
Die fiktive Begegnung Otto Breuers – eines Arztes im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der vor allem durch seine mit Freud zusammen verfassten „Schriften zur Hysterie“ Berühmtheit erlangte – mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche ist ein grandioser Wurf. Nietzsche der Philosoph mit dem Hammer, der alles, was als autoritäre Vorstellung von Moral, Konvention, Verhältnismäßigkeit angesehen werden kann, kategorisch ablehnte, und sich auf einen verzweifelten Weg machte mit seinem „Zarathustra“, um selbst die eigenen Regeln aus freier Kraft zu modellieren, dieser Nietzsche ist im Jahr 1882, in dem der Roman spielt, bereits am Ende seiner Kräfte. Die Begegnung mit einer starken Frau, mit Lou Andreas Salomé, hat ihn in seinem Selbstbild so tief erschüttert, dass er seine Geister nicht mehr los wird. Weiterlesen „Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte“

Katharina Adler: Ida

An dem Roman „IDA“ schrieb Katharina Adler fünf Jahre lang. Er erschien letztes Jahr im August im Rowohlt Verlag – und im September auf meinem Schreibtisch. IDA beschreibt in biographischen Anleihen die Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter Ida Adler. Der Roman ist mithilfe fiktionaler Ausgestaltung eine Familienchronik vom Fin-de-Siècle ausgehend bis in die Nachkriegszeit, eine Romanbiographie. Die sich verschränkenden Themenbereiche erzählen über die persönliche Geschichte von IDA hinausgehend von der sich damals entwickelnden Psychoanalyse unter Sigmund Freud und von den politischen Grabenkämpfe während und zwischen den beiden Weltkriegen.

Weiterlesen „Katharina Adler: Ida“

Antonio Pennacchi: Canale Mussolini

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

An den Entwicklungslinien einer Familiensaga entlang erzählt der Roman die Geschichte einer politischen Anhängerschaft bis zum Extremismus auf eine so direkte, unmittelbare Art und Weise, dass Leben und Politik nicht auseinanderdividierbar sind. Eine arme Bauernfamilie aus dem Norden Italiens, die Peruzzi, werden Anfang des 20. Jahrhunderts als Pächter von den Adligen ausgebeutet, benutzt, ihrer Heimat beraubt. Sie begeistern sich kurz nach dem ersten Weltkrieg für die Ideen des Sozialismus und sie begeistern sich für einen Mann, der damals schon als charismatische Figur die politische Bühne betritt: Mussolini war während der Kriegszeit noch ein Sozialist. Es wird die Geschichte eines halben Jahrhunderts erzählt aus der Perspektive eines Familienmitglieds, das einem Chronisten möglichst detailgetreu die Ereignisse berichtet und dabei Figuren charakterisiert in ihren Motiven, in ihren Idealen und Verwerfungen und vor allem in ihrem Kampf ums Überleben. Weiterlesen „Antonio Pennacchi: Canale Mussolini“

Juli Zeh: Neujahr

Ein Dejá-vu. Nicht so komplex, nicht so vielschichtig wie viele andere Juli-Zeh-Romane, dafür sehr emotional, sehr intim und direkt ins Herz greifend. Henning und Theresa verbringen ihren Winterurlaub mit den beiden Kindern auf Lanzarote. Seit zwei Jahren leidet Henning unter Panik-Attacken, und kann nicht erklären, was der Grund dafür ist. Ein diffuses Übeforderungsgefühl lässt ihn vermuten, dass er seiner Lebenssituation im Gesamten nicht mehr gewachsen ist. Weiterlesen „Juli Zeh: Neujahr“

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft.

Das Buch trifft natürlich genau den Puls der Zeit, mit allen Diskussionen rund um Digitalisierung, Veränderung des Arbeitsmarktes, und der Frage: Wie wollen wir leben?, sollten sich die Strukturen der Wachstumsgesellschaft neu formieren. Eine Utopie ist dieses Buch insofern, als es in seinen Überlegungen eine Vision entwickelt, bei der die Interessen der Menschen berücksichtigt werden, die in unserem Verständnis das Zentrum der Gesellschaft bilden: die Leistungsträger. Und für die ist es tatsächlich die Frage: Was soll schlimm daran sein, wenn langweilige und entfremdete Arbeit wegfällt? (nach S.33) Weiterlesen „Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft.“

Martin Burckhardt: Eine kurze Geschichte der Digitalisierung

Wer es gerne kurz und knackig, ohne viele Umwege mag, ist mit diesem Buch über die Geschichte der Digitalisierung gut beraten. Immerhin 300 Jahre – inklusive eines Ausblicks in die Zukunft – werden auf diesen 250 Seiten beschrieben. Überraschend sind die ganzen notwendigen Vorläuferentwicklungen, die zu einer Denkstruktur und zu Fragestellungen beigetragen haben, die eine Entwicklung der digitalen Technik erst ermöglicht haben. Weiterlesen „Martin Burckhardt: Eine kurze Geschichte der Digitalisierung“

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