Antonio Munoz Molina: Tage ohne Cecilia

Mein erstes Buch von diesem spanischen Schriftsteller ist wie eine Einladung seinen Perspektiven auf das Leben und dem Innenleben seiner Figuren nachzuforschen. Die Feinsinnigkeit im Beobachten und Beschreiben ist getragen von einer Stimmung, die sich zusammensetzt aus Interesse und Resignation, aus Liebe und Verzweiflung, aus Trauer und Ironie.
Eine Person, Bruno, der Erzähler und Erzählte, fällt aus der Zeit. Er fällt und fällt und fällt aus seinem Leben, obwohl er es in dem Bemühen, sich durch einen Umzug von New York nach Lissabon ein neues Leben aufzubauen, an keiner Anstrengung und an keinem guten Willen fehlen lässt. Doch schon allein der Ansatz, dieselbe Wohnung wie in New York nachzubilden, lässt mich schaudern. Was ist das, wenn ein Mann, die Wohnung, in der er vermutlich Jahre – man weiss nicht so genau wie lange, denn die Zeit ist etwas sehr Relatives in dieser Geschichte – mit der geliebten Frau verbracht hat, wenn ein Mann genau diese Wohnung repliziert? Es kommt mir vor wie ein Schrein, in den der Verlorene zurückkehrt und in dem er sich seinen letzten Aufenthaltsort gestaltet als ewige Erinnerung. Etwas Neues wird nicht mehr passieren. Er erklärt sich selbst die Geschichte einer Liebe.

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Anja Jonuleit: Kaiserwald


Anja Jonuleit kenne ich in ganz anderen Zusammenhängen, aus den historisch belegten Geschichten um die Colonia Dignidad, die sie in „Rabenfrauen“ beschrieben hat. Die Art und Weise, wie sie eine Geschichte zusammensetzt und in mehreren Stimmen gestaltet, ist dieselbe wie hier in einem fiktiven Familiendramakrimi. Es liest sich gut, ist spannend aufgebaut und fügt auf raffinierte Art und Weise verschiedene Elemente aus Gegenwart und Vergangenheit ganz allmählich zusammen.
Eine der Hauptprotagonistinnen, Rebecca, Lehrerin in Riga, verliebt sich 1997 in den Vater einer Schülerin. Nicht lange danach verschwindet sie spurlos. Ihre Tochter Penelope lebt fortan bei den Großeltern und gibt den Glauben nicht auf, dass ihre Mutter noch lebt. Mathilda, Ex-Gebirgsjägerin macht einen parallelen Erzählstrang auf, von dem nicht ganz klar ist, wie er mit der tragischen Familiengeschichte verwoben sein könnte. Ihr Anliegen ist, den Machenschaften einer Familie des Geldadels auf die Spur zu kommen. Dabei entspinnt sich eine verrückte Liebesgeschichte.
Erzählt wird aus drei verschiedenen Perspektiven und drei Zeiten. Auf diese Art und Weise entsteht ein spannendes Puzzle, das immer andeutungsweise auf die Abgründe der menschlichen Seele hindeutet.

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Michaela Maria Müller: Zonen der Zeit

Wie kann so eine Geschichte genannt werden? Ist es eine Liebesgeschichte, die Geschichte einer Freundschaft, eine Beziehungsgeschichte? Sie bedient keine Klischees, weil sie gut ohne sie auskommt. Sie ist auch kein Wende-Aufarbeitungsroman. Es ist eine feinfühlige Geschichte über das Einsickern der Erfahrung des Mauerfalls in eine persönliche Biographie, über die Hintergrundgeschichte zweier Menschen, die ineinander einen Resonanzraum finden. Und es ist eine Geschichte über das Schwierigsein von Liebe; gleichwohl schwingt Liebe mit, ohne sich an die erste Stelle zu drängen. Anni und Jan verbindet eine ganz besondere Freundschaft, aus der alles werden kann, aber nichts werden muss.

