Jürgen Neffe: Darwin

„Das Abenteuer des Lebens.“ So lautet der Titel der 2010 im Goldmann Taschenbuch Verlag erschienenen Lebens- und Reisebeschreibung. Jürgen Neffe, Wissenschaftshistoriker, hat sich tatsächlich in den Fußstapfen Darwins auf eine Reise gemacht und beschreibt in seinem Bericht die Entdeckungen und Gedanken Darwins anhand dessen Aufzeichnungen.

Zwei Jahre lang ist er unterwegs und zeichnet die Spuren nach. Dabei begegnet er laufend gegenwärtigen Zeitphänomenen, die er in ein Verhältnis setzt zu dem, was Darwin damals beobachtet und beschrieben hat. Dem Leser wird bald klar, dass eigentlich nichts, von dem was wir heute als selbstverständlich nehmen, so gedacht werden könnte ohne Darwin. Es ist nicht nur eine Lehre von der Artenentwicklung, von der Auslese, von der Evolution, es ist ein Welterklärungskonstrukt, das unser Denken in alle Wissenschaftsbereiche hinein geprägt hat. Nicht nur unsere Naturwissenschaften und im besonderen die Medizin haben durch Darwins Entdeckungen eine entscheidende Richtung genommen, auch für viele andere Entwicklungen, z.B. in der Wirtschaft, in den Kapitalmärkten, wird Darwin ab und an bemüht, zumindest zur Erklärung, warum der ausufernde Kapitalismus mit der Grundmotivation des Menschen zu tun hat, mit seiner Gier nach Leben, seiner Gier nach mehr, und mit einem Vorteil des Stärkeren.

Einige Stellen zeichnen wir nach, in denen Neffe, der auch als Biologe über Fachkenntnis verfügt, Darwin ausgezeichnet zu interpretieren weiß und in denen die Gegenwart seine Theorien zu bestätigen scheint. Auf der anderen Seite wird es interessant, noch einmal in das Gedankengebäude der Evolutionslehre einzudringen im Bewusstsein, dass Darwin seinen Glauben an Gott nie ganz aufgegeben hat. Also Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte, die heute allgemein in ihren Argumentationen als konträre Theorien betrachtet werden, sind bei Darwin keine sich gegenseitig vollkommen ausschließenden Welterklärungskonzepte. Warum er also nie bekennender Atheist geworden ist – vielleicht wäre das heute anders, aber dieses heute existiert nur mit der Möglichkeit, als Atheist zu denken, weil Darwin mit der Evolutionstheorie die Steilvorlage dazu geliefert hat – und in welche Konflikte ihn dies getrieben hat, mit seinem Glauben, mit seiner Frau, mit seinem Umfeld, ist ein zweiter Gedankenstrang, der für jeden Nachdenkenden von großem Interesse ist. Denn erst im sorgfältigen Mitdenken und Nachdenken und Zweifeln am eigenen Welterklärungskonstrukt, wird die tiefgehende Wirkung der Darwinschen Forschungsleistung wirklich deutlich.

Und, was bis heute immer noch fehlt, ist dieser erste Impuls. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die gesamte Evolutionslehre die Entstehung des Lebens aus dem Wasser und die Verästelung aller Lebensformen am Lebensbaum erklärt, so bleibt doch die eine entscheidende Stelle: welcher Impuls hat den ersten Einzeller dazu veranlasst, sich zu teilen? Die Teilung einer Zelle durch Krafteinwirkung von außen zerstört jede Zelle. Aber wodurch hat die Zelle den Impuls zur eigenen Duplikation?

Zwei Jahre lang reist Neffe um die Welt auf den Spuren Darwins und zeigt uns, wie in der Gegenwart seine Theorie an gesellschaftlichen Entwicklungen überprüft werden kann. Er zeigt uns zum Beispiel die Gauchos, die Darwin eindrucksvoll beschreibt, als eine Gruppierung, die als besondere Lebensform betrachtet werden kann. Ihr Lebensstil unterscheidet sich von anderen Gruppierungen. Und heute stellt Neffe fest, gehören sie zu einem absterbenden Zweig am Lebensbaum. Die letzten Gauchos überlegen in die Städte zu übersiedeln und als Touristenattraktion im Rodeoreiten ihr Geld zu verdienen, weil die Weiden, auf denen sie jahrhundertelang Viehzucht betrieben, immer mehr der Sojapflanzung und dem Grundstoff für Biodiesel weichen müssen. Eine verkehrte Welt.

Aber hier treffen wir auf zweierlei Ursachen für Entwicklungen: es gibt biologische und kulturelle Evolution. Das, was sich in den Gesellschaften über die Jahrhunderte als der größte Vorteil für die Fittesten erwiesen hat, steht auf einem anderen Papier. Darwin hat sich nie darin verheddert, in den Verwicklungen von biologischer und kultureller Evolution. Zu großer Sprengstoff liegt darin. Ein Tyrann wie Hitler hat mit Darwins Ideen den Holocaust begründet. Auch in der Wirtschaft finden sich Adaptionen: Manchesterkapitalismus als Sozialdarwinismus. Darwin hat sich auf so etwas nie eingelassen.

