Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten mit Sekundärliteratur

Leseprojekt zum Roman

Rezension Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Der 2017 erschienene Roman von Ilona Jerger ist ein solcher Lesegenuss, bei dem sich die Leserin ständig freut über Zusammenhänge, die sie kennt aus der Sekundärliteratur, dass hier an dieser Stelle in einem Leseprojekt nach und nach die Zusammenfassungen aus der Sekundärliteratur aus einem Literaturkreis mit veröffentlicht werden sollen. Den Anfang macht die Biographie von Jürgen Neffe: Darwin. Das Abenteuer des Lebens.

„Das Abenteuer des Lebens.“ So lautet der Titel der 2010 im Goldmann Taschenbuch Verlag erschienenen Lebens- und Reisebeschreibung. Jürgen Neffe, Wissenschaftshistoriker, hat sich tatsächlich in den Fußstapfen Darwins auf eine Reise gemacht und beschreibt in seinem Bericht die Entdeckungen und Gedanken Darwins anhand dessen Aufzeichnungen.

Zwei Jahre lang ist er unterwegs und zeichnet die Spuren nach. Dabei begegnet er laufend gegenwärtigen Zeitphänomenen, die er in ein Verhältnis setzt zu dem, was Darwin damals beobachtet und beschrieben hat. Dem Leser wird bald klar, dass eigentlich nichts, von dem was wir heute als selbstverständlich nehmen, so gedacht werden könnte ohne Darwin. Es ist nicht nur eine Lehre von der Artenentwicklung, von der Auslese, von der Evolution, es ist ein Welterklärungskonstrukt, das unser Denken in alle Wissenschaftsbereiche hinein geprägt hat. Nicht nur unsere Naturwissenschaften und im besonderen die Medizin haben durch Darwins Entdeckungen eine entscheidende Richtung genommen, auch für viele andere Entwicklungen, z.B. in der Wirtschaft, in den Kapitalmärkten, wird Darwin ab und an bemüht, zumindest zur Erklärung, warum der ausufernde Kapitalismus mit der Grundmotivation des Menschen zu tun hat, mit seiner Gier nach Leben, seiner Gier nach mehr, und mit einem Vorteil des Stärkeren.

Einige Stellen zeichnen wir nach, in denen Neffe, der auch als Biologe über Fachkenntnis verfügt, Darwin ausgezeichnet zu interpretieren weiß und in denen die Gegenwart seine Theorien zu bestätigen scheint. Auf der anderen Seite wird es interessant, noch einmal in das Gedankengebäude der Evolutionslehre einzudringen im Bewusstsein, dass Darwin seinen Glauben an Gott nie ganz aufgegeben hat. Also Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte, die heute allgemein in ihren Argumentationen als konträre Theorien betrachtet werden, sind bei Darwin keine sich gegenseitig vollkommen ausschließenden Welterklärungskonzepte. Warum er also nie bekennender Atheist geworden ist – vielleicht wäre das heute anders, aber dieses heute existiert nur mit der Möglichkeit, als Atheist zu denken, weil Darwin mit der Evolutionstheorie die Steilvorlage dazu geliefert hat – und in welche Konflikte ihn dies getrieben hat, mit seinem Glauben, mit seiner Frau, mit seinem Umfeld, ist ein zweiter Gedankenstrang, der für jeden Nachdenkenden von großem Interesse ist. Denn erst im sorgfältigen Mitdenken und Nachdenken und Zweifeln am eigenen Welterklärungskonstrukt, wird die tiefgehende Wirkung der Darwinschen Forschungsleistung wirklich deutlich.

Und, was bis heute immer noch fehlt, ist dieser erste Impuls. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die gesamte Evolutionslehre die Entstehung des Lebens aus dem Wasser und die Verästelung aller Lebensformen am Lebensbaum erklärt, so bleibt doch die eine entscheidende Stelle: welcher Impuls hat den ersten Einzeller dazu veranlasst, sich zu teilen? Die Teilung einer Zelle durch Krafteinwirkung von außen zerstört jede Zelle. Aber wodurch hat die Zelle den Impuls zur eigenen Duplikation?

Zwei Jahre lang reist Neffe um die Welt auf den Spuren Darwins und zeigt uns, wie in der Gegenwart seine Theorie an gesellschaftlichen Entwicklungen überprüft werden kann. Er zeigt uns zum Beispiel die Gauchos, die Darwin eindrucksvoll beschreibt, als eine Gruppierung, die als besondere Lebensform betrachtet werden kann. Ihr Lebensstil unterscheidet sich von anderen Gruppierungen. Und heute stellt Neffe fest, gehören sie zu einem absterbenden Zweig am Lebensbaum. Die letzten Gauchos überlegen in die Städte zu übersiedeln und als Touristenattraktion im Rodeoreiten ihr Geld zu verdienen, weil die Weiden, auf denen sie jahrhundertelang Viehzucht betrieben, immer mehr der Sojapflanzung und dem Grundstoff für Biodiesel weichen müssen. Eine verkehrte Welt.

Aber hier treffen wir auf zweierlei Ursachen für Entwicklungen: es gibt biologische und kulturelle Evolution. Das, was sich in den Gesellschaften über die Jahrhunderte als der größte Vorteil für die Fittesten erwiesen hat, steht auf einem anderen Papier. Darwin hat sich nie darin verheddert, in den Verwicklungen von biologischer und kultureller Evolution. Zu großer Sprengstoff liegt darin. Ein Tyrann wie Hitler hat mit Darwins Ideen den Holocaust begründet. Auch in der Wirtschaft finden sich Adaptionen: Manchesterkapitalismus als Sozialdarwinismus. Darwin hat sich auf so etwas nie eingelassen.

Dennoch ist natürlich die Frage: Was ist angeboren, was ist formbar, was, von all den kulturellen Entwicklungen, schreibt sich in den Gencode ein? Die Versuche seines Kapitäns FitzRoy mit drei jungen Feuerländern, die er nach England brachte, um sie dort zu erziehen und im missionarischen Gedanken wieder zurückbrachte in ihre Heimat, wo ihnen nichts übrigblieb, als die alten Verhaltensregeln wieder anzunehmen, schlicht, um zu überleben, haben ihn einerseits in seinen Untersuchungen der biologischen Evolution bestärkt, andererseits zu einem sehr differenzierten Blick auf die Möglichkeiten der Veränderbarkeit des Menschen beigetragen.

