Maria Braig (Hrsg.): Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Im Verlag 3.0 – Buch ist mehr, wurden von Maria Braig schon mehrere Bücher veröffentlicht in der Reihe „ubuntu“– Literatur von und über Menschen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden.

Die aktuelle Anthologie vereinigt als Textsammlung unterschiedliche Textformate zum Thema „Fremdsein in Deutschland“. Erfrischend lebensnah ist der einleitende Text von Carl Valentin zum Fremdsein. Allerdings, wenn er in all der Zeit – wahrscheinlich sind es fast hundert Jahre – uns immer noch an diesem Punkt berührt, wo uns bewusst wird, dass die Komik als Verkleidung eines ernsthaften Missstandes daherkommt, muss man sich schon fragen, ob und warum sich diese Verunsicherung durch den Fremden, die Angst vor dem Fremden, nie ändert.

Maria Braig hat die Textsammlung in zwei Teile aufgeteilt: „Angekommen“ mit Texten von Flüchtenden und „Angenommen“ mit Texten von den Angekommenen oder auch von immer schon Dagewesenen, die über die Unterschiede durch Hautfarbe, Ethnie, Religion sprechen, wie sie sich in ihrer Wahrnehmung auf die Erlebensmöglichkeiten auswirken.

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Prosaminiatur

Bildausschnitt aus meinem Erzählprojekt „Als würde alles nur so aussehen für die Kamera“

Das Aufgebot des Himmels

Das gesamte Aufgebot des Himmels stand Spalier für dieses Ereignis, die Wolken, die gelben Streifen, die Sonne, das Blau und das Dunkel. Riesige Wolkenhaufen standen sich gegenüber, bewegten sich nicht, warteten. Wind  kam auf, aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig, brachte ein Durcheinander in die Farben und Bewegung in die Haufen und Fetzen. Und dann kollidierten die Wolkenwände in einem solchen Getöse, dass Gabriele ihre Hände an die Ohren riss, um sie zu schützen. Das Donnerkrachen kam immer näher. Ein weiterer Blitz; sie zählte die Sekunden bis zum Donner: eins … zwei … drei. Das Gewitter war nahe. Ein stechender Schmerz nahm ihr die Luft. Mit beiden Händen krallte sie sich an der Tischkante fest. Schon wieder. Das helle Leuchten des Blitzes tat ihren Augen weh. Eins … zwei …. der Donner krachte mit einem Getöse, dass die Fensterscheiben zitterten. Etwas in ihrem Leib polterte mit Karacho gegen ihre Eingeweide. Und dann platzte es. Das Fruchtwasser rann ihre Schenkel hinab. Ein Schrei. Der Bauch wurde hart wie ein Stein. Sie ging in die Knie. Nun musste schnell gehandelt werden.

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Michael Krüger: Das Irrenhaus

Das Irrenhaus ist ein sehr unterhaltsamer Roman über einen Freizeitphilosophen, der durch eine Erbschaft in die glückliche Lage kommt, seinen Lebensunterhalt nicht mehr erarbeiten zu müssen. Und es ist ein Roman über die Verschrobenheit der Bewohner eines Mietshauses, beziehungsweise der Verschrobenheit des Erzählers, der ironisch den Ausschnitt jeder Wahrnehmung und der Interpretation von Anderen persifliert.

Der Verleger Michael Krüger schreibt virtuos, mit viel Leseerfahrung und dem Wissen um das Handwerk. Das Sujet ist bekannt: Der Protagonist schlüpft in die Rolle des Schriftstellers.
Überhaupt ist die Erzählung ein Rollenspiel. Sie erinnert mich an Max Frischs Gantenbein: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

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Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

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·  Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr

 

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Susan Sontag: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“

Zwischen klassischer und moderner Literatur habe ich mir mal wieder Tagebücher als Lektüre gewählt. Und mich im Nachhinein gefragt: Warum? Es war genau dieses Zitat, das den Untertitel gibt und das mich getroffen hat. Und für mich selbst gibt es noch eine Ergänzung: „Ich lese, um herauszufinden, was ich denke.“

Es ist eine unstillbare Neugierde, auf immer wieder neue, noch einmal ganz andere Facetten anderer Leben. Natürlich, ich habe auch immer ein bisschen das Gefühl, mich eines gewissen Voyeurismus schuldig zu machen. Kafka hätte nie gewollt, dass Max Brod seine Tagebücher herausgibt. Aber für mich war diese Lektüre in jungen Jahren wie eine intellektuelle Erweckung. Nun also Susan Sontag, herausgegeben von ihrem Sohn David Rieff. Bekannt ist sie mir aus dem Studium mit dem provozierenden Aufsatz „Against Interpretation“.

