Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Longlist Buchpreis 2017

„Du bist verschwunden, Simon.“ (S.7) Das ist der Aufhänger, an dem entlang eine Geschichte über vier Generationen aufgedröselt wird und der den Spannungsbogen über 340 Seiten halten soll. Lucy, Simons Schwester kommt die Rolle zu, im Archiv des Unausgesprochenen zu graben. Der Verweis auf ein altes, familiäres Trauma weckt die Erwartung einer großen Aufklärung am Ende der Geschichte, die aber so nicht erfüllt wird. Ob es Absicht ist, den Leser am Ende mit seiner Erwartung im „Flugschnee“ stehen zu lassen – bei den Rezensenten hat dies jedenfalls für einige Irritation gesorgt.

Die ersten 50 Seiten ist es mühevoll herauszufinden, wer in welchem Verhältnis zu wem steht. Die Mutter Vera, die man später als Künstlerin kennenlernt, deren Ambitionen nicht durchs Mutterdasein erschöpft wurden, die Großmutter Helene, deren beginnende Demenz die Brücke schlagen soll zu den beinahe dem Vergessen anheimfallenden Traumata, der Großvater Lorenz der über sein Verhalten während des Nationalsozialismus und sein Gewissen erklärt wird, und der Vater Arnold, ein berufsversessener Spätzünder, alle sollen sie verbunden werden über ein familiäres Geheimnis. Durch die Vielfalt der Themen vermutet man das Geheimnis immer wieder woanders.

„Man kann es sehen: Sie teilen ein Geheimnis miteinander.“ (S.12)

Aber es gibt keinen roten Faden in der Familiengeschichte. Das wäre zu einfach. Vielleicht sind es die in unterschiedlichen Facetten erlebten Gefühle von Schuld, jeder hat eine andere Schuld, die er mit sich herumträgt, eine kleine oder eine große, eine direkte oder indirekte, und die Art und Weise, wie jeder seine Schuld trägt, das ist das gemeinsame Strukturelement. Und dass schließlich über manches doch noch gesprochen werden kann:

„Es war Arnold Ernst gewesen, der seiner Familie die Gestapo ins Haus geschickt hatte.“

Tatsächlich ist es der Blick aus der Distanz, der das Gespinnst zu einem kunstvollen Gewebe werden lässt. Erst nach Abschluss des Romans wird ein Bild sichtbar, das zusammengesetzt ist aus diesen scheinbar wild hin und her mäandernden Einzelabschnitten, diesen vielen verschiedenen Erzähl-Perspektiven. Doch dieses Bild ist, wie die Struktur des Romans, ein zusammengesetztes aus vielerlei Versatzstückchen, ein Mosaik, dessen Einzelteile kein einheitliches Muster ergeben. Jede Geschichte der Personen bleibt auch für sich stehen. Vielleicht ist das die Herausforderung dieser Geschichte, das, was der/die verwöhnte Leser/in nicht gleich sehen kann: Familiengeschichten entstehen nicht durch ihre Bezüge aufeinander sondern vielmehr durch die Abstände zwischen den einzelnen Geschichten und ihre Unüberbrückbarkeit.

„Das ist es also.
Das ist das Altsein.
Man ist allein.“ (S.80)

Scheitern oder wachsen, dem Ganzen eine Form abringen, wie es im Klappentext heißt, jedes Familienmitglied trifft seine eigenen Entscheidungen.

Mehrere der ProtagonistInnen haben Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ gelesen. Die Autorin, deren Promotion von diesem Werk handelt, hat dort Anleihen genommen bei der Gestaltung des Romans. Und ein gewisser Widerstand ist dem Roman eigen. Viele schön geschriebene Passagen reihen sich als Einzelerzählungen aneinander. Vielleicht müsste man Peter Weiss lesen, um zu wissen, wie man in den ganzen Genuss dieser Ästhetik kommt.

 

„Noch mehr Leichen im Keller“, – und wir könnten gemeinsam lachen und weinen über unsere Familie und all den Irrsinn, und dann aufspringen und rausrennen und irgendwas tun.“ (S.338)

 

Birgit Müller-Wieland: Flugschnee
Otto Müller Verlag, Wien 2017

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