Kerstin Specht: Mittelberge

Wie drückt man sich aus, wenn man wenig Sprache hat? Eine Familiengeschichte aus Oberfranken, aus einem Dorf in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Es gibt nichts, woran sich die Sinne üben könnten, nichts zu sehen, nichts zu hören und zu fühlen nur im stillen Kämmerlein. Gesprochen wird nicht viel. Es gibt noch keine Sprache im Dorf für das, was unter die Haut geht.
Und doch findet es hier einen Ausdruck in der Kargheit, in der Grobheit. Eine konkrete Erzählweise, wie sie Kerstin Specht hier wählt, ist nah an den Möglichkeiten und Grenzen dessen, was dem Kind Sophie und später der jungen Frau zu begreifen möglich ist.

Der Krieg rollt an und verändert alles für die Menschen, für die die gehen und für die die bleiben. Kerstin Spechts Sprache verzichtet auch hier auf die großen historischen Worte. Sie erschafft statt dessen Bilder.

„Es ist der Auftritt der Betttücher. Nie zuvor waren sie so durch die Welt getragen worden, an Häuser gehängt, an Männerschultern. Sie schaben an schubbrigem Putz und Salpeterwänden, schleifen in den Staub, wo sie doch immer sorgsam in dunklen Kästen verschlossen worden waren. Nur sie sind es, die diese Panzer, deren Geschützrohre durch die Luft kreisen, als würden sie Witterung aufnehmen, beruhigen können, nicht alles niederzuschießen. Sie haben schon Geburt und Tod erlebt. Blut und Eiter und Exkremente, die Gewalt, die Männer Frauen antun, und auch die Zärtlichkeit und immer wieder werden die Spuren gewaschen, weggebürstet, gebleicht.“
S.110/111

Sophie hat sie etwas, was die meisten anderen aus dem Dorf nicht haben: sie hat Mut. Trotz ihrer Asthmaerkrankung geht sie weg und erprobt sich in verschiedenen Berufen. Sie hat einen starken Wunsch und eine starke Hoffnung.

„Eines Tages kommt ein dunkel glänzender Adler in Eschbach vorgefahren und parkt vor dem Misthaufen. Ein Paar steigt aus. Sie schreiben sich Marthaler. Das ist schon fast große Welt, sie mit blonden Locken und im Kaninchenmantel und er mit Hut und Kamelhaarjackett.
Sophie geht in die Knie. Sie wird gleich mitgenommen. Tante Rosa hat ihr die Stelle im Forsthaus in Weißenfels vermittelt. Sophie rutscht auf die hinteren Polster mit ihrem Pappkoffer und das Dorf und die verabschiedete Zeit schauen ihr nach.“
S.142

Was das Buch ausmacht, ist die konkrete Erfahrung einer ganz anderen Zeit, einer ganz anderen Art von Leben. Es ist eine Hommage an das Leben der Mutter Kerstin Spechts. Wie fremd wirkt beim Lesen das Erleben einer von Armut und Entbehrung geprägten Kindheit. Aber ja, das waren die meisten Kindheiten dieser Generation, auch geprägt von einer Sprach- und Gefühlsarmut in vielen Familien, wo es noch keine Therapeuten gab und keine Ratgeber und auch niemanden, der Zeit gehabt hätte, die Geschichten hinter den Tragödien anzuhören oder gar aufzuarbeiten. Trotzdem gibt es Zusammenhalt, gibt es Verlässlichkeiten. Und ein intuitives Wissen.

„Sie hat gesehen, dass man dem Käfig gegenüber eine Einstellung braucht.
Und welche Einstellung man hat, das nennt man dann Schicksal.“
S.205

Und eben die widerspenstige Sophie, die weiß, dass das Leben mehr ist. Das Buch endet, als sie selbst eine kleine Familie hat. Es gibt noch einen kurzen Ausblick auf die Fortsetzung der Mühsal, denn

„Das Haus wird der neue Herr sein.“

Dieser Tage erhält Kerstin Specht im Literaturhaus München den Tukan-Preis der Stadt München
https://www.literaturhaus-muenchen.de/reihen/tukan-preis/

Vielen Dank an Birgit Böllinger, Büro für Text und Literatur für das Rezensionsexemplar

Kerstin Specht: Mittelberge, Stroux edition, München, 2026, 244 Seiten.

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