Mirko Bonné: Alle ungezählten Sterne

Mirko Bonné, eine meiner liebsten Autoren, hat eine Geschichte vorgelegt, in der wieder einmal Brücken eine große Rolle spielen, wie in seinem Roman „Nie mehr Nacht“. Hier nun, als sich der Brückenkommissar Dr. Benno Romik mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert sieht und sich fragt, was diese letzte Phase wohl sein wird, wie noch leben möglich ist („Die Lebendigkeit wird Erinnerung.“ S.9 ), da sind die Brücken natürlich die beste Metapher, nach rückwärts, nach vorwärts, ins Mögliche und ins Unmögliche.

Eine Brücke hängt in seinem Wohnungsflur, sieben Meter lang – ungefähr – gebaut mit der Tochter, zu der er keinen Kontakt mehr hat und keine Brücke findet. Ereignisse, die lebensprägend waren, bleiben teilweise im Dunkeln, denn wo keine Brücke sichtbar ist, kann auch keine Klarheit über Anfang und Ende, über Gründe und Ursachen bestehen.

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Ilona Jerger: Lorenz

Das sind die Bücher, die im Gedächtnis bleiben. Die Geschichten von Menschen, die etwas bewirken, für die Menschheit, in diesem Fall auch für das Tierreich, für die Natur, die für ihre großartigen Leistungen ausgezeichnet wurden – für Konrad Lorenz war es der Nobelpreis – und die gleichzeitig auch widersprüchlich in sich sind, die Abgründiges denken oder tun und eben auch menschlich, allzumenschlich sind. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn bekanntermaßen hat Konrad Lorenz auch eine NSDAP Vergangenheit.

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Anja Jonuleit: Sonnenwende

Im ersten Teil der Dilogie, „Kaiserwald“, hat Anja Jonuleit mehrere Handlungsstränge aufgemacht, in der Vergangenheit und in der Gegenwart, und die Geschichten ineinanderspielen lassen. Vermutungen zu Personenidentitäten und zu Zusammenhängen aus Vergangenheit und Gegenwart taten sich auf und machten das Warten auf den zweiten Teil spannend.
Und der zweite Teil hält, was er verspricht. In vielerlei Hinsicht ist der Roman „Sonnenwende“ Schritt für Schritt eine Auflösung der Rätsel des ersten Teils. Und wie es Anja Jonuleit immer im Schreiben unternimmt, ist die Hintergrundgeschichte eine durch und durch politische, ein politischer Skandal.

Penelope bekommt 25 Jahre nach dem Verschwinden ihrer Mutter Rebecca eine rätselhafte Nachricht. Die veranlasst sie dazu, sich einer Geldadel- und Diplomaten-Familie anzunähern, die sie mit diesem Verschwinden in Zusammenhang bringt. Und da sind diese Ökodörfer, eine Stiftung, dubiose Geldverschiebungen, denen sie nach und nach auf die Spur kommt, um am Ende selbst beinahe Opfer von Anhängern einer demokratiefeindlichen Gesinnung zu werden. Spannend und mit unerwarteten Überraschungen bis zum Schluss, öffnet Anja Jonuleit hier ein ganz dunkles Kapitel der deutschen Gegenwart.

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Fjodor M. Dostojewski: Schuld und Sühne

Letztes Jahr liebte ich „Die Brüder Karamasow“, den letzten der fünf großen Roman Dostojewskis, und dieses Jahr bin ich in „Schuld und Sühne“ versunken, eigentlich der erste seiner Romanreihe. Er spielt zur selben Zeit wie „Die Brüder Karamasow“, um 1865 herum im alten Russland, er ist Gesellschaftskritik, Europakritik, Kritik des modernen Lebens und vieles andere und er bedient sich auch dieses besonderen Stilmittels, die menschliche Psyche unter ein Mikroskop zu legen, sie zu sezieren und durch das Anhalten der Zeit in all ihren Nuancen und Widersprüchlichkeiten zu zeichnen. Es vergehen nur acht Tage in diesem Roman und die ersten Tage, in denen der Protagonist Raskolnikow mit sich hadert und dauernd auf Messers Schneide tanzt, diese ersten Tage waren für mich eine Herausforderung in der Lektüre. Beinahe war ich versucht, das Buch wegzulegen. Das erste sind die fürchterlich verzweifelten Lebensumstände, die Raskolnikow dazu treiben, über den Mord an einer Wucherin nachzudenken, bei der er schon mehrere Dinge für wenig Geld versetzt hat. Das zweite, was beinahe nicht auszuhalten ist, ist seine Somatisierung der Selbstzweifel und der Verzweiflung am Leben.

