Robert Menasse: Die Hauptstadt

Das Big Jubilee Project zum 50 jährigen Bestehen der Europäischen Kommission, geleitet von einer ehrgeizigen Karrieristin, ist von Beginn an zur Farce verurteilt, denn von Anfang bis Ende macht ein nicht zu fassendes Schwein die Straßen Brüssels unsicher.

Robert Menasse erzählt über politische Machtstrukturen, menschliche Leidenschaften und zwischenmenschliche Unwägbarkeiten, die das Jubilee Project torpedieren. Dabei wäre die Aufgabe ganz einfach: „Aus der Geschichte lernen heißt bekanntlich: Nie wieder!“ Der clevere Referent Susman nimmt die Idee ernst und begründet, warum Ausschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission gelten kann und warum man am besten dort eine Hauptstadt Europas errichten sollte:

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Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Wie werden wir nur dieses verdammte Kapital wieder los?

Ein Schelmenroman soll’s sein, voller Ironie. Ingo Schulzes opulenter 600 Seiten Roman erzählt ab der Jugendzeit die Entwicklung eines jungen Mannes, der stets getragen von einem unumstößlichen Idealismus voller Überzeugung nach der Wende 1989 sein Fähnlein in die andere Richtung hängt, aber immer mit Inbrunst das Gute für die Allgemeinheit will. Ingo Schulze sagt im Interview im Tagesspiegel:

Ich war nicht naiv genug, um mir so etwas wie den Herbst 1989 wirklich vorstellen zu können. Aber als es dann da war, war ich, wie Peter Holtz, davon überzeugt, jetzt wird daraus tatsächlich eine demokratische Republik, ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz.“ Weiterlesen „Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.

Die fiktive Begegnung zweier Gelehrter unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die sich aneinander reiben und gleichzeitig im Roman als Persönlichkeit sichtbar werden, ist ein Erzählkonstrukt, das mir schon bei Yaloms „Und Nietzsche weinte“ und bei Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ sehr gut gefallen hat. Natürlich, ein Roman ist ein Roman, aber es kann auch ein Genuss sein, gewisse faktische Zusammenhänge oder theoretische Konstrukte im Licht einer Geschichte noch mal anders zu denken.

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Mirko Bonné: Lichter als der Tag

Wieder steht er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Mirko Bonné, ein Schriftsteller, der sein Handwerk sehr gut beherrscht, der es versteht, eine Atmosphäre zu kreieren, die einen Sog entwickelt in das Innenleben des Hauptprotagonisten hinein, in seine Verzweiflungen und Widersprüchlichkeiten. Es sind immer tragische Figuren, die vom Leben in eine Tiefe gerissen wurden, aus der heraus sie einen anderen Blick für die Nuancen von Dunkelheit und Helligkeit entwickeln. Und das ist der einmalige Lesegenuss an den Romanen Bonnés, dieses besondere Gefühl eines vom Leben Mitgenommenen, der nicht nur die Schattenseiten, sondern auch die leuchtenden Momente besonders intensiv beschreiben kann, immer begleitet von einem ganz speziellen Glück der Melancholie.

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Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

Ex-Alphamännchen im Rentenalter knallt mit voller Kraft voraus gegen eine Schwimmbeckenwand im Konkurrenzschwimmkampf mit einer jungen Frau. Zu Hause in seinem Badezimmer bleibt er auf den Fliesen einfach liegen und versucht, sein Selbstbild, seine Lebensgeschichte, seine Beziehungskisten zu retten. Natürlich muss sich Julia Wolf hier einer Menge von Stereotypen bedienen, um dieses völlig überlebte Männerleben zu skizzieren und ja es ist enervierend, wenn die Typologie so wenig kreativ ist. Trotzdem.

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Peter Stamm: Weit über das Land

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„Ein Mann steht auf und geht.“
Ein einfacher Minimalsatz, Subjekt, Prädikat, und doch weiß man sofort, dass hier ein ganzes Lebenskonstrukt mit all seinen Attributen in Frage gestellt wird.

Die Kunst des Peter Stamm besteht im ersten Teil darin, den Leser wie einen imaginierten Kameramenschen mitzuführen durch die Geschichte. Wir machen uns mit auf den Weg, wissen nicht wohin – das macht uns neugierig – wissen auch nicht warum. Erst Tage später, als die Frau trotz ihrer Scham und des Verweigerns der Tatsache, dass ihr Mann sie so verlassen hat, sich endlich dazu aufrafft, eine Vermisstenanzeige aufzugeben und nach einem aktuellen Bild sucht, blitzt eine Idee auf: der Mann hat kein Gesicht mehr. Er ist untergegangen in seinem Leben.

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