Neffe schreibt: „Der Mensch ist weniger als jedes andere Säugetier biologisch als Einzelwesen zu begreifen. Der Hirnforscher Walter Freeman hat das mit seiner Hypothese von der >>society of brains<< auf den Punkt gebracht.

Neben den genetischen haben die von Mensch zu Mensch kulturell weitergegebenen Eigenschaften und Fähigkeiten mehr und mehr an Gewicht gewonnen. (…) Die kulturelle dürfte aber die biologische Evolution in gleicher Weise vorangetrieben haben wie umgekehrt.“ (Neffe, 184)

Ergänzung: Ronald W. Clark: Charles Darwin. Biographie eines Mannes und einer Idee. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1990

Sein größter Konflikt war aber nicht der, zwischen biologischer Evolution und kultureller Evolution zu vermitteln, sondern der zwischen der Schöpfungsgeschichte und der Abstammungslehre. In seiner Autobiographie, die er 1876 verfasste, schrieb er: „Durch das Aufschieben der Veröffentlichung, ungefähr von 1839 an, als ich die Theorie deutlich entwickelt hatte, bis 1859, habe ich viel gewonnen.“ Was mag es ihn gekostet haben. Einen Gutteil seiner Forschungsarbeit hat er nach seiner eigenen Aussage nicht mit der Absicht, sie zu veröffentlichen, sondern mit der, es nicht zu tun verfasst, so „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“. „Der Mensch in seinem Hochmut hält sich für ein großes Werk, würdig des Eingreifens einer Gottheit. Bescheidener und wahrer, denke ich, ihn als aus Tieren geschaffen zu betrachten.“(Notebook dealing with evolution theory, 1938).

Die innere Zerrissenheit, der Konflikt mit der tiefgläubigen Ehefrau auf der persönlichen Seite verursacht große Unsicherheit. Auf der öffentlichen Seite sind die Anfeindungen und Verleugnungen beinahe vernichtend. Eine Lady Hope will ihn auf dem Sterbebett besucht haben und erzählt von seiner Hinwendung zum Glauben. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts sind in Amerika die Fundamentalisten auf den Plan getreten mit ihrem Kreationismus, der die Bibel wörtlich nimmt. On dies schon eine Reaktion auf Darwin war, oder auch auf unruhige politische Zeiten, die alle Autoritäten in Frage stellten? 1919 fand in Philadelphia eine Welt- Bibel- Konferenz statt mit der Gründung eines Weltverbandes christlicher Fundamentalisten und der klaren Zielsetzung, die Evolutionstheorie zu unterdrücken. Im Jahr 1922 wurde im US-Staat Tennessee folgendes Gesetz erlassen: „Es ist hinfort ungesetzlich für alle Lehrer an allen Universitäten, Lehrerbildungsanstalten, normalen oder anderen öffentlichen Schulen, die ganz oder teilweise aus den öffentlichen Schulgeldern des Staates erhalten werden, jegliche Theorie zu lehren, welche die Geschichte der göttlichen Erschaffung des Menschen, wie sie die Bibel lehrt, leugnet und statt dessen zu lehren, dass der Mensch von einer niedrigeren Ordnung von Tieren abstamme.“ (Gesetzbuch des Staates Tennessee, S. 290). 1925 haben ein Lehrer und ein beherzter Bürger eine Klage inszeniert und auf die amerikanische Union gehofft, aber es vergingen noch 42 Jahre , bis dieses Gesetz in Tennessee aufgehoben wurde.

Das Problem, das für die Kirche aus der Evolutionslehre entstand, bestand nicht darin, dass es nicht möglich wäre, Mensch und Affe mit gemeinsamer Herkunft zu denken und dennoch an die unsterbliche Seele des Menschen und an Gott zu glauben. Das Problem, das viel schwerer wiegt: sie ist nicht in Einklang zu bringen mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit der Bibel oder der Kirche.

Zwischen 1929 und 1970 wurden in Amerika 72 Gesetzesvorschläge zur Einschränkung der Evolutionslehre im Unterricht in 27 Staaten eingebracht, sieben wurden angenommen. Die kreationistische Bewegung, die sich 1963 gründete, verlangt von ihren Mitgliedern ein Glaubensbekenntnis: „Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes, und da sie durch und durch inspiriert ist, sind alle ihre Erklärungen historisch und wissenschaftlich wahr in allen Urschriften.“ Noch heute wird von den Befürworten der Kreationismus als wissenschaftliche Theorie angesehen, obwohl seit 1980 in verschiedenen Staaten entschieden wurde, dass ein Verbot der Evolutionslehre im Unterricht gegen das geltende Gesetz der Trennung von Kirche und Staat verstoße.

Der Streit hält immer noch an.

Zweiter Teil zu Jürgen Neffes Biographie auf den Spuren Darwins.

Darwin zögert es hinaus, immer wieder und über lange Jahre. Die „Entstehung der Arten“ liegt ihm schwer im Magen. Lieber befasst er sich mit zoologischer Forschungsarbeit, anstatt sein Hauptwerk zu vollenden. Die Rankenfüßer haben es ihm angetan. Einst auf seiner Reise in Chile gesammelt und sorgfältig in Spiritus aufbewahrt forscht er z.B. über die Zweigeschlechtlichkeit der Entenmuschel. Ob er seine anhaltenden Bauchschmerzen, den Durchfall und die Krampfanfälle auch aus Chile, wo er sechs Wochen krank darniederlag, mitgebracht hat, ist fraglich.

