Antje Ravik Strubel: Blaue Frau

Es war die Autorin, die mich sehr berührt hat und die mir, noch nicht ganz zu Ende mit der Lektüre, einige zusätzliche Blickwinkel eröffnet hat. Wir hatten hier bei den Isnyer Literaturtagen die Freude, diese Schriftstellerin live zu erleben. Zur Einleitung erklärte sie, wie diese Figur, Adina, sie bewohnte, wie sie aus einer alten Geschichte als unfertige Figur wieder auftauchte, bei ihr einzog und die Wohnung nicht mehr verlassen wollte – was die Lektorin bei der ersten Rückfrage nicht gerade goutierte. Was sollte daraus werden?
Antje Ravik Strubel bietet ihren Figuren einen Ermöglichungsraum. Wer schreibt und dabei seine Figuren frei lassen kann, erlebt selbst die größtmögliche kreative Erweiterung und schafft für die Leser*innen eine Atmosphäre, die immer wieder über einen Storyplot hinauswächst. Damit hatte sie mich voll und ganz. Gerne hätte ich noch mit ihr darüber gesprochen, wie den Gestalten ihre Handlungselemente zuwachsen. Nächstes mal.

Die Blaue Frau als titelgebende Figur ist eine Zwischenfigur, wie die Autorin sagt, eine notwendige Figur, mit der sie sich über das Schreiben unterhält. „Ohne die Blaue Frau hätte es dieses Buch nicht gegeben“ (Antje Ravik Strubel)

„Wenn die blaue Frau auftaucht, muss die Erzählung innehalten.“
S.17

Adina. Der letzte Mohikaner ist die Person, die sie sieht, die sie in sich trägt, wenn sie die äußeren Schichten ablegt, wenn sie sich freimacht von Konventionen, von Erwartungen, von der Zeit. Der letzte Mohikaner ist in meiner Erinnerung der, der große Opfer bringt für seine Überzeugung, ist der, der stirbt am Ende für die Liebe.
Eine zeitlang rettet die Liebe sie über das hinweg, was ihr widerfahren ist. Es geht im Herzen der Geschichte um den Gewaltakt, der so viel tausendmal beschrieben, täglich so vielen widerfährt. Hier braucht er die Beschreibung nicht. Wir erfahren alles, alles, was danach mit solch’ einem Opfer geschieht, alles darüber, wie sich die Welt und ein Leben in einer Welt verändert. Die Liebe zu Leonides, einem Professor, EU-Parlamentarier, Kämpfer für die Menschenrechte, ist für Monate eine Alternative, in der sie sich etwas beruhigt. Bis, ja bis, dieser „Multiplikator“ – was für ein treffender Begriff in vielerlei Hinsicht! – wieder auftaucht.
Die Politik ist ein wesentliches Element des Gestaltungsrahmens in dieser Geschichte, denn: wenn ein Kulturattaché mit seinem Fetisch für Russland nicht bereit ist zu unterscheiden zwischen Menschen aus unterschiedlichen europäischen Regionen und die tschechische Europäerin seinem russischen Fetisch opfert, dann wird hier ein komplexes politisches und gesellschaftliches Problem evident, das über die mainstream-Diversitätsfragen hinausgeht: wie können wir je glauben, mit unseren Vorstellungen von Diversität unserem eigenen Anspruch gerecht werden zu können, muss es nicht bis ins Individuelle reichen?
Mit 20 Jahren verlässt Adina ihr Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze, sie will nach Berlin, um zu studieren, um etwas zu werden, um ihre Mutter stolz zu machen. Sie lernt in Berlin eine Fotografin kennen, die mit ihrer Queer-Community eine Abgrenzung zur gesellschaftlichen Cisgender-Heteronormativität markiert. Sie ist die einzige, der es gelingt den Mohikaner auf einem Foto freizulegen.
Aber Adina muss weg aus Berlin, ein Praktikum, wenig Geld, ihre Tipps, die nicht ausreichen um in den neuen Bundesländern genügend Geld für Kulturarbeit zu generieren, einige ungünstige Entwicklungen und das Gefühl, jemandem etwas zu schulden, bringen sie in die furchtbare Situation des Ausgeliefertseins. In diesem Fall: dem „Multiplikator“.
Der Roman liest sich sehr aufwühlend und bewegend, er ist durcheinandergewürfelt und spiegelt die unzusammenhängende Zeit. Die Zeit ist gefaltet in dieser Geschichte.


„Keiner hatte sie gewarnt. Keiner war da gewesen, um sie vor dem Räuspern zu schützen, vor diesem deutschen Gespenst, das aus dem Nichts gekommen war. Das die glatte Oberfläche der Gegenwart zerrissen hatte, aufgetaucht war aus den Untiefen der Zeit, das seinen hässlichen Weg ins Schloss gefunden hatte, ins verwunschene Schloss hinter dem Meer, hinter drei Grenzen, drei Sprachen, hinter einem ganzen Kontinent, aber wenn sie Märchen erzählte, hatte er gesagt, fand er sie überall. Und Leonides, statt diesen Mann vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen, fiel auf ihn herein.“
S.111/12

Für die Autorin ist es vor allem auch ein Roman darüber, wie die Gesellschaft – trotz allem immer noch – reagiert und nicht reagiert auf diese häufigste Form der Gewalt. Nach wie vor herrschte eine Atmosphäre, in der die betroffenen Frauen nur zu etwas zehn Prozent der tatsächlichen Fälle eine Vergewaltigung anzeigen. Und von diesen zehn Prozent werden wiederum nur etwas zehn Prozent verurteilt. Also neunundneunzig von hundert Vergewaltigungen bleiben ungesühnt.
Ein wichtiges Buch!

Antje Ravik Strubel: Blaue Frau
S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2021

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