Jürgen Neffe: Marx – Der Unvollendete

 

„Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung der Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handelns.“ (Willy Brandt, 1977, Vorsatzblatt Jürgen Neffe)

Jürgen Neffe legt uns hier, pünktlich zum Marx- Jahr 2018, eine 600 Seiten Abhandlung vor, die so akribisch und detailgenau erarbeitet ist, dass man beinahe den Marx seiner mittleren Jahre, wie er um die Entstehung seiner großen Schriften ringt und in seinem Perfektionismus-anspruch recherchiert und recherchiert, vor sich sieht. Ist es eine Biographie, ist es eine politische Wirkungsgeschichte, ist es eine philosophische Analyse des Historischen Materialismus? Jürgen Neffe hat alles hineingepackt, um uns nichts vorzuenthalten. Es bedarf schon eines durchhaltenden Interesses, um die ganze Abhandlung zu inhalieren.

Karl Marx, Denker, Theoretiker, Kämpfer, Urvater der ersten internationalen Arbeiterbewegung. Zeitgenosse Charles Darwins und so wie dieser ebenso missbraucht mit seinem großen Theoriegebäude für eine Praxis, die sich auf seinen Namen berief, die seine Ideen aber in ein Korsett gepresst hat, die ihnen die Luft abschnüren. „Ich bin kein Marxist“, soll er selbst einst gesagt haben. Was dann? Zuerst einmal ist er den größten Teil seines Lebens ein Geflüchteter, verschiedenerorts geduldet, ohne Staatsangehörigkeit. Und dann gehört er zu den Giganten, zu den Geistesgrößen, Neffe reiht ihn sogar unter die drei Großen, die der Menschheit die narzisstischen Kränkungen zugefügt haben (Kopernikus, Darwin, Freud). Er hat uns die Analyse einer Struktur geliefert, die uns politisch, soziologisch und auch psychologisch erklärt, warum und wie wir letztlich an dieser Gesellschaftsform scheitern, kollektiv und persönlich.

„Wir sind Gefangene unserer eigenen Kreatur, Teile einer von Menschen gemachten lebendigen Maschinerie, die ihr Programm unabhängig vom menschlichen Willen abspult – und doch von ihm betrieben wird. Ihr und unser Überleben hängen wie bei einem Krebsgeschwür vom stetigen Wachstum ab. Dazu muss sie in alle verfügbaren Bereiche vordringen, Raum und Zeit erobern, und schließlich auch sämtliche sozialen Beziehungen kolonialisieren.“ (Neffe, S.22)

Aus der Literatur kennen wir die Weberkrise von 1844, es kommt der Hungerwinter 1846/47 mit Millionen von Toten. Und eine Welthandelskrise 1847. Die Zeit ist reif für eine Revolution. Neffe beginnt nicht chronologisch, sondern mit diesem Jahr, weil es einen „archimedischen Punkt der Marx’schen Biographie“ (S.35) kennzeichne. Als Auftakt einer Zeitungsserie erscheint ein Artikel des jungen Marx am 3. März 1848 der beginnt: „Ein Gespenst geht um in Europa“. Gleichzeitig wird in London ein Büchlein gedruckt: „Das Manifest der kommunistischen Partei“. Nach Neffe sind in dieser Kampfschrift alle Element seines philosophischen, politischen und ökonomischen Denkens bis zu dieser Zäsur 1848 zusammengefasst.

Wenn wir über den privaten Marx sprechen, so reden wir über einen Bürgerssohn aus wohlhabenden Verhältnissen – seine Familie gehört zu den obersten fünf Prozent der Gesellschaft in Trier – der den Umgang mit Geld jedenfalls nicht gelernt hat. Alle Geschichten über sein Elend uns seine Armut sind wahr und auch nicht wahr. Mit den Geldern, die er aus Erbschaften und von seinem Freund und Mäzen Engels erhalten hat, hätte man ein damals ein Leben in der gesellschaftlichen Mittelschicht leben können.

1818 beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa 36 Jahre, nur die Hälfte der Menschen erreicht das Erwachsenenalter. Als drittes von neuen Kindern wächst er auf wie ein verwöhntes und überbehütetes Prinzenkind, hochbegabt, schlecht erzogen, mit der Erlaubnis auf des Vaters Namen in seinen Studentenjahren manchmal sogar mehr Geld auszugeben, als der Vater selbst verdient. Burschenschaften mit Exzessen gehören zu seinem Studentenleben, Versuche in der Poesie, schließlich die Philosophie, statt der vom Elternhaus gewünschten Jurisprudenz und in dieser Zeit schon Wechselfälle von ausschweifendem Leben und verbissener Arbeitswut. Am 06. März 1841 erhält er das Abgangszeugnis der Universität Berlin, am 6. April schickt er eine Dissertation nach Jena, am 15 April erhält er sein Doktordiplom, 2 Jahre vorher mit Vorarbeiten begonnen: „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“. Aber: mit einer Analyse der zeitgenössischen Philosophie und mit Blick auf die Arbeitskraft. Originell.

