Tomás Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse

Geschrieben als Antwort auf die Weltfinanzkrise versucht Sedlacek in diesem Buch einen historischen Brückenschlag zwischen allen Arten von soziokulturellen Verhaltensmustern herzustellen und daraus sowohl eine Erklärung als auch einen Ratschlag abzuleiten.

Über die uralten Mythen, die Religionen, die frühen und neuzeitlichen Philosophien sowie über die psychologischen Kategorisierungen in egoistisches und altruistisches Verhalten erstellt Sedlacek ein Gesamtbild unserer historischen Prägungen und Erwartungsmuster. Ein ehrgeiziges Unterfangen. Eine umfangreiche Quellensammlung bietet viele Einblicke in menschliches Denken und in Verhaltensmuster.

Warum er allerdings die ethischen Kategorien „Gut und Böse“ bemüht, ist nicht ganz klar. Zunächst sind Das Gute und Das Böse als ethische Kategorien nicht an menschliches Handeln und Verhalten gebunden, sondern sind Wertbezeichnungen, die als normative Setzungen weder über Inhalte definiert sind, noch als veränderbar gedacht werden. Was Sedlacek untersucht sind verschiedne, sich verändernde moralische Wertmuster. Zwischen ethischen Kategorien und moralischen Bewertungen liegt ein großer Unterschied. Wenn Sedlacek mit seiner Untersuchung darauf abhebt, dass die Ökonomie den Mut haben sollte, sich moralischen Wertmaßstäben zu stellen, überhaupt sich damit auseinanderzusetzen, dann tut sie das im Rahmen der Moral, denn die Ökonomie ist eine Erfahrungswissenschaft, nicht im Rahmen der Ethik. Moralisches Handeln kann mit den Adjektiven gut und böse bezeichnet werden. Die Ökonomie ist vielleicht bei den alten Griechen verbunden mit Ethik und Politik innerhalb eines ethischen Rahmenmodells zu denken, aber nicht mehr heute. Sie hat längst jeden Rahmen gesprengt und ihre eigenen Regulative entwickelt. Diese alten Kategorien reichen nicht mehr hin, die Ökonomie heute einzufangen.

Das Buch ist allemal anregend, denn der Eindruck, die Ökonomie entbehre der moralischen Grundsätze und sowieso der ethischen Grundlegungen entsteht ja wohl aus einem Bedürfnis, sie wieder stärker rückzubinden. Nur die Kategorien Gut und Böse… Worthülsen aus längst vergangenen Zeiten, die dem Ganzen einen religiös-moralischen Anstrich geben. Die Untersuchung auf das Rechte im Sinne von Ge-Rechtem und damit Richtigen und das Un-Rechte im Sinne von Un-Gerechtem wäre sicher ebenso fruchtbar und würde die Ökonomie in ihrem säkularen Rahmen untersuchen, in den sie gehört.

Die Seite „Tomás Sedlácek: die Ökonomie von Gut und Böse“ möchte zu den einzelnen Kapiteln des Buches Anregungen bieten.

Neue Formen des Schreibens

Im Artikel: „Leser, mach’s dir selbst“, von Maximilian Probst und Kilian Trotier, ZEIT, 31.01.13 werden die neuen Formen und Möglichkeiten digitaler Autorschaft thematisiert.  Nach dem Motto von Marshall McLuhan: „Das Medium ist die Botschaft“ sind mit dem e-book-Markt ganz neuen Publikationsformen entwickelt worden: das e-book kann mit sämtlichen interaktiven Elementen angereichert werden und insofern ist es nicht verwunderlich, dass nun auch die Möglichkeit, den Leser nicht nur im Leser-Kopf, sondern schon im Schreiben mit zum Autor zu machen, realisiert wird. Computervermittelte Kommunikationsformen basieren auf der Idee des kollaborativen Arbeitens und da ist es naheliegend, auch bei der Produktion von e-books mit bisher festgeschriebenen Setzungen variabel umzugehen. Was aber geschieht, wenn ein Buch nicht mehr vom Autor allein geschrieben wird, wenn es von den Lesern mit gestaltet wird, wenn es vielleicht kein fixiertes Ende mehr gibt, sondern immer wieder mit Veränderungen neu erscheint? Allemal nachdenkenswert. Ich werde den Artikel später noch mal überdenken. Vielleicht anhand von Kommentaren neu bearbeiten…

Die Autoren fragen:

„Was passiert, wenn das Medium Buch unwiderruflich in die Logik des Digitalen eintaucht? Wenn die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung im Netz den Prozess des Bücherschreibens verändern?“

Später: Permanente Veränderbarkeit, gemessen am Leseverhalten. Wenn das zur Forderung wird, wo bleibt dann die Kunst?

