Antonio Pennacchi: Canale Mussolini

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

An den Entwicklungslinien einer Familiensaga entlang erzählt der Roman die Geschichte einer politischen Anhängerschaft bis zum Extremismus auf eine so direkte, unmittelbare Art und Weise, dass Leben und Politik nicht auseinanderdividierbar sind. Eine arme Bauernfamilie aus dem Norden Italiens, die Peruzzi, werden Anfang des 20. Jahrhunderts als Pächter von den Adligen ausgebeutet, benutzt, ihrer Heimat beraubt. Sie begeistern sich kurz nach dem ersten Weltkrieg für die Ideen des Sozialismus und sie begeistern sich für einen Mann, der damals schon als charismatische Figur die politische Bühne betritt: Mussolini war während der Kriegszeit noch ein Sozialist. Es wird die Geschichte eines halben Jahrhunderts erzählt aus der Perspektive eines Familienmitglieds, das einem Chronisten möglichst detailgetreu die Ereignisse berichtet und dabei Figuren charakterisiert in ihren Motiven, in ihren Idealen und Verwerfungen und vor allem in ihrem Kampf ums Überleben.
Alles fing damit an, dass Großvater Peruzzi mit dem Sozialisten Rossoni 1904 im Gefängnis gesessen hatte. Und der brachte vier Jahre später Mussolini mit zum Abendessen. 1911 spuckte Rossini noch auf die italienische Flagge, als Italien der Türkei den Krieg erklärte, um sich Libyen unter den Nagel zu reißen. Mussolini wurde ein hohes Tier in der sozialistischen Partei. Schon während des ersten Weltkriegs hatte man die Landbevölkerung für den Kriegsdienst geködert mit dem Spruch „Land den Bauern“, aber nach dem Krieg gab es nicht nur kein Land, man schimpfte auf diejenigen, die sich als Soldaten verdingt hatten. 1919 gründeten Mussolini und Rossini den „Fascio“, um die Ehre der Soldaten zu verteidigen und um den Bauern Land zu geben und einer der Peruzzi sagt: “>>Das Wichtigste ist, dass er unsere Interessen vertritt<<, und so wurde er Faschist. Ja, er machte den Faschismus, oder besser gesagt, er war auch dabei, als er gemacht wurde.“ (S.66)
Die existentiellen und die ideellen Kämpfe, die Kämpfe gegen den Hunger und die Kämpfe gegen die eigenen Überzeugungen sind in einer Geschichte verwoben, in der man keine Partei ergreifen muss, um zu verstehen, wie sehr die Not die Geschicke lenkt und die Geschichte macht.
„(Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass Lenin und Mussolini sich vor dem Krieg in der Schweiz kennengelernt hatten – mittellose Exilanten alle beide-, 1903 oder ‘04. Sie sind sich in Lausanne begegnet, da war es voll mit Revolutionären, die einander, wenn sie sich auf der Straße begegneten, fragten: >>Kannst du mir einen Franc leihen?<< … 1917 aber machte Lenin die Revolution in Russland und ergriff die Macht und als Mussolini das in der Zeitung las, sagte er sich: >>Sieh an, der Lenin, sieh mal einer an, das freut mich für ihn.<< Und als hingegen er 1922 den Marsch auf Rom machte und hochkam, da sagte Lenin zu Stalin: >>Sieh an, der Mussolini. Ich hab doch immer gesagt, dass der einzige Revolutionär in Italien er ist.<< Und war richtig wütend auf die italienische Linke, die ihn sich hatte entwischen lassen.)“ (S.95/96)
Selbstverständlich ist es den Ereignissen nicht angemessen, die politische Geschichte in so einem Ton zu erzählen, als würden große Jungs ihre Sandkastenspiele fortsetzen. Aber aus der Perspektive dieser Familie, die fortlaufend versuchte, die Verantwortung für die Existenz der Großfamilie zu übernehmen und sie in Ehren zu halten – denn das war das Einzige, was sie hatten – aus dieser Perspektive wird die Politik dargestellt als von Personen, Beziehungen und kleinen Scharmützeln abhängiges Gebilde, das in einem unreflektierten Opportunismus die eigene Rolle überschätzt.
Jedenfalls werden die Peruzzi, ein ansehnlicher Clan mittlerweile von der Zahl, nach dem heutigen Latina an einen Küstenstreifen übergesiedelt. Bis dahin waren die Pontinischen Sümpfe Todeszone gewesen.
