Viktor Pelewin: Tolstois Albtraum

Ein phantastischer Roman über das Wechselspiel Dichtung – Leben – Gedankenkonstruktion.

In gewisser Anlehnung an Filme wie „Matrix“ oder „Die Truman Show“ ist der Kern der Frag: Woher kann jemand sicher wissen, dass er tatsächlich existiert? Ist er selbst vielleicht nur eine Erfindung von jemand anderem? Und wenn ja, von wem und wie kann, wenn alle Erfindungen von jemandem sind, so etwas wie ein Rest Freiheit erlangt werden?

Die Geschichte dreht sich um eine Figur, den Grafen T., der vermutlich, weil Tolstoi ein Schriftsteller war und sich als solcher anmaßte, Figuren zu erfinden, zur Strafe dieser Hybris nun als Verkörperung von Tolstoi selbst als Romanfigur auftaucht.

Was die Geschichte interessant macht: Die Figur will leben, ringt um Selbstermächtigung und führt dazu verschiedene Experimente aus. An einer fortgeschrittenen Stelle gelingt es dem Helden gar, seinen Erzähler zu vernichten. Wobei allerdings klar wird, dass auch dieser Erzähler nur eine erzählte Figur ist.

Die Romanfigur Graf T. wird vom Verlag, der die Erzählung in Auftrag gibt, nach Optina Puschtyn geschickt. Die Idee: Der exkommunizierte Tolstoi sollte nun als Graf T. in den Schoß der Kirche zurückkehren, weil sich so für den Verlag mit Namen Jasnaja Poljana ein neues Geschäft mit dem alten Tolstoi machen lässt. Die Romanfigur soll allmählich die historische Geschichte überlagern.

Doch dann kommt es zu einem Konzeptwechsel: Die Finanziers des Romans beschließen, lieber ein Computerspiel daraus zu machen, gestalten turbulente Känpfe auf mehreren Spielebenen, und kehren dann doch wieder zum Romangedanken zurück. Hier klingt durchaus politisch-wirtschaftliche Kritik durch, vor allem wenn Marktforscher behaupten, den Leser in die Erzählung einzubinden, sei für die Masse (und damit für die Wirtschaftlichkeit) uninteressant.

Genau dies tut aber Pelewin mit seinem Roman und auch für den Leser stellt sich wieder einmal die Frage: To be or not to be, that ist the question.

Die Romanfigur wird zum Leser in ihrer Welt, der Erzähler im Roman ist Gestalter und er wird gelesen. Wenn auch der Erzähler erfunden ist, wer ist dann der wirkliche Autor?

Jeder Leser ist der Schöpfer seiner Welt, auch wenn es ihm unbehaglich sein mag. “Wenn ich der Schöpfer des Albtraums bin, warum habe ich solche Angst dabei?“ S.397

Am Ende hat Tolstoi geträumt, er schreibe einen Roman.

Oder ist da noch mehr?

Die Ironie liegt im changierenden Wechsel zwischen Beweisen und Widerlegungen der Welt als existierender Welt. Eine vergnügliche Leseherausforderung.

http://www.randomhouse.de/Buch/Tolstois-Albtraum-Roman/Viktor-Pelewin/e364597.rhd

Tomás Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse

Die Ökonomie von Gut und Böse nach Tomás Sedlácek

Wie kommt ein Ökonom dazu, die Wirtschaftssysteme im historischen Rückblick anhand philosophischer Kategorien zu untersuchen oder gar zu beurteilen? Ein gewagtes Unterfangen! Tomás Sedlácek bemüht in seinem Buch eine ganze Serie an Geisteswissenschaften: Philosophie, Theologie, Anthropologie, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Ökonomie… um daraus eine metaökonomische Analyse als Kritik am herrschenden ökonomischen Paradigma zu formulieren.

