Tim Marshall: Die Macht der Geographie

Da hat es doch tatsächlich ein Buch über Politik auf die Bestsellerliste geschafft! Interessieren sich Leute angesichts des grotesken politischen Gebarens auf der politischen Bühne wieder mehr für Politik? Wohl kaum. Das Buch verspricht Antworten, einfache Antworten. „Die Macht der Geographie“. Da hat man etwas, womit sich durch äußere, gegebene Einflüsse Weltpolitik erklären lässt. Und an der Geographie kann man schließlich auch nichts ändern. So viel gleich mal zu meinem Unbehagen, als ich das Buch in die Hand nahm.

Aber, ein großes Aber, Tim Marshall bleibt ja nicht in der Geographie stecken. Wer in komprimierter Form einmal etwas lesen möchte, das mit viel Wissen und Erfahrung einen Überblick bietet über politisch historische Zusammenhänge, der ist mit diesem Buch gut beraten. Immer im Bewusstsein, dass jedes Kapitel nur einen Ausschnitt bieten kann, der vielleicht zu zusätzlicher Lektüre anregt.

 

Tim Marshall hat schon eine Reihe von Preisen gewonnen für seine journalistische Arbeit und seit er aus dem Beruf als Vor-Ort-Journalist ausgestiegen ist, betreibt er verschiedene motivierte Projekte wie einen Blog, www.thewhatandthewhy.com, arbeitet als Redakteur bei Sky-News und hat eine Menge politische Publikationen zu verzeichnen. Der Originaltitel des vorliegenden Buches lautet: „Prisoners of Geography“. Das ist noch härter ausgedrückt. Natürlich wird einem einiges bewusst über Krisenstrategien, wenn man sich vor Augen führt, inwieweit die geographische Lage über die Möglichkeit am Welthandel teilzuhaben bestimmend ist. Zum Beispiel der Zugang zu ganzjährig befahrbaren Meereswegen. Russland hat das nicht, das Beringmeer ist über Monate nicht befahrbar. „Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt.“ Ehrgeiziges Projekt. Tatsächlich versäumt er es nicht, auch die Kolonialpolitik, z.B. im Nahen Osten in bezug auf die Geographie ins Visier zu nehmen:

„Der Begriff >>Sykes-Picot<< wurde zum Synonym für verschiedene Entscheidungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, mit denen Versprechungen an Stämme gebrochen wurden und die ein Stück weit die heutigen Unruhen und den Extremismus erklären. (…) Vor >>Sykes-Picot<< (im weiteren Sinne) gab es keinen Staat Syrien, ebenso wenig wie die Staaten Libanon, Jordanien, Irak, Saudi-Arabien, Kuwait, Israel oder Palästina.“ (Der Nahe Osten, S.162)

Auch für Afrika ist Kolonialpolitik und das willkürliche Linienziehen eine aggressive Machtdemonstration, die immer noch für viele Konflikte verantwortlich ist: „Die heutigen Bürgerkriege rühren partiell daher, dass die Kolonialisten unterschiedlichen Völkern erklärten, sie seien ein Volk in einem Staat, und dass dann, nachdem die Kolonialisten aus dem Land gejagt worden waren, ein Volk innerhalb des Staates zu dominieren begann und über alle herrschen wollte – damit war Gewalt vorprogrammiert.“ (S.138) Marshall versucht also, die Karten der politischen Geographie verständlich zu machen.

Zusätzlich zu diesen politischen Entwicklungen erzählt Marshall aber auch zum Teil von kulturellen Überlieferungen, z.B. vom Glaubensmythos des in Korea vom Berg herabgestiegenen Gottes, der eine Familie zur Heiligen Herrschenden kürt, deshalb ist Kim Jong Un immer noch quasi unantastbar. Marshall hat auch andere Bücher veröffentlicht, die sich mit Strukturen von Macht befassen, z.B. Worth Dying For: The Power and Politics of Flags, insofern ist die Beschäftigung mit dem Einfluss der Geographie nur eine Seite. Marshall hat 24 Jahre für BBC aus dreißig Ländern berichtet. Zwölf Kriege fanden statt in seiner Zeit als Journalist.

Aber wie viel Weltpolitik passt auf 300 Seiten? Da braucht man sich keine Illusionen zu machen. Gerade die vom Welthandel verursachten wirtschaftlichen Skandale werden nicht oder kaum thematisiert. Schließlich ist das Vorkommen bestimmter Ressourcen auch eine geographische Besonderheit und deren Ausbeutung gegenwärtig das, was weltweit unter den Global Players verhandelt wird. Aber das ist nicht Tim Marshalls Thema.

Tim Marshall: Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. Aus dem Englischen von Birgit Brandau. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2017, dtv Verlagsgesellschaft 2015.

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