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Karl Ove Knausgard: Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit

Ein Bildungsroman, ein Liebes – und Ideenroman, über das Zeitgebundene und über das Ewige und Unveränderliche – so wird dieser Roman auf dem Klappentext beschrieben. 1050 Seiten stark ist das Werk, dem ich nicht immer mit der versprochenen Spannung folgen konnte. Es gab schon andere Knausgard Bücher, in denen kein Satz zu viel, keine Seite überflüssig gewesen wäre. Das empfinde ich hier nicht so.
Die Entwicklungsstränge einiger, völlig unterschiedlicher Figuren werden zunächst getrennt voneinander beschrieben. Der junge Syvert kommt nach seinem Militärdienst im Jahr 1986 nach Hause zurück und versucht, sich die Vergangenheit seines vor zehn Jahren durch einen Unfall verstorbenen Vaters zu erschließen und damit seiner eigenen Lebensgeschichte ein wenig näher zu kommen. Dabei stößt er auf eine ihm bis dahin verborgene Liebesgeschichte mit einer unbekannten russischen Frau. Dieser Teil umfasst nahezu die Hälfte des Buches und ist – zumal Syvert eher durch Ödnis gekennzeichnet ist, als durch Lebendigkeit, ein ziemlich langer Strang der Beschreibung des Verlorenseins.

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Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman des französisch senegalesischen Autors erfreut sich durchgängig begeisterter Rezensionen und so hat auch mich dieses Buch – noch bevor ich irgendeine davon gelesen hatte – gepackt und ich war schon lange nicht mehr in einem solchen Sog. Das Buch löst Neugierde aus, Wissensdurst, , allerhand Emotionen die sich in rasantem Tempo abwechseln und einfach nur Lust am Lesen machen, wie selten ein Buch.

Auf der Suche nach einem verschollenen Autor, T.C. Elimane, begibt sich der junge Schriftsteller Diégane auf Spurensuche – durch die Zeit und über die Kontinente und in die tiefsten Erinnerungen seiner Cousine Siga D. Über den, wie sein Autor, verschollenen Roman, das „Labyrinth des Unmenschlichen“, erfahren wir nicht so wahnsinnig viel, nur dass er in seinem Aufbau und seiner Zitation der großen Werke der Menschheit einzigartig sei. Und was er auslöst ist ein Literaturstreit, in dem sich der Kulturkonflikt ganz offen zeigt, mit allen Ressentiments und rassistischen Ideologien.

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Beatrice Salvioni: Malnata

Ja, der Roman bedient viele Klischees, aber: die Figuren sind so voller Leben, der Zauber der Situationen und die Sprache verführen zum Lesen am Stück. Als Debüt-Roman ein großer Erfolg für Salvioni mit Übersetzungen in 35 Sprachen. Passend zur Frankfurter Buchmesse mit Italien als Gastland ist dieser Roman sicher ein Highlight aus dem Schatz der jungen Autor*innen.
Die Geschichte ist im Italien von1935 angesiedelt, der Faschismus, ein Kolonialkrieg und verschiedene Formen von Diskriminierung bilden den Rahmen für eine einzigartige Freundschaftsgeschichte. Francesca, Mädchen aus gutbürgerlichem Haus, fühlt sich magisch angezogen von der Malnata, der Unheilbringerin, einem Mädchen, dem der Trotz aus dem Gesicht spricht und der Dreck zwischen den Zehen durchquillt, ein Mädchen, das sich auflehnt gegen gesellschaftliche Konventionen. Alles, was thematisiert wird könnte in jedem gesellschaftskritischen Roman ein Thema sein: die Macht des Geldes, das falsche Ansehen, die Korruption, die Frauenverachtung, der Missbrauch. Was mich trotzdem an die Geschichte gefesselt hat, ist Salvionis Begabung, die Faszination des Düsteren zu beschreiben. Das Nicht-Selbstverständliche im Bekannten herauszuziselieren als besondere Beziehungsereignisse, die so nur zwischen diesen beiden Personen stattfinden können.

