The Gender-Questions

Ambitionierte Titel („Das Ende der Männer…“; „Frauen, wie wollen wir leben?“) werfen ihre Schatten voraus. Zu Hanna Rossins mehrfach positiv besprochenem Buch „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ hat Claudius Seidl von der FAZ eine interessante These aufgestellt (siehe Zitat unten): Das, was Rossin als die herausragenden Fähigkeiten der Frauen und Mädchen darstellt – ihre Anpassungsfähigkeit, Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und trotzdem immer die Stabilisierung der Familie – ist nicht das, was sie zu neuen Ufern führt und ihre Überlegenheit herausstellt, sondern ganz simpel die Fortführung der Geschlechterungleichheit und ihre Zementierung. Indem Frauen stabilisierend ihre Kräfte walten lassen, sichern sie auch die Fortführung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Was den Frauen zum Vorteil gereichen müsste, schlägt in den herrschenden Verhältnissen, die sich über materielle Belohnungssysteme definieren, zu ihrem Nachteil aus. Und das hängt in erster Linie wohl damit zusammen, dass Geschlecht immer noch ein bestimmtes Verhältnis zu Besitz bedeutet (rund 1% des Vermögens weltweit, laut einer Studie des BMZ, liegt in den Händen von Frauen) und zum Zugang zu Produktionsmitteln. Die Gender- Frage ist nach wie vor eine ökonomische. In allen gesellschaftsgestaltenden Bereichen, auch im kulturellen Bereich, ist die Frage, wie Frauen leben wollen, nur indirekt eine Frage von Gender. Eine „question of class“, wie Elisabeth Ruge auf die Frage  „Frauen, wie wollen wir leben?“ in den „Fragen an acht Künstlerinnen“ antwortet, ist es eben in so fern, als Gender sehr wohl geknüpft ist an die question of class (siehe Zitat unten).

Der „…Aufstieg der Frauen“ und „Frauen, wie wollen wir leben“ sind Titel, die suggerieren, dass verschiedene Formen von Weiblichkeit eine Wahlmöglichkeit beinhalten. Völlig außen vor bleiben die Zwangssituationen aus wirtschaftlicher Not. Allen Bestrebungen von Gender- Mainstreaming und Gleichstellungspolitik für mehr Selbstbestimmung von weiblichen Lebensläufen diametral entgegengesetzt laufen Entwicklungen der wieder stärker instrumentalisierten Sexualisierung von Weiblichkeit. Im Zuge dessen hält Fremdbestimmung in diesem gesellschafltichen Segment zunehmenden Einzug.

Jedes Jahr werden rund 500.000 Frauen aus den Osteuropäischen Ländern nach Europa verschleppt zum Zweck der Zwangsprostitution. Eine expandierende Sexindustrie verkauft Prostitution als Teilbereich legitimierter Wellness- Programme. Doch bei genauerer Untersuchung der Hintergründe wird schnell klar, dass es hier um Menschenhandel geht und Menschenhandel in Europa ist fast ausschließlich Frauenhandel. Nach Untersuchungen gelten 95% als fremdbestimmt, wenn man ins Kalkül zieht, dass wirtschaftliche Not als Merkmal der Fremdbestimmung gilt.

Claudius Seidl: „Es ist auch deswegen so schrecklich, weil sich gerade in diesem kleinen Ausschnitt so deutlich offenbart, dass, was Hanna Rosin für das Neue hält, in Wirklichkeit das uralte Geschlechterverhältnis ist. Während die Mädchen streben, üben sich die Jungen im Widerspruch.“

Artikel der FAZ vom 16.01.13: Mädchen an die Macht, von Claudius Seidl zum Buch von Hanna Rossin: „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/geschlechterkampf-maedchen-an-die-macht-12023354.html

Elisabeth Ruge: „Ihre Geschichte erzählt uns allerdings auch davon, dass literarische Durchsetzungsfähigkeit nicht nur eine Frage von Gender ist – es ist auch immer a question of class.“ Elisabeth Ruge, Leiterin des neugegründeten Hanser Berlin Verlags. Aus dem Artikel der FAZ vom 17.01.13: Frauen, wie wollen wir leben?

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/fragen-an-acht-kuenstlerinnen-frauen-wie-wollen-wir-leben-12028495.html

Wolfgang Kerstin: Liberale Freiheitsethik oder Wohlfahrtsstaat?