Jan wird mit seiner eigenen biographischen Geschichte konfrontiert als er im Archiv des Auswärtigen Amtes die Akten des Jahres 1991 bearbeiten soll. Er erinnert sich an seine persönliche Lebenswende:

„Es lief gut. Bis mein Vater begann mir Zeit zu stehlen. Ich kann es nicht anders sagen. Wie ein Schatten begegnete er mir überall, vor allem in der Nacht. Wenn ich über den Unterlagen saß, konnte es passieren, dass mich Katja in der Früh am Schreibtisch fand und ich Stunden damit verbracht hatte, in eine Zimmerecke zu starren.“
S.39

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Zeruya Shalev: Nicht ich

Zeruya Shalev ist sowohl Lyrikerin als auch Romanautorin und bei ihrem neu erschienenen Buch „Nicht ich“ ist unverkennbar die Wahrnehmung und deren Interpretation in Sprache in einem lyrischen Bildschatz gestaltet. Emotionen und Eindrücke haben etwas Surreales oder auch Überreales, wie es in alltäglichen Sprachformen gar nicht beschrieben werden kann.
Im Hebräischen ist dieser Titel bereits 1993 als ihr Debüt-Roman erschienen, nun liegt er endlich auch in deutscher Übersetzung vor. Man merkt diesem Buch an, dass sie kurz vorher einen Lyrik-Band veröffentlich hatte. Die Geschichte des Romans: „Wie überlebt man es, die Familie für eine neue Liebe zu verlassen?“

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Anja Jonuleit: Rabenfrauen

Vielleicht das erschütterndste Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe. Eine verspätete Rezension, anlässlich der Neuerscheinung von Anja Jonuleit. Vor ein paar Tagen kam ihr Roman „Kaiserwald“ heraus, ich freue mich darauf.

In „Rabenfrauen“ erzählt Anja Jonuleit eine Verführungsgeschichte, eine Geschichte voller Manipulation, Gewalt, Entsetzen und Hilflosigkeit. Es ist eine Geschichte über die Colonia Dignidad. Und es ist eine Geschichte darüber, was eine „überwertige Idee“ aus Menschen macht, aus den Peinigern und aus den Opfern.

„RUTH. Lange Zweit habe ich geglaubt, dass Erich an allem schuld war. Dass all das ohne ihn niemals geschehen wäre. Ich habe meinen Hass auf ihn genährt, und erst jetzt, da ich kurz vor meiner großen Reise stehe, frage ich mich manchmal, ob nicht auch er ein Opfer war. Wie Christa und all die anderen, die wie die Lemminge auf den Abgrund zusteuerten. Obwohl es mir schwerfällt, die mit den Knüppeln als Opfer zu sehen.“

S. 9
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Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen

Dieses Buch hat mich ganz und gar in seinen Bann gezogen. Schon der erste Roman von Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land“ hat mich begeistert, weil es eine selten so wahrgenommene Gabe ist, Worte einsetzen zu können, die auf ganz unmittelbare Art komplexe Gefühle und gleichzeitig Bildwelten zum Ausdruck bringen. Deshalb ist man auch so gebannt: man sieht und spürt Dinge, von denen man bisher nicht wusste, dass man sie sehen und spüren kann. Eine der großartigsten Schriftstellerinnen unserer Zeiten!
Die Inkommensurablen – das sind einerseits Irrationalzahlen:

„Sie sind unendlich, manchmal transzendent und können doch von jedem Kind mit einem Dreieck gezeichnet werden.“

S. 42
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Ulla Coulin-Rieger: Es wird so unbemerkt zu spät

Ein nachdenklich stimmender Text zu einem Phänomen dieser Zeit, das wir einfach nicht so recht einordnen können. Von manchen Rezensent*innen als „Der Burnout-Roman unserer Tage“ bezeichnet, wird in „ Es wird so unbemerkt zu spät“ zu einem vielschichtigen Krankheitserscheinungsbild eine Skizze dargeboten, die es stellenweise wie eine ansteckende Viruserkrankung erscheinen lässt.