Die Marx-Engels-Werke, sind von den wenigsten gelesen worden, die eine Meinung dazu haben. Das Image, das seinen Schriften durch die politischen Adaptionen seiner Theorie verliehen wurde, ist ein aufgepfropftes, das den wesentlichen Grundzug seines Schaffens verbirgt: als Freiheitsverfechter steht er gegen alles, was institutionalisiert die Freiheit beschneidet.

Nach sieben Jahre anhaltender Verlobungszeit heiratet er im Juni 1843 die vier Jahre ältere Jenny von Westphalen, ab Oktober leben sie bereits im Exil in Paris. Ab dem Frühjahr wagen sie ein Experiment mit einer Wohngemeinschaft. Auf zwei Etagen wird ein Stück Kommunismus mit anderen Ehepaaren gelebt. Charles Fourier hat zu dieser Zeit auch schon die freie Liebe propagiert (utopischer Sozialist, formulierte das Recht auf Arbeit, gestorben 1837). Das Experiment – so es überhaupt stattgefunden hat – findet nach zwei Wochen ein Ende. In dieser Zeit entstehen die „Pariser Manuskripte“, in denen die wesentlichen Themen bereits formuliert sind.

„Entfremdet fühlen sich Menschen, wenn ihr Dasein ihrem Wesen widerspricht.“ (S.126) In den frühen Schriften entstehen wichtige Analysen, z.B. Arbeit erzeugt ihre eigenen Bedingungen. Mit der „Entäußerung des Arbeiters in seinem Produkt“ materialisiert sich ein Stück seiner Seele. (nach S.129)

„Der Arbeiter wird umso ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine umso wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu.“ (MEW, Band 40, S.511) Die Produkte fangen an, die Menschen zu beherrschen, ohne dass sie es merken. Recht und Gesetz sind zugeschnitten auf eine Minder-heit der Wohlhabenden. Arbeiter und Kapitalisten erscheinen zwar als freie Vertragspartner, doch sind beide gezwungen, sich von den Erfordernissen des Kapitals bestimmen zu lassen. Das Geld regiert die Welt, eine Binsenweisheit, aber WIE tut es das? Und was ist die Lösung? Marx formuliert keine Utopie, denn der Kommunismus ist kein Zustand sondern ein IDEAL, ausdrücklich von ihm selbst so benannt, und seine Verwirklichung ist ein fortlaufender Prozess, der sich aus den Erfordernissen des Lebens ergibt, und folgt keinesfalls einem vorgegebenen Plan für eine Ordnung. Die sozialistische Planwirtschaft ist KEIN Entwurf von Karl Marx!

Neffe überschreibt ein Kapitel mit dem Titel: „Bis dass der Tod euch scheidet – Das Kreativteam Marx & Engels“. Engels, ein linker Journalist, wird von seiner Familie, von seinen eigenen Bedürfnissen und nicht zuletzt derer der Familie Marx wieder rückgeführt in das familiäre Unternehmertum, ist gleichzeitig Manchester Kapitalist und eigentlich der, der dem jungen Marx die Ökonomie erklärt. Er hat die Warteschlangen der Menschen gesehen, er spürt die Zwänge des Kapitalismus am eigenen Leib und glaubt an die große Veränderung, die Abschaffung des Privateigentums scheint ihm die angemessene Lösung (bekannt sind seine frühen Schriften zur Entstehung des Privateigentums). Sein eigenes Privateigentum hat er zeit seines Lebens geteilt mit der Familie Marx, nach Marxens Tod hat er eine der Töchter weiter unterstützt, bis zu seinem eigenen Tod. Engels ist ein Lebemann, er besitzt ein Pferd, geht jagen, auch Schürzen, und bleibt unverheiratet.

