Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends

Eine der Geschichten von Christa Wolf, die unvergessen und zeitlos bleiben, weil sie, sowohl historisch als auch politisch, auf mehreren Ebenen spielen.

Karoline von Günderode und Heinrich von Kleist sind sich in Wirklichkeit nie begegnet. Christa Wolf inszeniert einen Nachmittagstee einer illustren, avantgardistischen Gesellschaft um 1804, bei der sich die beiden Schriftsteller taxieren, gegenseitig vermessen, die gemeinsame Leidenschaft des Schreibens beschwören und ihre Unterschiedlichkeit im Leiden daran analysieren. Zwei Selbstmörder in einem Raum, die über gesellschaftliche Zwänge disputieren und über die Unmöglichkeit, im Schreiben einfach nur „genial“ zu sein.

Es sind Christa Wolfs Themen, die sie der Günderode in den Mund legt. Und wir erfahren einiges dabei über die Situation der Frau als Schriftstellerin um 1800 und erfahren indirekt etwas über den Zwang des „normierten“ Schreibens unter dem Regime der DDR. Wie sehr Christa Wolf als kreative Autorin darunter zu leiden hatte, erzählt sie in „Was bleibt“.

„Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends“ weiterlesen

Margaret Atwood: Der Report der Magd

Wieder mal hat mich ein Klassiker gepackt, dieser hier aus der feministischen Literaturecke der Achtziger, verfilmt von Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“, aktuell noch mal neu als Serie aufgerollt unter dem Originaltitel „The Handmaid’s Tale“ (Artikel in der ZEIT vom 11.5.2017).

Die Geschichte erzählt von einer amerikanischen Stadt oder einem Teilstaat in der Mitte des 21. Jahrhunderts, in dem durch verschiedene Katastrophen, politische, umwelttechnische, kriegerische Ausblutungen der Erde und des Menschen dazu geführt haben, dass der höchste Wert die Fruchtbarkeit der Frau ist, denn die meisten Männer und Frauen sind steril geworden. Die Schizophrenie von Anbetung und Macht führt aber auch hier zu einem eklatanten Missverhältnis. Anstatt dieses Kostbarste, diese fruchtbaren Frauen in Ehren zu halten, werden sie versklavt und als Mägde unter den Kommandanten zum Austragen derer Leibesfrucht missbraucht. Diese Mägde verlieren ihre eigene Identität und bekommen den Namen des Mannes mit einem besitzanzeigen Fürwort: die Frau von Fred ist Offred. Aber nicht einmal dieser Name gehört ihr. Wenn eines Tages Offred verschwindet, weil ihre Maskerade der gläubigen Unterwürfigkeit einen Riss bekommen hat, steht an ihrer Stelle am nächsten Tag eine neue Offred. Ausgebildet werden sie dafür von den sogenannten Tanten, auch hier nach dem Motto: gib einigen Privilegierten ein wenig Macht über andere. Und dabei ist alles so offensichtlich.

„Margaret Atwood: Der Report der Magd“ weiterlesen

Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss! 2.Teil

Teil 2: Die Utopie

Seit vergangenem Sonntag hören wir auf allen politischen Plattformen „Macron fordert ein Umdenken für Europa“. Genau dazu haben PolitikwissenschaftlerInnen wie Ulrike Guérot im Vorfeld eine Menge gearbeitet und bereits Utopien geliefert:

„Wir könnten uns das Gros der Brüsseler Bürokratie sparen, wenn wir uns auf eine schlanke europäisierte Verwaltung einließen, deren Rechts- und Verwaltungsakte auf dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz für alle europäischen Bürger beruhen würde.“ (S. 145) Bestechendes Argument. Aber was würde dieser Gleichheitsgrundsatz bedeuten, und warum wehren sich die Länder, speziell die Deutschen, dagegen?

„Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss! 2.Teil“ weiterlesen

Jonas Lüscher: Kraft

Why whatever is, is right and why we still can improve it?

Jonas Lüscher erzählt die Geschichte eines Professors für Rhetorik, dessen gefühlte Omnipotenz zu bröckeln beginnt, als er sich der Herausforderung einer Preisfrage zur Rechtfertigung der besten aller Welten stellt.