„Dr. Helfrich, der sich gerne in Metaphern auszudrücken pflegte, lieh sich auch diesmal ein Bild aus der Natur: >>Gleich der weißbeerigen Mistel<<, erklärte er seinen Assistenzärzten, >>deren Samen im Frühling durch Wind und Vogelkot in die Kronen unserer Obstbäume gelangt, wo der Keimling dann im Herbst deren Säfte anzapft und sich allmählich nach außen in verzweigten Kugeln offenbart, genauso nistet sich der unbekannte Erreger im limbischen System des Menschen ein, mitten im Zentrum unseres Fühlens und Bewertens.<<“

S.5
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Benedict Wells: Becks letzter Sommer

Es gibt wenige Passagen, in denen die damalige Jugend des Autors herausklingt. Das liegt auch daran, dass Benedict Wells’ Schreibstil so betont lässig daherkommt. Ich stelle mir beim Lesen vor, wie dieser 24-jährige Autor damals, selbst ein bisschen so aussehend wie Beck in dieser Geschichte, den Roman einfach so aufs Papier gebracht hat, ohne große Anstrengung, flüssig, in einem Guß. So liest er sich jedenfalls.
Beck ist siebenunddreißig Jahre alt, Lehrer – was nie wirklich sein Wunschberuf war -, Liebhaber ohne echt lieben zu können , Musiker -der die Leidenschaft verloren hat, also kurzum, jemand, der sich fragt, was er von diesem Leben noch will. Es sind die außergewöhnlichen Begegnungen, die zu ungewöhnlichen Entscheidungen führen und plötzlich ist alles anders und vieles möglich.

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Lisa Roy: Keine gute Geschichte

Kabelsalat, bis jemand den Stecker zieht. Es ist hirnerfrischend, wenn jüngere Autor*innen mit einer eigenen Sprachkunst auftreten und es verstehen, in einer tragischen Verknüpfung von Dramatik und Situationskomik die spezifischen Facetten gesellschaftlicher Milieus zu zeichnen. Lisa Roy, die mit ihrem Roman „Keine gute Geschichte“ ihr Debüt abgeliefert hat, schreibt mit einer Feder, die ganz eigenwillig auch die düstersten und deprimierendsten Lebenssituationen der Protagonistin in einen Kontext aus persönlicher Schicksalsgeschichte und gesellschaftlicher Milieubedingtheit stellt und dabei immer einen besonderen Ausdruck dafür findet.

Arielle Freytag „hat es eigentlich geschafft“, heißt es im Klappentext. Sie ist Anfang dreißig, Social Media Managerin – gewesen – , gutaussehend, sie begehrt und ist begehrenswert, finanziell gut ausgerüstet und kommt nun, nach zehn Jahren und einem Klinikaufenthalt zurück nach Essen in einen Stadtteil, der als „prekär“ bezeichnet wird. Auch ein Unding, aber genau mit diesen gesellschaftlichen Zuschreibungen spielt Lisa Roy in ihrer Geschichte.

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Antje Ravik Strubel: Blaue Frau

Es war die Autorin, die mich sehr berührt hat und die mir, noch nicht ganz zu Ende mit der Lektüre, einige zusätzliche Blickwinkel eröffnet hat. Wir hatten hier bei den Isnyer Literaturtagen die Freude, diese Schriftstellerin live zu erleben. Zur Einleitung erklärte sie, wie diese Figur, Adina, sie bewohnte, wie sie aus einer alten Geschichte als unfertige Figur wieder auftauchte, bei ihr einzog und die Wohnung nicht mehr verlassen wollte – was die Lektorin bei der ersten Rückfrage nicht gerade goutierte. Was sollte daraus werden?
Antje Ravik Strubel bietet ihren Figuren einen Ermöglichungsraum. Wer schreibt und dabei seine Figuren frei lassen kann, erlebt selbst die größtmögliche kreative Erweiterung und schafft für die Leser*innen eine Atmosphäre, die immer wieder über einen Storyplot hinauswächst. Damit hatte sie mich voll und ganz. Gerne hätte ich noch mit ihr darüber gesprochen, wie den Gestalten ihre Handlungselemente zuwachsen. Nächstes mal.

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