Reso Tscheischwili: Die himmelblauen Berge

Ein Stück absurde Literatur aus Georgien. Einige Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist diese Geschichte entstanden über einen Literaturverlag, besetzt mit Staatsbeamten, die selbst nicht so recht wissen, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Sie sollen den Roman des Schriftstellers Sosso lesen und darüber entscheiden, ob er angenommen wird. Ein ganzes Jahr lang wird dieses Manuskript, in drei Exemplaren abgegeben, durch das Haus verteilt, überall werden zwischendurch ein paar Seiten gesehen, dann sind sie wieder spurlos verschwunden, bleiben in Schubladen liegen, werden im Taxi vergessen, landen mit anderen Papieren im schlammigen Hinterhof. Eine hektische Jagd nach den einzelnen verloren Seiten kaschiert die lähmende Unfähigkeit, sich überhaupt inhaltlich mit der Geschichte auseinanderszusetzen. Nach einem Jahr trifft sich der Mitarbeiterstab zu einer Versammlung. Diskutiert wird über den Titel: Tian Shan, Die himmelblauen Berge. Niemand hat es gelesen.
Längst hat der Autor aufgegeben und arbeitet in der staatlichen Metro für seinen Lebensunterhalt. Er ist in den „Untergrund“ gegangen. Nirgendwo erfahren wir, was er über die ganzen Vorgänge dort oben denkt, nur sein konsequenter Abschied von seinem eigenen Roman lässt vermuten, dass er mittlerweile andere Ziele hat. Man hat ihn in die Metro geschickt, die unter dem Verwaltungsgebäude des Verlags verläuft. Risse zeigen sich überall im Gemäuer, der Vorsitzende wird fast erschlagen von einem herunterfallenden Bild. Überhaupt, die sich wiederholenden Bilder, die die Geschichte durchziehen, sind stark, während die Figuren Stereotype des Apparats sind, jeder mehr oder weniger instrumentalisiert, auf seine Art.
1980 ist die Moderne in Georgien angekommen in Form der Motoballspieler, vom Apparat zwar bemerkt, auch als Bedrohung gedeutet, denn die Risse im Gebäude könnten von den Motoren kommen, aber nicht wirklich als Aufforderung zum Wandel verstanden. Das nahende Ende des sowjetischen Georgiens zeitigt sich im drohenden Verfall des Gebäudes:

„Zerstreuen Sie sich, es ist aus, verlassen Sie das Gebäude, es ist aus!“ (145)

Wenig später zerfällt das Gebäude der sowjetischen Union.
Es ist nicht einfach, in die Geschichte hineinzukommen. Warten auf Godot. In Georgien ist Reso Tscheischwilis Stück ein Klassiker, der 1983 verfilmt wurde. Sentenzen haben es zu solcher Bekanntheit gebracht, dass sie in die Alltagssprache eingeflossen sind. „Die himmelblauen Berge“ werden als geflügeltes Wort gebraucht, wenn sich eine Situation als nicht enden wollend, als absurd abzeichnet. Die Absurdität eines systemtreuen Verwaltungsapparats, die Entfernung von den inhaltlichen Aufgaben zugunsten des Funktionierens, kann besser kaum in Szene gesetzt werden. Absurd mutet an, dass die sich immer stärker entwickelnde Tragik umschlägt in ungewollte Komik, weil es anders nicht mehr auszuhalten ist.
Der Schriftsteller Sosso sinniert über die einstmalige Bedeutung von „Himmelblau“ in seinem Romantitel:

„Das Himmelblau ist ein Symbol der Schönheit, der Ferne, der Unerreichbarkeit, des unerfüllten Wunsches, der verlorenen Jahre und zerschlagenen Hoffnungen, und in dieser Himmelbläue verbirgt sich die fundamentale Grundlage des ewigen Lebens – die Hoffnung“, … (146)

Der junge Berliner Verlag Monhardt hat mit diesem Band ein besonders schönes Buch herausgegeben.

Reso Tscheischwili: Die himmelblauen Berge.
Aus demGeorgischen übersetzt von Julia Dengg und Ekaterine Teti
Edition Monhardt, Deutsche Erstausgabe 2017, Berlin, Originalausgabe 1980

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