Vom 27.12.1831 bis 2.10.1836 war er mit der Beagle unterwegs. Bis 1959 füllen Veröffentlichungen seiner Reiseberichte, die Forschung an den Rankenfüßern, an der Transmutationstheorie und die Taubenzucht den Zwischenraum, bevor er sich, wahrscheinlich mit Bauchweh, zur Veröffentlichung der „Entstehung der Arten“ entschließt. Kaltwasserkuren und Homöopathie verschaffen vorübergehende Besserung.

Übrigens bezeichnet er sich selbst als Kaplan des Teufels in einem Brief an einen Freund, als er wieder einmal von tiefen Selbstzweifeln geplagt ist. Dass aus der Ehe mit seiner Cousine Emma unter den zehn Kindern eines vermutlich mit Down- Syndrom geboren wird, erscheint ihm als eine Rache der Natur.

Sein wichtigstes Werk veröffentlichen muss er im Jahr 1959 deshalb, weil der Geologe Wallace mit einem Aufsatz an die Öffentlichkeit will, in dem dieselben Forschungsergebnisse dargelegt werden. Darwin muss sich schnell entschließen, sonst bekommt jemand anderer die Lorbeeren. Sie veröffentlichen im Einvernehmen gleichzeitig, Darwin bekommt die Priorität zugesprochen, weil die Grundlagenforschung seines Essays bereits viele Jahre zurückliegt.

Das Werk erlebt einen überragenden Durchbruch, auch, weil er seine Leser direkt anspricht und Geschichten erzählt.

Bereits zu dieser Zeit treten die Kreationisten mit dem Schöpfungsplan auf, was Darwin als Unwissenheit kritisiert und in seinem Hauptwerk schon zu entlarven sucht: „Glauben sie wirklich, dass in unzähligen Perioden der Geschichte unserer Erde gewisse elementare Atome gleichsam kommandiert worden seien, sich plötzlich zu lebendem Gewebe zusammenzuschließen?“ (Neffe, 289)

Trotzdem, er will und er kann Gott nicht ganz abschaffen. Und hier bleibt bis heute die Leerstelle in der Evolutionsgeschichte: was gab den ersten Impuls? Er selbst nennt sich in der „Entstehung der Arten“ einen Theisten in dem Sinne, dass er nicht leugnen will, dass Gott als letzter und erster Grund möglich wäre. An anderer Stelle: Das Geheimnis des Anfangs aller Dinge ist für uns unlösbar; und ich für meinen Teil muss mich bescheiden, ein Agnostiker zu bleiben.“ (Neffe, 317)

Blähungen, Erbrechen, Schüttelfrost, hysterisches Weinen, Sterbeempfindungen, Ohrensausen, Schwindel, Sehstörungen – nach eigener Anamnese, erstellt 1860 für einen Spezialisten, begleiten ihn diese Symptome seit 25 Jahren, ohne diagnostizierte Ursache. Und sie werden ihn noch weitere 22 Jahre begleiten. Gleichzeitig ist innerhalb eines Jahrzehnts in der Fachwelt seine Theorie weitestgehend anerkannt. Heute glauben in den USA immer noch 50 % an eine Erschaffung des Menschen durch Gott und 40% an eine von Gott gesteuerte Entwicklung. Besonders erfolgreich als Gegner der Wissenschaft ist das Intelligent Design, das sich selbst wissenschaftlich verkaufen möchte und fordert, als Theorie an den Schulen unterrichtet zu werden. Konservative Kreise wollen mit göttlicher Vorsehung den amerikanischen Gottesstaat verwirklichen. Dass die Strukturen patriarchal sind, versteht sich von selbst.

Jürgen Neffe erzählt in seinem Buch über Darwin Geschichte und Geschichten. Überall auf seiner Reise begleiten ihn Darwins Forschungsergebnisse und er analysiert. Zum Beispiel, wie es sein konnte, dass die Aborigines in Australien noch vor wenigen Jahrzehnten als Menschen eines geringeren Entwicklungsstands betrachtet wurde. Im vergangenen Jahrhundert hat die britische Regierung ihnen geschätzte 50.000 Kinder weggenommen und in Heimen oder bei Adoptiveltern aufgezogen, in dem festen Glauben, die herrschende Leitkultur sei der Segen. Sprache wurde verboten, Tradition gebrochen, Gewalt ausgeübt, eine einzige Indoktrination mit der Absicht, zu unterwerfen. Erst im 21. Jahrhundert sollte sich der Premierminister dafür entschuldigen und damit einen Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.

Darwin unternimmt später keine Reisen mehr, sondern widmet sich fortan der Forschung und dem Schreiben von Büchern. Die Regenwürmer, die Orchideen, mit unglaublicher Langmut beobachtet, studiert er und zeichnet auf. Und die Begegnungen mit Zeitgenossen sind immer wieder befruchtend. Der Professor für Biologie Haeckel formulierte das „Biogenetische Grundgesetz“, heute als „Grundregel“ bezeichnet, nach der alle Tiere vom befruchteten Ei an alle Stadien der Evolution durchlaufen. Die Merkmale bilden sich nur unterschiedlich aus oder wieder zurück. So gibt es in einem bestimmten Stadium Zähne im Embryo von Zahnlosen, Kiemenansätze im Embryo von Lungenatmern, z.B. dem Menschen. Haeckel ist nun aber auch der, der aus der Biologie eine Gesellschaftstheorie ableitet. Das, was wir heute unter Sozialdarwinismus verstehen, hat mit Darwin selbst wenig zu tun. Auch wenn er irgendwann den Begriff des survival oft he fittest übernommen hat. Es ist aber die Art, die sich am besten angepasst hat, nicht die Art, die sich im Konkurrenzkampf als die stärkste erweist. Denn das hat auch schon Darwin beobachtet: für das erfolgreiche Fortbestehen einer Art ist meist Kooperation von tragender Bedeutung. Wenn sich spätere Ökonomen in ihrer Theoriebildung auf Darwin beriefen, ist das genauso eine schandhafte Verdrehung, wie wenn heute im Internet zu lesen ist, Darwin habe angeblich auf dem Sterbebett widerrufen.