„Unsere Datenanalyse zeigt, dass auf Seite 39 nach dem zweiten Absatz 24 Prozent der Leser ausgestiegen sind. Anscheinend stimmt da etwas nicht, ändern Sie doch die Passage, damit mehr Leute weiterlesen.“

http://www.zeit.de/2013/06/Internet-Buecher-schreiben

Sexismus-Debatte

Nein, es ist nichts dabei, wenn ein Mann einer Frau sagt, dass ihr ein Kleid gut steht, dass sie ein Dirndl ausfüllen könnte oder andere Nettigkeiten. Es ist auch nichts dabei, wenn ein Mann einer Frau die Hand küsst. Und es ist nichts dabei, wenn ein Mann eine Frau in den Arm nimmt, wenn ein Mann und eine Frau sich küssen, wenn ein Mann und eine Frau miteinander schlafen… Es ist nichts dabei.

Entscheidend ist das Verhältnis, in dem die beiden zueinander stehen, entscheidend sind die eingeschriebenen Machtstrukturen, innerhalb derer ein Teil der Bedeutung des Geschilderten festgelegt wird, entscheidend sind gesellschaftliche Interpretationen, im Subtext versteckt, aufgrund von jahrhundertelangen ‚Rollenerwartungsmodellen‘ festgeschrieben.

In der Zeit vom 27.01.13 heißt es: Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer sagte, seit Laura Himmelreich Klartext geschrieben habe, sei Brüderle „kein Politiker mit Zukunft mehr, sondern ein Mann von gestern“. In ihrem Blog schrieb die 70-Jährige: „Das beklagte sexistische Verhalten disqualifiziert endlich auch den Mann.“

Interessant wird sein, was nun im weiteren Verlauf passiert, wie Alice Schwarzer in der Günther Jauch-Sendung am Sonntag Abend anmerkte. Denn nun geht es tatsächlich darum, nicht weiterhin zu dulden, dass Grundlagen, die im Allgemeinen Antidiskriminierungsgesetz eine formale Niederlegung bekommen haben, gesellschaftlich  von einer Doppelmoral belegt und zuungunsten der Diskriminierten behandelt werden.

Überall wo Menschen, die in einem bestimmten Machtverhältnis zu anderen Personen stehen, dieses ausnutzen, um ihre Interessen auszuspielen, handelt es sich um einen eklatanten Missbrauch von Macht. Ob der erfolgreiche Mann, der Chef, die Erzieher, die Eltern ihre Überlegenheit ausspielen, es kommt zu Übergriffigkeiten, die denen, die sich in der überlegenen Position befinden, nun endlich auch vor Augen geführt werden müssen als Delikte, die ihre Position diskreditieren. Bestimmte Stellungen in der Gesellschaft, und dazu gehören ganz besonders die Positionen der Politiker, weil sie als Repräsentanten, als Gesellschaftsgestaltende und -verwaltende auftreten, sind mit dem bewussten Umgang dieser Positionen so eng verbunden, dass dieser Umgang diese erst begründet.

Dass weiterhin die Opfer dargestellt werden, als suchten sie (wie die Baden-Württembergische Integrationsbeauftragte geäußert hat) die Nähe von mächtigen Männern, dass weiterhin die Opfer angeklagt werden, dafür hat sich diese Gesellschaft schon zu lange mit Fragen der Gleichstellung und des Sexismus auseinandergesetzt. Da mag die Altherrenrige noch zusammenhalten, in der Außenwahrnehmung ist es aber genau die Bagatellisierung, die als Teil einer legitimierten Macht endlich kritisiert wird. Wenn dieses Verhalten als Machtmissbrauch anerkannt wird, kann sich etwas verändern im Subtext der möglichen Machtausübung. Vielleicht können dann Frauen und Männer irgendwann entspannt nachts an der Bar sitzen und sich auch Nettigkeiten sagen, weil beide aufmerksam sind, ob der Flirt als gegenseitiger erwidert wird.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/bruederle-sexismus-belaestigung