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Kursprogramm Sommersemester 2017

Das neue Programm ist da!
Wir freuen uns, wieder ein vielfältiges Kursprogramm aus den Bereichen Literatur, Philosophie, Geschichte, Politik, Schreibwerkstätten und verschiedenen Einzelveranstaltungen anbieten zu können.
Vielen Dank an alle DozentInnen für ihre inspirierenden Beiträge!

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Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität

Dieser sehr lesenswerte Vortrag von Hannah Arendt zur politischen Philosophie ist wunderbar eingeführt von Matthias Bormuth, er hebt ab auf die Bedeutung des Selbstgesprächs, des Dialogs mit mir selbst für das abstrakte Denken und im besonderen als einer dem Denken inhärenten Pluralität, der Vielfalt der Perspektiven, die notwendig sind, um die Welt zu erschließen. Er führt ein in Arendts Argumentation, warum aus dem historischen Geschehen heraus Platon seinen Schwerpunkt darauf legt, die absolute Wahrheit zu finden und zu rechtfertigen und daraus eine Begründung für ein Primat der Philosophie in der Politik herleitet. Weil aber die letztlich großen Fragen der Philosophie: Was ist das Sein? Wer ist der Mensch? Welchen Sinn hat das Leben?, unbeantwortet bleiben, gehört zur Philosophie unabdingbar das Staunen.

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Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Mit vorausschauender Perspektive behandelt Hannah Arendt hier die Entwicklung des Menschen in einer Gesellschaft von Arbeitstieren in diesem bereits 1967 im Piper Verlag erscheinenen Buch.  Die Tätigkeiten des animal laborans haben wenig mehr mit ursprünglichem Tätigsein im Sinne von Handeln zu tun, sondern gleichen sich immer mehr Prozessabläufen an wie der Verfeinerung von Apparaten und Sinn und Zweck sind reduziert auf Selbsterhaltung.

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Boualem Sansal: 2084 – Das Ende der Welt

„Die Religion erweckt möglicherweise die Liebe zu Gott,
doch nichts führt stärker dazu als sie,
den Menschen zu verachten und die Menschheit zu hassen.“

Boualem Sansal, Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2010 hat damals mit seiner Geschichte „Das Dorf des Deutschen“ einen Nerv der Zeit getroffen. Zwei Brüder mit francoalgerischer Herkunft in den Pariser Banlieues entwickeln sich vollkommen unterschiedlich, einer von beiden radikalisiert sich während der andere entsetzt die Mechanismen von Ideologisierung und Entmenschlichung zu analysieren versucht.

Boualem Sansal schrieb zu dieser Zeit, er träume von einem Algerien, in dem man in Freiheit leben könne. Nun ist sein aktueller Roman „2084 – Das Ende der Welt“ eine in die Zukunft verlegte Überzeichnung der schlimmsten Ängste, die man in Verbindung mit Ideologie und Entmenschlichung fantasieren kann. Ein Land, genannt Abistan, ist so vollkommen von der Außenwelt abgeschottet, dass seine Bewohner glauben, es gäbe nur ihr Land und jenseits seiner Grenzen würde die Welt aufhören. Es wird beherrscht von religiösen Ideologen. Kritiker haben schon darauf hingewiesen, dass Abi, der Entsandte, den niemand zu Gesicht bekommt, möglicherweise als Charakter Anleihen nimmt beim immer unsichtbaren Militärführer Algeriens Abd al-Aziz Bouteflika.

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Anna Seghers: Das siebte Kreuz

„Dieses Buch ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet.“

Anna Seghers’ umfangreicher Roman über die Verhältnisse im Hitler- Deutschland der späten dreißiger Jahre zählt zu den epischen Werken, die nie an politischer Aktualität verlieren. Ihre Widmung auf dem Vorsatzblatt ist gerade jetzt brandaktuell und zeigt, von welcher Brisanz die Thematik ist und von welcher Bedeutung, sich mit der Geschichte und der Literatur dieser Zeit auseinanderzusetzen.

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