Jürgen Neffe: Marx – Der Unvollendete, Teil II

Teil II

Bei Jürgen Neffe fügen sich die Puzzleteile verschiedener Aspekte des Kapitals in der historischen Analyse und seiner Folgen zu Zeiten des Manchester Kapitalismus und ganz konkret bei der Familie Marx zusammen zu einer umfassenden Geschichte über Ökonomie, Zeithistorie, Familiendrama und Gesellschaft. Und mit Abstand betrachtet gibt die komplexe Zusammenstellung einen Blick frei auf zweihundert Jahre Entwicklung des Kapitalismus, mit dem Puzzleteile verschoben und zusammengesetzt, vorwärts und rückwärts betrachtet, am Ende Marx in seiner nie nachlassenden Aktualität noch einmal rezipiert werden muss.

Fünf Jahre nach dem Untergang der Rheinischen Zeitung gründet Marx mit Engels und Unterstützern die Neue Rheinische Zeitung. Er wird Chefredakteur mit Dreijahresvertrag und Jahresgehalt. Es müssen nun erst einmal gemäßigtere Töne angeschlagen werden, die Bourgeoisie blickt mit Argusaugen auf die Geschehnisse, Rädelsführer der Arbeiterbewegung werden verhaftet. Doch schnell gibt die Zeitung ihre Überparteilichkeit wieder auf, das Blatt wird radikal und militant, Marx wird angeklagt der „Aufreizung zur Rebellion“, und schon nach einem Jahr steht die Zeitung kurz vor dem Bankrott.

Bei der Paulskirchenversammlung wird dem König eine Verfassung vorgelegt. Seine Antwort: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.“ Und wieder wird Karl Marx das Gastrecht entzogen, er wird aufgefordert, binnen 24 Stunden das Land zu verlassen. Die letzte Auflage erscheint komplett in roter Farbe gedruckt. Auch aus Paris wird er verstoßen und so kommt die Familie Marx schließlich nach Großbritannien. Nach Neffe wurde im 19. Jahrhundert kein einziger politischer Flüchtling vom Vereinigten Königreich abgewiesen.

1849, gleichzeitig mit Marx’ Ausweisung aus Frankreich, findet der dritte Internationale Friedenskongress in Paris statt. Victor Hugo stellt dort sein Konzept der „Vereinigten Staaten von Europa“ vor, für Marx beginnt die, wie Engels sie einmal bezeichnete, „schlaflose Nacht des Exils“(S.262).

„Kaum ist er angekommen, zeigt sich ein weiteres Wesensmerkmal seines künftigen Daseins. Wegen Brechdurchfalls kann er das Haus nicht verlassen. Das Martyrium von Armut und Krankheit gepaart mit der Verzweiflung des Emigranten hat begonnen. Es wird ihn, von kurzen Erholungsphasen abgesehen, den Rest seiner Erdenjahre begleiten.“ (S.262)

Der Schwiegersohn Paul Lafargue beschreibt das Arbeitszimmer, dessen Nachbildung heute auf einem „Marx Walk“ besichtigt werden kann. Neben den Bücherstapeln, Zeitungspaketen, Manuskripten, dazwischen Tabaksbehälter und Rauchwaren findet sich noch eine Spur seiner geistigen Anstrengung: „Er ruhte aus, indem er im Zimmer auf und ab schritt; von der Tür bis zum Fenster zeigte sich auf dem Teppich ein total abgenutzter Streifen, der so scharf begrenzt war wie der Fußpfad auf einer Wiese.“ (S.269)

Das Drama der begabten Gattin, so Jürgen Neffe, zeugt von einer unerschütterlichen Treue zu ihrem Gatten, obwohl sie die Lebensumstände, in die sie gezwungen sind, dafür verantwortlich macht, dass von ihren sieben Kindern nur drei das Erwachsenenalter erreichen.