„Was ist der Mensch?“ Allen Modellen und Theorien vorausgehend ist ein bestimmtes Menschenbild, ein Weltbild, eine Verhältnismäßigkeit. Zusammenfassend ist die Richtung des Buches eine Untersuchung der Frage: „Was ist der Mensch, was ist das den Menschen Kennzeichnende, in welchem Verhältnis steht er zur Welt und welche Bedeutung hat dies für die Ökonomie?“ In Hinblick auf die modernen Wirtschaftsverhältnisse wird hier ganz klar Kritik formuliert an einem Sozialdarwinismus, an Binsenwahrheiten, die angebliches Gemeinwohl rechtfertigen und an einseitigen Theoriemodellen, die den Menschen reduzieren. Und am Ende wird es interessant wenn Sedlácek fragt: „Was ist der Mensch unserer Ansicht nach?“ Denn das erfährt man im Laufe der Auseinandersetzung: es gibt weder ein ausreichend differenziertes und dabei definiertes Menschenbild, noch ist das Verhältnis, in das sich der Mensch zur Welt setzt, eines, das mathematisch-methodische Voraussagen für eine marktwirtschaftliche Zukunftsentwicklung erlaubt. Das Buch schließt mit einer Aufforderung: Noch mal zu überdenken  „Was ist der Mensch unserer Ansicht nach?“ und anschließend daran vielleicht: Was kann man wünschen, das er nach unserer Ansicht sei?

Ob dabei allerdings wirklich die Wertkategorien Gut und Böse hilfreich sind, oder durch ihre einfache Reduktion als Verkaufsförderung ihre Wirksamkeit entfalten … ? Die Seite „Tomás Sedlácek: die Ökonomie von Gut und Böse“ möchte zu den einzelnen Kapiteln des Buches Anregungen bieten.

Wie viele Theorien der Gerechtigkeit stehen zur Wahl?

Es ist doch jedes mal dasselbe: vor den Wahlen haben alle Parteien ähnliche Antworten auf die Fragen der Gerechtigkeit. Wie gut, dass sich wenigstens noch die philosophischen Grundlegungstheorien dazu unterscheiden! Bei genauerer Analyse der parteipolitischen Programme auf die zugrunde gelegten Menschenbilder und Gesellschaftstheorien hin werden dann doch die großen Unterschiede sichtbar

!Buch_Die_Wuerde_des_K.A._Titel_26102010

Roboter- Ethik

Das darf ja wohl nicht wahr sein: wir machen uns Gedanken über Roboter-Schutzgesetze! Es gibt einen neuen Forschungsbereich, der untersucht, warum wir mit einbeinigen und zerbeulten Robotern Mitleid empfinden, wie wir mithilfe eines angewandten Anthropomorphismus Objekte vermenschlichen und Gefühle auf sie übertrage. Dass im unten genannten Artikel von Johannes Wendt Tiere und Roboter in einem Atemzug genannt werden, ist absolut unzulässig. Interessant ist ein Schlüsselbegriff für die Entstehung unseres Mitleidens: autonomes Verhalten. Wenn man den Eindruck bekommt, dass eine Maschine selbständig Informationen verknüpft und daraus eine eigene Beurteilung der Situation ableitet, neigt man zur Zuschreibung von Urteilsfähigkeit. Aber halt: weder die ideelle Freiheit noch die Urteilsfähigkeit ist für ein Programm denkbar. Also die Vorstellung von autonomem Verhalten ist keine Begründung.

Aber die Vorstellung, mit allem Handeln seien Emotionen verknüpft, die genügt irrigerweise wider besseres Wissen, weil wir unser emotionales Handeln darin spiegeln. Es macht uns etwas aus, einen Roboter „leiden“ zu sehen, deshalb brauchen wir zum Schutz unserer Emotionen und Urteile Roboter-Schutzgesetze (?!)

