Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft.

Das Buch trifft natürlich genau den Puls der Zeit, mit allen Diskussionen rund um Digitalisierung, Veränderung des Arbeitsmarktes, und der Frage: Wie wollen wir leben?, sollten sich die Strukturen der Wachstumsgesellschaft neu formieren. Eine Utopie ist dieses Buch insofern, als es in seinen Überlegungen eine Vision entwickelt, bei der die Interessen der Menschen berücksichtigt werden, die in unserem Verständnis das Zentrum der Gesellschaft bilden: die Leistungsträger. Und für die ist es tatsächlich die Frage: Was soll schlimm daran sein, wenn langweilige und entfremdete Arbeit wegfällt? (nach S.33) Die digitale Gesellschaft verspricht uns einen Produktivitätszuwachs bei gleichzeitigem Rückgang menschlich geleisteter Arbeit. Die Umlage, so wie Precht vorschlägt – und wie das viele andere schon seit vielen Jahren diskutieren – über das bedingungslose Grundeinkommen, wäre finanzierbar, es gibt verschiedene interessante Modelle dazu, das ist alles gar keine Frage. Die Frage ist vielmehr: warum sollte uns Leistungsträger irgend jemand fragen, wie wir uns die digitalisierte Gesellschaft wünschen? Man hat ja nicht den Eindruck, als ob in den vergangenen entscheidenden Jahren seit der Finanzkrise in irgendwelchen gesellschaftsrelevanten Fragen die Bevölkerung einen Einfluss auf die Ergebnisse öffentlicher Diskurse mit Entscheidungscharakter gehabt hätte. Insofern: eine Utopie.
Precht liest sich wie immer gut, wie immer flüssig, wie immer wie druckreif Gesprochenes. Dieses mal erscheint es mir aber viel mehr noch wie ein intelligenter Monolog, dem man zuhören kann. Mir persönlich fehlt ein wenig die Unterfütterung. Eine Menge interessanter Thesen, Hypothesen, kann nur kontrovers diskutiert werden, wenn dafür Material herangezogen wurde – wissenschaftlich, philosophisch o.ä. – auf dessen Grundlage sich eine Diskussion aufbauen kann.
„Alle reden von Lösungen – Philosophen nicht!“ (S.181) Stimmt schon, es gibt auch nichts Schlimmeres als die Lösungen der Weltverbesserer. Aber: wenn wir diskutieren über Erziehung, Bildung, Politik, Ökonomie, Ethik, kommen wir nicht darum herum, das Menschenbild, das wir zugrundelegen, mit Fleisch zu füllen. Eine Bildungspolitik, deren Aufgabe es ist, uns zu begleiten auf einem Weg zur lebenskünstlerischen Selbstentfaltung; die Fähigkeit zu einer Lebensorientierung, die auf der Vorstellung von Autonomie beruht – das sind gute, wichtige Gedanken, aber sie hängen in einem gehobenen Sprachraum, unter dem die Basis, auf der er alle seine vorausgehenden Bücher aufgebaut hat, fehlt.
„Das Ziel der Ethik ist nicht die größtmögliche Lebenssicherheit. Es ist die Chance auf ein erfülltes Leben für möglichst viele Menschen.“ (S.207) So geht es dahin zu dem Ergebnis einer gewandelten Wirtschaft, einer gewandelten Arbeits- und Leistungsgesellschaft, in der kurz zusammengefasst folgende Punkte die vorrangigen Staatsaufgaben bilden: – bedingungsloses Grundeinkommen, – Sicherung der Würde, – digitale Grundversorgung, – Kontrolle der Geschäftsmodelle mit Künstlicher Intelligenz, – Verpflichtung zur Nachhaltigkeit.
Das sind eigentlich keine Aufgaben der gewandelten Gesellschaft, das sind die Aufgaben, die gestern hätten angegangen werden müssen, und unter deren Versäumnissen wir in der Gegenwart zu leiden haben. Das Utopische daran ist die Idee, dass wir mitmachen dürfen.
Trotzdem: ein lesenswertes Buch, es liefert Anregungen, vertieft einiges Bekanntes und will den öffentlichen Diskurs mitgestalten.

