Peter Härtling / André Gorz / Matthias Oden

Hab’ da noch von meinem SuB ein paar Bücher dieses Sommers, die keine Rezension bekommen, aber nicht unerwähnt bleiben sollen.

Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand.
Nach dem Tod von Peter Härtling, den ich vornehmlich als Kinderbuchautor kannte, habe ich mir ein kleines, schmuckes Buch bestellt mit dem Titel Niembsch oder Der Stillstand.
Eine Suite. Die Biographie eines Dichters des 19. Jahrhunderts hat ihn zu dieser bezaubernden Liebesgeschichte angeregt. Niembsch schreibt an einem Werk über Don Juan und erzählt auf ambitioniert poetische Art von seinen eigenen Liebesgeschichten. Es sind aber, im Unterschied zu Don Juan, einige wenige Frauen, die alle, auf unterschiedliche Art, tief in sein Leben eingreifen. Und am Ende begleitet er eine langjährige Geliebte beim Sterben. Dieses Erlebnis ist so einzigartig schön beschrieben, dass mir die Worte fehlen. Den Lyriker merkt man am Schreibstil überall und manchmal fiel es mir etwas schwer, die Geschichte sortiert zu bekommen.

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Tim Marshall: Die Macht der Geographie

Da hat es doch tatsächlich ein Buch über Politik auf die Bestsellerliste geschafft! Interessieren sich Leute angesichts des grotesken politischen Gebarens auf der politischen Bühne wieder mehr für Politik? Wohl kaum. Das Buch verspricht Antworten, einfache Antworten. „Die Macht der Geographie“. Da hat man etwas, womit sich durch äußere, gegebene Einflüsse Weltpolitik erklären lässt. Und an der Geographie kann man schließlich auch nichts ändern. So viel gleich mal zu meinem Unbehagen, als ich das Buch in die Hand nahm.

Aber, ein großes Aber, Tim Marshall bleibt ja nicht in der Geographie stecken. Wer in komprimierter Form einmal etwas lesen möchte, das mit viel Wissen und Erfahrung einen Überblick bietet über politisch historische Zusammenhänge, der ist mit diesem Buch gut beraten. Immer im Bewusstsein, dass jedes Kapitel nur einen Ausschnitt bieten kann, der vielleicht zu zusätzlicher Lektüre anregt.

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Programm Wintersemester 2017/18

Für das neue Semester des „Studium Generale“ hat „Literatur im Fenster“ wieder ein Allgemeinbildungsangebot für interessierte Menschen zusammengestellt, das in den Bereichen Geschichte, Literatur, Politik und Philosophie aktuelle und historische Themen zur Diskussion stellt. Ein großer Bogen wird gespannt vom Reformationsjahr bis zur Produktion von Feindbildern in der Politik der jüngsten Vergangenheit.

Es gibt sicher wieder viel Diskussionsstoff, nicht nur in Politik, wenn wir die Mechanismen von Politik mit der Angst gerade jetzt, kurz vor der Wahl diskutieren, auch in Literatur und Geschichte stellen wir die Gegenwart in den Kontext ihrer Historie oder umgekehrt, die Geschichte in den Kontext der Gegenwart. Und spannend wird auch die Frage nach dem Sinn in Philosophie, die wir mit verschiedenen philosophischen Theorien angehen.

Ein besonderer Hinweis noch auf eine Abendveranstaltung:
Maria Braig liest aus ihrem Roman „Spanische Dörfer“ am 20.10.2017 in Isny. Es ist die Geschichte einer Flucht und eine Geschichte über Diskriminierung und den Kampf um eigene Lebensgestaltung.

 

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Womit könnte man der „Fifty-Shades-of-Grey-Generation“ die Madame Bovary schmackhaft machen? Sicher nicht mit dem zunächst beinahe banalen Storyplot eines Liebesdramas aus dem 19. Jahrhundert. Und doch. Es steckt etwas darin, etwas vom ewigen Wahnsinn der leidenschaftlichen Liebe, etwas von der Versuchung des Verderbten und etwas von dem Sog, den die Sehnsucht, bis zum Letzten zu gehen, und sei es um den Preis des Lebens, damals wie heute ausübt.