The Gender-Questions

Ambitionierte Titel („Das Ende der Männer…“; „Frauen, wie wollen wir leben?“) werfen ihre Schatten voraus. Zu Hanna Rossins mehrfach positiv besprochenem Buch „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ hat Claudius Seidl von der FAZ eine interessante These aufgestellt (siehe Zitat unten): Das, was Rossin als die herausragenden Fähigkeiten der Frauen und Mädchen darstellt – ihre Anpassungsfähigkeit, Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und trotzdem immer die Stabilisierung der Familie – ist nicht das, was sie zu neuen Ufern führt und ihre Überlegenheit herausstellt, sondern ganz simpel die Fortführung der Geschlechterungleichheit und ihre Zementierung. Indem Frauen stabilisierend ihre Kräfte walten lassen, sichern sie auch die Fortführung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Was den Frauen zum Vorteil gereichen müsste, schlägt in den herrschenden Verhältnissen, die sich über materielle Belohnungssysteme definieren, zu ihrem Nachteil aus. Und das hängt in erster Linie wohl damit zusammen, dass Geschlecht immer noch ein bestimmtes Verhältnis zu Besitz bedeutet (rund 1% des Vermögens weltweit, laut einer Studie des BMZ, liegt in den Händen von Frauen) und zum Zugang zu Produktionsmitteln. Die Gender- Frage ist nach wie vor eine ökonomische. In allen gesellschaftsgestaltenden Bereichen, auch im kulturellen Bereich, ist die Frage, wie Frauen leben wollen, nur indirekt eine Frage von Gender. Eine „question of class“, wie Elisabeth Ruge auf die Frage  „Frauen, wie wollen wir leben?“ in den „Fragen an acht Künstlerinnen“ antwortet, ist es eben in so fern, als Gender sehr wohl geknüpft ist an die question of class (siehe Zitat unten).

Der „…Aufstieg der Frauen“ und „Frauen, wie wollen wir leben“ sind Titel, die suggerieren, dass verschiedene Formen von Weiblichkeit eine Wahlmöglichkeit beinhalten. Völlig außen vor bleiben die Zwangssituationen aus wirtschaftlicher Not. Allen Bestrebungen von Gender- Mainstreaming und Gleichstellungspolitik für mehr Selbstbestimmung von weiblichen Lebensläufen diametral entgegengesetzt laufen Entwicklungen der wieder stärker instrumentalisierten Sexualisierung von Weiblichkeit. Im Zuge dessen hält Fremdbestimmung in diesem gesellschafltichen Segment zunehmenden Einzug.

Jedes Jahr werden rund 500.000 Frauen aus den Osteuropäischen Ländern nach Europa verschleppt zum Zweck der Zwangsprostitution. Eine expandierende Sexindustrie verkauft Prostitution als Teilbereich legitimierter Wellness- Programme. Doch bei genauerer Untersuchung der Hintergründe wird schnell klar, dass es hier um Menschenhandel geht und Menschenhandel in Europa ist fast ausschließlich Frauenhandel. Nach Untersuchungen gelten 95% als fremdbestimmt, wenn man ins Kalkül zieht, dass wirtschaftliche Not als Merkmal der Fremdbestimmung gilt.

Claudius Seidl: „Es ist auch deswegen so schrecklich, weil sich gerade in diesem kleinen Ausschnitt so deutlich offenbart, dass, was Hanna Rosin für das Neue hält, in Wirklichkeit das uralte Geschlechterverhältnis ist. Während die Mädchen streben, üben sich die Jungen im Widerspruch.“

Artikel der FAZ vom 16.01.13: Mädchen an die Macht, von Claudius Seidl zum Buch von Hanna Rossin: „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/geschlechterkampf-maedchen-an-die-macht-12023354.html

Elisabeth Ruge: „Ihre Geschichte erzählt uns allerdings auch davon, dass literarische Durchsetzungsfähigkeit nicht nur eine Frage von Gender ist – es ist auch immer a question of class.“ Elisabeth Ruge, Leiterin des neugegründeten Hanser Berlin Verlags. Aus dem Artikel der FAZ vom 17.01.13: Frauen, wie wollen wir leben?

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/fragen-an-acht-kuenstlerinnen-frauen-wie-wollen-wir-leben-12028495.html

Wolfgang Kerstin: Liberale Freiheitsethik oder Wohlfahrtsstaat?