Während einer der vielen Phasen, in der die „Pfänder“ ins Haus kamen, um Betten, Wäsche, Kleider, sogar die Wiege mit Beschlag zu belegen, war Jenny Marx zum fünften Mal guter Hoffnung. Sie reiste nach Holland um einen Onkel um Geld anzugehen, erfolglos. Sie müssen ihre Wohnung verlassen, ziehen in eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung. Das Neugeborene kann dort nicht untergebracht werden und wird zu einer Amme gegeben. Drei Monate, am 23.6.1851, später kommt auch Helene Demut nieder, mit einem Jungen. Friedrich Engels wird für seinen Freund Marx die Vaterschaft übernehmen. Das Kind wird zu einer Pflegefamilie gegeben und Leni bleibt weiter bei der Familie Marx. Nach kritischem Dafürhalten – auch vom Anspruch der politischen Bewegungen damals – war das sicher eine Form von sexueller Ausbeutung von Untergebenen.

Ob all diese Umstände mit dazu beigetragen haben – Friedrich Engels kehrt als Kaufmann in den Schoß der Familie zurück und arbeitet wieder im Betrieb Ermen & Engels in Manchester. Er hat nun schließlich auch noch Alimente zu zahlen.

Jennys Töchterchen Franziska stirbt ein Jahr nach ihrer Geburt. Es ist nicht einmal Geld da für einen Kindersarg.

Für eine Weile herrscht Ruhe, wie sich die Eheleute arrangiert haben und vor allem Jenny Marx mit der Bediensteten, weiß man nicht. Doch 1855 kommt sie erneut nieder mit einem Mädchen: Jenny Julia Eleanor. Im selben Jahr stirbt der Sohn Edgar, achtjährig, an Schwindsucht. Von diesem Tag an war das Haar von Marx angeblich erbleicht. Man fürchtete am Grab um ihn.

Trotz allem, es gibt rührende Liebebriefe zwischen den Eheleuten, von Marx auch mit literarischen Bezügen und literarischen Figuren ausgeschmückt. Und dann kommt die Erbschaft der Mutter Marx, sie können sich ein kleines Haus kaufen, richten sich ein beim Trödler und Jenny wird erneut schwanger. Bald darauf ist alles aufgebraucht und Stück für Stück wird wieder ins Pfandhaus getragen. Das Kind stirbt gleich nach der Geburt. Sie hat wohl während der Schwangerschaft das älteste synthetische Schlafmittel der Welt regelmäßig eingenommen. Chloralhydrat hat den Fötus möglicherweise so stark geschädigt, dass das behinderte Kind nur einen Atemzug tat. Lenchens Schwester wird als zweites Hausmädchen in Dienst genommen, gleichzeitig fehlt es allem, sogar an Heizmaterial.

Marx bekommt zwar keine englische Staatsbürgerschaft, wird aber dort geduldet und die britische Regierung bleibt auch entspannt, als aus Preußen und Österreich die Aufforderung zur Ausweisung kommt. Kurzzeitig ist er Präsident der Zentralbehörde des Kommunistenbundes, löst diesen dann aber auf und gehört zwölf Jahre lang keiner politischen Organisation mehr an.

Die großen Männer des Exils ist das zweite mit Engels verfasste Buch, das zu Lebzeiten nicht erscheinen wird. Gutgläubig hatte Marx das Manuskript einem ungarischen Spion gegeben, der es an die deutsche Polizei verkaufte.

Also stiftet er noch einmal eine Zeitung: Neue Rheinische Zeitung – Politisch-ökonomische Revue, in London als deutsches Journal herausgegeben. Er ist davon überzeugt, damit den Weltbrand zu entfachen. 1950 erscheinen 4 Ausgaben und eine Doppelnummer. Nach der gescheiterten 48er Revolution und dem Achtzehnten Brumaire des Luis Bonapartes und der damit einhergehenden restaurativen Reaktion entwickelt Marx hier mit Engels eine Analyse von Welt, Wirtschaft und Gesellschaft und zeigt daran die Bedeutung seiner theoretischen Grundlegungen. Die Revolution soll zum Dauerzustand werden.