Jürgen Neffe beschreibt als Resumée seiner Reise: „Zu den seltsamsten Resultaten meiner Reise gehört eine optimistischere Sicht auf die Zukunft meiner Spezies als vor meiner Abfahrt. Vielleicht liegt es auch nur an einer Erfahrung, die ich mit meinem berühmten Reisebegleiter teile: wie viele wahrhaftig gutherzige Menschen es gibt, mit denen (der Reisende) nie zuvor Kontakt hatte, auch nie mehr wieder haben wird, und die dennoch bereit sind, ihm die uneigennützigste Hilfe zu gewähren.“ (Neffe, 466/67)

>>Ein sensationell lesenswertes Buch<< Denis Scheck

Jürgen Neffe: Darwin. Das Abenteuer des Lebens.
Goldmann Taschenbuch Verlag, München, 2010

 

Zweiter Teil Sekundärliteratur zum Leseprojekt:

Jürgen Neffe: MARX – DER UNVOLLENDETE
C.Bertelsmann Verlag, München, 2017

„Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung der Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handelns.“ (Willy Brandt, 1977, Vorsatzblatt Jürgen Neffe)

Jürgen Neffe legt uns hier, pünktlich zum Marx- Jahr 2018, eine 600 Seiten Abhandlung vor, die so akribisch und detailgenau erarbeitet ist, dass man beinahe den Marx seiner mittleren Jahre, wie er um die Entstehung seiner großen Schriften ringt und in seinem Perfektionismus-anspruch recherchiert und recherchiert, vor sich sieht. Ist es eine Biographie, ist es eine politische Wirkungsgeschichte, ist es eine philosophische Analyse des Historischen Materialismus? Jürgen Neffe hat alles hineingepackt, um uns nichts vorzuenthalten. Es bedarf schon eines durchhaltenden Interesses, um die ganze Abhandlung zu inhalieren.

Karl Marx, Denker, Theoretiker, Kämpfer, Urvater der ersten internationalen Arbeiterbewegung. Zeitgenosse Charles Darwins und so wie dieser ebenso missbraucht mit seinem großen Theoriegebäude für eine Praxis, die sich auf seinen Namen berief, die seine Ideen aber in ein Korsett gepresst hat, die ihnen die Luft abschnüren. „Ich bin kein Marxist“, soll er selbst einst gesagt haben. Was dann? Zuerst einmal ist er den größten Teil seines Lebens ein Geflüchteter, verschiedenerorts geduldet, ohne Staatsangehörigkeit. Und dann gehört er zu den Giganten, zu den Geistesgrößen, Neffe reiht ihn sogar unter die drei Großen, die der Menschheit die narzisstischen Kränkungen zugefügt haben (Kopernikus, Darwin, Freud). Er hat uns die Analyse einer Struktur geliefert, die uns politisch, soziologisch und auch psychologisch erklärt, warum und wie wir letztlich an dieser Gesellschaftsform scheitern, kollektiv und persönlich.

„Wir sind Gefangene unserer eigenen Kreatur, Teile einer von Menschen gemachten lebendigen Maschinerie, die ihr Programm unabhängig vom menschlichen Willen abspult – und doch von ihm betrieben wird. Ihr und unser Überleben hängen wie bei einem Krebsgeschwür vom stetigen Wachstum ab. Dazu muss sie in alle verfügbaren Bereiche vordringen, Raum und Zeit erobern, und schließlich auch sämtliche sozialen Beziehungen kolonialisieren.“ (Neffe, S.22)

Aus der Literatur kennen wir die Weberkrise von 1844, es kommt der Hungerwinter 1846/47 mit Millionen von Toten. Und eine Welthandelskrise 1847. Die Zeit ist reif für eine Revolution. Neffe beginnt nicht chronologisch, sondern mit diesem Jahr, weil es einen „archimedischen Punkt der Marx’schen Biographie“ (S.35) kennzeichne. Als Auftakt einer Zeitungsserie erscheint ein Artikel des jungen Marx am 3. März 1848 der beginnt: „Ein Gespenst geht um in Europa“. Gleichzeitig wird in London ein Büchlein gedruckt: „Das Manifest der kommunistischen Partei“. Nach Neffe sind in dieser Kampfschrift alle Element seines philosophischen, politischen und ökonomischen Denkens bis zu dieser Zäsur 1848 zusammengefasst.

Wenn wir über den privaten Marx sprechen, so reden wir über einen Bürgerssohn aus wohlhabenden Verhältnissen – seine Familie gehört zu den obersten fünf Prozent der Gesellschaft in Trier – der den Umgang mit Geld jedenfalls nicht gelernt hat. Alle Geschichten über sein Elend uns seine Armut sind wahr und auch nicht wahr. Mit den Geldern, die er aus Erbschaften und von seinem Freund und Mäzen Engels erhalten hat, hätte man ein damals ein Leben in der gesellschaftlichen Mittelschicht leben können.

1818 beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa 36 Jahre, nur die Hälfte der Menschen erreicht das Erwachsenenalter. Als drittes von neuen Kindern wächst er auf wie ein verwöhntes und überbehütetes Prinzenkind, hochbegabt, schlecht erzogen, mit der Erlaubnis auf des Vaters Namen in seinen Studentenjahren manchmal sogar mehr Geld auszugeben, als der Vater selbst verdient. Burschenschaften mit Exzessen gehören zu seinem Studentenleben, Versuche in der Poesie, schließlich die Philosophie, statt der vom Elternhaus gewünschten Jurisprudenz und in dieser Zeit schon Wechselfälle von ausschweifendem Leben und verbissener Arbeitswut. Am 06. März 1841 erhält er das Abgangszeugnis der Universität Berlin, am 6. April schickt er eine Dissertation nach Jena, am 15 April erhält er sein Doktordiplom, 2 Jahre vorher mit Vorarbeiten begonnen: „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“. Aber: mit einer Analyse der zeitgenössischen Philosophie und mit Blick auf die Arbeitskraft. Originell.

Die Marx-Engels-Werke, sind von den wenigsten gelesen worden, die eine Meinung dazu haben. Das Image, das seinen Schriften durch die politischen Adaptionen seiner Theorie verliehen wurde, ist ein aufgepfropftes, das den wesentlichen Grundzug seines Schaffens verbirgt: als Freiheitsverfechter steht er gegen alles, was institutionalisiert die Freiheit beschneidet.