Wolfgang Kersting, 2012 Preisträger des Freiheitspreises der  Friedrich- Naumann- Stiftung, für Impulse einer liberalen Bürgergesellschaft, erklärt in dem von ihm im Jahr 2000 herausgegebenen Buch „Politische Philosophie des Sozialstaats“ den Wohlfahrtsstaat zur „Bürgerlichkeitsverhinderungsmaschine“. Sein Hauptaugenmerk, um Gerechtigkeit zu schaffen, liegt auf der Schaffung von Arbeitsplätzen, anstatt Ausgleichsleistungen zu zahlen. Aus der FAZ vom 06.08.12: „Vor dem Hintergrund der liberalen Freiheitsethik ist dem expansiven Wohlfahrtsstaat der Gegenwart entschieden der Vorwurf der moralischen Kontraproduktivität zu machen: Er betreibt zügig die Abschaffung der Selbständigkeit, er verhindert Bürgerlichkeit.“

Warum nur kommt dem Leser seiner Artikel der Verdacht, dass es mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, so gut dieser Gedanke im Ansatz ist, nicht getan ist? Wie sollen die liberalen Bürger für ihre Ausbildung selbst bezahlen, ihre Rente selbst ersparen und auch im Gesundheitssektor bis auf Minimalversorgung sich selbstfinanziert absichern, wenn doch schon ein Mindesteinkommen von liberaler Seite her nicht vertretbar ist?

Nun, der Staat braucht seine Steuerzahler, also selbst wenn nicht umfangreiche Ausgleichsleistungen bezahlt würden, hätte der Staat ein Interesse an der Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber wer sagt, dass deren Entlohnung unter liberalen Maßgaben für ein würdiges Leben, geschweige denn für selbstverantwortete Absicherung ausreichend wären? Eine liberale Reduzierung der staatlichen Verantwortlichkeit reißt eine Reihe anderer gerechtigkeitsethischer Lücken auf, von denen nicht zu vermuten ist, dass die Wirtschaft diese in freiwilliger Selbstverpflichtung ausgleichen würde.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/standpunkt-wolfgang-kersting-wo-der-liberalismus-versagt-hat-11846115.html

Otfried Höffe und Peer Steinbrück- Honorardebatte

Gemeinhin dulden Gesetze eine Ungleichheit in der Vermögensverteilung, die weit über das hinausgehen, was mit unserer Vorstellung von politischer Gleichheit und Gerechtigkeit verträglich ist. Unser Gerechtigkeitssinn und unsere Gerechtigkeitskonzeption scheinen gegenwärtig in höchstem Maß auseinander zu klaffen. Wie kommt es, dass die Honorardebatte um Peer Steinbrücks Vortragsvergütung so hohe Wellen schlägt, dass andere politische Inhalte dahinter zurückstehen?

Gerechtigkeitstheoretiker wie John Rawls und auch Otfried Höffe glauben, dass die Ausstattung mit Grundrechten und Grungütern in ihrem erforderlichen Maß ermittelt werden kann. Daraus ergibt sich auch die Ermittlung von Vergleichen , von Minimal- und Maximalstandards. Die Empfehlungen dieser Philosophen liegen bei etwa dem Hundertfachen des geringsten Einkommens als Maximum, das unter gerechtigkeitstheoretischen Aspekten noch zu legitimieren wäre. Wenn dann beim Bürgerdialog jemand aufsteht und sagt (Zitat ZEIT vom 30.11.12): Er bekomme allerdings nur 20, na gut, vielleicht auch mal 50 Euro Honorar. Nun habe sich die SPD doch die soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben. »Wie kann es da sein, Herr Steinbrück, dass ich 20 Euro bekomme, Sie aber 20.000?«, dann bewegen wir uns in der Region des Tausendfachen.

Es ist einer ganz natürlichen Reaktion geschuldet, sich hier zu empören über die Unverhältnismäßigkeit, denn es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die sich an Grundsätze der Gerechtigkeit halten, den Nachteil haben, weil es andere nicht tun, sich aber zum Schein darauf einlassen und eine Kooperation vortäuschen, von der sie aber nie beabsichtigen, sie einzuhalten. Die Peer Steinbrück- Debatte zeigt, dass die in Höffes „Politische Gerechtigkeit“ dargestellte Verpflichtung auf Gerechtigkeit als Projekt der Moderne auch als Selbstverpflichtung des Einzelnen wieder ernst genommen werden muss, weil nur so ein Staatswesen moralisch begründet werden kann.