Wolfgang Kersting, 2012 Preisträger des Freiheitspreises der  Friedrich- Naumann- Stiftung, für Impulse einer liberalen Bürgergesellschaft, erklärt in dem von ihm im Jahr 2000 herausgegebenen Buch „Politische Philosophie des Sozialstaats“ den Wohlfahrtsstaat zur „Bürgerlichkeitsverhinderungsmaschine“. Sein Hauptaugenmerk, um Gerechtigkeit zu schaffen, liegt auf der Schaffung von Arbeitsplätzen, anstatt Ausgleichsleistungen zu zahlen. Aus der FAZ vom 06.08.12: „Vor dem Hintergrund der liberalen Freiheitsethik ist dem expansiven Wohlfahrtsstaat der Gegenwart entschieden der Vorwurf der moralischen Kontraproduktivität zu machen: Er betreibt zügig die Abschaffung der Selbständigkeit, er verhindert Bürgerlichkeit.“

Warum nur kommt dem Leser seiner Artikel der Verdacht, dass es mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, so gut dieser Gedanke im Ansatz ist, nicht getan ist? Wie sollen die liberalen Bürger für ihre Ausbildung selbst bezahlen, ihre Rente selbst ersparen und auch im Gesundheitssektor bis auf Minimalversorgung sich selbstfinanziert absichern, wenn doch schon ein Mindesteinkommen von liberaler Seite her nicht vertretbar ist?

Nun, der Staat braucht seine Steuerzahler, also selbst wenn nicht umfangreiche Ausgleichsleistungen bezahlt würden, hätte der Staat ein Interesse an der Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber wer sagt, dass deren Entlohnung unter liberalen Maßgaben für ein würdiges Leben, geschweige denn für selbstverantwortete Absicherung ausreichend wären? Eine liberale Reduzierung der staatlichen Verantwortlichkeit reißt eine Reihe anderer gerechtigkeitsethischer Lücken auf, von denen nicht zu vermuten ist, dass die Wirtschaft diese in freiwilliger Selbstverpflichtung ausgleichen würde.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/standpunkt-wolfgang-kersting-wo-der-liberalismus-versagt-hat-11846115.html

Otfried Höffe und Peer Steinbrück- Honorardebatte

Gemeinhin dulden Gesetze eine Ungleichheit in der Vermögensverteilung, die weit über das hinausgehen, was mit unserer Vorstellung von politischer Gleichheit und Gerechtigkeit verträglich ist. Unser Gerechtigkeitssinn und unsere Gerechtigkeitskonzeption scheinen gegenwärtig in höchstem Maß auseinander zu klaffen. Wie kommt es, dass die Honorardebatte um Peer Steinbrücks Vortragsvergütung so hohe Wellen schlägt, dass andere politische Inhalte dahinter zurückstehen?

Gerechtigkeitstheoretiker wie John Rawls und auch Otfried Höffe glauben, dass die Ausstattung mit Grundrechten und Grungütern in ihrem erforderlichen Maß ermittelt werden kann. Daraus ergibt sich auch die Ermittlung von Vergleichen , von Minimal- und Maximalstandards. Die Empfehlungen dieser Philosophen liegen bei etwa dem Hundertfachen des geringsten Einkommens als Maximum, das unter gerechtigkeitstheoretischen Aspekten noch zu legitimieren wäre. Wenn dann beim Bürgerdialog jemand aufsteht und sagt (Zitat ZEIT vom 30.11.12): Er bekomme allerdings nur 20, na gut, vielleicht auch mal 50 Euro Honorar. Nun habe sich die SPD doch die soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben. »Wie kann es da sein, Herr Steinbrück, dass ich 20 Euro bekomme, Sie aber 20.000?«, dann bewegen wir uns in der Region des Tausendfachen.

Es ist einer ganz natürlichen Reaktion geschuldet, sich hier zu empören über die Unverhältnismäßigkeit, denn es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die sich an Grundsätze der Gerechtigkeit halten, den Nachteil haben, weil es andere nicht tun, sich aber zum Schein darauf einlassen und eine Kooperation vortäuschen, von der sie aber nie beabsichtigen, sie einzuhalten. Die Peer Steinbrück- Debatte zeigt, dass die in Höffes „Politische Gerechtigkeit“ dargestellte Verpflichtung auf Gerechtigkeit als Projekt der Moderne auch als Selbstverpflichtung des Einzelnen wieder ernst genommen werden muss, weil nur so ein Staatswesen moralisch begründet werden kann.

In dieser Diskussion geht es nicht um neidische Kleinkrämerei, es geht tatsächlich um ein grundsätzliches Verständnis des Politikers, der der Zustimmung bedarf. Der Sozialstaat entsteht aus der Idee, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung als Ausdruck von Solidarität, als Bereitschaft ein Stück seiner persönlichen Freiheit für den Sozialstaat aufzugeben. Und dazu gehört auch eine Höchstgrenze für Honorare und Gehälter, sonst kann den Bürgern nicht mehr verständlich gemacht werden, dass der Sozialstaat als Solidaritätsaufgabe den Grundsätzen der politischen Gerechtigkeit folgt.