Marx wird nun auch aus Paris verbannt und muss nach Brüssel, dennoch steht er kurz vor einem Vertragsabschluss mit einem deutschen Verleger zu einem Manuskript mit dem Titel: Kritik der Politik und Nationalökonomie. Doch hier zeichnet sich bereits ab, was sich durchzieht durch sein ganzes Leben und Schaffen: er wird nicht fertig. Das Kapital erscheint erst zwei Jahrzehnte später. „Am Ende, am Vorabend der Revolution von 1848 sind sie (Marx & Engels, Anm. d. Verf.) die Anführer der kommunistischen Bewegung, der sie mit ihrem Manifest ein bleibendes Denkmal setzen. Der Brennofen gemeinsamer Geschichte schweißt sie für den Rest ihres Daseins unzertrennlich zusammen.“ (S.192)

1844 beantragt Marx mit Frau und Kind Asyl im Königreich Belgien. In dieser Zeit macht Jennys Mutter ihrer Tochter ein „Geschenk“: das Hausmädchen Helene Demuth, das sie alle überleben wird. In Brüssel knüpfen sich neue Freundschaften, mit Joseph Weydemeyer und lebenslang mit Wilhelm Wolff. Ihm widmet er 1867 Das Kapital. Der drei Jahre vorher verstorbene Weggefährte hat ihm sein ganzes Vermögen vermacht.

In der Rue d’Alliance Nummer 5 treffen sich in der folgenden Zeit viele Geister der kommunistischen Ideen. Marx bittet „um Entlassung aus dem Königl. Preuß. Untertanenverband“, Brüssel müsste ihn sonst an seine Heimat ausliefern, wo ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt wegen Hochverrats und Majestätsverbrechens. Er bleibt den Rest seines Lebens staatenlos. Drei Jahre bleibt die Familie Marx in Brüssel, Marx und Engels verfassen hier ihr zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenes Werk Die Deutsche Ideologie, worin die elf Thesen über Feuerbach formuliert sind. Die vollständige Veröffentlichung erfolgt erst 1932 in der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Sie verfassen Polemiken, in denen sie abrechnen mit den Denkern ihrer Zeit, vor allem mit den Jung- und Linkshegelianern. In einer Streitschrift gegen Max Stirner erscheint der berühmte Satz: „Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe.“ (MEW, Band 3, S.218) Der russische Schriftsteller Pawel Wassiljewitsch Annenkow schreibt über Marx:

„Er sprach nicht anders als in imperativen, keinen Widerspruch duldenden Worten, die übrigens noch durch einen mich fast schmerzlich berührenden Ton, welcher alles, was er sprach, durchdrang, verschärft wurden. Dieser Ton drückte die feste Überzeugung seiner Mission aus, die Geister zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Vor mir stand die Verkörperung eines demokratischen Diktators.“ (in Neffe, S.208).

In London schließt sich ein Bund aus Handwerkern zum Londoner Bund der Gerechten zusammen, sie bitten Marx und Engels beizutreten und eine Bundesdoktrin zu verfassen. Es entsteht daraus das Kommunistische Manifest. Der Bund wird umbenannt in „Bund der Kommunisten“, sein Wahlspruch lautet: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Ist es der Text seines Lebens, den der knapp dreißigjährige Marx mit dem Manifest zu Papier bringt? Er umfasst jedenfalls die wichtigsten Inhalte des frühen Marx, die auch heute noch häufig zitiert werden. Die Idee dazu geht auf Engels zurück und Marx benutzt Anregungen aus Engels Schriften, auch wenn er die endgültige Version allein niederschrieb.

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Das Manifest will diesem Gespenst nun sein Fleisch geben. Tatsächlich wird das Kommunistische Manifest sowie der erste Band des Kapitals zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt aufgrund des weltweiten Einflusses auf viele soziale Bewegungen.

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“

Zu der Zeit, als das Manifest in London gedruckt wird in Paris wieder durch eine Revolution Weltgeschichte geschrieben. Die Donnerstag-Revolution am 25. Februar 1848 ruft die Republik aus: „Vive la Republique!“

Die nächste Revolution entsteht in Berlin: die Märzrevolution. Zum ersten Mal hier bei Neffe (S.236) gelesen: an der Spree wie an der Seine ausgelöst durch Schüsse auf wehrlose Demonstranten. Verblüffend – 120 Jahre später Mai-Revolution 1968 in Paris und der Beginn der großen 68er Aufstände in Deutschland im Juni 1968, ausgelöst durch Schüsse auf wehrlose Demonstranten. Und wieder die Gleichzeitigkeit. Marx und Engels wollen nach Deutschland reisen mit den Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland, bis dahin ein Geheimbund. Beschränkung des Erbrechts, Verteilung der fürstlichen und feudalen Landgüter, allgemeines Wahlrecht, Volksvertreter, kostenlose Gerichtsbarkeit, völlige Trennung von Kirche und Staat – das sind die Forderungen für die vereinigte Republik. Allerorten werden die Aufstände blutig niedergeschlagen, in Deutschland beginnt bald die Restauration.

 

Jürgen Neffe: Marx – Der Unvollendete

Bertelsmann Verlag, München 2017

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