Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Mit vorausschauender Perspektive behandelt Hannah Arendt hier die Entwicklung des Menschen in einer Gesellschaft von Arbeitstieren in diesem bereits 1967 im Piper Verlag erscheinenen Buch.  Die Tätigkeiten des animal laborans haben wenig mehr mit ursprünglichem Tätigsein im Sinne von Handeln zu tun, sondern gleichen sich immer mehr Prozessabläufen an wie der Verfeinerung von Apparaten und Sinn und Zweck sind reduziert auf Selbsterhaltung.

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Boualem Sansal: 2084 – Das Ende der Welt

„Die Religion erweckt möglicherweise die Liebe zu Gott,
doch nichts führt stärker dazu als sie,
den Menschen zu verachten und die Menschheit zu hassen.“

Boualem Sansal, Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2010 hat damals mit seiner Geschichte „Das Dorf des Deutschen“ einen Nerv der Zeit getroffen. Zwei Brüder mit francoalgerischer Herkunft in den Pariser Banlieues entwickeln sich vollkommen unterschiedlich, einer von beiden radikalisiert sich während der andere entsetzt die Mechanismen von Ideologisierung und Entmenschlichung zu analysieren versucht.

Boualem Sansal schrieb zu dieser Zeit, er träume von einem Algerien, in dem man in Freiheit leben könne. Nun ist sein aktueller Roman „2084 – Das Ende der Welt“ eine in die Zukunft verlegte Überzeichnung der schlimmsten Ängste, die man in Verbindung mit Ideologie und Entmenschlichung fantasieren kann. Ein Land, genannt Abistan, ist so vollkommen von der Außenwelt abgeschottet, dass seine Bewohner glauben, es gäbe nur ihr Land und jenseits seiner Grenzen würde die Welt aufhören. Es wird beherrscht von religiösen Ideologen. Kritiker haben schon darauf hingewiesen, dass Abi, der Entsandte, den niemand zu Gesicht bekommt, möglicherweise als Charakter Anleihen nimmt beim immer unsichtbaren Militärführer Algeriens Abd al-Aziz Bouteflika.

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Anna Seghers: Das siebte Kreuz

„Dieses Buch ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet.“

Anna Seghers’ umfangreicher Roman über die Verhältnisse im Hitler- Deutschland der späten dreißiger Jahre zählt zu den epischen Werken, die nie an politischer Aktualität verlieren. Ihre Widmung auf dem Vorsatzblatt ist gerade jetzt brandaktuell und zeigt, von welcher Brisanz die Thematik ist und von welcher Bedeutung, sich mit der Geschichte und der Literatur dieser Zeit auseinanderzusetzen.

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Camus: „Der Fremde“ und Daoud: „Der Fall Meursault“

Vielleicht noch ein bisschen früh, aber trotzdem: Mein Leseerlebnis des Jahres! Mit Kamel Daouds Der Fall Meursault auf dem Schreibtisch kommt eins zum anderen, es entfaltet sich ein ganzer Fächer an literarischem und philosophischem Gedankengut, und gerade diese Verbindung verspricht größten Lesegenuss. Bevor aber Daoud auf den Leseplan tritt, sei empfohlen, sich vorher mit Camus zu befassen, wobei ich die naheliegendste Empfehlung Der Fremde zu lesen, dringend erweitern möchte. Der Fremde ist natürlich vom Inhalt her die Geschichte des anonymisierten Arabers, auf die sich Kamel Daoud bezieht, wenn er 70 Jahre später mit seiner Erzählung Der Fall Meursault diesem Araber endlich ein Gesicht und eine Geschichte geben möchte. Genauso wichtig und erhellend ist aber auch Camus’ Der Fall, denn Daouds Geschichte dupliziert die Form dieser späteren Erzählung. In Der Fall sitzt ein ehemaliger Anwalt, der über sein Leben Rechenschaft abgibt, monologisierend einem geduldigen Zuhörer gegenüber. Nur durch seine eigenen Augen erfahren wir seine Geschichte und sollen uns ein Urteil über ihn bilden. Genauso verfährt Daoud. Aber nicht nur die Form zeichnet sich bei Daoud ab, auch die selbstreflexive Art, die sich aus dem Monolog ergibt, ist eine wichtige Parallele.

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Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Eine Frage drängt sich auf: Warum ist da nicht schon längst jemand darauf gekommen und mit welchem Buch könnte man das noch machen? Einer Figur, die als Statist mit Schlüsselfunktion keine eigene Identität bekommen hat, ein Gesicht geben, eine Geschichte auf den Leib schreiben.

„Der Araber“ in Camus’ „Der Fremde“ bekommt in Daouds Erzählung endlich sein Gesicht, bekommt seine eigene Geschichte. Dabei spiegelt Daoud in vielen Passagen die Gedankengänge Camus’, er nimmt sie auf, zerlegt und erklärt sie – im Unterschied zu Camus – entstellt sie aber auch. Und natürlich werden aus der besonderen Perspektive des kolonialisierten, des besetzten Arabers ganz andere Fragen existentiell.

