Benedict Wells: Becks letzter Sommer

Es gibt wenige Passagen, in denen die damalige Jugend des Autors herausklingt. Das liegt auch daran, dass Benedict Wells’ Schreibstil so betont lässig daherkommt. Ich stelle mir beim Lesen vor, wie dieser 24-jährige Autor damals, selbst ein bisschen so aussehend wie Beck in dieser Geschichte, den Roman einfach so aufs Papier gebracht hat, ohne große Anstrengung, flüssig, in einem Guß. So liest er sich jedenfalls.
Beck ist siebenunddreißig Jahre alt, Lehrer – was nie wirklich sein Wunschberuf war -, Liebhaber ohne echt lieben zu können , Musiker -der die Leidenschaft verloren hat, also kurzum, jemand, der sich fragt, was er von diesem Leben noch will. Es sind die außergewöhnlichen Begegnungen, die zu ungewöhnlichen Entscheidungen führen und plötzlich ist alles anders und vieles möglich.

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Lisa Roy: Keine gute Geschichte

Kabelsalat, bis jemand den Stecker zieht. Es ist hirnerfrischend, wenn jüngere Autor*innen mit einer eigenen Sprachkunst auftreten und es verstehen, in einer tragischen Verknüpfung von Dramatik und Situationskomik die spezifischen Facetten gesellschaftlicher Milieus zu zeichnen. Lisa Roy, die mit ihrem Roman „Keine gute Geschichte“ ihr Debüt abgeliefert hat, schreibt mit einer Feder, die ganz eigenwillig auch die düstersten und deprimierendsten Lebenssituationen der Protagonistin in einen Kontext aus persönlicher Schicksalsgeschichte und gesellschaftlicher Milieubedingtheit stellt und dabei immer einen besonderen Ausdruck dafür findet.

Arielle Freytag „hat es eigentlich geschafft“, heißt es im Klappentext. Sie ist Anfang dreißig, Social Media Managerin – gewesen – , gutaussehend, sie begehrt und ist begehrenswert, finanziell gut ausgerüstet und kommt nun, nach zehn Jahren und einem Klinikaufenthalt zurück nach Essen in einen Stadtteil, der als „prekär“ bezeichnet wird. Auch ein Unding, aber genau mit diesen gesellschaftlichen Zuschreibungen spielt Lisa Roy in ihrer Geschichte.

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Katrin Burseg: Adas Fest

Wie soll man verarbeiten, dass sich das ganze Leben, das eigene und das der Familienmitglieder, als ein anderes entpuppt, als man geglaubt hatte? Katrin Burseg zeichnet ein interessantes Panorama einer Künstlerfamilie, die durch einen Angriff von einer einstmals nahestehenden Person in ihren Grundfesten erschüttert und dazu gezwungen wird, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jedes Familienmitglied tut das auf seine je eigene Art. Es gibt zwar eine gemeinsame Vergangenheit, aber die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich. Das ist Katrin Burseg sehr gut gelungen: man versucht sich einer gemeinsamen Geschichte zu versichern und stellt fest, dass jeder Standpunkt innerhalb des Familiengefüges sehr unterschiedliche Wege der Erinnerung zeichnet.
Mit den Erinnerungsfetzen tauchen Bilder auf, aber auch Lücken. Der schmerzhafte Prozess, dessen es bedarf, um die Versatzstücke neu zu ordnen, bringt das Leben der Töchter des Künstlers Leo Kwant und der Fotografin Ada Kwant an den Rand des Ertragbaren.

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Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes

Aus dem Italienischen übersetzt von Christine Burkhardt

Kleines, feines 200 Seiten Buch im gewohnten Cognetti-Stil. Die Berge, der Wunsch nach einem einfacheren, naturverbundeneren Leben und das wiederkehrende Scheitern, sowohl im städtischen Leben als auch bei den Berglern, diese Grundzutaten seiner Geschichten berühren mich immer wieder.

„Fausto war vierzig und auf der Suche nach einem Neuanfang, als er Zuflucht in Fontana Fredda fand.“

S.9


Er liebt die Direktheit, mit der die Natur ihn ergreift, in ihrer Schönheit und in ihrer Grausamkeit.

