Jonas Lüscher: Kraft

Why whatever is, is right and why we still can improve it?

Jonas Lüscher erzählt die Geschichte eines Professors für Rhetorik, dessen gefühlte Omnipotenz zu bröckeln beginnt, als er sich der Herausforderung einer Preisfrage zur Rechtfertigung der besten aller Welten stellt.

Die Theodizee wird in Lüschers Roman gekreuzt von einer Oikozidee – die freie Hand des Marktes nutzt allen, auch den Ärmsten – und einer Technozidee – die technischen Entwicklungen sind in allen Fällen ein Voranbringen der Menschheit – leider überall mit dem Problem, das wir schon bei Gott hatten: wie kann man die begleitenden Übel rechtfertigen und trotzdem behaupten … Nun denn, in der Technozidee sieht Kraft nicht als größtes Problem, dass der Mensch sich selbst zum Gott macht – sofern er es auf sich bezieht. Es kommen ihm aber auf seiner Reise nach San Francisco und in der Begegnung mit dem amerikanischen Internet Mogul, der das Preisgeld auslobt, erhebliche Zweifel an seinem bisherigen Weltbild.

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William H. Gass: Mittellage

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Als Bildungsroman wird diese 600 Seiten starke Geschichte angekündigt vom Altmeister der amerikanischen Postmoderne, so im Klappentext. Klingt interessant. Noch viel interessanter ist, dass Gass diese Ankündigungen verfremdet und einen Anti-Bildungsroman schreibt, wie er seinesgleichen sucht. Die Entwicklungsgeschichte setzt ein mit einem Vater, der sich als Jude ausgibt um vor dem Nationalsozialismus in Wien mit seiner Frau fliehen zu können, noch bevor andere wahrhaben wollen, was da geschieht. Auf einer Lüge aufgebaut beginnt die Reise der wachsenden Familie, in deren Verlauf der Vater sehr bald verschwindet, während sich Mutter und Kinder in Amerika eine Existenz erkämpfen. Und diese Existenz ist von der Anfangslüge ausgehend ein Konstrukt aus maßlosen Anmaßungen eines Mannes, der es von seinem Collegebesuch ausgehend bis zum Musikprofessor bringt, ohne je einen höheren Abschluss errungen zu haben. Er erschuf sich selbst – nicht ohne Zweifel und nicht ohne Not – und diskreditiert damit das ganze Bildungssystem, denn er ist beliebt, sehr beliebt bei seinen Studenten. Er nutzt die Dummheit der anderen und die Unfähigkeit, die eigene Unwissenheit eingestehen zu wollen, um sich in Bereichen zu profilieren, die den anderen unbekannt sind.

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Dagmar Leupold: Die Helligkeit der Nacht/ Die Witwen

Die Helligkeit der Nacht. Ein Journal.
Verlag CH.Beck, München 2009

Heinrich von Kleist, ein Rebell in der Dichtung und Ulrike Meinhof, RAF-Terroristin, in einem fiktiven Briefmonolog zusammenzubringen ist schon ein Kunstgriff und bedarf der Stilsicherheit. Im Jahr 2008, als durch Stefan Austs neu überarbeitet Geschichte der RAF  und dem gleichnamigen Film dazu die Büchertische voll waren mit diesem Thema, begibt sich der vor 200 Jahren verstorbene Heinrich von Kleist auf Spurensuche.

Kleist schickt hier sein Gedachtes in Form von fantasierten Briefen an Ulrike Meinhof. In dichterischer Gestalt wird hier mit vielen intertextuellen Bezügen eine Seelenverwandtschaft im Rebellentum gefeiert, allerdings aus Kleists Perspektive mit klarer Absage an den Umschlag in Gewalt. Allein das Wort bedeutet ihm alles und so analysiert er auch Ulrike Meinhofs Sprachentwicklung, von ihrer einstigen journalistischen Sprachgewandtheit hin zur fanatischen Engführung. Damit wird ein Kaleidoskop an Erinnerungsbildern eröffnet, mit neuen Interpretationsmöglichkeiten. Ein hohes Maß an Intertextualität erfreut das Leserherz. Sämtliche Stücke von Kleist wie auch Bezüge zu bekannten Aufsätzen Ulrike Meinhofs und zu ihrer Biographie veleiten zur Literaturrecherche (Über dieses Buch bin ich übrigens wieder auf den Michael Kohlhaas gekommen). Etwas Kopfzerbrechen bereitet ein  Dichter und Verleger der jüngsten Vergangenheit, der sich im Reigen der Selbstmörder als thematischer Brückenbauer zwischen den „Generationen“ erweist. Da allein diese Figur nicht recherchierbar war, konnte ich erst im persönlichen Gespräch mit der Autorin erfahren, dass hier die Suche nach einer personalen Entsprechung vergeblich war, während in seiner Geliebten die ebenfalls suzidale Sylvia Plath verkörpert wird. Ein Roman, dem ich das Prädikat „Wertvoll“ verleihen würde, von höchster Sprachvirtuosität.

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Günter Herburger: Wildnis singend

Zum Tag der Indie-Verlage aus dem kleinen Berliner Verlag HANANI.

