Jürgen Neffe: Darwin. Das Abenteuer des Lebens. Teil 2

Zum Leseprojekt

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten mit Sekundärliteratur

der zweite Teil zu Jürgen Neffes Biographie auf den Spuren Darwins.

Darwin zögert es hinaus, immer wieder und über lange Jahre. Die „Entstehung der Arten“ liegt ihm schwer im Magen. Lieber befasst er sich mit zoologischer Forschungsarbeit, anstatt sein Hauptwerk zu vollenden. Die Rankenfüßer haben es ihm angetan. Einst auf seiner Reise in Chile gesammelt und sorgfältig in Spiritus aufbewahrt forscht er z.B. über die Zweigeschlechtlichkeit der Entenmuschel. Ob er seine anhaltenden Bauchschmerzen, den Durchfall und die Krampfanfälle auch aus Chile, wo er sechs Wochen krank darniederlag, mitgebracht hat, ist fraglich.

Vom 27.12.1831 bis 2.10.1836 war er mit der Beagle unterwegs. Bis 1959 füllen Veröffentlichungen seiner Reiseberichte, die Forschung an den Rankenfüßern, an der Transmutationstheorie und die Taubenzucht den Zwischenraum, bevor er sich, wahrscheinlich mit Bauchweh, zur Veröffentlichung der „Entstehung der Arten“ entschließt. Kaltwasserkuren und Homöopathie verschaffen vorübergehende Besserung.

Übrigens bezeichnet er sich selbst als Kaplan des Teufels in einem Brief an einen Freund, als er wieder einmal von tiefen Selbstzweifeln geplagt ist. Dass aus der Ehe mit seiner Cousine Emma unter den zehn Kindern eines vermutlich mit Down- Syndrom geboren wird, erscheint ihm als eine Rache der Natur.

Sein wichtigstes Werk veröffentlichen muss er im Jahr 1959 deshalb, weil der Geologe Wallace mit einem Aufsatz an die Öffentlichkeit will, in dem dieselben Forschungsergebnisse dargelegt werden. Darwin muss sich schnell entschließen, sonst bekommt jemand anderer die Lorbeeren. Sie veröffentlichen im Einvernehmen gleichzeitig, Darwin bekommt die Priorität zugesprochen, weil die Grundlagenforschung seines Essays bereits viele Jahre zurückliegt.

Das Werk erlebt einen überragenden Durchbruch, auch, weil er seine Leser direkt anspricht und Geschichten erzählt.

Bereits zu dieser Zeit treten die Kreationisten mit dem Schöpfungsplan auf, was Darwin als Unwissenheit kritisiert und in seinem Hauptwerk schon zu entlarven sucht: „Glauben sie wirklich, dass in unzähligen Perioden der Geschichte unserer Erde gewisse elementare Atome gleichsam kommandiert worden seien, sich plötzlich zu lebendem Gewebe zusammenzuschließen?“ (Neffe, 289)

Trotzdem, er will und er kann Gott nicht ganz abschaffen. Und hier bleibt bis heute die Leerstelle in der Evolutionsgeschichte: was gab den ersten Impuls? Er selbst nennt sich in der „Entstehung der Arten“ einen Theisten in dem Sinne, dass er nicht leugnen will, dass Gott als letzter und erster Grund möglich wäre. An anderer Stelle: Das Geheimnis des Anfangs aller Dinge ist für uns unlösbar; und ich für meinen Teil muss mich bescheiden, ein Agnostiker zu bleiben.“ (Neffe, 317)