Die Theodizee wird in Lüschers Roman gekreuzt von einer Oikozidee – die freie Hand des Marktes nutzt allen, auch den Ärmsten – und einer Technozidee – die technischen Entwicklungen sind in allen Fällen ein Voranbringen der Menschheit – leider überall mit dem Problem, das wir schon bei Gott hatten: wie kann man die begleitenden Übel rechtfertigen und trotzdem behaupten … Nun denn, in der Technozidee sieht Kraft nicht als größtes Problem, dass der Mensch sich selbst zum Gott macht – sofern er es auf sich bezieht. Es kommen ihm aber auf seiner Reise nach San Francisco und in der Begegnung mit dem amerikanischen Internet Mogul, der das Preisgeld auslobt, erhebliche Zweifel an seinem bisherigen Weltbild.

„Jonas Lüscher: Kraft“ weiterlesen

William H. Gass: Mittellage

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Als Bildungsroman wird diese 600 Seiten starke Geschichte angekündigt vom Altmeister der amerikanischen Postmoderne, so im Klappentext. Klingt interessant. Noch viel interessanter ist, dass Gass diese Ankündigungen verfremdet und einen Anti-Bildungsroman schreibt, wie er seinesgleichen sucht. Die Entwicklungsgeschichte setzt ein mit einem Vater, der sich als Jude ausgibt um vor dem Nationalsozialismus in Wien mit seiner Frau fliehen zu können, noch bevor andere wahrhaben wollen, was da geschieht. Auf einer Lüge aufgebaut beginnt die Reise der wachsenden Familie, in deren Verlauf der Vater sehr bald verschwindet, während sich Mutter und Kinder in Amerika eine Existenz erkämpfen. Und diese Existenz ist von der Anfangslüge ausgehend ein Konstrukt aus maßlosen Anmaßungen eines Mannes, der es von seinem Collegebesuch ausgehend bis zum Musikprofessor bringt, ohne je einen höheren Abschluss errungen zu haben. Er erschuf sich selbst – nicht ohne Zweifel und nicht ohne Not – und diskreditiert damit das ganze Bildungssystem, denn er ist beliebt, sehr beliebt bei seinen Studenten. Er nutzt die Dummheit der anderen und die Unfähigkeit, die eigene Unwissenheit eingestehen zu wollen, um sich in Bereichen zu profilieren, die den anderen unbekannt sind.

„William H. Gass: Mittellage“ weiterlesen

Dagmar Leupold: Die Helligkeit der Nacht/ Die Witwen

Die Helligkeit der Nacht. Ein Journal.
Verlag CH.Beck, München 2009

Heinrich von Kleist, ein Rebell in der Dichtung und Ulrike Meinhof, RAF-Terroristin, in einem fiktiven Briefmonolog zusammenzubringen ist schon ein Kunstgriff und bedarf der Stilsicherheit. Im Jahr 2008, als durch Stefan Austs neu überarbeitet Geschichte der RAF  und dem gleichnamigen Film dazu die Büchertische voll waren mit diesem Thema, begibt sich der vor 200 Jahren verstorbene Heinrich von Kleist auf Spurensuche.

Kleist schickt hier sein Gedachtes in Form von fantasierten Briefen an Ulrike Meinhof. In dichterischer Gestalt wird hier mit vielen intertextuellen Bezügen eine Seelenverwandtschaft im Rebellentum gefeiert, allerdings aus Kleists Perspektive mit klarer Absage an den Umschlag in Gewalt. Allein das Wort bedeutet ihm alles und so analysiert er auch Ulrike Meinhofs Sprachentwicklung, von ihrer einstigen journalistischen Sprachgewandtheit hin zur fanatischen Engführung. Damit wird ein Kaleidoskop an Erinnerungsbildern eröffnet, mit neuen Interpretationsmöglichkeiten. Ein hohes Maß an Intertextualität erfreut das Leserherz. Sämtliche Stücke von Kleist wie auch Bezüge zu bekannten Aufsätzen Ulrike Meinhofs und zu ihrer Biographie veleiten zur Literaturrecherche (Über dieses Buch bin ich übrigens wieder auf den Michael Kohlhaas gekommen). Etwas Kopfzerbrechen bereitet ein  Dichter und Verleger der jüngsten Vergangenheit, der sich im Reigen der Selbstmörder als thematischer Brückenbauer zwischen den „Generationen“ erweist. Da allein diese Figur nicht recherchierbar war, konnte ich erst im persönlichen Gespräch mit der Autorin erfahren, dass hier die Suche nach einer personalen Entsprechung vergeblich war, während in seiner Geliebten die ebenfalls suzidale Sylvia Plath verkörpert wird. Ein Roman, dem ich das Prädikat „Wertvoll“ verleihen würde, von höchster Sprachvirtuosität.

„Dagmar Leupold: Die Helligkeit der Nacht/ Die Witwen“ weiterlesen

Günter Herburger: Wildnis singend

Zum Tag der Indie-Verlage aus dem kleinen Berliner Verlag HANANI.