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Frank Schätzing: Der Schwarm

Eigentlich schon ein alter Schinken, aber grad jetzt, zu dieser Sommerzeit mit einem Wetterextrem nach dem anderen ein absolut aktueller und anregender Klimathriller. So einen 1000 Seiten-Schätzing hatte ich bisher noch nicht auf dem Tisch, aber der hat mich gepackt. Die Anregung dazu hat tatsächlich eine ZDF-Serie geliefert. Auf der Basis von Schätzings Roman entstand eine 8-teilige Serie, die mich neugierig gemacht hat auf mehr. Um dem Roman gerecht zu werden, hätte es dreißig oder vierzig Folgen gebraucht, aber auch in der abgewandelten Form auf jeden Fall sehenswert. https://www.zdf.de/serien/der-schwarm (Fernsehpreis 2023 Bester Mehrteiler)

Die Natur schlägt zurück. In der Fernsehserie mutet es etwas seltsam an, als ein Kollektiv aus Wissenschaftlern vor einem internationalen Council von einer anderen Intelligenz spricht, die in absichtsvollem Verhalten von mutierten Meerestieren ausgehend einen Angriff auf die Menschheit startet. Aufgrund der Kürze ist diese Theorie hier reine Science Fiction. In Schätzings Roman ist das alles sehr detailliert ausgearbeitet und entwickelt sich eher als eine Theorie, die den Menschen in seinem Größenwahn zurechtstutzt und eine andere Perspektive anbietet.

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Antonio Munoz Molina: Tage ohne Cecilia

Mein erstes Buch von diesem spanischen Schriftsteller ist wie eine Einladung seinen Perspektiven auf das Leben und dem Innenleben seiner Figuren nachzuforschen. Die Feinsinnigkeit im Beobachten und Beschreiben ist getragen von einer Stimmung, die sich zusammensetzt aus Interesse und Resignation, aus Liebe und Verzweiflung, aus Trauer und Ironie.
Eine Person, Bruno, der Erzähler und Erzählte, fällt aus der Zeit. Er fällt und fällt und fällt aus seinem Leben, obwohl er es in dem Bemühen, sich durch einen Umzug von New York nach Lissabon ein neues Leben aufzubauen, an keiner Anstrengung und an keinem guten Willen fehlen lässt. Doch schon allein der Ansatz, dieselbe Wohnung wie in New York nachzubilden, lässt mich schaudern. Was ist das, wenn ein Mann, die Wohnung, in der er vermutlich Jahre – man weiss nicht so genau wie lange, denn die Zeit ist etwas sehr Relatives in dieser Geschichte – mit der geliebten Frau verbracht hat, wenn ein Mann genau diese Wohnung repliziert? Es kommt mir vor wie ein Schrein, in den der Verlorene zurückkehrt und in dem er sich seinen letzten Aufenthaltsort gestaltet als ewige Erinnerung. Etwas Neues wird nicht mehr passieren. Er erklärt sich selbst die Geschichte einer Liebe.

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Anja Jonuleit: Kaiserwald


Anja Jonuleit kenne ich in ganz anderen Zusammenhängen, aus den historisch belegten Geschichten um die Colonia Dignidad, die sie in „Rabenfrauen“ beschrieben hat. Die Art und Weise, wie sie eine Geschichte zusammensetzt und in mehreren Stimmen gestaltet, ist dieselbe wie hier in einem fiktiven Familiendramakrimi. Es liest sich gut, ist spannend aufgebaut und fügt auf raffinierte Art und Weise verschiedene Elemente aus Gegenwart und Vergangenheit ganz allmählich zusammen.
Eine der Hauptprotagonistinnen, Rebecca, Lehrerin in Riga, verliebt sich 1997 in den Vater einer Schülerin. Nicht lange danach verschwindet sie spurlos. Ihre Tochter Penelope lebt fortan bei den Großeltern und gibt den Glauben nicht auf, dass ihre Mutter noch lebt. Mathilda, Ex-Gebirgsjägerin macht einen parallelen Erzählstrang auf, von dem nicht ganz klar ist, wie er mit der tragischen Familiengeschichte verwoben sein könnte. Ihr Anliegen ist, den Machenschaften einer Familie des Geldadels auf die Spur zu kommen. Dabei entspinnt sich eine verrückte Liebesgeschichte.
Erzählt wird aus drei verschiedenen Perspektiven und drei Zeiten. Auf diese Art und Weise entsteht ein spannendes Puzzle, das immer andeutungsweise auf die Abgründe der menschlichen Seele hindeutet.

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