Blähungen, Erbrechen, Schüttelfrost, hysterisches Weinen, Sterbeempfindungen, Ohrensausen, Schwindel, Sehstörungen – nach eigener Anamnese, erstellt 1860 für einen Spezialisten, begleiten ihn diese Symptome seit 25 Jahren, ohne diagnostizierte Ursache. Und sie werden ihn noch weitere 22 Jahre begleiten. Gleichzeitig ist innerhalb eines Jahrzehnts in der Fachwelt seine Theorie weitestgehend anerkannt. Heute glauben in den USA immer noch 50 % an eine Erschaffung des Menschen durch Gott und 40% an eine von Gott gesteuerte Entwicklung. Besonders erfolgreich als Gegner der Wissenschaft ist das Intelligent Design, das sich selbst wissenschaftlich verkaufen möchte und fordert, als Theorie an den Schulen unterrichtet zu werden. Konservative Kreise wollen mit göttlicher Vorsehung den amerikanischen Gottesstaat verwirklichen. Dass die Strukturen patriarchal sind, versteht sich von selbst.

Jürgen Neffe erzählt in seinem Buch über Darwin Geschichte und Geschichten. Überall auf seiner Reise begleiten ihn Darwins Forschungsergebnisse und er analysiert. Zum Beispiel, wie es sein konnte, dass die Aborigines in Australien noch vor wenigen Jahrzehnten als Menschen eines geringeren Entwicklungsstands betrachtet wurde. Im vergangenen Jahrhundert hat die britische Regierung ihnen geschätzte 50.000 Kinder weggenommen und in Heimen oder bei Adoptiveltern aufgezogen, in dem festen Glauben, die herrschende Leitkultur sei der Segen. Sprache wurde verboten, Tradition gebrochen, Gewalt ausgeübt, eine einzige Indoktrination mit der Absicht, zu unterwerfen. Erst im 21. Jahrhundert sollte sich der Premierminister dafür entschuldigen und damit einen Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.

Darwin unternimmt später keine Reisen mehr, sondern widmet sich fortan der Forschung und dem Schreiben von Büchern. Die Regenwürmer, die Orchideen, mit unglaublicher Langmut beobachtet, studiert er und zeichnet auf. Und die Begegnungen mit Zeitgenossen sind immer wieder befruchtend. Der Professor für Biologie Haeckel formulierte das „Biogenetische Grundgesetz“, heute als „Grundregel“ bezeichnet, nach der alle Tiere vom befruchteten Ei an alle Stadien der Evolution durchlaufen. Die Merkmale bilden sich nur unterschiedlich aus oder wieder zurück. So gibt es in einem bestimmten Stadium Zähne im Embryo von Zahnlosen, Kiemenansätze im Embryo von Lungenatmern, z.B. dem Menschen. Haeckel ist nun aber auch der, der aus der Biologie eine Gesellschaftstheorie ableitet. Das, was wir heute unter Sozialdarwinismus verstehen, hat mit Darwin selbst wenig zu tun. Auch wenn er irgendwann den Begriff des survival oft he fittest übernommen hat. Es ist aber die Art, die sich am besten angepasst hat, nicht die Art, die sich im Konkurrenzkampf als die stärkste erweist. Denn das hat auch schon Darwin beobachtet: für das erfolgreiche Fortbestehen einer Art ist meist Kooperation von tragender Bedeutung. Wenn sich spätere Ökonomen in ihrer Theoriebildung auf Darwin beriefen, ist das genauso eine schandhafte Verdrehung, wie wenn heute im Internet zu lesen ist, Darwin habe angeblich auf dem Sterbebett widerrufen.

Jürgen Neffe beschreibt als Resumée seiner Reise: „Zu den seltsamsten Resultaten meiner Reise gehört eine optimistischere Sicht auf die Zukunft meiner Spezies als vor meiner Abfahrt. Vielleicht liegt es auch nur an einer Erfahrung, die ich mit meinem berühmten Reisebegleiter teile: wie viele wahrhaftig gutherzige Menschen es gibt, mit denen (der Reisende) nie zuvor Kontakt hatte, auch nie mehr wieder haben wird, und die dennoch bereit sind, ihm die uneigennützigste Hilfe zu gewähren.“ (Neffe, 466/67)

>>Ein sensationell lesenswertes Buch<< Denis Scheck

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