Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens

Ist die Künstliche Intelligenz einzureihen in die großen Kränkungen der Menschheitsgeschichte, weil wir erneut von einem Sockel gestoßen werden? Oder ist die KI nur eine Chimäre? Der Philosoph und Sprachwissenschaftler John Roger Searle behauptet, dass eine KI nicht wirklich denken kann und dass sie niemals etwas Vergleichbares wie das menschliche Bewusstsein wird entwickeln können. Folgt man seinen sprachwissenschaftlichen Ausführungen, die die kompliziertesten Modelle für Kommunikationsprozesse entwerfen, dann erscheint es logisch, dass die vielen Kanäle jenseits von Sprache von einer KI nicht bedient werden können. Sinnesebenen, Beziehungsebenen, emotionale Erfahrungsebenen … was alles in Kommunikation mit hineinspielt, die KI besitzt nur einen kleinen Ausschnitt dieser Fähigkeiten.


Markus Gabriel steht für ein modifiziertes Menschenbild, nach seiner Definition in der Tradition eines aufgeklärten Humanismus, der es ernst damit meint, sich auf alle Menschen zu beziehen. Dieses Buch, „Der Sinn des Denkens“, ist ein „Akt der Selbstbestimmung“ ( S.26) und es soll eine Aufforderung sein, uns dessen gewahr zu werden, dass wir neben unserem anthropologischen Menschsein auch ontologisch unsere Seinsweisen erforscht haben, die sich auf so viele Fähigkeiten beziehen, mit denen wir operieren können. Und Markus Gabriel nun steht dafür, dass es unendlich viele geistige Wirklichkeiten gibt. Er erhebt nicht weniger als den Anspruch, unser „Geistiges Immunsystem“ (S.28) wieder aufzubauen im Sinne eines Vertrauens darauf, dass es Wirklichkeit gibt, und dass wir sie auch im Internetzeitalter erkennen können.

„Die Aufgabe besteht darin, einen Sinn für unser eigenes Denken wiederzugewinnen, der vor dem Irrtum schützt, dass wir kurz davorstehen, den Menschen abzuschaffen und in ein paradiesisches Zeitalter der totalen Digitalisierung einzutreten.“ (S.29)

Das Denken ist nach Gabriel ein Sinn, und das was wir denken erschafft Sinnfelder. Da es unendliche Variablen gibt, gibt es keine privilegierte Wirklichkeit, kein Sinnfeld, das alle Sinnfelder erfassen kann (siehe Mrkus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“). Und dann ist dieses Denken verbunden mit einer Fähigkeit, die man Metakognition nennt, dem Bewusstsein von Bewusstsein, einer Wahrnehmung von Wahrnehmung, also einer übergeordneten Instanz, die uns die Fähigkeit verleiht, das, worüber wir nachdenken zu prüfen. Gabriel nennt das dann mit Aristoteles die Einsicht in die Struktur unseres Denkens, den Logos. Womit wir wieder bei der KI ankommen.

„Künstliche Intelligenz ist eine vom menschlichen Denken abgekoppelte reine Logik.“ (S.145)

Im Menschen vereint ist über die Fähigkeit, die Strukturen zu analysieren eben auch die Fähigkeit, verschiedene Sinnfelder zu verknüpfen. Die Mathematik ist bei uns mit der Philosophie verknüpft, Logik und Psychologie sind prinzipiell verschieden, können sich aber aufeinander beziehen. wir verfügen also über viele Möglichkeiten von Ableitungssystemen – die alle nebeneinander und gleichzeitig möglich sind. Die Logik einer KI würde hierin einen Fehler im System sehen. Selbstredend haben wir Fehler im System. Aber Gabriel plädiert dafür, diese Fehler anders zu bewerten.
Sie eröffnen uns Möglichkeiten. „Dieser Satz ist falsch.“ Eine Paradoxie. Wäre er falsch, wäre es nicht möglich, dass diese Aussage eine Relevanz hätte. Müssen wir Paradoxien deshalb von Vornherein ausschließen? Gabriel meint, wir können sie nicht vermeiden, selbst in der Mathematik sind sie niemals auszuschließen.
Und wenn wir nun das Ganze wieder auf die Sprache anwenden, uns Gedanken darüber machen, wie Semantik funktioniert, dann stellen wir fest, dass wir nicht einzelne Begriffe kennen, sondern immer Netzwerke von Begriffen. Wenn ich mit dem Begriff Angela Merkel etwas anfangen kann, dann, weil ich auch mit den Begriffen Bundeskanzlerin, Berlin, Regierung vertraut bin. Gabriel ist der Ansicht, dass auch Paradoxien ist unserem Denken ihren Platz haben sollten. Es gibt so viele verschiedene Sinnfelder wie es denkende Menschen gibt. Und dann setzt er sich jenseits alles idealistischen Denkens ein für einen Realismus, den er folgendermaßen definiert:

„Der Realismus sieht es als entscheidendes Merkmal der Wirklichkeit an, dass wir unsere Meinungen an die wirklichen Umstände anpassen müssen. Das Wirkliche ist demnach nicht insgesamt auf unseren Erkenntnisapparat zugeschnitten. Es könnte sogar ganz anders sein, als es uns erscheint. Der Realismus passt sein Verständnis des Wirklichen insofern dem Umstand an, dass es uns dauernd überraschen kann. Dem Realismus zufolge stellt es sich zwar heraus, dass das Wirkliche erkennbar ist und wir uns nicht ständig täuschen. Doch dies bedeutet nicht, dass die Wirklichkeit deshalb auf uns zugeschnitten ist, sondern lediglich, dass wir manches erkennen und anderes nicht. Die Frage, ob die Wirklichkeit prinzipiell erkennbar ist oder nicht, überwindet der Neue Realismus, weil konsequent die Idee verabschiedet wird, bei der Wirklichkeit handle es sich um ein allumfassendes Gegenstandsgebiet. sofern Wirklichkeit hingegen eine Modalkategorie ist, ist sie prinzipiell erkennbar.“ (S.273)

Wirklichkeit ist bei Markus Gabriel ein Ereignis. Und das Bild, das wir uns von der Wirklichkeit und vom Menschen machen, speist sich aus Geschichten. Wir unterscheiden zwischen Mythos und Logos, zwischen Geschichte und reinem Denken.
„Indem der Mensch diese Unterscheidung zieht, erfindet er eine neue Form von Intelligenz, die es vorher nicht gab. (S.311) Im eigentlichen sinne wäre das schon eine Art von KI
Insofern ist die KI nur eine Weiterführung von geschaffenen neuen Intelligenzen, nach Gabriel sollte sie KKI heißen.
Ein aufgeklärter Humanismus, ein ethischer Anspruch, ein Menschenbild, das uns zur Gestaltung anregt, das führt Gabriel zusammen in der Behauptung „…dass es einen universalen Kern des Menschseins gibt: den Wunsch, nicht nur ein Tier zu sein.“ (S.318)
Sein Neuer Realismus hat einen moralischen Auftrag: nicht vor der Wirklichkeit zu fliehen.
„Es gibt eine universalen Wesenskern des Menschen, und zwar sein Vermögen der Selbstbestimmung.“ (S.323)
Wenn ich ihn richtig verstehen, geht es ihm dabei um das Bild, das wir uns von uns selbst erschaffen. Und zwar mit allem, was uns möglich ist, ohne einem Integrationszwang zu unterliegen, der uns nötig, gewisse Bereiche unseres Lebens als Fehler im System zu sehen. Ein inspirierendes Buch.

Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens. Ullstein Taschenbuch, Berlin 2020

Ein Kommentar zu „Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens

Gib deinen ab

  1. Hallo, liebe Dagmar,

    danke für diese Buchvorstellung mit starken Zitaten und Deinen Gedanken.

    „Totale Digitalisierung“ ist, wie Du Markus Gabriel hier wiedergibst, kein paradiesischer Zustand, sondern wohl das Gegenteil. Dies kenne ich aus meinem privaten Leben mit wiederholten Abstürzen des Computers oder mancher Programme, gar nicht zu sprechen vom Energie- und Ressourcenverbrauch durch Techno-Schrott usw.. Hier volle Zustimmung.

    Nachfrage zu den genannten Sinnfeldern:
    „Das Denken ist nach Gabriel ein Sinn, und das was wir denken erschafft Sinnfelder. Da es unendliche Variablen gibt, gibt es keine privilegierte Wirklichkeit, kein Sinnfeld, das alle Sinnfelder erfassen kann (siehe Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“).“

    Wie wäre es, sich die „unendlichen Variabeln“ als das Göttliche vorzustellen, das womöglich alle oder viele Sinnfelder umfasst? Zudem: Wenn es die Welt nicht gäbe, wie der Buchtitel suggeriert, wie gäbe es dann den Autor, sein Buch und den Blog mitsamt unserer Konversation?

    Dazu, „…dass es einen universalen Kern des Menschseins gibt: den Wunsch, nicht nur ein Tier zu sein.“ (S.318) Sein Neuer Realismus hat einen moralischen Auftrag: nicht vor der Wirklichkeit zu fliehen.
    „Es gibt eine universalen Wesenskern des Menschen, und zwar sein Vermögen der Selbstbestimmung.“ (S.323)

    Dies ist ja nicht nur eine Furchterfahrung – „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ – noch ein bloßer Wunsch. Bisweilen wurde der Mensch charakterisiert als das „vernünftige Tier“ und oder das „gemeinschaftsbildende Tier“. Mir ist es wohl, wenn wir die Selbstbestimmung nicht allein subjektiv, individuell auffassen, sondern politisch und bürgerschaftlich verstehen.

    Gute Herbstzeit
    und schöne Grüße
    Bernd

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