„Wildnis singend“ ist ein Buch voller Kollisionen. Bolivianischer Schamanismus in der Allgäulandschaft, virtuose Idee, passt irgendwie und gibt der Geschichte zuerst einmal einen märchenhaften Anstrich. Ricarda, im Allgäu geboren, als Kind mit der Familie nach Südamerika ausgewandert, plumpst nach 50 Jahren in die paradiesisch gestaltete – heißt hier eher in einen ursprünglichen Zustand zurückgebaute – Allgäulandschaft. Das Aussteigerpaar der „Athlet“ und die „Madonna“ leben nach dem Motto „Je weniger wir tun, desto besser.“ Im ersten Teil beeindruckt die Geschichte durch eine unbeschreiblich kunstvolle poetische Sprache. Doch auch hier offenbart sich bald eine große Kollision: die Poesie des ersten Teils vermag die brutale Realität nicht zu gestalten. Sie prallt auf eine Realität, der auch in der Sprache nur mit Wortgewalt beizukommen ist. Aus artistischen Höhen führt die Geschichte in die unterirdischen Tiefen der psychischen Beschädigungen.

„Günter Herburger: Wildnis singend“ weiterlesen

Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

Das große Verdienst dieser Biographie liegt in der Absicht der Autorin, eine unverstellte Biographie zu schreiben. In der Einleitung stellt sie dar, wie wir in der Geschichte der RAF einer Mythenbildung aufgesessen sind, die durch Reproduktion von plakativen Behauptungen in einigen wenigen Werken mit hohen Auflagen aufeinander aufbauend die immer gleichen Bilder evoziert. Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, wie schwer es ist, hier noch einmal archäologische Grundlagenforschung zu betreiben, wie unmöglich, hier vorurteilsfrei in die Auseinandersetzung zu gehen und doch, im Bewusstsein dieser Problematik, unternimmt sie eine sehr detaillierte Untersuchung, eine Reise in die Katakomben der Vor-RAF-Geschichte bei gleichzeitiger Zerlegung der Vor-Verurteilung durch Nach-RAF-Rezeption.

„Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ weiterlesen

Maria Braig (Hrsg.): Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Im Verlag 3.0 – Buch ist mehr, wurden von Maria Braig schon mehrere Bücher veröffentlicht in der Reihe „ubuntu“– Literatur von und über Menschen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden.

Die aktuelle Anthologie vereinigt als Textsammlung unterschiedliche Textformate zum Thema „Fremdsein in Deutschland“. Erfrischend lebensnah ist der einleitende Text von Carl Valentin zum Fremdsein. Allerdings, wenn er in all der Zeit – wahrscheinlich sind es fast hundert Jahre – uns immer noch an diesem Punkt berührt, wo uns bewusst wird, dass die Komik als Verkleidung eines ernsthaften Missstandes daherkommt, muss man sich schon fragen, ob und warum sich diese Verunsicherung durch den Fremden, die Angst vor dem Fremden, nie ändert.

Maria Braig hat die Textsammlung in zwei Teile aufgeteilt: „Angekommen“ mit Texten von Flüchtenden und „Angenommen“ mit Texten von den Angekommenen oder auch von immer schon Dagewesenen, die über die Unterschiede durch Hautfarbe, Ethnie, Religion sprechen, wie sie sich in ihrer Wahrnehmung auf die Erlebensmöglichkeiten auswirken.

„Maria Braig (Hrsg.): Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?“ weiterlesen

Michael Krüger: Das Irrenhaus

Das Irrenhaus ist ein sehr unterhaltsamer Roman über einen Freizeitphilosophen, der durch eine Erbschaft in die glückliche Lage kommt, seinen Lebensunterhalt nicht mehr erarbeiten zu müssen. Und es ist ein Roman über die Verschrobenheit der Bewohner eines Mietshauses, beziehungsweise der Verschrobenheit des Erzählers, der ironisch den Ausschnitt jeder Wahrnehmung und der Interpretation von Anderen persifliert.

Der Verleger Michael Krüger schreibt virtuos, mit viel Leseerfahrung und dem Wissen um das Handwerk. Das Sujet ist bekannt: Der Protagonist schlüpft in die Rolle des Schriftstellers.
Überhaupt ist die Erzählung ein Rollenspiel. Sie erinnert mich an Max Frischs Gantenbein: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

7252-jpg-thumb-380x550-keepratio

„Michael Krüger: Das Irrenhaus“ weiterlesen

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