»Ein Sozialdemokrat nimmt nicht 25.000 Euro für Geplauder, einen Betrag, für den ein Arbeiter ein Jahr lang malochen muss«, sagt SPD-Ortschef Rudolf Malzahn.

http://www.zeit.de/2012/48/Peer-Steinbrueck-Honorare/seite-1

Wir neuen Deutschen

Wer wir sind, was wir wollen.

1.Auflage September 2012, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg.

Özlem Topcu, Alice Bota und Khue Pham, drei erfolgreiche ZEIT- Redakteurinnen, sind junge Frauen mit internationalen Wurzeln, die nach ihrer Aussage an einem der „deutschesten Orte der Republik“ arbeiten und trotzdem als hybride Identitäten ihre eigenen Biografien nicht verlässlich verorten können.

Zur Ankündigung ihres Buches schreiben sie darüber in der ZEIT: „Heimat ist für uns ein schmerzhaftes und sehnsuchtsvolles Ding. Heimat ist die Leere, die entstand, als unsere Eltern Polen, Vietnam und die Türkei verließen und nach Deutschland gingen.“ Biografie hat hier also im ersten Moment etwas mit Geografie zu tun. Wir sprechen Menschen, die offensichtlich ihre Herkunftswurzeln woanders haben, keine deutsche Identität zu. Aber was macht jemanden zum „Deutschen“? Vielmehr, wäre es nicht an der Zeit, wenn jeder vierte in Deutschland lebende 25- Jährige ein Mensch mit internationalen Wurzeln ist, darüber nachzudenken, wie der Status des Deutschseins neu definiert werden kann?

Eindrucksvoll schildern die jungen Frauen ihre Erlebnisse, den Preis des Deutschwerdens, das Bemühen, sich manchmal bei Besuchen im Herkunftsland der Eltern ein Stück Heimat auszuleihen, das Akzeptieren der Bedeutung zweier Prägungskulturen, die Auseinandersetzung mit Außen- und Innenwahrnehmungen. „Vielleicht ist die Vorstellung von Heimat keine so gute Idee mehr. Sie passt nicht in eine Gesellschaft, in der viele Menschen zerrissene Lebensläufe haben.“ (ZEIT, 06.09.12)

Für einen Moment gelingt es, sich hineinzuversetzen in eine Kindheit, in der das, was als identitätsstiftend gilt, das, was in der Schule in Geschichte, in Religion, in Gemeinschaftskunde gelehrt wird, erlebt wird als etwas, mit dem man sich eben nicht identifizieren kann, weil es nicht die eigene familiäre, kulturelle, religiöse Geschichte ist. Sich hineinzuversetzen in diejenigen, die empfinden, dass ein Normensystem von seiner Definition her seine Geltung rechtfertigt durch Ausgrenzung und Unterscheidung.

Wäre es nicht an der Zeit, über eine Neudefinition der Nation nachzudenken? Durch das Zusammenleben mit unterschiedlichen kulturellen Normensystemen fließen neue semantische Kontexte in unserer aller Lebensbedingungen ein. Wenn wir Demokratie und menschenrechtlich verankerte Normen ernst nehmen, ist es dann nicht zwingend, neue Interpretationen, erweiterte Bedeutungen mit einzubeziehen?

Im Zuge eines zunehmenden Kosmopolitismus ist es an der Zeit, auch politische Grundsätze inhaltlich neu zu überdenken. Es ist keine Frage des Befürwortens oder Ablehnens, darüber sind wir längst hinaus. Die Frage ist vielmehr, wie kann nun neben staatsbürgerlichen und sozialen Rechten auch die Dimension der kollektiven Identität neu verankert werden?

Es geht auch gar nicht darum, wer sich nun mehr anstrengen muss. Die neuen Deutschen wissen, dass auch sie nachsichtig sein müssen und verstehen müssen, dass es Zeit braucht, um als Deutsche wahrgenommen zu werden. Aber als ein wichtiges Ziel kann vielleicht formuliert werden, dass die Frage: „Bist du türkisch oder deutsch?“, so nicht mehr gestellt wird und nicht mehr die Antwort gegeben werden muss: „Keines!“, denn Nicht- Zugehörigkeit bedeutet auf gewissen Art auch Nicht- Identität.

Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Jedenfalls nicht eine Gesellschaft, in der sich ein Viertel als Heimatlose empfindet.