Nach sieben Jahre anhaltender Verlobungszeit heiratet er im Juni 1843 die vier Jahre ältere Jenny von Westphalen, ab Oktober leben sie bereits im Exil in Paris. Ab dem Frühjahr wagen sie ein Experiment mit einer Wohngemeinschaft. Auf zwei Etagen wird ein Stück Kommunismus mit anderen Ehepaaren gelebt. Charles Fourier hat zu dieser Zeit auch schon die freie Liebe propagiert (utopischer Sozialist, formulierte das Recht auf Arbeit, gestorben 1837). Das Experiment – so es überhaupt stattgefunden hat – findet nach zwei Wochen ein Ende. In dieser Zeit entstehen die „Pariser Manuskripte“, in denen die wesentlichen Themen bereits formuliert sind.

„Entfremdet fühlen sich Menschen, wenn ihr Dasein ihrem Wesen widerspricht.“ (S.126) In den frühen Schriften entstehen wichtige Analysen, z.B. Arbeit erzeugt ihre eigenen Bedingungen. Mit der „Entäußerung des Arbeiters in seinem Produkt“ materialisiert sich ein Stück seiner Seele. (nach S.129)

„Der Arbeiter wird umso ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine umso wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu.“ (MEW, Band 40, S.511) Die Produkte fangen an, die Menschen zu beherrschen, ohne dass sie es merken. Recht und Gesetz sind zugeschnitten auf eine Minder-heit der Wohlhabenden. Arbeiter und Kapitalisten erscheinen zwar als freie Vertragspartner, doch sind beide gezwungen, sich von den Erfordernissen des Kapitals bestimmen zu lassen. Das Geld regiert die Welt, eine Binsenweisheit, aber WIE tut es das? Und was ist die Lösung? Marx formuliert keine Utopie, denn der Kommunismus ist kein Zustand sondern ein IDEAL, ausdrücklich von ihm selbst so benannt, und seine Verwirklichung ist ein fortlaufender Prozess, der sich aus den Erfordernissen des Lebens ergibt, und folgt keinesfalls einem vorgegebenen Plan für eine Ordnung. Die sozialistische Planwirtschaft ist KEIN Entwurf von Karl Marx!

Neffe überschreibt ein Kapitel mit dem Titel: „Bis dass der Tod euch scheidet – Das Kreativteam Marx & Engels“. Engels, ein linker Journalist, wird von seiner Familie, von seinen eigenen Bedürfnissen und nicht zuletzt derer der Familie Marx wieder rückgeführt in das familiäre Unternehmertum, ist gleichzeitig Manchester Kapitalist und eigentlich der, der dem jungen Marx die Ökonomie erklärt. Er hat die Warteschlangen der Menschen gesehen, er spürt die Zwänge des Kapitalismus am eigenen Leib und glaubt an die große Veränderung, die Abschaffung des Privateigentums scheint ihm die angemessene Lösung (bekannt sind seine frühen Schriften zur Entstehung des Privateigentums). Sein eigenes Privateigentum hat er zeit seines Lebens geteilt mit der Familie Marx, nach Marxens Tod hat er eine der Töchter weiter unterstützt, bis zu seinem eigenen Tod. Engels ist ein Lebemann, er besitzt ein Pferd, geht jagen, auch Schürzen, und bleibt unverheiratet.

Marx wird nun auch aus Paris verbannt und muss nach Brüssel, dennoch steht er kurz vor einem Vertragsabschluss mit einem deutschen Verleger zu einem Manuskript mit dem Titel: Kritik der Politik und Nationalökonomie. Doch hier zeichnet sich bereits ab, was sich durchzieht durch sein ganzes Leben und Schaffen: er wird nicht fertig. Das Kapital erscheint erst zwei Jahrzehnte später. „Am Ende, am Vorabend der Revolution von 1848 sind sie (Marx & Engels, Anm. d. Verf.) die Anführer der kommunistischen Bewegung, der sie mit ihrem Manifest ein bleibendes Denkmal setzen. Der Brennofen gemeinsamer Geschichte schweißt sie für den Rest ihres Daseins unzertrennlich zusammen.“ (S.192)

1844 beantragt Marx mit Frau und Kind Asyl im Königreich Belgien. In dieser Zeit macht Jennys Mutter ihrer Tochter ein „Geschenk“: das Hausmädchen Helene Demuth, das sie alle überleben wird. In Brüssel knüpfen sich neue Freundschaften, mit Joseph Weydemeyer und lebenslang mit Wilhelm Wolff. Ihm widmet er 1867 Das Kapital. Der drei Jahre vorher verstorbene Weggefährte hat ihm sein ganzes Vermögen vermacht.

In der Rue d’Alliance Nummer 5 treffen sich in der folgenden Zeit viele Geister der kommunistischen Ideen. Marx bittet „um Entlassung aus dem Königl. Preuß. Untertanenverband“, Brüssel müsste ihn sonst an seine Heimat ausliefern, wo ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt wegen Hochverrats und Majestätsverbrechens. Er bleibt den Rest seines Lebens staatenlos. Drei Jahre bleibt die Familie Marx in Brüssel, Marx und Engels verfassen hier ihr zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenes Werk Die Deutsche Ideologie, worin die elf Thesen über Feuerbach formuliert sind. Die vollständige Veröffentlichung erfolgt erst 1932 in der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Sie verfassen Polemiken, in denen sie abrechnen mit den Denkern ihrer Zeit, vor allem mit den Jung- und Linkshegelianern. In einer Streitschrift gegen Max Stirner erscheint der berühmte Satz: „Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe.“ (MEW, Band 3, S.218) Der russische Schriftsteller Pawel Wassiljewitsch Annenkow schreibt über Marx:

„Er sprach nicht anders als in imperativen, keinen Widerspruch duldenden Worten, die übrigens noch durch einen mich fast schmerzlich berührenden Ton, welcher alles, was er sprach, durchdrang, verschärft wurden. Dieser Ton drückte die feste Überzeugung seiner Mission aus, die Geister zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Vor mir stand die Verkörperung eines demokratischen Diktators.“ (in Neffe, S.208).