„Es war ein Exodus. Im Lauf von drei Jahren wurden dreißigtausend Menschen aus dem Norden hier heruntergeschafft – zehntausend pro Jahr. Aus Venetien, dem Friaul und dem Ferraresischen. Aufs Geratewohl unter fremde Menschen versetzt, die eine andere Sprache sprechen. >>Polentafresser<< nannten sie uns, oder noch schlimmer >>Cispadanier<<. Sie schauten uns schief an. Und beteten zu Gott, dass die Malaria uns dahinraffen möge.“ (S.127)
Mit dem Canale Mussolini wurden die Pontinischen Sümpfe trockengelegt. Und dann wird Littoria gegründet und „bis zum Überdruss wurde sie wiederholt, diese fixe Idee vom Römischen Reich und von der imperialen Größe, die uns Italienern von Natur aus und von Rechts wegen zustanden, aber auch diese etwas heidnische Vorstellung, dass die Menschen irgendwie nicht alle gleich sind.“ (S.245)
Und mit diesem Gedankengut wurde dann auch von Italien aus die „Zivilisation“ nach Libyen getragen, der vierten Küste Italiens. Der erste Peruzzi brach 1935 nach Ostafrika auf, um das Imperium zu erobern. England und Frankreich waren Usurpatoren, Italien dagegen war es vorherbestimmt, Imperium zu sein – und sie hatten diesen Mann, Mussolini.
Laut dem Erzähler gibt es Fotos aus der Zeit, in der die Großmutter im geblümten Kleid dem Duce die Getreidegarben reicht. Und er hatte ihr auf dem Hof die Egge geschärft und ein bisschen auch den Hof gemacht – was auch zu einem Teil der Geschichte der Familie wurde.
1938 erschien das Manifest della razza. Die Juden waren nicht länger Bürger Italiens und viele von ihnen wurden in einer großen Auswanderungswelle nach Libyen verfrachtet. Und den Bauern in den Pontinischen Sümpfen verhagelte ein Unwetter die Ernte. Ein ganzes Jahr ohne Essen, ohne Geld. Also meldeten sie sich freiwillig. Für den nächsten Krieg. Einsatzort Ostafrika.
1944 versuchte der König Italiens zu retten, was zu retten ist und brachte die Soldaten völlig durcheinander, die nun gar nicht mehr wussten, für oder gegen wen sie ihre Waffen erheben sollten. Nicht wenige mussten eigene Familienmitglieder in den Bergen als Deserteure aufspüren und hinrichten. Der König unterzeichnete den Waffenstillstand mit den Angloamerikanern.
„Ohne auch nur die Andeutung von einem Plan, von Befehlen oder Weisungen wurden sechshunderttausend richtungs- und ziellose italienische Soldaten von den Deutschen entwaffnet, auf Züge verladen und in Konzentrationslager nach Deutschland geschafft. Alle anderen nix wie weg, raus aus der Uniform und in den Untergrund, bevor die Deutschen auch sie erwischten.“ (S.395)
Mit den französischen Truppen kamen auch die Marokkaner und die Algerier in den Agro Pontino, vergewaltigten Frauen und ermordeten Männer, die nicht zusehen wollten. „>>Genau wie wir in Afrika<<, sagte dann Onkel Adlechi. >>Was du säst, wirst du ernten.<<“ (S.434)

40 Jahre italienische Geschichte und Politik. Ein Mehrgenerationen-Bauern-Epos, in dem Heldentum und Barbarei dicht beieinander liegen. Mit allen Ambivalenzen innerhalb der Figuren haftet dem Roman etwas Tragödienhaftes an. Erzählt wird in einem wortreichen, manchmal scheinbar unbekümmerten Tonfall, der Geschichte „lebhaft“ vor dem inneren Auge zu gelebter Geschichte macht und damit etwas transportiert, das unvergesslich bleibt. Der Autor wurde 2010 mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis dafür ausgezeichnet.

 

Antonio Pennacchi: Canale Mussolini
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

Carl Hanser Verlag, München 2012

2 Kommentare zu „Antonio Pennacchi: Canale Mussolini

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    1. Sehr gerne. Es lohnt sich, wenn man gerade an diesem Thema interessiert ist. Sonst packt es einen wahrscheinlich nicht so und hat dann auch ein paar Längen. Es ist doch immerhin auf 450 Seiten in sehr kleiner Schrift gedruckt. Aber es ist ein Puzzleteilchen im Zusammenhänge entdecken, das auch die Geschichte der aktuellen Fluchtursachen mit erhellt.

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