„Der Wunsch, akzeptiert zu werden: Ist das nicht ein universeller Wunsch? Und ist nicht die Fähigkeit, andere zu akzeptieren, genauso universell?                                     Manchmal wissen wir nicht, wer wir sind. Manchmal wissen andere nicht, wer wir sind. Aber eines ist uns nun bewusst: Wir sind deutscher, als wir denken. Was kann daran schon schlimm sein?“

Im Deutschland ihrer Zukunft, so wie die jungen Frauen es wünschen, gibt es keine Parallelwelten mehr, das Wort „Migrationshintergrund“ existiert nicht mehr, es gibt „nur eine Gesellschaft“.

http://www.zeit.de/2012/36/Deutsche-Migranten-Heimat-Identitaet

 

Twilight Saga „Breaking Dawn“

Aktuell zur Premiere des Kinofilms „Breaking Dawn“ kann man sich wieder mal überlegen, ob die Twilight-Saga ein gutes Weihnachtsgeschenk für pubertierende Mädchen ist. Dazu rückblickend einige Gedanken zum Aufbau der Bücher:

Stephenie Meyer: Twilight – Saga

Mythos als Verführung

2007 nominiert für den deutschen Jugendliteraturpreis

Es muss eine große Sehnsucht sein, die sich hinter dem Mythos der unsterblichen Liebe verbirgt, wenn junge Mädchen heute ein 1500 Seiten langes Märchen lesen, obwohl wir in einer Welt leben, die sich so schnell dreht, dass wir oft nach dem Kauf eines Buches schon nicht mehr wissen, warum wir es lesen sollen. Wie schaffen es diese Paranormal Romances zu so ausführlicher Lektüre zu verführen?

Stephenie Meyer, Mitglied der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, einer Sondergruppe der Mormonen, schreibt auf ihrer homepage über die Bedeutung ihrer Religionszugehörigkeit für ihr Schreiben. Heimgesucht von einer Vision eines liebenden Mädchen und eines Vampirs auf einer Lichtung verfällt sie in exaltierte Übersteigerung der religiös begründeten sexuellen Enthaltsamkeit. Sie gestaltet als Chiffre eine monströse Verbindung von Sexualität und Tod. Nur das ewige Leben in ewiger Liebe vermag der Sexualität zur Legitimation ihrer Existenz zu verhelfen. Weniger tut’s nicht.

Die Mitglieder ihrer christlichen Gemeinschaft verstehen sich als Urchristen, die nach der ursprünglichen Lehre Jesu Christi die Kirche von ihren Irrtümern befreit. Als neureligiöse Bewegung beanspruchen sie allein für sich die geistliche Vollmacht zur Ausübung eines wahren Glaubens. Als kleine, außerhalb der Konvention stehende Gemeinschaft sind nur sie allein im Besitz eines fortschrittlichen Wissens, jenseits der weltlichen Verführungen.

Ebenso Meyers Vampire. Auf unkonventionelle Art und Weise übernehmen die in der literarischen Tradition als Verkörperung des Bösen dargestellten Vampire hier bei Stephenie Meyer die Rolle der neuen moralischen Elite. Die „normalen“ Menschen sind nicht dazu befugt, ein Urteil darüber abzugeben, was unter extremsten Bedingungen ein moralisch verantwortliches Leben bedeuten könnte. Nur die Ausgeschlossenen, die in einer übermenschlichen Anstrengung, wider ihre Natur, eine Form der Selbstgesetzgebung erfinden müssen, wissen wirklich, worum es geht.  Noch dazu, weil ihre Einstellung zeitlich unabhängig ist und bleibt. Ein solches Bewusstsein findet seine vollkommenste Form in der Manifestation von ewiger Liebe.

Hier wird zunächst eine Identifikationsmöglichkeit für jugendliche Leser angeboten: Die Protagonistin Bella (Isabella Swan), durch deren Augen die Geschichte geschildert wird, ist überdurchschnittlich belesen. Mehrfach erwähnt wird Brontë’s „Sturmhöhe“, die auch eine wahnsinnige, über den Tod hinausgehende Liebesgeschichte beschreibt. Bella ist eine Außenseiterin auf mehreren Ebenen: schulisch ihren Klassenkameraden voraus, nicht auf Sozialkontakte angewiesen, fremd in der Stadt. In der Cafeteria des Schulgeländes fällt ihr nur einer auf, der noch fremder ist als sie selbst: Edward Cullen, einer von fünf adoptierten Halbgeschwistern einer Familie, die allesamt „Erscheinungen“ sind, wie aus einem Film. Die Faszination für jugendliche Leser liegt einmal in der Situation des Sich-fremd-Fühlens und der Suche nach dem Einen, der versteht. Zum anderen im Aufbegehren gegen gesellschaftlich Überkommenes. Die Herausforderung besteht in der Selbstdefinition dessen, was gut und richtig sein soll und dabei werden durchaus von der Gesellschaft „verteufelte“ Faktoren als mögliche Angebote untersucht. Ein Ekel gegenüber der Welt der Erwachsenen, gegenüber den Zumutungen des Lebens, gehört ebenso  zu jeder Entwicklung, wie die Entrüstung darüber, in Umstände geworfen zu sein, die als unzumutbar empfunden werden.

