Literaturpreis der Leipziger Buchmesse 2025
Ein feinsinniges Mutter-Tochter-Porträt, ohne große Gesten, mit einer ganz eigenen Sprache für die vielen kleinen Stolpersteine, die die sich verändernden Eltern-Kind -Verhältnisse mit sich bringen.
Annett, die Mutter, ist 50, ihre Tochter Linn in den früher 20ern. Auf einem rauen Lebensweg, der durch den frühen Verlust des Partners und Vaters geprägt ist, sind die beiden Frauen schon fast immer auf sich allein zurückgeworfen und müssen herausfinden, wie sie überleben können und die Aufgabe der Mutter ist natürlich auch, ihr Kind beim Wachsen zu ermutigen.
Genau bei diesen Schwierigkeiten beobachtet Kristine Bilkau sehr genau.
Die Tochter war ambitioniert in ihrem Job für Umweltschutz“Produkte“, bis sie dahinterstieg, welches Greenwashing beim Handel mit Zertifikaten betrieben wird. Und das ist eine der Stärken dieses Buchs: uns als Leser über die Hintergründe dieses modernen „Ablasshandels“ aufzuklären, worauf wir hereinfallen wollen, damit wir einfach so weitermachen können. Kristine Bilkau erzählt uns das, ohne dass es in irgendeiner Form belehrend herüberkäme. Denn es ist der Grund für Linns Zusammenbruch bei einer Tagung. Sie erzählt von ihrem Vorhaben, diese Marketingveranstaltung als das zu entlarven, was es ist.
„Und was machen sie dann? Zertifikate kaufen, um zu kompensieren. Und 2050, wenn die EU zu hundert Prozent klimaneutral sein soll? Auch dann werden alle, die das nicht schaffen, Zertifikate kaufen. Die Nachfrage wird durch die Decke gehen. Wald ist wie ein Rohstoff, der wird Milliarden bringen. In den Markt wollen viele rein.“
S.140
Wie sie und ihre Mutter dann zuerst eine Woche, dann Wochen, dann Monate miteinander verbringen und sich darin üben, sich neu aufeinander einzulassen, ist manchmal zauberhaft und manchmal schmerzlich.
„Ich fühlte mich beschämt, weil ich so wenig Ahnung davon hatte, wie die Zukunft, die Probleme, die Ressourcen, die Verteilung, wie das alles wirklich verhandelt wurde. Womit sich meine Tochter seit Jahren beschäftigte, um zu lernen, wie sie etwas an diesen Systemen verbessern konnte.“
S.140
Und in all den vergangenen Jahren hatte Annett ein stilles, beschauliches Leben geführt, auch um Linn Stabilität zu geben. Dann hat sie sich in einem Jobportal aus den USA angemeldet. Sich auszumalen, welche Varianten an Leben noch möglich wären, gab ihr Auftrieb. Bis zu Linus Zusammenbruch. Und alles ist wieder anders, wieder neu zurechtzurütteln.
„Für einen Moment kann ich fühlen, wie es gewesen ist, Linns kleinen Körper zu halten. Ihn hochzuheben, zu tragen, einfach so, jederzeit. Wei etwas, das man besitzt. Auf den Arm nehmen, auf die Hüfte setzen, auf den Schultern tragen, herumwirbeln, gehen, laufen, schnell, langsam, absetzen, beschützen, bestimmen. Dieses Selbstverständnis, mit dem das alles geschieht, ist eigentlich ungeheuerlich.“
S.220
Ich mag die Sprache und das Feingefühl. Und im Hintergrund zieht ein Grauschimmel vorbei. der aufs Watt hinaustrabt und aus unerfindlichen Gründen der Welt den Rücken kehrt.
Kristine Bilkau: Halbinsel
Taschenbuchausgabe Juli 2026
btw Verlag in der Penguin Randomhouse Verlagsgruppe GmbH, München
Vielen Dank an den Verlag!
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