Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.

Die fiktive Begegnung zweier Gelehrter unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die sich aneinander reiben und gleichzeitig im Roman als Persönlichkeit sichtbar werden, ist ein Erzählkonstrukt, das mir schon bei Yaloms „Und Nietzsche weinte“ und bei Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ sehr gut gefallen hat. Natürlich, ein Roman ist ein Roman, aber es kann auch ein Genuss sein, gewisse faktische Zusammenhänge oder theoretische Konstrukte im Licht einer Geschichte noch mal anders zu denken.

Also 2017 fiel ja bekanntermaßen die große Feier zum Jubiläum der Russischen Revolution aus. Nachdem in Russland die traditionellen Oligarchen restaurativ alte Besitzverhältnisse hergestellt haben und autoritative beinahe zaristische Machtstrukturen die Konjunktur einer interessengesteuerten Marktwirtschaft fördern, ist es auf der anderen Seite um so interessanter, sich diese 150 Jahre alten Ideen aus Marx’ ens „Das Kapital“ noch mal anzuschauen. Verschiedene Neuveröffentlichungen bei uns, z.B. „Marx. Der Unvollendete“ (Jürgen Neffe) oder „Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Theorie die Welt eroberte“ (Christina Morina) bieten noch einmal einen Blick in eine nostalgische Kristallkugel, als eine Wende noch gedacht werden konnte. Die Lektüre ist vielleicht einer Sehnsucht nach einer Alternative geschuldet oder aber auch einer historischen Verantwortung.

„Und Marx stand still in Darwins Garten“ ist nun eine Erzähl-Geschichte über zwei Persönlichkeiten, deren Theorien die Welt veränderten. Ilona Jerger hat ausführlich auch in den privaten Briefwechseln recherchiert, um die Beiden zu charakterisieren. Das Zentrum der Erzählung bildet eine fiktive Begegnung, von der sich Marx erhoffte, dass Darwin in seinem Sinne endlich Position bezieht, was die Abschaffung Gottes angeht. Doch Darwin, das ist bekannt, bei allen Angriffen und Unterstellungen der Gottlosigkeit, hat bis zum Schluss keinen eindeutigen Standpunkt eingenommen – für sich selbst schon, aber nicht im Sinne der Atheisten, die ihn für sich instrumentalisieren wollten.

Ilona Jerger konstruiert die Geschichte als eine Begegnung der ins Alter gekommenen Männer, die von einem verständigen jungen Arzt behandelt werden, dessen unkonventionelle Methode darin besteht, über intensive Gespräche mit seinen Patienten für ihre somatischen Beschwerden an die psychischen Zusammenhänge zu rühren.

Darwins tiefste Erschütterung als gläubiger Mensch war ein Erdbeben 1835 in Südamerika, das ihn fragen ließ: Warum lässt Gott so etwas zu? Nicht von ungefähr erinnert es an das bekannte Erdbeben von Lissabon 1755, das unter den Aufklärern der damaligen Zeit heftige Debatten um die Emanzipation vom Glauben ausgelöst hat. Bei Darwin führte das Ereignis dazu, in nie versiegender Wissbegier die Naturgesetze verstehen zu wollen, aber mit der Hintertür, dass in den Naturgesetzen selbst vielleicht Gott zu finden sei.

Es sind eine Menge Gemeinplätze, die hier betreten werden, aber es gibt auch einige interessante Gedankenkonstrukte.

„Vor einigen Tagen wurde mir plötzlich klar, dass die Verbindung zwischen ihren beiden Theorien einen klingenden Namen trägt. Sie heißt Paradies.“ (S.136)

Indem Darwin die biblische Schöpfung abschaffte, wurde auch der schöpferische Gott, der ein Paradies im Jenseits für uns errichtet hat, obsolet. „Wenn die Menschen nicht mehr auf das Traumland im Jenseits hoffen können, dann sind sie endlich bereit, für ein gutes Leben im Diesseits zu kämpfen … Jetzt kommt Marx ins Spiel …“ (S.137)

Ja, es ist ein Unterhaltungsroman, aber es ist einer, der Spaß macht und einer, der verführt. Ilona Jerger hat Evolution und Revolution in ein erzählerisches Verhältnis gesetzt und dabei gut recherchiert.

 

Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2017

Besprechung bei transitnuremberg

3 Kommentare zu „Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.

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  1. Danke für Deine Besprechung. Das Buch kam kürzlich als Geschenk zu mir, und ich habe es gerade ausgelesen. Ilona Jerger ist eine spannende Geschichte gelungen, wie es hätte sein können, wenn sich Darwin und Marx damals in der Londoner Umgebung getroffen hätten. Sie blickt belesen in beider Lebensläufe, schildert ihr morbides Altersleben und führt über die Gespräche mit dem fiktiven beiderseitigen Hausarzt zu anregenden Betrachtungen über die „Lage der arbeitenden Klasse in England“, religions- und kirchenkritischen Aspekten, mit dem sehr privaten Blick in die Wohnzimmer der beiden hin zu anteilnehmenden Geschichten von Darwin mit Emma, Marx mit Jenny und Lenchen. Ilona Jerger erläutert England im 19. Jahrhundert, in unserem 21. Jahrhundert nachklingend, mit herbstlicher Betrachtung der Natur, wissenschaftsgeschichtlichen, politischen wie religiösen Debatten.
    „Dass ihr Engländer sogar in der Natur das kapitalistische Hauen und Stechen sehen wollt. Überall Kampf und das Stärkere muss siegen!“ Marx ballte seine Faust, reckte sie in die Luft und ließ sie auf Darwins Buch niedersausen. „Dabei handelt es sich um einen klasssichen Zirkelschluss.“ Er zeichnete mit dem Zeigefinger Kreise in die Luft. „Darwin hat den Kampf ums Überleben, den er im kapitalistischen Sytem beobachtet hat, auf Tiere und Pflanzen übertragen. Nein, es ist kein Zufall, dass er in der Natur seine englische Klassengesellschaft wiedererkennt.“ (S. 108-109)
    In Ilona Jergers Wiedergabe berührt mich, wie sie auf Marxens Emigration eingeht: „Im Ton beiläufig, sagte Doktor Beckett, Entwurzelung und Vertreibung würden den Menschen doch arg zusetzen. Er habe noch andere Exilanten unter seinen Patienten und habe mit ansehen müssen, was Heimatlosigkeit mit ihnen anrichte. Das Verlassen der Familie. Die fremde Sprache. Die andere Kultur. Verfolgt sein. Ausspioniert werden. … “ (S. 113)
    Die fiktive Begegnung von Darwin und Marx im Kapitel „Tischgebet mit Ungläubigen“ schildert die Autorin gedankenreich und köstlich. So teile ich die Buch-Empfehlung
    Viele Grüße, Bernd

    1. Danke lieber Bernd, tolle Ergänzung zur Buchbesprechung! Ich werds wohl im nächsten Semester in einem Präsenz- Literaturseminar noch ausführlicher besprechen, auch in Verbindung mit einiger neuerer Lektüre zu Karl Marx.
      LG
      Dagmar

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