Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman des französisch senegalesischen Autors erfreut sich durchgängig begeisterter Rezensionen und so hat auch mich dieses Buch – noch bevor ich irgendeine davon gelesen hatte – gepackt und ich war schon lange nicht mehr in einem solchen Sog. Das Buch löst Neugierde aus, Wissensdurst, , allerhand Emotionen die sich in rasantem Tempo abwechseln und einfach nur Lust am Lesen machen, wie selten ein Buch.

Auf der Suche nach einem verschollenen Autor, T.C. Elimane, begibt sich der junge Schriftsteller Diégane auf Spurensuche – durch die Zeit und über die Kontinente und in die tiefsten Erinnerungen seiner Cousine Siga D. Über den, wie sein Autor, verschollenen Roman, das „Labyrinth des Unmenschlichen“, erfahren wir nicht so wahnsinnig viel, nur dass er in seinem Aufbau und seiner Zitation der großen Werke der Menschheit einzigartig sei. Und was er auslöst ist ein Literaturstreit, in dem sich der Kulturkonflikt ganz offen zeigt, mit allen Ressentiments und rassistischen Ideologien.

In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es noch Usus, selbst in intellektuellen Kreisen, dem Mythos der Rassen entsprechend, mit seinen Vorurteilen intellektuelle Vernichtungsschläge zu platzieren, denen in ihrer Absurdität nichts entgegengesetzt werden konnte. Kolonialgeschichte, Postkolonialgeschichte, Hoffnungen und enttäuschte Erwartungen, Grausamkeit und Realität, all dies ist Thema des verschollenen Romans und des Romans, den Mohamed Mbougar Sarr uns hier vorlegt. Eine Geschichte in der Geschichte, und auch der verschollenen Roman erzählt von Gedanken und Geschichten im Weltlauf, also eine mehrfache Schchelgeschichte, die je nach Zeit nur die Vorzeichen ändert.

„In einer Erzählung befinden wir uns immer – aber vielleicht allgemeiner, auch zu jedem Zeitpunkt unserer Existenz – zwischen den Stimmen und den Orten, zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Unsere innere Wahrheit ist mehr als die schlichte Summe dieser Stimmen, Zeit und Orte; unsere innere Wahrheit wandert unablässig und unermüdlich zwischen ihnen hin und her, bewegt sich vor und zurück in einer Schleife, von Anerkennung und Verlust, von Taumel und Sicherheit.“
S.130

Aber natürlich geht es auch um die Liebe, auf ganz eigene, bezaubernde Art. Ich habe noch nie etwas so unter die Haut gehendes gelesen über die „Versprechen der Körper“:

„Zwei Körper sprechen sich an, erstehen sich, erkennen sich und schwören einander stillschweigend Treue, ohne es zu wollen, sogar ohne sich dessen bewusst zu sein. Da jedoch nichts so ungerecht ist wie die Liebe, kommt es vor, dass einer der Körper diesen unverbrüchlichen Schwur allein leistet. (…) Er irrt mit dieser Last von Körper zu Körper, ohne je Frieden zu finden, und bald verzweifelt er daran.“
S.78

Ja natürlich, der verschollene Autor Elimane wollte glänzen mit seinem Wissen und ja, die Erzählung über die Erzählung glänzt auch durch intellektuelles Wissen, aber da ist auch noch viel mehr, deshalb kommt es nicht wichtigtuerisch herüber, sondern als notwendige Beschreibung von Außenphänomenen, um an den Kern rühren zu können.

„Der Sinn des Lebens offenbart sich erst am Ende. Man sucht nicht nach seiner Frage, um den Sinn des Lebens zu finden. Man sucht sie, um dem Schweigen auf eine klare und unerbittliche Frage zu begegnen. Eine Frage, auf die es keine Antwort geben würde. Eine Frage, deren Ziel es wäre, jeden, der sie stellt, an das Rätsel in seinem Leben zu erinnern. Jedes Lebewesen muss seine Frage suchen, um das undurchdringliche Mysterium im Zentrum seines Schicksals zu erkennen, das ihm nie erklärt wird, das aber dennoch einen fundamentalen Platz in seinem Leben einnimmt.“
S.131

Großartig!

Mohamed Mbougar Sarr
Die geheimste Erinnerung der Menschen
Roman. Prix Goncourt 2021 und Internationaler Literaturpreis 2023
Erscheinungstermin: 15. Mai 2024
448 Seiten, 12,5 x 18,7 cm, 6 s/w Abbildungen

Mohamed Mbougar Sarr und die Übersetzer:innen Holger Fock und Sabine Müller wurden mit dem Internationalen Literaturpreis 2023 des Hauses der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen ausgezeichnet. Zudem erhielten die Übersetzer:innen den Paul Celan Preis.

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar

3 Antworten auf „Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

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  1. Freut mich, wie Du diese packende Lektüre teilst und erlesen zitierst. Selber hat mich der Roman gefesselt und beeindruckt. Dies betrifft den Schreibstil, hier philosophische Gedanken, da Dialoge, Betrachtungen über Literatur und Kritik und streckenweise krimihafte Vorgänge. „Traditionelles“ Erzählen, familiäre und soziale Beziehungen.

    Zu den von Dir genannten Themen der europäischen und afrikanischen Kolonialgeschichte einschließlich Mission und Nachwirkungen möchte ich ergänzen, wie die französischen Kolonialherrschaften afrikanische Soldaten verführten, in den Weltkriegen gegen Deutschland zu kämpfen und dabei verheizt wurden.

    Deine Wahrnehmung der Stelle um die „Versprechen der Körper“ überrascht mich. Bin sozusagen darüber „gestolpert“ und fragte mich: wie könnten zwei Körper sich stillschweigend Treue schwören, ohne Worte oder geteilte emotionale, seelische Verbindung? Wie leistet ein Körper einseitig einen unverbrüchlichen Schwur? Wohl unwillentlich und unbewusst, wie das Zitat sagt. Ohne wechselseitiges Einvernehmen verbleibt folglich die Empfindung, die Liebe sei ungerecht und führe ins Verirren, Verzweifeln, ohne je Frieden zu finden. Daher scheint mir „Versprechen der Körper“ hier als etwas wie „Verheißung“(?) einer körperlicher Begegnung, die illusionär wirkt und enttäuscht.

    Wie dem auch sei. Als ich den Roman gelesen hatte, schaute ich auch bei wordpress nach eventuellen anderen Beiträgen, fand allenfallls Erwähnungen. Bei Perlentaucher gab es ein paar Auszüge aus Rezensionen. Bevor ich dazu kam, etwas zu schreiben, hab ich das ausgeliehene Buch wieder zurückgegeben.

    Danke und Grüße

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    1. Oh ja, du sprichst hier ein wichtiges Thema an, auf das ich gar nicht eingegangen bin: die Anwerbung und Verheizung afrikanischer Soldatn – das kennen wir übrigens auch aus der Geschichte Algeriens.
      Ja, diese Beschreibung eines ewigen Versprechens der Körper – darüber bin ich eben auch gestolpert und habe lange darüber nachgedacht. Als Gedanke interessant, gleichwohl wird hier eine subjektive Empfindung beschrieben.
      Es wäre auf jeden Fall interessant gewesen, von dir eine Rezension zu lesen, das hätte mich sehr gefreut.
      Herzliche Grüße
      Dagmar

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