Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte


Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje

Der Storyplot dieser Geschichte ist richtig gut. Zwillingsschwestern, die unterschiedliche Wege gehen, bilden immer eine gute soziologische Vergleichsfolie ab. Besonders in diesem Fall, in dem die eine als Farbige und die andere als Weiße lebt. Damit ist es hier aber noch nicht getan. Britt Bennett widmet einen gut Teil der Geschichte den Nachfolgegenerationen, dem weißen Mädchen, das in einem sie über die Maßen verwöhnenden Milieu groß wird, aber mit einer Lüge lebt; und dem farbigen Mädchen, das sich in einen Transsexuellen verliebt und immer versucht, die Geheimnisse der Familie aufzudecken. Ein vielschichtiger Storyplot also, sehr gelungen aufgebaut und spannend erzählt. Es wird auch den kleinen Veränderungen in der Gesellschaft über die Jahrzehnte Rechnung getragen. Dazu muss sich die junge Autorin natürlich gewisser Klischees bedienen. Und das ist auch ein Manko des Romans: eine noch sehr junge Frau hat sich an ein riesiges Thema gewagt, von dem sie die Komplexität hauptsächlich auf die familiären Spannungen reduziert, um es so im Zaum zu halten. Und dabei lässt die Sprache manchmal etwas an Reife vermissen.

„In Mallard hörte man schon als Kind Geschichten von Leuten, die so taten, als wären sie weiß. Von Warren Fontenot, der im Zug ein Weißenabteil nahm und den misstrauischen Schaffner mit genügend Französisch überzeugte, er sei ein Europäer mit dunklem Teint; von Marlena Goudeau, die weiß wurde, damit sie ihre Lehramtszulassung bekam; von Luther Thibodeaux, der von seinem Vorarbeiter als weiß eingestuft worden war und seitdem mehr Geld verdiente.“

S.90

Die Zwillingsschwestern, aufs engste zusammengeschweißt und doch sehr unterschiedlich im Umgang mit den Ereignissen des Lebens, mussten als Kind mit ansehen, wie ihr Vater von Weißen aus dem Haus gezerrt und erschossen wurde.

„Sie hatte ihrer Schwester nie davon erzählt. Immer wenn sie aus dem Schlaf schreckte und Desiree neben sich schnarchen sah, schämte sie sich für ihre Ängste. Hatte Desiree nicht auch alles mit angesehen? Hatte sie nicht gesehen, was die weißen Männer getan hatten? Warum wachte sie dann nicht auch mitten in der Nacht mit Herzrasen auf?“

S.183

Stella ist der Ansicht, dass man sich nicht finden kann, sondern etwa aus sich machen muss, man kann die werden, die man sein möchte. Und doch: es gelingt ihr nur um einen hohen Preis. Die Frau, für die sie sich später zu sein entscheidet, kann nur diese Stella sein, wenn Desiree nicht dabei ist. (nach S.225) „Wenn man ein anderer Mensch werden wollte, war das Schwerste der Entschluss. Der Rest war Logistik.“ (S. 237)

Welche Folgen diese Entscheidung für die nächste Generation hat, ist an Stellas Tochter, die sich als Schauspielerin versucht und so gar nicht den ehrgeizigen Wünschen der Mutter entsprechen will, vor allem in dem Thema der Bedeutung des Farbigseins für mögliche Lebensläufe gezeichnet. Auch die Geschichte des transsexuellen Reese ist zuweilen bewegend, wenn er sich auf dem Schwarzmarkt Steroide kauft und es sich schmierig anfühlt, sie auf einem schmutzigen Kneipenklo zu spritzen (nach S.129), trotzdem bleibt diese Figur eine mit wenig Fleisch.
Ein ehrgeiziger Roman, mit vielen gesellschaftlichen Problemfeldern, die hier im Rahmen einer Familiengeschichte in den persönlichen Auseinandersetzungen stattfinden.
Literarisch ist der Roman eher weniger anspruchsvoll. Umso überraschender sind einige sehr schöne Sprachbilder:

„So war das mit dem Tod: Nur der Einzelfall tat weh. Ansonsten war der Tod ein Hintergrundrauschen. Sie stand in der dazugehörigen Stille.“

S.397

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte
aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020

2 Kommentare zu „Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

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  1. Ich habe das Buch in den Sommerferien gelesen, hatte mich lange auf die Lektüre gefreut. Ich hatte vorher ein Interview mit Bennett gelesen, in dem sie mir als Autorin mit einem ungewöhnlich guten soziologischen Durchblick herüberkam. Aber es ging mir wie Dir: Ich war etwas enttäuscht über die Reduktion auf das Familiäre, fand es sprachlich nicht ganz überzeugend. Was ich mir gewünscht hätte, wäre eine tiefere Auseinandersetzung mit der Entfremdung, die man fühlt, wenn man sein Milieu hinter sich lässt – wie Stella das macht. Da hat das Buch seine starken Momente: Als eine schwarze Familie in die empörend rassistische, weisse und „liberale“ Nachbarschaft von Stella zieht, freundet sie sich mit der schwarzen Nachbarin an – die Dialoge mit ihr sind spürbar entspannter als alles, was Stella sonst so erlebt.

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