Wie soll man verarbeiten, dass sich das ganze Leben, das eigene und das der Familienmitglieder, als ein anderes entpuppt, als man geglaubt hatte? Katrin Burseg zeichnet ein interessantes Panorama einer Künstlerfamilie, die durch einen Angriff von einer einstmals nahestehenden Person in ihren Grundfesten erschüttert und dazu gezwungen wird, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jedes Familienmitglied tut das auf seine je eigene Art. Es gibt zwar eine gemeinsame Vergangenheit, aber die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich. Das ist Katrin Burseg sehr gut gelungen: man versucht sich einer gemeinsamen Geschichte zu versichern und stellt fest, dass jeder Standpunkt innerhalb des Familiengefüges sehr unterschiedliche Wege der Erinnerung zeichnet.
Mit den Erinnerungsfetzen tauchen Bilder auf, aber auch Lücken. Der schmerzhafte Prozess, dessen es bedarf, um die Versatzstücke neu zu ordnen, bringt das Leben der Töchter des Künstlers Leo Kwant und der Fotografin Ada Kwant an den Rand des Ertragbaren.
Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes
Aus dem Italienischen übersetzt von Christine Burkhardt
Kleines, feines 200 Seiten Buch im gewohnten Cognetti-Stil. Die Berge, der Wunsch nach einem einfacheren, naturverbundeneren Leben und das wiederkehrende Scheitern, sowohl im städtischen Leben als auch bei den Berglern, diese Grundzutaten seiner Geschichten berühren mich immer wieder.
„Fausto war vierzig und auf der Suche nach einem Neuanfang, als er Zuflucht in Fontana Fredda fand.“
S.9
Er liebt die Direktheit, mit der die Natur ihn ergreift, in ihrer Schönheit und in ihrer Grausamkeit.
Antje Ravik Strubel: Blaue Frau
Es war die Autorin, die mich sehr berührt hat und die mir, noch nicht ganz zu Ende mit der Lektüre, einige zusätzliche Blickwinkel eröffnet hat. Wir hatten hier bei den Isnyer Literaturtagen die Freude, diese Schriftstellerin live zu erleben. Zur Einleitung erklärte sie, wie diese Figur, Adina, sie bewohnte, wie sie aus einer alten Geschichte als unfertige Figur wieder auftauchte, bei ihr einzog und die Wohnung nicht mehr verlassen wollte – was die Lektorin bei der ersten Rückfrage nicht gerade goutierte. Was sollte daraus werden?
Antje Ravik Strubel bietet ihren Figuren einen Ermöglichungsraum. Wer schreibt und dabei seine Figuren frei lassen kann, erlebt selbst die größtmögliche kreative Erweiterung und schafft für die Leser*innen eine Atmosphäre, die immer wieder über einen Storyplot hinauswächst. Damit hatte sie mich voll und ganz. Gerne hätte ich noch mit ihr darüber gesprochen, wie den Gestalten ihre Handlungselemente zuwachsen. Nächstes mal.
Benjamin Myers: Offene See
Eine Geschichte über das selbst gewählte Leben, Lieben und Sterben und die Elastizität der Zeit.
Der Erzähler der wunderbar bildhaften Geschichte ist ein in die Jahre gekommener Schriftsteller, wir vergessen das im Lauf der Geschichte und erinnern uns erst wieder ganz am Ende daran. Er blickt zurück auf die eine, entscheidende Etappe in seinem Leben, die ihn zu dem gemacht hat, was er geworden ist: die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, die zusammenfällt mit seinem Aufbruch ins Leben, ins Ungewisse, ins Poetische.
„Benjamin Myers: Offene See“ weiterlesenMartina Altschäfer: Andrin
Eine Ghostwriterin macht sich auf den Weg nach Italien, um dort entspannt in Klausur zu gehen, für ein Premium-Projekt ihres Verlags, bei dem sie für einen von seiner eigenen Großartigkeit geblendeten Unternehmer eine Biographie verfassen soll. In den Schweizer Bergen landet sie durch verschiedene Umstände und eigenen Trotz in einem Bergdorf, in dem sie dann völlig unerwartet Monate verbringt. Und hier beginnt die zauberhafte Geschichte eines „nebenbei“ ereigneten Ausstiegs in eine Landschaft und eine Atmosphäre, in die die Leserin der Protagonistin sofort folgen möchte. Auch wenn die Berglandschaft keineswegs heimelig beschrieben wird, sondern allem etwas Unwägbares anhängt, so ist doch das Sich-Einfügen in die Umgebung von einem magischen Zauber begleitet. „Martina Altschäfer: Andrin“ weiterlesen
Michel Houellebecq: Serotonin
Der Klappentext verspricht eine Abrechnung mit der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik – und mit sich selbst. Durch Zweidrittel des Romans habe ich gewartet auf diese Abrechnung, bis mir klar wurde, dass die Perspektive des um sich selbst kreisenden Individuums zur Abrechnung gar nicht fähig ist, es nimmt die Außenphänomene allenfalls zur Bestätigung seiner selbstzerstörerischen Stimmung auf.