In London schließt sich ein Bund aus Handwerkern zum Londoner Bund der Gerechten zusammen, sie bitten Marx und Engels beizutreten und eine Bundesdoktrin zu verfassen. Es entsteht daraus das Kommunistische Manifest. Der Bund wird umbenannt in „Bund der Kommunisten“, sein Wahlspruch lautet: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Ist es der Text seines Lebens, den der knapp dreißigjährige Marx mit dem Manifest zu Papier bringt? Er umfasst jedenfalls die wichtigsten Inhalte des frühen Marx, die auch heute noch häufig zitiert werden. Die Idee dazu geht auf Engels zurück und Marx benutzt Anregungen aus Engels Schriften, auch wenn er die endgültige Version allein niederschrieb.

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Das Manifest will diesem Gespenst nun sein Fleisch geben. Tatsächlich wird das Kommunistische Manifest sowie der erste Band des Kapitals zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt aufgrund des weltweiten Einflusses auf viele soziale Bewegungen.

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“

Zu der Zeit, als das Manifest in London gedruckt wird in Paris wieder durch eine Revolution Weltgeschichte geschrieben. Die Donnerstag-Revolution am 25. Februar 1848 ruft die Republik aus: „Vive la Republique!“

Die nächste Revolution entsteht in Berlin: die Märzrevolution. Zum ersten Mal hier bei Neffe (S.236) gelesen: an der Spree wie an der Seine ausgelöst durch Schüsse auf wehrlose Demonstranten. Verblüffend – 120 Jahre später Mai-Revolution 1968 in Paris und der Beginn der großen 68er Aufstände in Deutschland im Juni 1968, ausgelöst durch Schüsse auf wehrlose Demonstranten. Und wieder die Gleichzeitigkeit. Marx und Engels wollen nach Deutschland reisen mit den Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland, bis dahin ein Geheimbund. Beschränkung des Erbrechts, Verteilung der fürstlichen und feudalen Landgüter, allgemeines Wahlrecht, Volksvertreter, kostenlose Gerichtsbarkeit, völlige Trennung von Kirche und Staat – das sind die Forderungen für die vereinigte Republik. Allerorten werden die Aufstände blutig niedergeschlagen, in Deutschland beginnt bald die Restauration.

Teil II

Bei Jürgen Neffe fügen sich die Puzzleteile verschiedener Aspekte des Kapitals in der historischen Analyse und seiner Folgen zu Zeiten des Manchester Kapitalismus und ganz konkret bei der Familie Marx zusammen zu einer umfassenden Geschichte über Ökonomie, Zeithistorie, Familiendrama und Gesellschaft. Und mit Abstand betrachtet gibt die komplexe Zusammenstellung einen Blick frei auf zweihundert Jahre Entwicklung des Kapitalismus, mit dem Puzzleteile verschoben und zusammengesetzt, vorwärts und rückwärts betrachtet, am Ende Marx in seiner nie nachlassenden Aktualität noch einmal rezipiert werden muss.

Fünf Jahre nach dem Untergang der Rheinischen Zeitung gründet Marx mit Engels und Unterstützern die Neue Rheinische Zeitung. Er wird Chefredakteur mit Dreijahresvertrag und Jahresgehalt. Es müssen nun erst einmal gemäßigtere Töne angeschlagen werden, die Bourgeoisie blickt mit Argusaugen auf die Geschehnisse, Rädelsführer der Arbeiterbewegung werden verhaftet. Doch schnell gibt die Zeitung ihre Überparteilichkeit wieder auf, das Blatt wird radikal und militant, Marx wird angeklagt der „Aufreizung zur Rebellion“, und schon nach einem Jahr steht die Zeitung kurz vor dem Bankrott.

Bei der Paulskirchenversammlung wird dem König eine Verfassung vorgelegt. Seine Antwort: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.“ Und wieder wird Karl Marx das Gastrecht entzogen, er wird aufgefordert, binnen 24 Stunden das Land zu verlassen. Die letzte Auflage erscheint komplett in roter Farbe gedruckt. Auch aus Paris wird er verstoßen und so kommt die Familie Marx schließlich nach Großbritannien. Nach Neffe wurde im 19. Jahrhundert kein einziger politischer Flüchtling vom Vereinigten Königreich abgewiesen.

1849, gleichzeitig mit Marx’ Ausweisung aus Frankreich, findet der dritte Internationale Friedenskongress in Paris statt. Victor Hugo stellt dort sein Konzept der „Vereinigten Staaten von Europa“ vor, für Marx beginnt die, wie Engels sie einmal bezeichnete, „schlaflose Nacht des Exils“(S.262).

„Kaum ist er angekommen, zeigt sich ein weiteres Wesensmerkmal seines künftigen Daseins. Wegen Brechdurchfalls kann er das Haus nicht verlassen. Das Martyrium von Armut und Krankheit gepaart mit der Verzweiflung des Emigranten hat begonnen. Es wird ihn, von kurzen Erholungsphasen abgesehen, den Rest seiner Erdenjahre begleiten.“ (S.262)

Der Schwiegersohn Paul Lafargue beschreibt das Arbeitszimmer, dessen Nachbildung heute auf einem „Marx Walk“ besichtigt werden kann. Neben den Bücherstapeln, Zeitungspaketen, Manuskripten, dazwischen Tabaksbehälter und Rauchwaren findet sich noch eine Spur seiner geistigen Anstrengung: „Er ruhte aus, indem er im Zimmer auf und ab schritt; von der Tür bis zum Fenster zeigte sich auf dem Teppich ein total abgenutzter Streifen, der so scharf begrenzt war wie der Fußpfad auf einer Wiese.“ (S.269)

Das Drama der begabten Gattin, so Jürgen Neffe, zeugt von einer unerschütterlichen Treue zu ihrem Gatten, obwohl sie die Lebensumstände, in die sie gezwungen sind, dafür verantwortlich macht, dass von ihren sieben Kindern nur drei das Erwachsenenalter erreichen.