In dieser Diskussion geht es nicht um neidische Kleinkrämerei, es geht tatsächlich um ein grundsätzliches Verständnis des Politikers, der der Zustimmung bedarf. Der Sozialstaat entsteht aus der Idee, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung als Ausdruck von Solidarität, als Bereitschaft ein Stück seiner persönlichen Freiheit für den Sozialstaat aufzugeben. Und dazu gehört auch eine Höchstgrenze für Honorare und Gehälter, sonst kann den Bürgern nicht mehr verständlich gemacht werden, dass der Sozialstaat als Solidaritätsaufgabe den Grundsätzen der politischen Gerechtigkeit folgt.

»Ein Sozialdemokrat nimmt nicht 25.000 Euro für Geplauder, einen Betrag, für den ein Arbeiter ein Jahr lang malochen muss«, sagt SPD-Ortschef Rudolf Malzahn.

http://www.zeit.de/2012/48/Peer-Steinbrueck-Honorare/seite-1

Wir neuen Deutschen

Wer wir sind, was wir wollen.

1.Auflage September 2012, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg.

Özlem Topcu, Alice Bota und Khue Pham, drei erfolgreiche ZEIT- Redakteurinnen, sind junge Frauen mit internationalen Wurzeln, die nach ihrer Aussage an einem der „deutschesten Orte der Republik“ arbeiten und trotzdem als hybride Identitäten ihre eigenen Biografien nicht verlässlich verorten können.

Zur Ankündigung ihres Buches schreiben sie darüber in der ZEIT: „Heimat ist für uns ein schmerzhaftes und sehnsuchtsvolles Ding. Heimat ist die Leere, die entstand, als unsere Eltern Polen, Vietnam und die Türkei verließen und nach Deutschland gingen.“ Biografie hat hier also im ersten Moment etwas mit Geografie zu tun. Wir sprechen Menschen, die offensichtlich ihre Herkunftswurzeln woanders haben, keine deutsche Identität zu. Aber was macht jemanden zum „Deutschen“? Vielmehr, wäre es nicht an der Zeit, wenn jeder vierte in Deutschland lebende 25- Jährige ein Mensch mit internationalen Wurzeln ist, darüber nachzudenken, wie der Status des Deutschseins neu definiert werden kann?

Eindrucksvoll schildern die jungen Frauen ihre Erlebnisse, den Preis des Deutschwerdens, das Bemühen, sich manchmal bei Besuchen im Herkunftsland der Eltern ein Stück Heimat auszuleihen, das Akzeptieren der Bedeutung zweier Prägungskulturen, die Auseinandersetzung mit Außen- und Innenwahrnehmungen. „Vielleicht ist die Vorstellung von Heimat keine so gute Idee mehr. Sie passt nicht in eine Gesellschaft, in der viele Menschen zerrissene Lebensläufe haben.“ (ZEIT, 06.09.12)

Für einen Moment gelingt es, sich hineinzuversetzen in eine Kindheit, in der das, was als identitätsstiftend gilt, das, was in der Schule in Geschichte, in Religion, in Gemeinschaftskunde gelehrt wird, erlebt wird als etwas, mit dem man sich eben nicht identifizieren kann, weil es nicht die eigene familiäre, kulturelle, religiöse Geschichte ist. Sich hineinzuversetzen in diejenigen, die empfinden, dass ein Normensystem von seiner Definition her seine Geltung rechtfertigt durch Ausgrenzung und Unterscheidung.

Wäre es nicht an der Zeit, über eine Neudefinition der Nation nachzudenken? Durch das Zusammenleben mit unterschiedlichen kulturellen Normensystemen fließen neue semantische Kontexte in unserer aller Lebensbedingungen ein. Wenn wir Demokratie und menschenrechtlich verankerte Normen ernst nehmen, ist es dann nicht zwingend, neue Interpretationen, erweiterte Bedeutungen mit einzubeziehen?

Im Zuge eines zunehmenden Kosmopolitismus ist es an der Zeit, auch politische Grundsätze inhaltlich neu zu überdenken. Es ist keine Frage des Befürwortens oder Ablehnens, darüber sind wir längst hinaus. Die Frage ist vielmehr, wie kann nun neben staatsbürgerlichen und sozialen Rechten auch die Dimension der kollektiven Identität neu verankert werden?