Nun ist Serotonin ein Hormon und Neurotransmitter, der über das Zentralnervensystem erheblich auf die Stimmung wirkt, auf verschiedene Funktionen in mehreren Körpersystem und unter anderem die Blutgerinnung. Wo Serotonin fehlt, verstopft das System. In seiner schlechtesten Phase, nach einer Beziehung mit einer Nymphomanin, verkriecht sich der Protagonist in einem Ferienhaus bei einem alten Schulfreund, dessen Landwirtschaftsbetrieb vor dem Aus steht. Die Milchquote. „Michel Houellebecq: Serotonin“ weiterlesen
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Das Big Jubilee Project zum 50 jährigen Bestehen der Europäischen Kommission, geleitet von einer ehrgeizigen Karrieristin, ist von Beginn an zur Farce verurteilt, denn von Anfang bis Ende macht ein nicht zu fassendes Schwein die Straßen Brüssels unsicher.
Robert Menasse erzählt über politische Machtstrukturen, menschliche Leidenschaften und zwischenmenschliche Unwägbarkeiten, die das Jubilee Project torpedieren. Dabei wäre die Aufgabe ganz einfach: „Aus der Geschichte lernen heißt bekanntlich: Nie wieder!“ Der clevere Referent Susman nimmt die Idee ernst und begründet, warum Ausschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission gelten kann und warum man am besten dort eine Hauptstadt Europas errichten sollte:
Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst
Wie werden wir nur dieses verdammte Kapital wieder los?
Ein Schelmenroman soll’s sein, voller Ironie. Ingo Schulzes opulenter 600 Seiten Roman erzählt ab der Jugendzeit die Entwicklung eines jungen Mannes, der stets getragen von einem unumstößlichen Idealismus voller Überzeugung nach der Wende 1989 sein Fähnlein in die andere Richtung hängt, aber immer mit Inbrunst das Gute für die Allgemeinheit will. Ingo Schulze sagt im Interview im Tagesspiegel:
„Ich war nicht naiv genug, um mir so etwas wie den Herbst 1989 wirklich vorstellen zu können. Aber als es dann da war, war ich, wie Peter Holtz, davon überzeugt, jetzt wird daraus tatsächlich eine demokratische Republik, ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz.“ „Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ weiterlesen
Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.
Die fiktive Begegnung zweier Gelehrter unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die sich aneinander reiben und gleichzeitig im Roman als Persönlichkeit sichtbar werden, ist ein Erzählkonstrukt, das mir schon bei Yaloms „Und Nietzsche weinte“ und bei Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ sehr gut gefallen hat. Natürlich, ein Roman ist ein Roman, aber es kann auch ein Genuss sein, gewisse faktische Zusammenhänge oder theoretische Konstrukte im Licht einer Geschichte noch mal anders zu denken.
„Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.“ weiterlesen
Mirko Bonné: Lichter als der Tag
Wieder steht er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Mirko Bonné, ein Schriftsteller, der sein Handwerk sehr gut beherrscht, der es versteht, eine Atmosphäre zu kreieren, die einen Sog entwickelt in das Innenleben des Hauptprotagonisten hinein, in seine Verzweiflungen und Widersprüchlichkeiten. Es sind immer tragische Figuren, die vom Leben in eine Tiefe gerissen wurden, aus der heraus sie einen anderen Blick für die Nuancen von Dunkelheit und Helligkeit entwickeln. Und das ist der einmalige Lesegenuss an den Romanen Bonnés, dieses besondere Gefühl eines vom Leben Mitgenommenen, der nicht nur die Schattenseiten, sondern auch die leuchtenden Momente besonders intensiv beschreiben kann, immer begleitet von einem ganz speziellen Glück der Melancholie.