Während einer der vielen Phasen, in der die „Pfänder“ ins Haus kamen, um Betten, Wäsche, Kleider, sogar die Wiege mit Beschlag zu belegen, war Jenny Marx zum fünften Mal guter Hoffnung. Sie reiste nach Holland um einen Onkel um Geld anzugehen, erfolglos. Sie müssen ihre Wohnung verlassen, ziehen in eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung. Das Neugeborene kann dort nicht untergebracht werden und wird zu einer Amme gegeben. Drei Monate, am 23.6.1851, später kommt auch Helene Demut nieder, mit einem Jungen. Friedrich Engels wird für seinen Freund Marx die Vaterschaft übernehmen. Das Kind wird zu einer Pflegefamilie gegeben und Leni bleibt weiter bei der Familie Marx. Nach kritischem Dafürhalten – auch vom Anspruch der politischen Bewegungen damals – war das sicher eine Form von sexueller Ausbeutung von Untergebenen.

Ob all diese Umstände mit dazu beigetragen haben – Friedrich Engels kehrt als Kaufmann in den Schoß der Familie zurück und arbeitet wieder im Betrieb Ermen & Engels in Manchester. Er hat nun schließlich auch noch Alimente zu zahlen.

Jennys Töchterchen Franziska stirbt ein Jahr nach ihrer Geburt. Es ist nicht einmal Geld da für einen Kindersarg.

Für eine Weile herrscht Ruhe, wie sich die Eheleute arrangiert haben und vor allem Jenny Marx mit der Bediensteten, weiß man nicht. Doch 1855 kommt sie erneut nieder mit einem Mädchen: Jenny Julia Eleanor. Im selben Jahr stirbt der Sohn Edgar, achtjährig, an Schwindsucht. Von diesem Tag an war das Haar von Marx angeblich erbleicht. Man fürchtete am Grab um ihn.

Trotz allem, es gibt rührende Liebebriefe zwischen den Eheleuten, von Marx auch mit literarischen Bezügen und literarischen Figuren ausgeschmückt. Und dann kommt die Erbschaft der Mutter Marx, sie können sich ein kleines Haus kaufen, richten sich ein beim Trödler und Jenny wird erneut schwanger. Bald darauf ist alles aufgebraucht und Stück für Stück wird wieder ins Pfandhaus getragen. Das Kind stirbt gleich nach der Geburt. Sie hat wohl während der Schwangerschaft das älteste synthetische Schlafmittel der Welt regelmäßig eingenommen. Chloralhydrat hat den Fötus möglicherweise so stark geschädigt, dass das behinderte Kind nur einen Atemzug tat. Lenchens Schwester wird als zweites Hausmädchen in Dienst genommen, gleichzeitig fehlt es allem, sogar an Heizmaterial.

Marx bekommt zwar keine englische Staatsbürgerschaft, wird aber dort geduldet und die britische Regierung bleibt auch entspannt, als aus Preußen und Österreich die Aufforderung zur Ausweisung kommt. Kurzzeitig ist er Präsident der Zentralbehörde des Kommunistenbundes, löst diesen dann aber auf und gehört zwölf Jahre lang keiner politischen Organisation mehr an.

Die großen Männer des Exils ist das zweite mit Engels verfasste Buch, das zu Lebzeiten nicht erscheinen wird. Gutgläubig hatte Marx das Manuskript einem ungarischen Spion gegeben, der es an die deutsche Polizei verkaufte.

Also stiftet er noch einmal eine Zeitung: Neue Rheinische Zeitung – Politisch-ökonomische Revue, in London als deutsches Journal herausgegeben. Er ist davon überzeugt, damit den Weltbrand zu entfachen. 1950 erscheinen 4 Ausgaben und eine Doppelnummer. Nach der gescheiterten 48er Revolution und dem Achtzehnten Brumaire des Luis Bonapartes und der damit einhergehenden restaurativen Reaktion entwickelt Marx hier mit Engels eine Analyse von Welt, Wirtschaft und Gesellschaft und zeigt daran die Bedeutung seiner theoretischen Grundlegungen. Die Revolution soll zum Dauerzustand werden.

Tatsächlich, da zieht Neffe einen seiner Gegenwartsvergleiche, ist Marx’ Analyse ein interessantes Zeitzeugnis:

„Die Muster der Macht, wie Marx sie im demokratischen Coup Napoleons III. erkennt, sind so zeitlos, dass sie sogar Donald Trumps Regierungsübernahme noch erstaunlich gut treffen: >>Von den widersprechenden Forderungen einer Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich … gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt er die Ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an … und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.<< So endet der Essay.“ (S.319)

Neffe beschreibt Marx aber auch als ein Kind seiner Zeit in bezug auf Rassismus. Natürlich glaubt Marx – wie auch Humboldt und Darwin – an die Überlegenheit der europäischen >Rasse<. Wir dürfen nicht vergessen: die Zeit der Hochindustrialisierung ist auch die Zeit der Hochkolonialisierung, das Handelsdreieck Großbritannien, Afrikas Sklavenmarkt, Südamerikas Zuckerrohr und Baumwollplantagen, industrielle Rohstoffverarbeitung in Großbritannien, Export nach Afrika … usw.

Auch die Gesellschaftsordnungen anderer Kulturen sind zugunsten westlicher Gesellschaftsordnung abzuschaffen, so z.B, in Indien. Seltsam dass der Blick auf die Spaltung der Klassen keinen Blick eröffnet auf hierarchische klassenmäßige Spaltung zwischen Ländern. Auch was sein früheres Judentum betrifft: „Marx ist genauso Antisemit wie Macho oder Frauenausbeuter: aus heutiger Sicht ein klarer Fall, in seiner Zeit ein Mann des Mainstreams“ (S.347)

Neffe erwähnt, die Juden als Volk ohne Vaterland könnten Vorbild für Marx’ auserkorenes Volk gewesen sein, das er dann überträgt auf das Proletariat (nach S.352). In Ilona Jergers Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ wird genau diese Idee in Verbindung bis Marxens Exilantendasein zu einer Leitidee entwickelt – waghalsig.

