Alexander Kluy: Alfred Adler – Die Vermessung der menschlichen Psyche

Alexander Kluy erzählt in dieser Biographie über Alfred Adlers Entwicklungsgeschichte und ihre historischen Zusammenhänge gleichzeitig auch eine Geschichte der Psychologie und im Besonderen der Psychoanalyse. Alfred Adlers Ansatz konzentriert sich – im Unterschied zu Sigmund Freuds Ätiologie der Neurose aus einem Triebdeterminismus – auf die sozialpsychologisch bedeutsamen Elemente von Sicherheit, Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl. Seine Individualpsychologie betrachtet den einzelnen in einem systemischen Zusammenhang. Von sozialmedizinischer Warte ausgehend betrieb er Sozialpolitik, indem er Anfang des 20. Jahrhunderts Erziehungsberatungsstellen in Wien gründete, deren Konzept sich bald in Europa an vielen Orten wiederfand. Das Menschenbild Alfred Adlers ist ein durch und durch philanthropisches und optimistisches.

Das Gemeinschaftsgefühl ist bei Adler eine tragende Säule der Persönlichkeit. Die Entwicklung des Menschen verläuft als eine Reifung hin zu mehr Gemeinschaftssinn. Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls ist das Ziel der menschlichen Entwicklung. Alle neurotischen Symptome behindern diese Entfaltung und gefährden den Gemeinsinn. Sozialphilosophisch und sozialpolitisch wurde Gemeinschaft zum Schlagwort der Bewegungen der 1920er Jahre und natürlich hatte dies Einfluss auf die pädagogischen Konzepte. Der Gemeinschaftssinn als Grundlage bestimmt das Handeln.
Ein anderer zentraler Begriff ist der „Lebensstil“. Leben ist die tatsächliche Umsetzung der Idee, die wir „Lebensplan“ nennen. Diese Umsetzung prägt sich aus in einem Lebensstil. Und, wie nicht anders zu erwarten bei Adler, ist der geprägt von einem Setting, aber nicht, wie bei Freud in der Art, dass man als Opfer von bestimmten Umständen gelten könnte, sondern immer als Agitator, als eigenverantwortlich Handelnder in seinem Kosmos betrachtet wird. Überforderung ist das Ergebnis eines mangelhaft entwickelten Gemeinschaftssinns, der entmutigte Mensch fühlt oder besitzt keine Soziabilität mehr.
Bekannter geworden ist Adlers Ausarbeitung vom Lebensstil mit Pierre Bourdieus in den 1980er Jahren geprägten Begriff des Habitus. Auf Adler aufbauend entwickelte er zwei Kategorien, das opus operatum als das Produkt oder Ergebnis des Handelns, und den modus operandi als die zugehörige Handlungswiese. Bei Bourdieu ist der Charakter als die Ausdrucksform seiner Bedürfnisse sozialisationsgeprägt. Das soziale Subjekt reproduziert zwar diese Struktur, ist aber im Wechselspiel der Beziehungen der unterschiedlichen sozialen Felder, innerhalb derer es sich bewegt, auch dazu in der Lage, Hierarchien und Herrschaftsstrukturen zu durchschauen und zu nivellieren.
Beiden gemeinsam ist die Idee, dass es auf die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls ankommt. Adler definiert sogar den Fortschritt der Menschheit daran.

In den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhundert erfreute sich Adler wesentlich größerer Popularität als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl einige psychologische Schulen – z.b. die Gestaltpsychologie – viele seiner Annahmen aufgriffen. Kluy zitiert am Ende Rudolf Meinte: Selbstverantwortung. Alfred Adlers Individualpsychologie in Beziehung. Beruf und Gesellschaft, München 2014, S.18:
>>Adler beschrieb mit seiner Individualpsychologie von Jahrzehnten die Vision eines demokratischen Modells, das er als Grundlage harmonischen Zusammenlebens verstanden wissen wollte. Seine Vorstellungen hätten eine Handlungsanleitung zur Umsetzung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sein können!<< (Kluy, S.355)

Eine Biographie, die sich liest wie ein historischer Essay mit persönlicher und thematischer Informationsfülle, eingebettet in das Zeitalter der intensivierten „Vermessung der menschlichen Psyche“.

Alexander Kluy: Alfred Adler – Die Vermessung der menschlichen Psyche
Deutsche Verlagsanstalt, München, 2019

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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