Leider versteht Meyer nicht, mit diesen Elementen literarisch zu spielen. Formelhaft werden Empfindungen abgehandelt, werden Rollenverteilungen reproduziert: die Ich-Erzählerin bewundert ein männliches Idol, das exemplarisch dafür steht, mithilfe seiner unglaublichen Willenskraft das ihm Auferlegte umzukrempeln:  sowohl seinem wesenseigenen Bluthunger, als auch sexuellen Anfechtungen zu widerstehen ist Reife. Kontrolle wird zum moralischen Verantwortungskodex. Sie selbst reproduziert ein Frauenbild weiblicher Lustanfälligkeit und Dominanz des Körperlichen, des Vergänglichen. Um mit ihm auf gleiche Augenhöhe zu kommen, das spürt Bella schnell, muss sie werden wie er, muss zur Vampirin werden und durch denselben Kampf mit sich selbst seine Liebe verdienen. In den Momenten der aufwühlendsten Empfindungen (und damit operiert der Roman ja dauernd) ist Bella kopflos, haltlos, orientierungslos. Sprachlich gefällt sich die Geschichte in der Vereinfachung. Das Gefühlschaos der jugendlichen Bella wiederholt sich in gleich bleibenden Schleifen ebenso wie die Beschreibungen derselben Örtlichkeiten oder der immer wieder beschworenen schönen Blässe des „Helden“.

Stephenie Meyer also ist als revolutionäre Urchristin befugt, der Mädchen- Welt eine Vorstellung von gereinigter Sexualität, von Liebe als Sakrament zu bringen und setzt damit der zunehmenden Überforderung durch ständig wechselnde Beziehungen und Sexualpartner die stärkste Antithese entgegen: den Mythos der ewigen Liebe.  Eine verführerische Kraft geht davon aus. Doch der Mythos des Ewigen war immer schon Verführung und Versuchung, bedeutet Fixierung und Erstarrung und eben nicht die versprochene Befreiung vom Überkommenen.

Stephenie Meyer hat nach Ende der Twilight- Trilogie bereits die Fortsetzung der Geschichte aus anderen Perspektiven versprochen. Womöglich braucht die Jugendwelt noch ein paar tausend Seiten Beschreibungen vom moralisch fragwürdigen Ringen um Integrität unerreichbarer Idole. Am Ende lieben die Leser aber doch die nicht-heldenhafte Protagonistin, durch deren Augen sie dem Verlauf der Geschichte folgen. Wenn nun diese junge Frau ihre Potentiale entwickeln würde, wenn sich der Vampir bemühen müsste, auf ihre Augenhöhe zu kommen, dann könnten diese Paranormal Romances vielleicht als neue (wenn auch fragwürdige)  Bildungs- und Coming-of-Age-Romane bezeichnet werden.

Otfried Höffe: Politische Gerechtigkeit

Im Unterschied zum diskursethischen Ansatz versucht Höffe in seinem 1987 erschienen Buch „Politische Gerechtigkeit“ eine ethische Begründung in die Diskussion um die Legitimität von Staat und Herrschaft zu bringen. Dabei ist die Argumentationsweise teleologisch ausgerichtet: neben der Frage um Kooperation oder Konflikt für die Konstitution einer Gesellschaftstheorie, stellt er die Frage des Vorrangs von Glück oder Freiheit als Ziel. Braucht eine Staatstheorie eine solche Ausrichtung? Wenn „Glück“ nicht als rein abstrakter Begriff (Inhalte diskursiv verhandelbar) stehen bleibt, sondern definiert werden soll, entstehen autoritäre Tendenzen, was ein gutes oder glückliches Leben zu sein habe. Der Glücksbringer ist der gefährlichste Weltverbesserer. Deshalb versucht Höffe, Glück und Freiheit in gegenseitiger Abhängigkeit zu platzieren. Daraus entsteht zunächst ein abwägender Widerspruch: für das gute oder glückliche Leben braucht es zunächst Strukturen, die scheinbar der Freiheit entgegenstehen.