Kate Darling im ZEIT online Artikel von Johannes Wendt, vom 10.05.2013:

Für sie, die auch Juristin ist, stellt sich daher die Frage, ob es nicht entsprechende Roboter-Rechte brauche. „Gesetze sind eine soziale Entscheidung, wie wir unser Leben gestalten wollen. Wenn wir nicht wollen, dass Pferde und Katzen gequält werden, verbieten wir das.“ Eine ähnliche Entscheidung werde auch bei Robotern bevorstehen, die mit uns sozial interagieren. „Es geht nicht darum, die Objekte zu schützen“, sagt Darling. „Es geht darum, die Werte unserer Gesellschaft und uns selbst zu schützen.“

http://www.zeit.de/digital/internet/2013-05/roboter-ethik-kate-darling/seite-1

Google Glass: Technik für Solitäre

Vom philosophischen Standpunkt aus stellt sich die Frage, inwieweit der Mensch durch den technischen Ausbau der Nutzung seiner Sinnesorgane noch mehr zum Solitär in der Gruppe der vielen Solitäre wird.

Vom politischen Standpunkt aus stellt sich die Frage, wer hat den Nutzen, Menschen noch stärker voneinander zu isolieren, anstatt sie über die Steigerung der Sinneswahrnehmung (so man Technik zur Wahrnehmungssteigerung zum Einsatz bringen möchte) mehr aufeinander zu beziehen.

Wenn wir mit Hilfe von Google Glass Töne über den Schädelknochen aufnehmen können, könnte man auch etwas entwickeln, das uns stärker in Bezug zu anderen Menschen setzt, wie zum Beispiel das Seitenlinienorgan der Fische, mit dem sie Bewegung im Wasser wahrnehmen und darauf reagieren?

Solitäre sind leichter zu handlen und abzulenken und entwickeln kein gemeinsames Potential. Zu Google Glass:

http://www.zeit.de/digital/mobil/2013-04/google-glass-technische-daten

Forschungsfeld Gender-Ökonomie

Schon vor vielen Jahren haben der indische Ökonom Amartya Sen und die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum den Zusammenhang von Sterberate und Geschlecht untersucht. Dem Thema wird nun endlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt – nicht aus gleichstellungspolitischen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen.

„Etliche Studien zeigen, dass dort, wo Frauen mehr zum Sozialprodukt beitragen, Wachstum und Wohlstand schneller und sozial ausgeglichener gedeihen.“ Aus diesem Grund hat die Ökonomie ein wachsendes Interesse daran, etwas gegen das weltweite Frauensterben zu tun. „Für die Bank steht seither außer Frage, dass es weltweit »erste Priorität« aller Frauenpolitik sein müsse, die »überhöhte Sterberate von Mädchen und Frauen zu reduzieren«.“ Gender- Ökonomie ist in der Weltbank angekommen. In der ZEIT vom 29.03. werden Untersuchungen gegeneinandergestellt, die die Absurdität und geschlechtsbezogene Menschenverachtung thematisieren unter dem Titel: Indien ermordet seine Frauen.

http://www.zeit.de/2013/13/Frauen-in-Indien/seite-2

Und doch bleibt es absurd, die Themen erst vor dem ökonomischen Hintergrund ernst zu nehmen.

Morgan Stanleys feministische Wette

Die Bundesregierung will zwar mal wieder die Frauenquote kippen, aber an der Diskussion über die Bedeutung kommt kein ernstzunehmendes Gremium mehr vorbei. Interessant ein Ansatz, ausgerechnet von einer amerikanischen Großbank: Überall wo Frauen in den Aufsichtsräten sitzen, sind die Renditen höher. Es wird ein Fond gegründet, der nur Unternehmen mit einer bestimmten Frauenquote aufnimmt: Die Frauenquote als wirtschaftlicher Vorteil. Wie schon so oft in der Geschichte scheint es auch hier die Entwicklung zu nehmen, dass eine politische Selbstverständlichkeit sich erst als Thema durchsetzten kann über den wirtschaftlichen Vorteil. Schade, wieder mal ein deutliches Zeichen für die Allmacht der Ökonomie. Was gesellschaftlich relevant ist, entscheiden Zahlen.

Am 27.03. von Kim Bode in der ZEIT:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/morgan-stanley-frauen-quote-2/seite-1

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