Die Sozialdemokraten und die Sozialdemokratie geben ein spezielles Kapitel ab in der biographischen Geschichte des Karl Marx. Er hat sie gehasst und bewundert, die Demokraten schreiben Weltgeschichte ohne ihn, was sie aber tun, geht ihm entschieden zu wenig weit. Ebenso wie die aus den Arbeiterbewegungen hervorgegangenen Gewerkschaften tragen sie dazu bei, die Verhältnisse weitestgehend zu zementieren, anstatt sie radikal zu verändern.

1857 bricht eine Weltmarktkrise aus, eine Krise der Überproduktion. Marx arbeitet wie besessen am Kapital. Allein die >Grundrisse< sind ein achthundertseitiges Forschungsmanuskript, sie werden erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und zwischen 1939 und 1941 in Moskau veröffentlicht (S.355) Hier entsteht, von Marx geprägt, der Begriff >Mehrwert< der heute zum ökonomischen Standardbegriff avanciert ist. Das Kapital soll sechs Bücher umfassen, nur eines geht zu seinen Lebzeiten in Druck.

Nach Ulrike Hermann, Wirtschaftsautorin, war >>Marx der erste Ökonom, der die Rolle des Geldes in einer kapitalistischen Wirtschaft richtig beschrieben hat<<. (Neffe, S.367) Gleichwohl haben die Marxens in praktischer Hinsicht von Ökonomie im Sinne von Haushalten wenig Ahnung, denn eigentlich hätten sie dank Erbschaften, Spenden und Geschenken über die Jahre ein Leben der unteren Mittelklasse bestreiten können. Was bei diesen Nachforschungen nicht mit ins Kalkül gezogen wird: man kann nicht wirtschaften ohne regelmäßige Bezüge; der ständige Wechsel von >komplett leer< zu >alles auffüllen müssen< kommt wesentlich teurer als die Regelmäßigkeit.

„Nach einer heute gängigen Vorstellung verdankt Geld seine Erschaffung ursprünglich dem Machen von Schulden, jener merkwürdigen Mehrzahl von Schuld, und zwar explizit im religiösen Sinn, wie es auch der Zusammenhang von Glauben und Gläubiger nahelegt. Seinen Anfang hat es vermutlich im Opfer genommen, mit dem Menschen versuchten, die Götter günstig zu stimmen. Das hat durchaus schon den Charakter eines Tausch- >>Geschäftes<< von Geben und Nehmen. Man baut gewissermaßen vor, investiert in die Zukunft.“ (S.372) Aus den Tieropfern wurden Sakralopfer: Edelmetalle an die Priester, die Wiederverwendung, die verfremdete Verwendung des Opfers und der Schuld war erfunden. Die Bank of England, die Mutter aller Zentralbanken, wurde bereits 1694 erfunden. Das Tauschgeschäft Geben und Nehmen hat nun zwei gesonderte Existenzformen, sie können sich nicht mehr entsprechen (MEW, Band 42, S.82) Nach Marx ist aus dem Tauschgeschäft, das auf der Idee von Ausgleich beruht, eine durchbrochene Existenz, ein Missverhältnis geworden mit der Voraussetzung der beständigen Ungleichsetzung. Das Kapital kommt in Bewegung, es zirkuliert. Wachsen kann aber nur, was von irgendwoher eine Substanz bezieht. Vermögen wachsen, weil sich auf der anderen Seite der Bilanz Schulden türmen. Die Substanz ist Arbeit und Lebenszeit. Und damit tritt der Effekt ein, dass die Gegenwart gelebt wird auf Kosten einer Zukunft, die bereits verkauft wurde. Tür und Tor sind geöffnet für die Ausbeutung und Enteignung menschlicher Arbeitskraft.

Robert Kurz, bei Neffe, S.377: „Es ist die Hemmungslosigkeit und absolute Unersättlichkeit der kapitalistischen Selbstzweck-Bewegung, die Marx exakt begrifflich bestimmt und beschrieben hat.“ Geld bekommt eine zeitliche Dimension, der Gewinn kommt aus der Zukunft.

Im praktischen Sinne ist Engels immer wieder der Geldgeber der Familie Marx. Er investiert in ihre Zukunft und in seine. Und er hat sich damit selbst ein Denkmal gesetzt. Nach Schätzungen hat er bis zu dem Zeitpunkt, als er eine regelmäßige Unterhaltszahlung für die Marxens einrichtete, fast die Hälfte seiner Einkünfte mit ihnen geteilt.

„Wird indessen Ruhm zum Maßstab der Rendite, dann hat der Textilunternehmer – wohlhabend, aber nicht reich – bestens in M und damit in ME und letztlich auch in E investiert.“ (S.384)

In seiner finanziellen Not hat selbst der Kapitalismuskritiker Marx eines Tages mit dem Gedanken gespielt, an der Börse zu spekulieren, zumindest fiktiv, Geld war ja keines da. Engels dagegen hat sehr wohl Vermögen in Wertpapieren angelegt und sein Kapital für sich arbeiten lassen.

1867 erscheint Das Kapital, rund 900 Seiten stark in Deutschland. Relativ wenig beachtet, viel kritisiert, konstatieren Verfechter, dass es heute erst genauso funktioniert, wie Marx es beschrieben hat. Neffe schreibt, Marx legt den Kapitalismus quasi auf die Couch und will aus der Diagnose die Therapie begründen (nach S.391) Heute ist es ein „Sturmgeschütz der Kapitalismuskritik“. „Der frisch gewählte französische Präsident Macron auf die Frage der Zeitschrift Elle, welche Lektüre er der jungen Generation empfehle: >> >Das Kapital< von Karl Marx, um die Welt zu verstehen.<<“ (S.393) Nicht umsonst seit ein paar Jahren Weltkulturerbe.

Jürgen Neffe: MARX – DER UNVOLLENDETE
C.Bertelsmann Verlag, München, 2017

 

 

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