Übrigens: der Buchtitel Jäger, Hirten, Kritiker ist Marxens Deutsche Ideologie entnommen, in der von Marx und Engels bereits eine Utopie entworfen wurde. Der von der Knechtschaft der Lohnarbeit befreite Mensch kann „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ Die deutsche Ideologie. Marx/Engels, MEW 3, S. 33, 1846/1932

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldmann Verlag, München, 2018

2 Kommentare zu „Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft.

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  1. Danke für Deinen Text zu R. D. Precht „Jäger, Hirten und Kritiker.
    Ich hatte das Buch nur überflogen – nach dem Lesen deines Beitrags weiß ich nun auch warum. Dennoch ist Precht hoch anzurechnen, dass er über die Digitalisierung nachdenkt, seine Gedanken auch verständlich publiziert und so zu der öffentlichen Diskussion beiträgt.
    Ich persönlich empfinde den Trend zu immer mehr Digitalisierung als eine gute Sache und absolut notwendig. Dies aus wesentlich zwei Gründen: Erstens hat dieser Technologieschub das Potential den Verbrauch der endlichen Ressourcen unserer Welt deutlich zu reduzieren und damit hoffentlich, schlimme Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen. Zweitens, alles Lebendige auf dieser Welt muss darauf bedacht sein, die Entropiezunahme aus all ihrem Tun und aufgrund deren Existenz minimal zu halten bzw. im Idealfall eine langfristige Entropieabnahme sicherzustellen. Die Digitalisierung wird entscheidend dazu beitragen. Auf der anderen Seite, die Digitalisierung ist ein Paradebeispiel einer Einführung und Entwicklung von neuen Technologien, ohne deren Auswirkungen im Detail zu kennen. Eigentlich sollte man dies nicht tun. Und dennoch, wahrscheinlich ist deren Einführung überlebensnotwendig für die Menschheit. Umso mehr ist eine gleichzeitige bzw. vorausschauende Diskussion über regulative und rechtliche Schutzmechanismen unabdingbar.
    Dazu ein Hinweis: Es gibt Internetforen, in denen jeder einen Entwurf zu den Grundregeln und Prinzipien für den Umgang mit Big Data, KI, Algorithmen etc. (Digitalcharta EU Landing Page 2018) kommentieren und Alternativen einbringen kann (https://digitalcharta.eu/ und https://www.zeit-stiftung.de/f/Digital_Charta).
    Gleichwohl habe ich auch ein wenig Bauchweh. Dazu ein Zitat des Ernst Cassirer aus dem wunderbaren Buch „ Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger (S. 158), das mein Wehwehchen wiedergibt:
    „[…] zwei Gefahren, denen jede moderne Kultur ausgesetzt ist,
    (1) Jede Kultur ist manifest rückfallanfällig, jeder ihrer Entwicklungsschritte ist reversibel
    (2) Gerade in Zeiten der (höchsten) Krise, Spannung und Unübersichtlichkeit [Anm.: Globalisierung, Neoliberalismus und Digitalisierung]droht die Gefahr eines entlastenden Rückfalls in maximal klar ordernde und wertende Deutungsmuster, wie sie uns insbesondere das mystische Denken liefert.“
    Ich will zu meiner Beruhigung schließen mit einem Spruch von Daniel Kahnemann (Psychologe / Nobelpreisträger):
    „Nichts im Leben ist so wichtig, wie man denkt, es sei denn, man denkt darüber nach“….
    Lieben Gruß….Ernst

    1. Lieber Ernst,
      vielen Dank für den wichtigen Hinweis mit der Digitalcharta: „Wir fordern Digitale Grundrechte!“ Eine entscheidende Diskussion, die gestern schon hätte geführt werden sollen. Gleichwohl ist es wichtig und liegt in unserer Verantwortung, Zukunft mitzudenken – auch unter Zuhilfenahme von Dystopien und Utopien. Es sind Gedankenexperiment, die helfen können bei der dynamischen Erweiterung von Perspektiven. Man darf sie nur nicht überbewerten, weil jüngere und kommende Generationen sowieso ganz anders denken. Und: Die Voraussage um 1900 dass bis 1920 Alle Großstädte im Pferdemist versinken steht immer noch für die einfachste Form der Unkalkulierbarkeit kommender Variablen.

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