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Antje Ravik Strubel: Blaue Frau

Es war die Autorin, die mich sehr berührt hat und die mir, noch nicht ganz zu Ende mit der Lektüre, einige zusätzliche Blickwinkel eröffnet hat. Wir hatten hier bei den Isnyer Literaturtagen die Freude, diese Schriftstellerin live zu erleben. Zur Einleitung erklärte sie, wie diese Figur, Adina, sie bewohnte, wie sie aus einer alten Geschichte als unfertige Figur wieder auftauchte, bei ihr einzog und die Wohnung nicht mehr verlassen wollte – was die Lektorin bei der ersten Rückfrage nicht gerade goutierte. Was sollte daraus werden?
Antje Ravik Strubel bietet ihren Figuren einen Ermöglichungsraum. Wer schreibt und dabei seine Figuren frei lassen kann, erlebt selbst die größtmögliche kreative Erweiterung und schafft für die Leser*innen eine Atmosphäre, die immer wieder über einen Storyplot hinauswächst. Damit hatte sie mich voll und ganz. Gerne hätte ich noch mit ihr darüber gesprochen, wie den Gestalten ihre Handlungselemente zuwachsen. Nächstes mal.

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Benjamin Myers: Offene See

Eine Geschichte über das selbst gewählte Leben, Lieben und Sterben und die Elastizität der Zeit.

Der Erzähler der wunderbar bildhaften Geschichte ist ein in die Jahre gekommener Schriftsteller, wir vergessen das im Lauf der Geschichte und erinnern uns erst wieder ganz am Ende daran. Er blickt zurück auf die eine, entscheidende Etappe in seinem Leben, die ihn zu dem gemacht hat, was er geworden ist: die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, die zusammenfällt mit seinem Aufbruch ins Leben, ins Ungewisse, ins Poetische.

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Susanne Thomas: In Zeiten des Tulpenwahns

Für Liebhaber*innen historischer Romane, verbunden mit der Dramatik der gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Innenschau einer Figur, ist Susanne Thomas’ Roman ein sprachlich und stilistisch gelungenes Buch. Die Autorin zeichnet einige schöne Sprachbilder, in denen sie dem Duktus der Zeit und der jeweils dargestellten gesellschaftlichen Schicht Rechnung trägt. Das Stilmittel, Situationen über die historischen Gemälde der großen niederländischen Maler zu beschreiben, ist so schön wie eindrucksvoll.

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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte


Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje

Der Storyplot dieser Geschichte ist richtig gut. Zwillingsschwestern, die unterschiedliche Wege gehen, bilden immer eine gute soziologische Vergleichsfolie ab. Besonders in diesem Fall, in dem die eine als Farbige und die andere als Weiße lebt. Damit ist es hier aber noch nicht getan. Britt Bennett widmet einen gut Teil der Geschichte den Nachfolgegenerationen, dem weißen Mädchen, das in einem sie über die Maßen verwöhnenden Milieu groß wird, aber mit einer Lüge lebt; und dem farbigen Mädchen, das sich in einen Transsexuellen verliebt und immer versucht, die Geheimnisse der Familie aufzudecken. Ein vielschichtiger Storyplot also, sehr gelungen aufgebaut und spannend erzählt. Es wird auch den kleinen Veränderungen in der Gesellschaft über die Jahrzehnte Rechnung getragen. Dazu muss sich die junge Autorin natürlich gewisser Klischees bedienen. Und das ist auch ein Manko des Romans: eine noch sehr junge Frau hat sich an ein riesiges Thema gewagt, von dem sie die Komplexität hauptsächlich auf die familiären Spannungen reduziert, um es so im Zaum zu halten. Und dabei lässt die Sprache manchmal etwas an Reife vermissen.

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Judith Hermann: Daheim

Eine feine Geschichte, in der die Ereignisse verwoben werden mit Erinnerungsschichten und sich überlagernden Bildern. Die wichtigen, die entscheidenden Lebensmomente geschehen wie beiläufig und stellen sich im Nachhinein als die großen Momente mit prägender Kraft heraus. So wie das Leben eben ist. Die Erzählung von Judith Hermann ist manchmal sparsam in der Wortwahl, in der Ausschmückung. Keine zu großen Worte. Aber gerade deshalb berührt diese Geschichte. Es ist eine Geschichte über das Weggehen, das Ankommen, das Dableiben – vielleicht. Und es passt so gut zu dieser Geschichte, dass die umschließende Klammer die Begegnung mit einem Zauberer in jungen Jahren ist und mit dem Zaubertrick der zersägten Frau. Diese Kiste hat mehrere Formen in dieser Geschichte, sie taucht immer wieder auf, auch als Marderfalle, aus der die Protagonistin am Ende den Gefangenen wieder in die Freiheit entlässt.

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Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren

Poesie ist Widerstand

Konstantin Wecker macht ein Kaleidoskop auf mit der Poesie als Wunderwaffe gegen eine eintönige Welt, gegen eine den Menschen vernutzende Gesellschaftsform, gegen Schranken und Grenzen, die durch Konventionen gezogen sind. Ein kleines Büchlein mit Texten und Liedern, die sich auflehnen gegen Ideologien, dogmatische Weltsichten. Gestaltet als Konzertprogramm ist es ein „anarchischer Psalm“ mit viel Liebe ans Leben geschrieben.

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