Dennoch ist natürlich die Frage: Was ist angeboren, was ist formbar, was, von all den kulturellen Entwicklungen, schreibt sich in den Gencode ein? Die Versuche seines Kapitäns FitzRoy mit drei jungen Feuerländern, die er nach England brachte, um sie dort zu erziehen und im missionarischen Gedanken wieder zurückbrachte in ihre Heimat, wo ihnen nichts übrigblieb, als die alten Verhaltensregeln wieder anzunehmen, schlicht, um zu überleben, haben ihn einerseits in seinen Untersuchungen der biologischen Evolution bestärkt, andererseits zu einem sehr differenzierten Blick auf die Möglichkeiten der Veränderbarkeit des Menschen beigetragen.

Neffe schreibt: „Der Mensch ist weniger als jedes andere Säugetier biologisch als Einzelwesen zu begreifen. Der Hirnforscher Walter Freeman hat das mit seiner Hypothese von der >>society of brains<< auf den Punkt gebracht.

Neben den genetischen haben die von Mensch zu Mensch kulturell weitergegebenen Eigenschaften und Fähigkeiten mehr und mehr an Gewicht gewonnen. (…) Die kulturelle dürfte aber die biologische Evolution in gleicher Weise vorangetrieben haben wie umgekehrt.“ (Neffe, 184)

Ergänzung: Ronald W. Clark: Charles Darwin. Biographie eines Mannes und einer Idee. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1990

Sein größter Konflikt war aber nicht der, zwischen biologischer Evolution und kultureller Evolution zu vermitteln, sondern der zwischen der Schöpfungsgeschichte und der Abstammungslehre. In seiner Autobiographie, die er 1876 verfasste, schrieb er: „Durch das Aufschieben der Veröffentlichung, ungefähr von 1839 an, als ich die Theorie deutlich entwickelt hatte, bis 1859, habe ich viel gewonnen.“ Was mag es ihn gekostet haben. Einen Gutteil seiner Forschungsarbeit hat er nach seiner eigenen Aussage nicht mit der Absicht, sie zu veröffentlichen, sondern mit der, es nicht zu tun verfasst, so „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“. „Der Mensch in seinem Hochmut hält sich für ein großes Werk, würdig des Eingreifens einer Gottheit. Bescheidener und wahrer, denke ich, ihn als aus Tieren geschaffen zu betrachten.“(Notebook dealing with evolution theory, 1938).

Die innere Zerrissenheit, der Konflikt mit der tiefgläubigen Ehefrau auf der persönlichen Seite verursacht große Unsicherheit. Auf der öffentlichen Seite sind die Anfeindungen und Verleugnungen beinahe vernichtend. Eine Lady Hope will ihn auf dem Sterbebett besucht haben und erzählt von seiner Hinwendung zum Glauben. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts sind in Amerika die Fundamentalisten auf den Plan getreten mit ihrem Kreationismus, der die Bibel wörtlich nimmt. On dies schon eine Reaktion auf Darwin war, oder auch auf unruhige politische Zeiten, die alle Autoritäten in Frage stellten? 1919 fand in Philadelphia eine Welt- Bibel- Konferenz statt mit der Gründung eines Weltverbandes christlicher Fundamentalisten und der klaren Zielsetzung, die Evolutionstheorie zu unterdrücken. Im Jahr 1922 wurde im US-Staat Tennessee folgendes Gesetz erlassen: „Es ist hinfort ungesetzlich für alle Lehrer an allen Universitäten, Lehrerbildungsanstalten, normalen oder anderen öffentlichen Schulen, die ganz oder teilweise aus den öffentlichen Schulgeldern des Staates erhalten werden, jegliche Theorie zu lehren, welche die Geschichte der göttlichen Erschaffung des Menschen, wie sie die Bibel lehrt, leugnet und statt dessen zu lehren, dass der Mensch von einer niedrigeren Ordnung von Tieren abstamme.“ (Gesetzbuch des Staates Tennessee, S. 290). 1925 haben ein Lehrer und ein beherzter Bürger eine Klage inszeniert und auf die amerikanische Union gehofft, aber es vergingen noch 42 Jahre , bis dieses Gesetz in Tennessee aufgehoben wurde.

Das Problem, das für die Kirche aus der Evolutionslehre entstand, bestand nicht darin, dass es nicht möglich wäre, Mensch und Affe mit gemeinsamer Herkunft zu denken und dennoch an die unsterbliche Seele des Menschen und an Gott zu glauben. Das Problem, das viel schwerer wiegt: sie ist nicht in Einklang zu bringen mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit der Bibel oder der Kirche.

Zwischen 1929 und 1970 wurden in Amerika 72 Gesetzesvorschläge zur Einschränkung der Evolutionslehre im Unterricht in 27 Staaten eingebracht, sieben wurden angenommen. Die kreationistische Bewegung, die sich 1963 gründete, verlangt von ihren Mitgliedern ein Glaubensbekenntnis: „Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes, und da sie durch und durch inspiriert ist, sind alle ihre Erklärungen historisch und wissenschaftlich wahr in allen Urschriften.“ Noch heute wird von den Befürworten der Kreationismus als wissenschaftliche Theorie angesehen, obwohl seit 1980 in verschiedenen Staaten entschieden wurde, dass ein Verbot der Evolutionslehre im Unterricht gegen das geltende Gesetz der Trennung von Kirche und Staat verstoße.

Der Streit hält immer noch an.

 

Jürgen Neffe: Darwin. Das Abenteuer des Lebens.
Goldmann Taschenbuch Verlag, München, 2010

 

Dieser Artikel ist der erste Teil eines Leseprojektes zu Ilona Jergers Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten.“

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