Kohlhaas auf der Suche nach dem Sinn bei Friedrich Nietzsche

Was unterscheidet das Denken Nietzsches von seinen Vorgängern?
Schon Kant und Schopenhauer haben die Erkenntnisfähigkeit relativiert, Nietzsche treibt dies nun radikal weiter. Er formuliert einen neuen Anspruch an den Menschen seiner Gegenwart: der Mensch ist nicht nur verantwortlich, er muss auch sein Bezugssystem selbst herstellen, nachdem er alles in Frage gestellt hat.


„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der „Weltgeschichte“: aber doch nur eine Minute.“
In Nietzsches Denken gibt es keine objektive Erkenntnis, denn jedes Wissen und jede Interpretation ist nicht nur an den menschlich strukturellen Rahmen gebunden, sondern auch an eine spezifische Situation. So unternimmt er z.B. den Angriff auf die Moral mit der Darstellung, dass es immer schon eine Herrenmoral und eine Sklavenmoral gegeben habe. Jede Weltdeutung ist also auch von der Stellung des Deutenden innerhalb seines gesellschaftlichen Gefüges abhängig. Und hat insofern auch zu tun mit seiner Macht, oder besser: mit seinem Streben nach Macht.

3 Kommentare zu „Kohlhaas auf der Suche nach dem Sinn bei Friedrich Nietzsche

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  1. Hallo Dagmar,
    das Nietzsche-Kapitel ist Dir wie die vorherigen wieder eindrucksvoll gelungen. Im Video und im Buch. Mit laufenden Bildern feinsinnig illustriert und besprochen, mit gut gemischten bekannten und weniger geläufigen Zitaten sowie deutenden Interpretationen.
    Nietzsche lesen fand ich bisher ambivalent. Wenn ich mir selbst im Klaren zu sein meinte, verstörten mich seine Gedanken; und wenn ich mich verstört fühlte, fand ich sie zuweilen aufklarend, aufklärend. Nietzsches Aphorismen sind eine Schatzgrube. Die Unterscheidung von Herrenmoral und Sklavenmoral mag einen gewissen analytischen Gehalt haben, doch normativ betrachtet kann ich dem nicht folgen. Die Folgen: Wie konnten sich viele Soldaten des Ersten Weltkrieges am Zarathustra in ihrem Marsch-Gepäck erbauen? Was an Nietzsche ließ sich von Hitler und den Nationalsozialisten mißbrauchen? Mit Blick auf den „Willen zur Macht“ ist die Editions-Geschichte zu berücksichtigen.
    Nietzsche hatte ein paar mal Nürnberg besucht und in seinem Tagebuch erwähnt. Bei meinen philosophischen Stadtrundgängen habe ich Nietzsche ebenso ambivalent besprochen. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher benannte ihn der französische Ankläger neben Hegel und Fichte als Vordenker der Nationalsozialisten. Andererseits erklärte Nietzsche sich gegenüber seinem antisemitischen Schwager ganz deutlich als Anti-Antisemiten. Gegenüber dem Nationalismus äußerte er europäische Ideen.
    Weiter frohes Philosophieren und Schaffen.
    Viele Grüße
    Bernd

    1. Vielen Dank, lieber Benrd, hast du das Kohlhaas-Buch gelesen?
      Ja, nicht wahr, das ist so eine Sache mit Nietzsche. Mich hat er in jungen Jahren sehr fasziniert, als ich noch nicht viele Philosophen kannte. Der aphoristische Stil, die gesellschaftsanalytischen Momente, das ist alles sehr erhellend. Gefallen hat mir damals auch: „Ich habe meine Schriften jederzeit mit meinem ganzen Leib und Leben geschrieben: ich weiß nicht, was ,rein geistige‘ Probleme sind“. Und die – in den Frühschriften – versuchte Vereinigung des appolinischen und dionysischen Prinzips, die Restitution der Verbindung von Schönheit und Ästhetik mit der Triebstruktur nach antikem Vorbild.
      Aber, ganz großes Aber: der Wille zur Macht artet ganz schön aus. Ich hab‘ mal bei irgend einem Interpreten gelesen, dass in den letzten Schriften schon Anzeichen der beginnenden Erkrankung gesehen werden können. Insofern … Er ruhe in Frieden.
      Ihn als Vordenker der Nationalsozialisten zu bezeichnen ist aber auch eine geistige Vergewaltigung, das geht dann wohl auf das Konto von Elisabeth Förster-Nietzsche. Mit seinem vermutlich einzigen dicken Freund, Richard Wagner, hat er unter anderem vor allem wegen dessen erstarkenden antisemitischen Gedankenguts gebrochen.
      Lieben Gruß

      1. Liebe Dagmar,
        das ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich Nietzsche gelesen und verstanden wurde und wird. So mögen es nicht zuletzt die Lesarten sein, die ein „klassisches“ Werk ausmachen. Danke für Deine erinnernde und kritische Leseschau.
        Zur Frage: Den Michael Kohlhaas von Kleist las ich vor über zwanzig Jahren. Nun bin ich gespannt und neugierig, wie Du ihn in Deinem Buch aufgreifst und deutest – in einer eigenen Philosophiegeschichte mit dem Programm der Suche nach dem Sinn. Glückwunsch, Kompliment und Respekt!
        Das Buch liegt auf dem Gabentisch, und bei den von Dir gewählten Kapiteln freue ich mich unter anderen auf das über Hannah Arendt.
        Gute Wünsche und Grüße
        Bernd

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