Es geht auch gar nicht darum, wer sich nun mehr anstrengen muss. Die neuen Deutschen wissen, dass auch sie nachsichtig sein müssen und verstehen müssen, dass es Zeit braucht, um als Deutsche wahrgenommen zu werden. Aber als ein wichtiges Ziel kann vielleicht formuliert werden, dass die Frage: „Bist du türkisch oder deutsch?“, so nicht mehr gestellt wird und nicht mehr die Antwort gegeben werden muss: „Keines!“, denn Nicht- Zugehörigkeit bedeutet auf gewissen Art auch Nicht- Identität.

Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Jedenfalls nicht eine Gesellschaft, in der sich ein Viertel als Heimatlose empfindet.

„Der Wunsch, akzeptiert zu werden: Ist das nicht ein universeller Wunsch? Und ist nicht die Fähigkeit, andere zu akzeptieren, genauso universell?                                     Manchmal wissen wir nicht, wer wir sind. Manchmal wissen andere nicht, wer wir sind. Aber eines ist uns nun bewusst: Wir sind deutscher, als wir denken. Was kann daran schon schlimm sein?“

Im Deutschland ihrer Zukunft, so wie die jungen Frauen es wünschen, gibt es keine Parallelwelten mehr, das Wort „Migrationshintergrund“ existiert nicht mehr, es gibt „nur eine Gesellschaft“.

http://www.zeit.de/2012/36/Deutsche-Migranten-Heimat-Identitaet

 

Twilight Saga „Breaking Dawn“

Aktuell zur Premiere des Kinofilms „Breaking Dawn“ kann man sich wieder mal überlegen, ob die Twilight-Saga ein gutes Weihnachtsgeschenk für pubertierende Mädchen ist. Dazu rückblickend einige Gedanken zum Aufbau der Bücher:

Stephenie Meyer: Twilight – Saga

Mythos als Verführung

2007 nominiert für den deutschen Jugendliteraturpreis

Es muss eine große Sehnsucht sein, die sich hinter dem Mythos der unsterblichen Liebe verbirgt, wenn junge Mädchen heute ein 1500 Seiten langes Märchen lesen, obwohl wir in einer Welt leben, die sich so schnell dreht, dass wir oft nach dem Kauf eines Buches schon nicht mehr wissen, warum wir es lesen sollen. Wie schaffen es diese Paranormal Romances zu so ausführlicher Lektüre zu verführen?

Stephenie Meyer, Mitglied der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, einer Sondergruppe der Mormonen, schreibt auf ihrer homepage über die Bedeutung ihrer Religionszugehörigkeit für ihr Schreiben. Heimgesucht von einer Vision eines liebenden Mädchen und eines Vampirs auf einer Lichtung verfällt sie in exaltierte Übersteigerung der religiös begründeten sexuellen Enthaltsamkeit. Sie gestaltet als Chiffre eine monströse Verbindung von Sexualität und Tod. Nur das ewige Leben in ewiger Liebe vermag der Sexualität zur Legitimation ihrer Existenz zu verhelfen. Weniger tut’s nicht.

Die Mitglieder ihrer christlichen Gemeinschaft verstehen sich als Urchristen, die nach der ursprünglichen Lehre Jesu Christi die Kirche von ihren Irrtümern befreit. Als neureligiöse Bewegung beanspruchen sie allein für sich die geistliche Vollmacht zur Ausübung eines wahren Glaubens. Als kleine, außerhalb der Konvention stehende Gemeinschaft sind nur sie allein im Besitz eines fortschrittlichen Wissens, jenseits der weltlichen Verführungen.

Ebenso Meyers Vampire. Auf unkonventionelle Art und Weise übernehmen die in der literarischen Tradition als Verkörperung des Bösen dargestellten Vampire hier bei Stephenie Meyer die Rolle der neuen moralischen Elite. Die „normalen“ Menschen sind nicht dazu befugt, ein Urteil darüber abzugeben, was unter extremsten Bedingungen ein moralisch verantwortliches Leben bedeuten könnte. Nur die Ausgeschlossenen, die in einer übermenschlichen Anstrengung, wider ihre Natur, eine Form der Selbstgesetzgebung erfinden müssen, wissen wirklich, worum es geht.  Noch dazu, weil ihre Einstellung zeitlich unabhängig ist und bleibt. Ein solches Bewusstsein findet seine vollkommenste Form in der Manifestation von ewiger Liebe.

