Ein Highlight der Frankfurter Buchmesse 2017 war das Interview mit Robert Menasse, einem Autor, dessen Antworten immer sehr wohlüberlegt sind, auch wenn er spontan Scherze macht über eine schwierige Frage. Mit seinem Roman „Die Hauptstadt“ entwirft Menasse einen Entwurf für Europa gegen den erstarkenden Nationalismus. Seine Anleihen bei Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ zeigen die Wiederholungen in der Geschichte, die als solche entlarvt werden könnten, denn Politik ist schließlich immer etwas Menschengemachtes und Menschenerfahrenes, das in unserem kollektiven Gedächtnis eingeschrieben sein sollte. „Frankfurter Buchmesse 2017: Interview mit Robert Menasse – Schreiben gegen den Nationalismus in Europa“ weiterlesen
Dagmar Eger-Offel: Kohlhaas und der Sinn des Lebens
Es ist da, mein neuestes Werk aus der Schreibstube! Alle paar Jahre entsteht der Wunsch, aus den Skripten zu meinen Philosophiekursen auch mal was Gedrucktes in der Hand zu halten. Diesmal musste es jetzt gleich die ganz große Frage sein, nach Douglas Admas die „Ultimative Frage des Lebens, des Universums und dem ganzen Rest.“ Vielleicht ist es eine Art Selbstvergewisserung, was die Philosophie betrifft. Für mich steckte hinter der Fragestellung nach Sinn und Absurdität auch die Frage: Welchen Sinn hat es, zu philosophieren?
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Peter Härtling / André Gorz / Matthias Oden
Hab’ da noch von meinem SuB ein paar Bücher dieses Sommers, die keine Rezension bekommen, aber nicht unerwähnt bleiben sollen.
Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand.
Nach dem Tod von Peter Härtling, den ich vornehmlich als Kinderbuchautor kannte, habe ich mir ein kleines, schmuckes Buch bestellt mit dem Titel Niembsch oder Der Stillstand.
Eine Suite. Die Biographie eines Dichters des 19. Jahrhunderts hat ihn zu dieser bezaubernden Liebesgeschichte angeregt. Niembsch schreibt an einem Werk über Don Juan und erzählt auf ambitioniert poetische Art von seinen eigenen Liebesgeschichten. Es sind aber, im Unterschied zu Don Juan, einige wenige Frauen, die alle, auf unterschiedliche Art, tief in sein Leben eingreifen. Und am Ende begleitet er eine langjährige Geliebte beim Sterben. Dieses Erlebnis ist so einzigartig schön beschrieben, dass mir die Worte fehlen. Den Lyriker merkt man am Schreibstil überall und manchmal fiel es mir etwas schwer, die Geschichte sortiert zu bekommen.
Tim Marshall: Die Macht der Geographie
Da hat es doch tatsächlich ein Buch über Politik auf die Bestsellerliste geschafft! Interessieren sich Leute angesichts des grotesken politischen Gebarens auf der politischen Bühne wieder mehr für Politik? Wohl kaum. Das Buch verspricht Antworten, einfache Antworten. „Die Macht der Geographie“. Da hat man etwas, womit sich durch äußere, gegebene Einflüsse Weltpolitik erklären lässt. Und an der Geographie kann man schließlich auch nichts ändern. So viel gleich mal zu meinem Unbehagen, als ich das Buch in die Hand nahm.
Aber, ein großes Aber, Tim Marshall bleibt ja nicht in der Geographie stecken. Wer in komprimierter Form einmal etwas lesen möchte, das mit viel Wissen und Erfahrung einen Überblick bietet über politisch historische Zusammenhänge, der ist mit diesem Buch gut beraten. Immer im Bewusstsein, dass jedes Kapitel nur einen Ausschnitt bieten kann, der vielleicht zu zusätzlicher Lektüre anregt.
Programm Wintersemester 2017/18
Für das neue Semester des „Studium Generale“ hat „Literatur im Fenster“ wieder ein Allgemeinbildungsangebot für interessierte Menschen zusammengestellt, das in den Bereichen Geschichte, Literatur, Politik und Philosophie aktuelle und historische Themen zur Diskussion stellt. Ein großer Bogen wird gespannt vom Reformationsjahr bis zur Produktion von Feindbildern in der Politik der jüngsten Vergangenheit.
Es gibt sicher wieder viel Diskussionsstoff, nicht nur in Politik, wenn wir die Mechanismen von Politik mit der Angst gerade jetzt, kurz vor der Wahl diskutieren, auch in Literatur und Geschichte stellen wir die Gegenwart in den Kontext ihrer Historie oder umgekehrt, die Geschichte in den Kontext der Gegenwart. Und spannend wird auch die Frage nach dem Sinn in Philosophie, die wir mit verschiedenen philosophischen Theorien angehen.
Ein besonderer Hinweis noch auf eine Abendveranstaltung:
Maria Braig liest aus ihrem Roman „Spanische Dörfer“ am 20.10.2017 in Isny. Es ist die Geschichte einer Flucht und eine Geschichte über Diskriminierung und den Kampf um eigene Lebensgestaltung.
Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie
Zwei Bücher von Virginia Woolf standen schon lange im Regal und warteten. Zum Teil von Vorurteilen überschattet schien mir manches überholt, manches schwer verstehbar, aber immer auch mit einem gewissen Vorbehalt gegen diese zutiefst melancholische Dichterin. In ihre Gedankenwelt einzutauchen war ein Versuch. Es ist mir bei „Orlando“ nicht ganz gelungen. Der Roman ist gefüllt mit Bildern von kontemplativer Innenschau, verbunden mit einer Fabulierlust, die es hundert Jahre nach der Entstehung dem Leser nicht ganz leicht macht, die intertextuellen Bezüge, die Diskurse der Zeit und im Besonderen Woolfs poetische Experimente zu verstehen. Umso mehr kommt ein gewisses literaturhistorisches Interesse auf seine Kosten und die konventionellen Vorstellungen von Literatur werden herausgefordert und offengelegt. Wodurch? Nun ja, das Thema einer Geschlechtsverwandlung wurde bereits vielfach variiert in der Literatur, das ist es nicht, es ist vielmehr die Art und Weise. Man könnte sagen, der Essay „Ein eigenes Zimmer“ ist die Poetikvorlesung dazu. Es sind Vorträge, 1928 gehalten, die Frauen ermutigen, sich in eine eigene, neue Beziehung zur Welt zu setzen, mutig Bücher aller Art zu schreiben, die sich nicht an einem hegemonialen Kanon entlangarbeiten, sondern Geschichte anders sichtbar zu machen. Sie selbst als Autorin zeichnet mit Sprache phantastische Bilder, deren Struktur oftmals nicht zu entschlüsseln ist. Muss man auch nicht.
Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss!
Eine politische Utopie
Teil 1: Analyse
Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Gründerin und Direktorin des European Democracy Labs und Professorin und Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung in Krems/Österreich leitet ihre Utopie mit einem Rückblick auf 3000 Jahre Geschichte des Europäischen Kontinents ein. Dabei entwickelt sie eine Idee eines Europas als großer Republik mit politischer Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger der Nationalstaaten. Die EU, wie wir sie haben, ist eine Wirtschaftszone, der es am gemeinsamen politischen Konzept mangelt, auch der Maastricht Vertrag von 1992, der eine politische Union begründen wollte, ist auf politischer Ebene gescheitert. Der große Fehler liegt darin, dass die wesentlichen finanziellen Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen getroffen werden, so wird über Währung und Wirtschaft auf europäischer Ebene verhandelt, während über Steuer- und Sozialpolitik die Länder auf nationaler Ebene zu entscheiden haben. Die europäischen Bürger sind somit nicht gleichgestellt. Es herrscht ein Wettbewerb zwischen den Bürgern der europäischen Nationen, der von extremen Schieflagen gezeichnet ist. Die Verordnungen und Richtlinien, beschlossen in EU- Ausschüssen sind nicht demokratisch gefasst. Weder wählen die BürgerInnen ihre EU- Abgeordneten, noch gibt es eine Opposition im EU Parlament, noch fühlen sich die BürgerInnen als Souverän.
Europakarte des Mittelalters. About this photo: Title: Liber Floridus – Europe map, Creator: Paul K, License
Original source via Flickr
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Prosaminiatur: Lyskamm
Wir wollen auf 4350 Meter hinauf. Es fällt mir nicht schwer, ich bin fit, gehe ein gemäßigtes Tempo. Und heute weiß ich: es ist nicht das Gipfelerlebnis. Es ist das Gehen, das die Faszination ausmacht. Und hier oben, in dieser merklich dünner werdenden Luft, habe ich das Gefühl, nein, das Wissen, dass alles ganz einfach ist. Die Gedanken sind glasklar. Es stimmt nicht, dass man beim Bergsteigen seinen Alltag vergisst, nein, der Blick darauf ist ein anderer. Alles ist reduziert und vereinfacht. Es gibt nur einfache Entscheidungen, nichts was ablenkt. Mir erscheint mein eigenes Denken so einleuchtend wie das Glitzern der Schneekristalle um mich herum. Plötzlich weiß ich, wie ich die Struktur meines Doppellebens aufbauen muss, wie ich in der Lebenswelt meine verschiedenen Aufgaben unter einen Hut bringe, wie ich reagieren werde. Es wird alles so klar und leicht und ich freue mich auf alles, was in nächster Zeit auf mich zukommt, und ich freue mich einfach am Gehen, Schritt für Schritt hinauf.
Creative Commons, Urheber: Francofranco56
Jean Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag
Nun sind doch die USA mit einer der ersten demokratischen Verfassungen von 1788 Vorreiter in der Etablierung von Gewaltenteilung. Wenn sich ein Politiker mit der Geschichte der Theorien zur Demokratie befasst, muss ihm eigentlich klar sein, dass Demokratieverständnis in allererster Linie Beschränkung der Macht von Einzelnen bedeutet.
Also noch mal zurück zu den Anfängen: einer der Urväter aufgeklärter Staatstheorien ist Jean Jacques Rousseau mit „Der Gesellschaftsvertrag – oder Prinzipien des Staatsrechts“
Gleich in seiner Einleitung stellt er klar, worum es ihm zu tun ist:
„Ich möchte untersuchen, ob es innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung eine legitime und zuverlässige Regel für die Organisation des Staates geben kann, wenn man die Menschen so nimmt, wie sie sind, und die Gesetze so, wie sie sein könnten.“
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