Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.

Die fiktive Begegnung zweier Gelehrter unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die sich aneinander reiben und gleichzeitig im Roman als Persönlichkeit sichtbar werden, ist ein Erzählkonstrukt, das mir schon bei Yaloms „Und Nietzsche weinte“ und bei Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ sehr gut gefallen hat. Natürlich, ein Roman ist ein Roman, aber es kann auch ein Genuss sein, gewisse faktische Zusammenhänge oder theoretische Konstrukte im Licht einer Geschichte noch mal anders zu denken.

Weiterlesen „Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.“

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Eine Novelle

Reither ist ein ehemaliger Kleinverleger, der um eine Zeit trauert, in der es noch nicht mehr Menschen gab, die schreiben, als Menschen die lesen und in der er noch nicht andauernd so viele Worthülsen in den Manuskripten anstreichen musste. Leonie Palm, ehemalige Hutladenbesitzerin, wurde auch von einer Wirklichkeit eingeholt, in der es für sie und ihren Hutladen keinen Platz mehr gibt. Und beiden Figuren eigen ist eine Sehnsucht, eine verrückte Sehnsucht, die das Neue will um das Vergangene zu ändern.

Die Novelle lebt von der unerhörten Begebenheit. Was ist das Unerhörte, an Bodo Kirchhoffs Roman, für den er nun den Deutschen Buchpreis bekommen hat? Ist es die spontane neue Liebe, die unverhofft in das Leben der beiden in die Jahre gekommenen gescheiterten Existenzen platzt? Oder ist es die Verflechtung mit dem Flüchtlingsschicksal des jungen Mädchens? Beide haben sie eine Tochter verloren, die Frau durch Suizid der erwachsenen Tochter, der Mann das ungeborene Kind, das er nicht wollte. Die Sehnsucht, einmal im Leben das Glück zu genießen, mit der verlorenen Tochter, verführt die beiden zu unüberlegtem Handeln. Aber auch das ist nicht die unerhörte Begebenheit. Auch nicht, dass der Mann von der gemeinsamen Süditalienreise aus Kalabrien eine Flüchtlingsfamilie im Auto mit nach Deutschland nimmt, während die Frau mit dem Zug weiterreisen will, „obwohl ihre Zeit kaum reichen würde, um alles Versäumte noch zu sehen.“ (S.224) Sie ist also sterbenskrank und weiß, dass ihr kaum noch Zeit bleibt, weder für das Leben noch für die Liebe. Und da steht dieses trotzige Trotzdem. Doch dies ist auch nicht das Unerhörte an dieser Geschichte.

jpeg_1718_160429

Weiterlesen „Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Eine Novelle“

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