Aldous Huxley: Schöne neue Welt

1998 wählte die Modern Library, eine bedeutende englischsprachige Institution für Literatur und Kunst, die „Schöne Neue Welt“ auf Rang 5 der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts.
Der Roman spielt in der Zukunft, im Jahre 2540 n. Chr., und er beschreibt eine Gesellschaft, in der „Stabilität, Frieden und Freiheit“ herrschen. Wer würde sich das nicht wünschen. Doch was ist der Preis dafür? Aldous Huxley gilt als ein Universalgelehrter, der in dieser Geschichte der Frage nachgeht: Kann man sich überhaupt eine Utopie wünschen?

Karl Popper: „Von allen politischen Ideen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste.“
(Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II. Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. München: Francke, 1980. 6.Aufl. S.291-292, erstmals erschienen 1945)
Genau darum ist es Huxley zu tun: Dreizehn Jahre vor Poppers Zitat zeichnet er eine Gesellschaft, die nach besten Vorsätzen gestaltend eingreift, um mittels physischer Manipulation an Embryonen für die Gesellschaft Stabilität, Frieden, Freiheit und ein oberflächliches Glück zu garantieren. Die Zuordnung der Menschen zu Kasten erfolgt bereits bei den Föten: von Alpha-Plus (für Führungspositionen) bis zu Epsilon-Minus (für einfachste Tätigkeiten) wird hier nicht durch Gentechnik, sondern durch pränatale biologische Einwirkung, wie zum Beispiel der Gabe von Alkohol in die Nährflüssigkeit, und postnatale Konditionierung wie ständiges Wiederholen von Dogmen im Schlaf erreicht. Die Entschlüsselung des genetischen Codes kam erst später durch die Wissenschaftler James Watson und Francis Crick in den 1950er-Jahren. Was Huxley wohl daraus erst gemacht hätte! Nichts desto trotz, es ist ein an seine historischen Voraussetzungen gebundener dystopischer Roman, der aber bereits die Bandbreite der Problematik um utopische Gesellschaftsentwürfe in vielerlei Bereichen abdeckt und damit zu einem Inspirationsroman für viele folgenden wurde. 
Jede Gesellschaft hat ihr legitimierte Droge, bei Huxley heisst sie Soma:
„Ein halbes Gramm genügt für einen halbfreien Tag, ein Gramm fürs Wochenende, zwei Gramm für einen Ausflug in die Pracht des Orients, drei Gramm für eine dunkle Ewigkeit auf dem Mond. Und wenn Sie zurückkehren, sind Sie bereits über den Abgrund hinweg, …“ S.53
Es entbehrt nicht einer besonders perfiden Dramatik, dass die Organisation bei einem Versuch mit lauter Alphas auf der Insel Zypern kläglich gescheitert ist.
„Der Boden wurde nicht ordentlich bestellt, in den Fabriken gab es Streiks, die Gesetze wurden missachtet, Befehle nicht befolgt, alle für einige Zeit zu untergeordneten Arbeiten Bestimmten intrigierten unablässig um höhere Posten …“ (S.162)
Bis die wenigen Überlebenden um Wiederaufnahme ins Programm baten. Der Weltaufsichtsrat Mustafa Mannesmann (schon die Namen sind die Lektüre wert!) behauptet, die Menschen sind nur glücklich, wenn sie genau an der Position sind, auf die sie vorbereitet wurden. Viel Stoff für Diskussion. Nicht umsonst noch heute oftmals Oberstufenlektüre. Und in Zusammenhang mit gegenwärtigen Romanen wie z.B. Francois Lelord: Es war einmal ein blauer Planet: es gibt wohl keinen utopisch/dystopischen Roman, bei dem einem nicht Assoziationen zu Huxleys Brave New World in den Sinn kommen.
Für die Deutsche Übersetzung wurde der Ort des Instituts nach Berlin verlegt. Einzig der angebetete Henry Ford, stellvertretend für Großunternehmertum, bleibt im Namen gleich.
Aldous Huxley: Schöne neue Welt
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 19. Ausgabe 1972, Erstausgabe 1932

Sehr interessant ist folgender Beitrag, in gegenwärtige Zusammenhänge gepackt und aktuell anwendbare Wissenschaftskritik. „Die Menschen werden ihre Knechtschaft lieben.“

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