„Mein Vater wollte mich nicht.“
S.9
Der erste Satz: ein Missverständnis, ein Familiengeheimnis, eine persönliche Tragödie. Abdulrazak Gurnah, Literaturnobelpreisträger 2021 aus Tansania erzählt uns in diesem Roman eine ganz persönliche Geschichte und transportiert gleichzeitig das Schicksal so vieler Familien aus nicht-privilegierten Verhältnissen in ihrem Ausgeliefertsein den Kolonial- und Postkolonialmächten gegenüber. Im östlichen Afrika, im ehemaligen Sansibar spielt diese Geschichte, die genau das leistet, was ich an der Literatur so liebe: über ein Einzelschicksal das für die Leserin erlebbar zu machen, was ein Schicksal vieler ist.
Schon in früheren Romanen beschreibt Gurnah das Thema der Kolonialisation und die Folgen im Postkolonialismus aus der Sicht der Betroffenen. Hier nun ist das Thema verpackt als die Geschichte des Jungen Salim, dessen Vater plötzlich die Familie verlässt. Die Mutter spricht nicht darüber und der Junge glaubt für lange Zeit, es sei seine Schuld.
Dass die Mutter eine besondere Neigung für ihren Zwillingsbruder Amir hegt, ist zentrales Element der Geschichte. Wie weit ihr Verantwortungsgefühl für den Bruder geht, offenbart sich erst später im Verlauf der Geschichte.
Und an diesem Punkt erscheint mir der Roman dann doch etwas konstruiert. Salim kehrt, nachdem er in England studiert und viele Jahre dort ein unstetes Leben geführt hat, als erwachsener Mann zurück und bekommt in vielen langen Nächten die Geschichte seiner Familie von seinem Vater selbst erzählt.
Sansibar, eine Inselgruppe vor der Küste Tansanias erlebte 1964 eine Revolution, die alles ändern sollte. Berater für die Machthaber kamen aus der Deutschen Demokratischen Republik, für das Bildungssystem aus Tschechien, für Krankenhäuser aus China und für Sicherheits- und Militärfragen war die Sowjetunion zuständig. Nach Sultanat und britischem Protektorat wurde nun die Volksrepublik Sansibar ausgerufen und schloss sich bald mit Tanganjika zusammen zur Vereinigten Republik Tansania, dabei behielt Sansibar eine Teilautonomie mit eigener Regierung und eigenem Gericht.
Das, was als familiäre Katastrophe für den Jungen Salim erscheint, entpuppt sich als eine Folge von Verstrickungen und Intrigen. Die politischen Zusammenhänge werden nur angerissen, erklären sich aber aus dem privaten Schicksal.
Salims Einladung nach England, seine Versuche, sich dort ein Leben aufzubauen, seine Zerrissenheit zwischen einer alten Heimat, die keine mehr ist und einer neuen, die keine werden will, macht ihn zum Heimatlosen. Die Folgen der postkolonialen Herrschaftssysteme für die Menschen, das ist hier in dieser Geschichte exemplarisch gezeichnet. Abhängigkeiten, Armut, Verlust von Bezugssystemen und persönliche Tragödien.
In den nächtlichen Erzählungen seines Vaters schildert der seine Verfasstheit während Salims Kindheits- und Jugendjahren so:
„Doch obwohl ich diesen Menschen, zu dem ich geworden war, ebenso haßte und verachtete wie alle anderen, lernte ich, mit ihm zu leben. Gemeinsam zogen wir uns aus der Welt zurück. Ich hoffte, meinen Frieden mit dem Scheitern machen zu können und es in Würde zu ertragen.“
S.343
Salims Vater spricht kaum, über viele Jahre hinweg. Erst jetzt findet er seine Sprache wieder und ist bereit, Salim alles zu erzählen.
So bleibt die Geschichte bis zum Schluß voller Überraschungen, für Salim und für den/die Leser*in.
„Ich will herausfinden, was sich aus meinem Schicksal machen lässt. Die vielen Möglichkeiten haben mich verdorben.“
S.359
Abdulrazak Gurnah: Das versteinerte Herz
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Originalausgabe 2017, deutschsprachige Ausgabe Penguin Verlag, Müchen 2017
Taschenbuchausgabe 2026
Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
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