Tatsächlich, da zieht Neffe einen seiner Gegenwartsvergleiche, ist Marx’ Analyse ein interessantes Zeitzeugnis:

„Die Muster der Macht, wie Marx sie im demokratischen Coup Napoleons III. erkennt, sind so zeitlos, dass sie sogar Donald Trumps Regierungsübernahme noch erstaunlich gut treffen: >>Von den widersprechenden Forderungen einer Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich … gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt er die Ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an … und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.<< So endet der Essay.“ (S.319)

Neffe beschreibt Marx aber auch als ein Kind seiner Zeit in bezug auf Rassismus. Natürlich glaubt Marx – wie auch Humboldt und Darwin – an die Überlegenheit der europäischen >Rasse<. Wir dürfen nicht vergessen: die Zeit der Hochindustrialisierung ist auch die Zeit der Hochkolonialisierung, das Handelsdreieck Großbritannien, Afrikas Sklavenmarkt, Südamerikas Zuckerrohr und Baumwollplantagen, industrielle Rohstoffverarbeitung in Großbritannien, Export nach Afrika … usw.

Auch die Gesellschaftsordnungen anderer Kulturen sind zugunsten westlicher Gesellschaftsordnung abzuschaffen, so z.B, in Indien. Seltsam dass der Blick auf die Spaltung der Klassen keinen Blick eröffnet auf hierarchische klassenmäßige Spaltung zwischen Ländern. Auch was sein früheres Judentum betrifft: „Marx ist genauso Antisemit wie Macho oder Frauenausbeuter: aus heutiger Sicht ein klarer Fall, in seiner Zeit ein Mann des Mainstreams“ (S.347)

Neffe erwähnt, die Juden als Volk ohne Vaterland könnten Vorbild für Marx’ auserkorenes Volk gewesen sein, das er dann überträgt auf das Proletariat (nach S.352). In Ilona Jergers Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ wird genau diese Idee in Verbindung bis Marxens Exilantendasein zu einer Leitidee entwickelt – waghalsig.

Die Sozialdemokraten und die Sozialdemokratie geben ein spezielles Kapitel ab in der biographischen Geschichte des Karl Marx. Er hat sie gehasst und bewundert, die Demokraten schreiben Weltgeschichte ohne ihn, was sie aber tun, geht ihm entschieden zu wenig weit. Ebenso wie die aus den Arbeiterbewegungen hervorgegangenen Gewerkschaften tragen sie dazu bei, die Verhältnisse weitestgehend zu zementieren, anstatt sie radikal zu verändern.

1857 bricht eine Weltmarktkrise aus, eine Krise der Überproduktion. Marx arbeitet wie besessen am Kapital. Allein die >Grundrisse< sind ein achthundertseitiges Forschungsmanuskript, sie werden erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und zwischen 1939 und 1941 in Moskau veröffentlicht (S.355) Hier entsteht, von Marx geprägt, der Begriff >Mehrwert< der heute zum ökonomischen Standardbegriff avanciert ist. Das Kapital soll sechs Bücher umfassen, nur eines geht zu seinen Lebzeiten in Druck.

Nach Ulrike Hermann, Wirtschaftsautorin, war >>Marx der erste Ökonom, der die Rolle des Geldes in einer kapitalistischen Wirtschaft richtig beschrieben hat<<. (Neffe, S.367) Gleichwohl haben die Marxens in praktischer Hinsicht von Ökonomie im Sinne von Haushalten wenig Ahnung, denn eigentlich hätten sie dank Erbschaften, Spenden und Geschenken über die Jahre ein Leben der unteren Mittelklasse bestreiten können. Was bei diesen Nachforschungen nicht mit ins Kalkül gezogen wird: man kann nicht wirtschaften ohne regelmäßige Bezüge; der ständige Wechsel von >komplett leer< zu >alles auffüllen müssen< kommt wesentlich teurer als die Regelmäßigkeit.