Hier wird zunächst eine Identifikationsmöglichkeit für jugendliche Leser angeboten: Die Protagonistin Bella (Isabella Swan), durch deren Augen die Geschichte geschildert wird, ist überdurchschnittlich belesen. Mehrfach erwähnt wird Brontë’s „Sturmhöhe“, die auch eine wahnsinnige, über den Tod hinausgehende Liebesgeschichte beschreibt. Bella ist eine Außenseiterin auf mehreren Ebenen: schulisch ihren Klassenkameraden voraus, nicht auf Sozialkontakte angewiesen, fremd in der Stadt. In der Cafeteria des Schulgeländes fällt ihr nur einer auf, der noch fremder ist als sie selbst: Edward Cullen, einer von fünf adoptierten Halbgeschwistern einer Familie, die allesamt „Erscheinungen“ sind, wie aus einem Film. Die Faszination für jugendliche Leser liegt einmal in der Situation des Sich-fremd-Fühlens und der Suche nach dem Einen, der versteht. Zum anderen im Aufbegehren gegen gesellschaftlich Überkommenes. Die Herausforderung besteht in der Selbstdefinition dessen, was gut und richtig sein soll und dabei werden durchaus von der Gesellschaft „verteufelte“ Faktoren als mögliche Angebote untersucht. Ein Ekel gegenüber der Welt der Erwachsenen, gegenüber den Zumutungen des Lebens, gehört ebenso  zu jeder Entwicklung, wie die Entrüstung darüber, in Umstände geworfen zu sein, die als unzumutbar empfunden werden.

Leider versteht Meyer nicht, mit diesen Elementen literarisch zu spielen. Formelhaft werden Empfindungen abgehandelt, werden Rollenverteilungen reproduziert: die Ich-Erzählerin bewundert ein männliches Idol, das exemplarisch dafür steht, mithilfe seiner unglaublichen Willenskraft das ihm Auferlegte umzukrempeln:  sowohl seinem wesenseigenen Bluthunger, als auch sexuellen Anfechtungen zu widerstehen ist Reife. Kontrolle wird zum moralischen Verantwortungskodex. Sie selbst reproduziert ein Frauenbild weiblicher Lustanfälligkeit und Dominanz des Körperlichen, des Vergänglichen. Um mit ihm auf gleiche Augenhöhe zu kommen, das spürt Bella schnell, muss sie werden wie er, muss zur Vampirin werden und durch denselben Kampf mit sich selbst seine Liebe verdienen. In den Momenten der aufwühlendsten Empfindungen (und damit operiert der Roman ja dauernd) ist Bella kopflos, haltlos, orientierungslos. Sprachlich gefällt sich die Geschichte in der Vereinfachung. Das Gefühlschaos der jugendlichen Bella wiederholt sich in gleich bleibenden Schleifen ebenso wie die Beschreibungen derselben Örtlichkeiten oder der immer wieder beschworenen schönen Blässe des „Helden“.

Stephenie Meyer also ist als revolutionäre Urchristin befugt, der Mädchen- Welt eine Vorstellung von gereinigter Sexualität, von Liebe als Sakrament zu bringen und setzt damit der zunehmenden Überforderung durch ständig wechselnde Beziehungen und Sexualpartner die stärkste Antithese entgegen: den Mythos der ewigen Liebe.  Eine verführerische Kraft geht davon aus. Doch der Mythos des Ewigen war immer schon Verführung und Versuchung, bedeutet Fixierung und Erstarrung und eben nicht die versprochene Befreiung vom Überkommenen.

Stephenie Meyer hat nach Ende der Twilight- Trilogie bereits die Fortsetzung der Geschichte aus anderen Perspektiven versprochen. Womöglich braucht die Jugendwelt noch ein paar tausend Seiten Beschreibungen vom moralisch fragwürdigen Ringen um Integrität unerreichbarer Idole. Am Ende lieben die Leser aber doch die nicht-heldenhafte Protagonistin, durch deren Augen sie dem Verlauf der Geschichte folgen. Wenn nun diese junge Frau ihre Potentiale entwickeln würde, wenn sich der Vampir bemühen müsste, auf ihre Augenhöhe zu kommen, dann könnten diese Paranormal Romances vielleicht als neue (wenn auch fragwürdige)  Bildungs- und Coming-of-Age-Romane bezeichnet werden.

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