Wenn nun über „Gerechtigkeit“ als legitimierende Strukturbedingung für eine Staatstheorie verhandelt wird, entstehen daraus „Rechte“, die nur in einem Ordnungssystem mit Zwangscharakter durchgesetzt werden können. Dieses Ordnungssystem selbst befindet sich nun in der Zwangslage, nachweisen zu müssen, dass der Zwang mehr in Richtung Gerechtigkeit ausschlägt, als die Freiheit. Dies kann nur gelingen, wenn in der Bilanzierung der Freiheiten durch den Zwang auch mehr Freiheiten entstehen, als ohne vorhanden wären. Denn Herrschaftsfreiheit ist eine Utopie. Auch im Naturzustand herrscht kein rechtsfreier Zustand, denn Menschen würden dann innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes leben und auch aus diesem ergeben sich Strukturen und Herrschaftsformen.

So versucht Höffe, die Ethik als grundlegend in der Politik verankert zu erklären und zu begründen. Gerechtigkeit als soziale Verbindlichkeit ist geschuldet und legitimiert allein die  staatliche Ordnung, die dann immer die Form einer Sozialordnung annimmt.

Woher kann man die Sicherheit nehmen, dass mit teleologischen Rahmenvorstellungen und Strukturbedingungen nicht selbstredend eine sich aus der kulturellen Identität speisende inhaltliche Form der Ausrichtung vorgegeben ist? Muss sich nicht diese Sozialordnung veränderten Strukturbedingungen stellen, wenn über Gerechtigkeit und ein gutes Leben verhandelt werden soll, vor dem Hintergrund, dass jeder vierte hier lebende 25-Jährige ein Mensch mit internationalen Wurzeln ist und vermutlich anderen Vorstellungen zu diesen Begrifflichkeiten?

Artikel: Weltbürger im Allgäu

http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/gastbeitrag-weltbuerger-im-allgaeu-11945534.html

Gegenwartsliteratur DDR: Christa Wolf

„Worin besteht denn die Funktion unserer Literatur, als Ganzes betrachtet? Sie müsste klarmachen, wie bei uns endlich das gesellschaftlich Notwendige sich in Übereinstimmung befindet mit der tiefen Sehnsucht der Menschen nach Vervollkommnung, nach allseitiger Ausbildung ihrer Persönlichkeit; welch ein starker, unerschöpflicher Kraftstrom der sozialistischen Welt durch die Möglichkeit zufließt, diese tiefe Sehnsucht der Menschen zu befriedigen.“ (Christa Wolf, Popularität und Volkstümlichkeit, 1956)

Christa Wolf sah sich im Dienst an der Wahrheit und am Sozialismus auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft. Vielleicht brauchte sie aus diesem Grund die Prosadichtung, um sich vom ideologischen, widerspruchslosen Schreiben zu befreien.

Die Intellektuellen befolgten die Parole „In die Betriebe“ und Christa Wolf war 1960 im Waggonbau Ammendorf in der Werkbrigade tätig. Hier entstand die Idee zu „Der geteilte Himmel“. In ihrer Erzählung ist den Arbeitern nichts wichtiger als Planerfüllung und Produktivitätssteigerung. Die Trennung eines Liebepaares durch die 1961 gebaute Mauer gibt der Erzählung schließlich ihre historische Dimension. Aber es wird so dargestellt, als wäre eine freie Entscheidung über Gehen oder Bleiben möglich, das Thema Republikflucht existiert nicht. In einer Rede bekannte sie sich zur Mauer als „antifaschistisch- demokratischem Schutzwall.“ Trotz allem: linientreue Kritiker waren entsetzt, es wurden ihr Individualismus, kleinbürgerliche Abweichungen und mangelndes Klassenbewusstsein vorgeworfen. In der BRD wurde das Buch von der neuen Stimme von drüben wohlwollend aufgenommen. Hier wurde für Christa Wolf bereits deutlich, dass ihr künstlerischer Anspruch nicht mit der geforderten politischen Repräsentanz in Einklang zu bringen war.

Wahrheit als das Wesen das Sozialismus war ihre Doktrin, doch schon früh bekam sie zu spüren, dass Wahrheitsanspruch und Parteidisziplin schwer vereinbar sind. Sie trat ein für Dialog und Meinungsaustausch: „Wenn ich nicht in der DDR gelebt hätte, sondern in Westdeutschland, dann weiß ich nicht, ob ich heute Sozialist wäre.“ Ulbricht: „Ich kann nicht zulassen, dass Skeptizismus propagiert wird, und dann in den Plan hineinschreiben, dass die Arbeitsproduktivität um 6% erhöht wird. Wenn wir die Propaganda des Skeptizismus zulassen, senken wir die Erhöhung der Arbeitsproduktivität um 1%. Skeptizismus, das heißt Senkung des Lebensstandards, ganz real, so wird bei uns gerechnet.“ Christa Wolf gehörte nun zu den kritischen Intellektuellen der DDR.