„Wildnis singend“ ist ein Buch voller Kollisionen. Bolivianischer Schamanismus in der Allgäulandschaft, virtuose Idee, passt irgendwie und gibt der Geschichte zuerst einmal einen märchenhaften Anstrich. Ricarda, im Allgäu geboren, als Kind mit der Familie nach Südamerika ausgewandert, plumpst nach 50 Jahren in die paradiesisch gestaltete – heißt hier eher in einen ursprünglichen Zustand zurückgebaute – Allgäulandschaft. Das Aussteigerpaar der „Athlet“ und die „Madonna“ leben nach dem Motto „Je weniger wir tun, desto besser.“ Im ersten Teil beeindruckt die Geschichte durch eine unbeschreiblich kunstvolle poetische Sprache. Doch auch hier offenbart sich bald eine große Kollision: die Poesie des ersten Teils vermag die brutale Realität nicht zu gestalten. Sie prallt auf eine Realität, der auch in der Sprache nur mit Wortgewalt beizukommen ist. Aus artistischen Höhen führt die Geschichte in die unterirdischen Tiefen der psychischen Beschädigungen.

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Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

Das große Verdienst dieser Biographie liegt in der Absicht der Autorin, eine unverstellte Biographie zu schreiben. In der Einleitung stellt sie dar, wie wir in der Geschichte der RAF einer Mythenbildung aufgesessen sind, die durch Reproduktion von plakativen Behauptungen in einigen wenigen Werken mit hohen Auflagen aufeinander aufbauend die immer gleichen Bilder evoziert. Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, wie schwer es ist, hier noch einmal archäologische Grundlagenforschung zu betreiben, wie unmöglich, hier vorurteilsfrei in die Auseinandersetzung zu gehen und doch, im Bewusstsein dieser Problematik, unternimmt sie eine sehr detaillierte Untersuchung, eine Reise in die Katakomben der Vor-RAF-Geschichte bei gleichzeitiger Zerlegung der Vor-Verurteilung durch Nach-RAF-Rezeption.

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Maria Braig (Hrsg.): Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Im Verlag 3.0 – Buch ist mehr, wurden von Maria Braig schon mehrere Bücher veröffentlicht in der Reihe „ubuntu“– Literatur von und über Menschen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden.

Die aktuelle Anthologie vereinigt als Textsammlung unterschiedliche Textformate zum Thema „Fremdsein in Deutschland“. Erfrischend lebensnah ist der einleitende Text von Carl Valentin zum Fremdsein. Allerdings, wenn er in all der Zeit – wahrscheinlich sind es fast hundert Jahre – uns immer noch an diesem Punkt berührt, wo uns bewusst wird, dass die Komik als Verkleidung eines ernsthaften Missstandes daherkommt, muss man sich schon fragen, ob und warum sich diese Verunsicherung durch den Fremden, die Angst vor dem Fremden, nie ändert.

Maria Braig hat die Textsammlung in zwei Teile aufgeteilt: „Angekommen“ mit Texten von Flüchtenden und „Angenommen“ mit Texten von den Angekommenen oder auch von immer schon Dagewesenen, die über die Unterschiede durch Hautfarbe, Ethnie, Religion sprechen, wie sie sich in ihrer Wahrnehmung auf die Erlebensmöglichkeiten auswirken.

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Michael Krüger: Das Irrenhaus

Das Irrenhaus ist ein sehr unterhaltsamer Roman über einen Freizeitphilosophen, der durch eine Erbschaft in die glückliche Lage kommt, seinen Lebensunterhalt nicht mehr erarbeiten zu müssen. Und es ist ein Roman über die Verschrobenheit der Bewohner eines Mietshauses, beziehungsweise der Verschrobenheit des Erzählers, der ironisch den Ausschnitt jeder Wahrnehmung und der Interpretation von Anderen persifliert.

Der Verleger Michael Krüger schreibt virtuos, mit viel Leseerfahrung und dem Wissen um das Handwerk. Das Sujet ist bekannt: Der Protagonist schlüpft in die Rolle des Schriftstellers.
Überhaupt ist die Erzählung ein Rollenspiel. Sie erinnert mich an Max Frischs Gantenbein: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

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Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

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·  Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr

 

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Susan Sontag: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“

Zwischen klassischer und moderner Literatur habe ich mir mal wieder Tagebücher als Lektüre gewählt. Und mich im Nachhinein gefragt: Warum? Es war genau dieses Zitat, das den Untertitel gibt und das mich getroffen hat. Und für mich selbst gibt es noch eine Ergänzung: „Ich lese, um herauszufinden, was ich denke.“

Es ist eine unstillbare Neugierde, auf immer wieder neue, noch einmal ganz andere Facetten anderer Leben. Natürlich, ich habe auch immer ein bisschen das Gefühl, mich eines gewissen Voyeurismus schuldig zu machen. Kafka hätte nie gewollt, dass Max Brod seine Tagebücher herausgibt. Aber für mich war diese Lektüre in jungen Jahren wie eine intellektuelle Erweckung. Nun also Susan Sontag, herausgegeben von ihrem Sohn David Rieff. Bekannt ist sie mir aus dem Studium mit dem provozierenden Aufsatz „Against Interpretation“.

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Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität

Dieser sehr lesenswerte Vortrag von Hannah Arendt zur politischen Philosophie ist wunderbar eingeführt von Matthias Bormuth, er hebt ab auf die Bedeutung des Selbstgesprächs, des Dialogs mit mir selbst für das abstrakte Denken und im besonderen als einer dem Denken inhärenten Pluralität, der Vielfalt der Perspektiven, die notwendig sind, um die Welt zu erschließen. Er führt ein in Arendts Argumentation, warum aus dem historischen Geschehen heraus Platon seinen Schwerpunkt darauf legt, die absolute Wahrheit zu finden und zu rechtfertigen und daraus eine Begründung für ein Primat der Philosophie in der Politik herleitet. Weil aber die letztlich großen Fragen der Philosophie: Was ist das Sein? Wer ist der Mensch? Welchen Sinn hat das Leben?, unbeantwortet bleiben, gehört zur Philosophie unabdingbar das Staunen.

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