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Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie

Zwei Bücher von Virginia Woolf standen schon lange im Regal und warteten. Zum Teil von Vorurteilen überschattet schien mir manches überholt, manches schwer verstehbar, aber immer auch mit einem gewissen Vorbehalt gegen diese zutiefst melancholische Dichterin. In ihre Gedankenwelt einzutauchen war ein Versuch. Es ist mir bei „Orlando“ nicht ganz gelungen. Der Roman ist gefüllt mit Bildern von kontemplativer Innenschau, verbunden mit einer Fabulierlust, die es hundert Jahre nach der Entstehung dem Leser nicht ganz leicht macht, die intertextuellen Bezüge, die Diskurse der Zeit und im Besonderen Woolfs poetische Experimente zu verstehen. Umso mehr kommt ein gewisses literaturhistorisches Interesse auf seine Kosten und die konventionellen Vorstellungen von Literatur werden herausgefordert und offengelegt. Wodurch? Nun ja, das Thema einer Geschlechtsverwandlung wurde bereits vielfach variiert in der Literatur, das ist es nicht, es ist vielmehr die Art und Weise. Man könnte sagen, der Essay „Ein eigenes Zimmer“ ist die Poetikvorlesung dazu. Es sind Vorträge, 1928 gehalten, die Frauen ermutigen, sich in eine eigene, neue Beziehung zur Welt zu setzen, mutig Bücher aller Art zu schreiben, die sich nicht an einem hegemonialen Kanon entlangarbeiten, sondern Geschichte anders sichtbar zu machen. Sie selbst als Autorin zeichnet mit Sprache phantastische Bilder, deren Struktur oftmals nicht zu entschlüsseln ist. Muss man auch nicht.

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Franz-Xaver Kaufmann: Sozialstaat als Kultur

Kann der Sozialstaat als normatives Projekt auf Europa ausgeweitet werden? Oder können wir unterschiedliche gewachsene Wertsetzungsmodelle vergleichend gegeneinanderhalten und auf ihre Vereinbarkeit überprüfen am Begriff der Solidarität?

Der Sammelband von Kaufmann verbindet von 1999 bis 2014 die Grundlegungen zu den Voraussetzungen eines europäischen Sozial- oder Wohlfahrtsstaats. Gesammelt sind Beiträge zur Sozialstaatstheorie, die immer noch Gültigkeit beanspruchen, gleichwohl aber auch weiterer Aktualisierung bedürfen. Der hier daraus besprochene Vortrag „Die Tauglichkeit des Sozialstaats“ stammt von 2013.

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Yuval Noah Harari: Homo Deus – Eine Geschichte von morgen

Die neue menschliche Agenda – was sind die Aufgaben der Zukunft? Was passiert, wenn die nächsten Ziele der Menschheit Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein werden, weil wir mit intelligenter Technologie alle „technischen“ Probleme lösen können? Auf sehr intelligente und gut lesbare Art und Weise führt uns der israelische Historiker Harari zuerst ein in seine Herleitung der Grundmotivationen allen Strebens und Entwickelns. Das Streben nach Glück ist eine davon und während mit zunehmendem Glück gleichzeitig die Toleranz gegenüber unangenehmen Empfindungen stetig abnimmt – und in Folge dessen das Glück gar nicht zunehmen kann – gehen wir soweit, uns über die Biotechnologie (Bioengineering) noch mehr Glück zu versprechen, indem wir Leid und Schmerz so weit verbannen, dass wir in unserem Optimierungswahn den Gencode umentwickeln, den Menschen mit nicht-organischen Apparaten verschmelzen, ihn mit Nanorobotern ausstatten, der die Schäden am menschlichen Cyborg sofort repariert und haben keine Ahnung, was diese zukünftigen Menschen, die keine Menschen in unserem Sinne mehr sein werden, mit der intelligenten Technologie weiterhin anstellen.