„Nach einer heute gängigen Vorstellung verdankt Geld seine Erschaffung ursprünglich dem Machen von Schulden, jener merkwürdigen Mehrzahl von Schuld, und zwar explizit im religiösen Sinn, wie es auch der Zusammenhang von Glauben und Gläubiger nahelegt. Seinen Anfang hat es vermutlich im Opfer genommen, mit dem Menschen versuchten, die Götter günstig zu stimmen. Das hat durchaus schon den Charakter eines Tausch- >>Geschäftes<< von Geben und Nehmen. Man baut gewissermaßen vor, investiert in die Zukunft.“ (S.372) Aus den Tieropfern wurden Sakralopfer: Edelmetalle an die Priester, die Wiederverwendung, die verfremdete Verwendung des Opfers und der Schuld war erfunden. Die Bank of England, die Mutter aller Zentralbanken, wurde bereits 1694 erfunden. Das Tauschgeschäft Geben und Nehmen hat nun zwei gesonderte Existenzformen, sie können sich nicht mehr entsprechen (MEW, Band 42, S.82) Nach Marx ist aus dem Tauschgeschäft, das auf der Idee von Ausgleich beruht, eine durchbrochene Existenz, ein Missverhältnis geworden mit der Voraussetzung der beständigen Ungleichsetzung. Das Kapital kommt in Bewegung, es zirkuliert. Wachsen kann aber nur, was von irgendwoher eine Substanz bezieht. Vermögen wachsen, weil sich auf der anderen Seite der Bilanz Schulden türmen. Die Substanz ist Arbeit und Lebenszeit. Und damit tritt der Effekt ein, dass die Gegenwart gelebt wird auf Kosten einer Zukunft, die bereits verkauft wurde. Tür und Tor sind geöffnet für die Ausbeutung und Enteignung menschlicher Arbeitskraft.

Robert Kurz, bei Neffe, S.377: „Es ist die Hemmungslosigkeit und absolute Unersättlichkeit der kapitalistischen Selbstzweck-Bewegung, die Marx exakt begrifflich bestimmt und beschrieben hat.“ Geld bekommt eine zeitliche Dimension, der Gewinn kommt aus der Zukunft.

Im praktischen Sinne ist Engels immer wieder der Geldgeber der Familie Marx. Er investiert in ihre Zukunft und in seine. Und er hat sich damit selbst ein Denkmal gesetzt. Nach Schätzungen hat er bis zu dem Zeitpunkt, als er eine regelmäßige Unterhaltszahlung für die Marxens einrichtete, fast die Hälfte seiner Einkünfte mit ihnen geteilt.

„Wird indessen Ruhm zum Maßstab der Rendite, dann hat der Textilunternehmer – wohlhabend, aber nicht reich – bestens in M und damit in ME und letztlich auch in E investiert.“ (S.384)

In seiner finanziellen Not hat selbst der Kapitalismuskritiker Marx eines Tages mit dem Gedanken gespielt, an der Börse zu spekulieren, zumindest fiktiv, Geld war ja keines da. Engels dagegen hat sehr wohl Vermögen in Wertpapieren angelegt und sein Kapital für sich arbeiten lassen.

1867 erscheint Das Kapital, rund 900 Seiten stark in Deutschland. Relativ wenig beachtet, viel kritisiert, konstatieren Verfechter, dass es heute erst genauso funktioniert, wie Marx es beschrieben hat. Neffe schreibt, Marx legt den Kapitalismus quasi auf die Couch und will aus der Diagnose die Therapie begründen (nach S.391) Heute ist es ein „Sturmgeschütz der Kapitalismuskritik“. „Der frisch gewählte französische Präsident Macron auf die Frage der Zeitschrift Elle, welche Lektüre er der jungen Generation empfehle: >> >Das Kapital< von Karl Marx, um die Welt zu verstehen.<<“ (S.393) Nicht umsonst seit ein paar Jahren Weltkulturerbe.

Jürgen Neffe: MARX – DER UNVOLLENDETE
C.Bertelsmann Verlag, München, 2017

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