Trotzdem entbrannte in den 90ern ein heftiger Literaturstreit über Christa Wolfs Haltung und ihr Verbleiben in der DDR, trotz dass sie um die Machenschaften des Partei- Apparats bescheid wusste. In diesem Zuge wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen noch einmal massiv in Frage gestellt.

In „Stadt der Engel“ schreibt sie zu dem Gedanken, wenn sie 1945 in den Westen gekommen wäre: „Ich wäre ein anderer Mensch geworden. (…) Ob ich geschrieben hätte, weiß ich schon nicht, denn zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte.“ (Christa Wolf, Stadt der Engel. S.242/43)

Schreiben in der DDR stand unter ganz anderen Vorzeichen (s.o. „Funktion der Literatur“). Idealismus und Ideologie entwickelten sich in konträre Richtungen. Wenn wir irgendetwas verstehen wollen, lange nach dem Scheitern des DDR-Regimes, liefert uns mit den Literaten als intellektuellen Repräsentanten, gerade wegen ihren Kämpfen um ihre Kunst und um ihre Legitimation, jede Menge Stoff. Und Christa Wolf ist eine einzigartige Künstlerin, die dazu auch noch mal Stellung bezieht in „Was bleibt“.

Christa Wolf: Was bleibt.

Benhabib und Habermas

Eine Philosophin, die sich intensiv mit der Habermas’schen  Diskursethik auseinandergesetzt hat, schreibt in „Kosmopolitismus und Demokratie“ über ihre Vorstellungen, wie Menschenrechte zukünftig als kosmopolitische Normen, die diskursiv verhandelt werden, als Regulativ für veränderte Lebensrealitäten stehen können. Benhabib will sich nicht mit der Meinung ökonomischer Globalisierungsvertreter zufriedengeben, dass kosmopolitische Normen auf eine dünne Spielart der Menschenrechte reduziert werden, sondern sie fragt, wie es gelingen kann, dass Normen und Standards bindend werden. Eine internationale Ordnung der Menschenrechte ist auch Aufgabe der Bevölkerungen der Nationalstaaten. Sie macht am Beispiel „Verbrechen gegen die Menschheit“ deutlich, dass es begründet und zu rechtfertigen ist, dass sich Normen zu regulativen Prinzipien entwickeln. Rechte und Identitäten werden neu bestimmt, neue Signifikate werden ihnen eingeschrieben, neue Bedeutungen kommen hinzu.

„Die Konstitution We the people ist ein Prozess, der in viel höherem Maße im Fluss, strittig und umkämpft ist, als Liberale wie John Rawls oder Theoretiker des Niedergangs von Bürgerschaft uns glauben machen wollen.“ (Banhabib, Kosmopolitismus und Demokratie, S. 65)

In all den Auseinandersetzungen um „Migrationshintergrund“ ist die simple binäre Gegenüberstellung von Inländern und Ausländern hinfällig geworden, weil soziologisch inadäquat.

„Die Anwesenheit anderer, die nicht die Erinnerungen und Sitten der dominanten Kultur teilen, stellt demokratische Gesetzgeber jedoch vor die Aufgabe, neu zu artikulieren, was demokratischer Universalismus besagt.“ (Ebd., S.66)

Die Diskussion, unter welchen Bedingungen eine Teilnahme an welchen Wahlen auch für Ausländer zuzulassen sei, führt tief in unser Verständnis unseres Nationalstaates. Das Bundesverfassungsgericht hat 1990 in einem Streit zugestanden, dass das souveräne Volk durch seine Vertreter die Definition der Staatsbürgerschaft verändern könne. „Der demokratische demos kann die Definition seiner selbst verändern, indem er die Kriterien ändert, die für den Zugang zur Staatsbürgerschaft gelten. (…) Die Trennungslinie zwischen Staatsbürgern und Ausländern neu auszuhandeln, ist Sache der Bürger selbst.“ (Ebd., 62)

An dieser Stelle unterscheidet Benhabib zwischen ethnos und demos, der ethnos ist gekennzeichnet durch gemeinsame Erinnerung, Schicksal und Zugehörigkeit . Man kann dieser Schicksalsgemeinschaft beitreten, man kann die Zugehörigkeit transformieren, eine simple Übereinstimmung von ethnos und demos gibt es nach Benhabib aber nicht.