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George Orwell: 1984

Ein Klassiker erlebt eine Renaissance. Anfang des Jahres wurde diese Dystopie mit „Doppeldenk“ und „Neusprech“ vor allem in den USA wieder verstärkt rezipiert, was mit den Strategien Donald Trumps in Verbindung gebracht wurde. „Alternative Fakten“ kommen dem „Doppeldenk“ nach Orwell ziemlich nahe. Aber die eigentlichen Fragen, die hier bereits 1949 thematisiert wurden, gehen viel tiefer. Damals ging es um die Verhältnismäßigkeit zwischen Einzelnem und einem politischen System, das als Legitimation autoritär- diktatorischen Regierens das Wohl der Bürger auf seine Fahnen schreibt. Eine Frage, die Orwell in diesem Roman aufwirft: Was wird aus dem Menschen, wenn er für die Armeen nicht mehr benötigt wird? Für die Stabilisierung von Hierarchien braucht die Elite den Massenmenschen nicht mehr. Noch weiter, noch tiefer gehend zeigt Orwells Roman, dass wir uns durchaus unserer Selbst nicht sicher sein können. Am Ende steht als Frage im Raum: Wie viel bleibt übrig von dem, was wir „Selbst“ oder „Ich“ nennen, oder von einem „Willen“? Interessant an der Lektüre solcher Romane mit Modellcharakter sind natürlich immer auch die möglichen Übertragungen auf die Gegenwart, auf eine Zukunft: Welche Rolle spielt das Individuum in Zukunft, im Zuge der Entwicklungen in einer technisierten, von Daten gesteuerten Welt und wird nicht der gewöhnliche Mensch überflüssig?

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Niah Finnik: Fuchstteufelsstill

Schon beim Aufschreiben von Name und Titel kennzeichnet das Programm jedes Wort rot, was so viel heißt wie: „Fehler“ oder „nicht im gespeicherten Wortschatz vorhanden“. Und so liest sich das ganze Buch: die außergewöhnliche Perspektive einer Autistin, die nach einem Suizidversuch in einer Klinik Freundschaften schließt und die ständige Kollision ihrer Wahrnehmung mit der „gewöhnlichen“ Interpretation von Welt, öffnet Fenster und Türen in bisher ungekannte Gedankenkonstrukte. Wenn man hier damit anfangen möchte, außergewöhnliche Stellen zu markieren, kommt man nicht zum Lesen. Das Buch ist voller Gedankenverknüpfungen, die „nicht im gespeicherten Wortschatz vorhanden“ sind. Und trotzdem werden sie auf eine Art und Weise transportiert, dass der Leser, die Leserin sehr schnell und leicht ein Verständnis für die Figuren empfindet und in ihrer Infragestellung der „gewöhnlichen“ Welt mit ihnen sympathisiert.

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Sharon Dodua Otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …

Es war ein bezauberndes Erlebnis, die Bachmannpreisträgerin 2016 im uralten, halboffenen Dachstuhl der Appretur in Isny live zu hören und im Gespräch nach der Lesung eine Menge Persönliches von ihr zu erfahren, das auch auf abstrakter Ebene reichlich Stoff zur Reflektion bietet.
Zu ihrer Erzählung erklärte Otoo, dass es ihr darauf ankam, die Figur einer schwarzen Frau zu gestalten, mit der man sich identifizieren könne, weil das, was geschildert wird, jedem Menschen bekannt ist. Ohne das Schild „Migrationshintergrund“ vor die Figur zu stellen, gewinnt eine Protagonistin Gestalt, die der Leser zuerst einmal als Europäerin wahrnimmt. Die besonderen Emotionen, die durch Reaktionen auf die Hautfarbe entstehen, das sind nach Otoo die Momente, auf die es ihr ankam.

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