„Es ist ganz einfach: Diese Geschichte müsste neu geschrieben werden, in der gleichen Sprache, aber diesmal, wie das Arabische, von rechts nach links.“

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Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Eine Novelle

Reither ist ein ehemaliger Kleinverleger, der um eine Zeit trauert, in der es noch nicht mehr Menschen gab, die schreiben, als Menschen die lesen und in der er noch nicht andauernd so viele Worthülsen in den Manuskripten anstreichen musste. Leonie Palm, ehemalige Hutladenbesitzerin, wurde auch von einer Wirklichkeit eingeholt, in der es für sie und ihren Hutladen keinen Platz mehr gibt. Und beiden Figuren eigen ist eine Sehnsucht, eine verrückte Sehnsucht, die das Neue will um das Vergangene zu ändern.

Die Novelle lebt von der unerhörten Begebenheit. Was ist das Unerhörte, an Bodo Kirchhoffs Roman, für den er nun den Deutschen Buchpreis bekommen hat? Ist es die spontane neue Liebe, die unverhofft in das Leben der beiden in die Jahre gekommenen gescheiterten Existenzen platzt? Oder ist es die Verflechtung mit dem Flüchtlingsschicksal des jungen Mädchens? Beide haben sie eine Tochter verloren, die Frau durch Suizid der erwachsenen Tochter, der Mann das ungeborene Kind, das er nicht wollte. Die Sehnsucht, einmal im Leben das Glück zu genießen, mit der verlorenen Tochter, verführt die beiden zu unüberlegtem Handeln. Aber auch das ist nicht die unerhörte Begebenheit. Auch nicht, dass der Mann von der gemeinsamen Süditalienreise aus Kalabrien eine Flüchtlingsfamilie im Auto mit nach Deutschland nimmt, während die Frau mit dem Zug weiterreisen will, „obwohl ihre Zeit kaum reichen würde, um alles Versäumte noch zu sehen.“ (S.224) Sie ist also sterbenskrank und weiß, dass ihr kaum noch Zeit bleibt, weder für das Leben noch für die Liebe. Und da steht dieses trotzige Trotzdem. Doch dies ist auch nicht das Unerhörte an dieser Geschichte.

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Peter Stamm: Weit über das Land

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„Ein Mann steht auf und geht.“
Ein einfacher Minimalsatz, Subjekt, Prädikat, und doch weiß man sofort, dass hier ein ganzes Lebenskonstrukt mit all seinen Attributen in Frage gestellt wird.

Die Kunst des Peter Stamm besteht im ersten Teil darin, den Leser wie einen imaginierten Kameramenschen mitzuführen durch die Geschichte. Wir machen uns mit auf den Weg, wissen nicht wohin – das macht uns neugierig – wissen auch nicht warum. Erst Tage später, als die Frau trotz ihrer Scham und des Verweigerns der Tatsache, dass ihr Mann sie so verlassen hat, sich endlich dazu aufrafft, eine Vermisstenanzeige aufzugeben und nach einem aktuellen Bild sucht, blitzt eine Idee auf: der Mann hat kein Gesicht mehr. Er ist untergegangen in seinem Leben.

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Wolfgang Bauer: Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Eine Reportage.

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015

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Angesichts eines erneuten Bootsunglücks im Mittelmeer mit hunderten von Todesopfern hat diese Reportage immer noch eine entsetzliche Aktualität und als BürgerIn Europas sieht man sich fassungslos in einem Handlungsvakuum gefangen angesichts der Tatsache, dass korrupte Schlepperbanden skrupellos Menschenleben ihren Geschäftsinteressen opfern und ein “Europa“ sich nicht einigen kann und nicht in der Lage ist, diesen Machenschaften das Handwerk zu legen durch menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen.

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Feridun Zaimoglu: „Siebentürmeviertel“

Kiepenheuer & Witsch, 2015

Siebentürmeviertel, in einem Stadtteil Istanbuls angesiedelt, beginnend im Jahr 1939, ist ein Roman über Heimat und Fremde, über eine Selbstdefinition vor dem Hintergrund zweier Kulturkreise. Ein kleiner deutscher Junge, Wolf, mit seinem Vater vor dem Hitlerregime in die Türkei geflohen, nimmt uns mit auf eine Reise in ein archaisches türkisches Milieu, in dem die Menschen sich zurechtfinden müssen zwischen Mythen, Aberglauben, sozialen Gruppenzugehörigkeiten und den damit verbundenen Rivalitäten. Der heranwachsende Wolf übernimmt die Ordnungssysteme, in denen er aufwächst. Von seinem deutschen Vater verlassen, wird die türkische Familie, die sich seiner annimmt und in der er die wichtigen Entwicklungsphasen seiner Pubertät erlebt, zu seiner echten Familie.

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Maria Braig: Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

Verlag 3.0, Bedburg, 2016

Eine Utopie, in der die Suche nach Freiheit und Akzeptanz durch den Mut junger Menschen einen Weg findet zu einem selbstgestalteten Leben.

Schon Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“, im letzten Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde von den Rezensenten zum Teil als naive Utopie belächelt. Hannah Lühmann schrieb in der „Welt“ am 31.08.15:

„Vieles ist falsch an diesem Buch, unter den jungen Männern, den Flüchtlingen: kein einziger Antisemit, kein einziger Gewalttäter, keiner, der übergriffig wird, vielleicht einer, der stiehlt. Sie sind alle nett und verloren, traurig und traumatisiert, manchmal ein bisschen aggressiv und übermütig. Sie sind Platzhalter in einem Lehrstück über die Welt, wie sie sein könnte.“

Warum eigentlich nicht?

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