1993 wurde über den Maastrichter Vertrag die Unionsbürgerschaft eingeführt. „In den folgenden Jahren entwickelte sich im nun vereinigten Deutschland ein intensiver Prozess demokratischer Iteration, in dessen Verlauf der Auftrag des Verfassungsgerichts an den demokratischen Gesetzgeber, die Definition der Staatsangehörigkeit mit der veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung in Einklang zu bringen, aufgenommen, reartikuliert und neu bestimmt wurde.“ (Ebd., S.63) Die in unserer Mitte wohnenden, nicht dem ethnos angehörenden ausländischen Mitbürger sind dennoch Mitbewohner. 2000 wurde ein neues Staatsangehörigkeitsrecht verabschiedet, in Deutschland wohnende Bürger aus EU- Mitgliedsstaaten dürfen bei Kommunalwahlen und Europawahlen wählen. Außerdem erkennt Deutschland an – nicht alle Politiker! – , ein Einwanderungsland zu sein.

Kann über kosmopolitische Normen diskursiv verhandeln werden?

Eine Beitrag zum Einfluss von Habermas‘ Diskursethik:

http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/juni/kurzgefasst

 

Gegenwartsliteratur

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich auch in der Literatur eine große Krise ein: die Krise des Erzählens, oder: ‚Wie ist Literatur überhaupt noch möglich?‘ Bekannt ist ein Zitat von Theodor W. Adorno:  „…nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch…“ Wie sollten Dichter, die mit der Realität der Barbarei unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln konfrontiert waren – die in Deutschland während des Nationalsozialismus veröffentlicht haben, oder nichtöffentlich schrieben für die Schublade, oder im Exil arbeiteten – in dieser neuen Lebensrealität schreibend Ausdruck finden?

Eine Form, die aus den vielen Unsicherheiten resultierte, war die Krise des Ich, wie sie sich in Max Frischs Dichtung darstellt. „Ich bin nicht Stiller“ (Max Frisch: Stiller), die Verweigerung der Identität, die Frage nach der Zusammensetzung von Identität hängt zusammen mit der Frage nach Verantwortlichkeiten. „Ich ziehe Geschichten an, wie Kleider“ (Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein). Der Aufbruch zu neuen Formen der Subjektivität ist der Suche nach Erklärungsmustern geschuldet.

Was ist das gelebte Leben und was davon ist erzählbar?                                                   „Ein großer Teil dessen, was wir erleben, spielt sich in unserer Fiktion ab, das heißt, dass das wenige, was faktisch wird, nennen wir’s die Biographie, die immer etwas Zufälliges bleibt, zwar nicht irrelevant ist, aber höchst fragmentarisch, verständlich nur als Ausläufer einer fiktiven Existenz. Für diese Ausläufer, gewiss, sind wir juristisch haftbar; aber niemand wird glauben, ein juristisches Urteil erfasse die Person. Also was ist die Person? Geben Sie jemand die Chance zu fabulieren, zu erzählen, was er sich vorstellen kann, seine Erfindungen erscheinen vorerst beliebig, ihre Mannigfaltigkeit unabsehbar; je länger wir ihm zuhören, um so erkennbarer wird das Erlebnismuster, das er umschreibt, und zwar unbewusst, denn er selbst kennt es nicht, bevor er fabuliert – „( Gesammelte Werke, Band V,S.332)

Dass Autobiographie ein Stück weit Fiktionalität ist, dass Individualität und Identität nicht dasselbe sind, der Mensch sein eigenes Ich verpassen kann, sind dichterische Themen, die für Frisch Ausdruck einer Generation sind und dennoch immer wieder die Freiheit der Wahl betonen. Frischs Werke sind auf den ersten Blick desillusionierend, auf den zweiten Blick die Suche nach der Selbstwahl, denn das Entscheidende ist im „Stiller“ „…daß einer mit sich selbst identisch wird. Andernfalls ist er nie gewesen!“                                        Frisch zieht sich zurück auf Subjektivität als Ausdrucksmittel, spätere Generationen wählen wieder ganz andere Stilmittel, als Beispiel sei genannt die politische Literatur der späten 60er.

Der Begriff der Gegenwartsliteratur ist gekennzeichnet von einer  „Neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas). Unfassbar viele Strömungen haben sich im Laufe einiger Jahrzehnte entwickelt. Irgendwann wird sich die zeitliche Einordnung als Gegenwartsliteratur verschieben auf die Wende 1989. Kann es in diesem Zusammenhang wieder einen Versuch zu einer neuen Funktionsbestimmung von Literatur geben?

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Frisch

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