Als epochale Zuordnung ist der Begriff der Moderne kaum zu begreifen, vielmehr handelt es sich hierbei um den Versuch, einen Wandel darzustellen, der sich in der Interpretation mit der Zeit auch immer wieder verändert. Zunächst wurde die literarische Moderne auf das frühe 19. Jahrhundert gesetzt. Ein Beispiel dafür ist E.T.A. Hoffmanns „Lebensansichten des Katers Murr“. Nach Klassik und Romantik versuchte Hoffmann, die Vorgaben des Bildungsromans mit Entwicklungsprozess und Bildungsideal zu ironisieren, indem er einen gebildeten Kater mit breitem Bildungshintergrund als titelgebende Figur beschreibt, die aber über keinerlei Kreativität und im Grunde über keine eigene Persönlichkeit verfügt, sondern sich an der Konvention ausrichtet. Die andere zentrale Romanfigur, Kreisler, wird dargestellt in innerer Zerrissenheit, mit subjektiv motivierten Brüchen im Lebenslauf. Und das ist nun wohl das Entscheidende, wo immer man den Beginn der Moderne festmachen mag: es geschieht eine Wendung hin zur Subjektivität, es werden zunehmend die Einzigartigkeiten in den Blick genommen, auch die Abgründigkeiten des menschlichen Daseins und dies geht einher mit einer Stilpluralität und Aufwertung des Ästhetischen. Außerdem ändert sich der Erzählstil gravierend: die personale Erzählhaltung und der Anspruch, als Autor für den Leser Inhalte erlebbar zu machen, ohne zu beschreiben, wird zur Maßgabe für gelingende Literatur. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit sich die Rolle des Lesers mit der Moderne verändert hat.
E.T.A. Hoffmann: „Die Lebensansichten des Katers Murr“