Juli Zeh: Corpus Delicti

„Corpus Delicti. Ein Prozess.“ Der Roman zur Pandemie – so scheint es auf den ersten Blick. Eine Gesundheitsdiktatur der Zukunft, vorgestellt für das Jahr 2054, stellt die physische Gesundheit über alle anderen Interessen und scheut nicht davor zurück, mit aller Konsequenz und Härte ihr Gesundheitsparadigma durchzusetzen. Es wird behauptet, dass an diesem Punkt das private und das öffentliche Interesse zusammenfallen, übereinstimmen. Wer ein privates Interesse hat, das diese Übereinstimmung aus dem Gleichgewicht bringt, wird zum „Methodenfeind“ stilisiert. Dieses Buch aber als Ideengeber für „Querdenker“ und Konsorten zu rezipieren wäre viel zu kurz gedacht. Hier stehen drei Bücher von Juli Zeh in einem Zusammenhang, die die überzeitliche Problematik unseres Sicherheitsbedürfnisses im Verhältnis zu einer Freiheit, die unser Menschsein ausmacht, zum Thema hat.

Zum Romaninhalt: Mia Holl ist Biologin, vernünftige Naturwissenschaftlerin, überzeugte „Methoden“anhängerin und glaubt an Gesundheit als den anstrebenswertesten Zustand für ganze Gesellschaften. Bis ihr Bruder Moritz verhaftet wird. Moritz ist ihr Gegenpart in der Auffassung dessen, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Er möchte das Leben feiern, mit Matsch zwischen den Zehen, Zigarrettenrauchend Partys feiern oder im Wald rumsitzen und die Partnerin nicht von der Partnervermittlungszentrale nach genetischen Kriterien ausgesucht bekommen. Er wird verhaftet, als die Leiche einer jungen Frau, vergewaltigt und ermordet, gefunden wird. Die Hexenjagd beginnt.

Zur Entstehungsgeschichte: 2007 sollte Juli Zeh für die Ruhrtriennale ein Theaterstück schreiben. Das Oberthema für den Rahmen sollte das Mittelalter bilden, was Juli Zeh auf die Idee einer modernen Hexenjagd brachte. Die Figur der Hexe hat ihre Entsprechung im modernen Staatsfeind.

„Die mittelalterliche Inquisition ist nicht nur Ausdruck eines historischen Wahns, einer obsessiven, religiös motivierten Angst vor Teufelskult und Zauberei. Das Aussondern und Verfolgen von Menschen, die „anders“ sind oder als „anders“ definiert werden, ist eine epochenübergreifende Technik zur Herausbildung von Gruppenidentitäten und zum Etablieren von Macht. Ihre Wurzeln kann man schon auf Schulhöfen beobachten.“

Juli Zeh: Fragen zu Corpus Delicti. S.35/36

Die „Methode“ als System legitimiert sich durch die Definition des Andersartigen, das es zu verhindern gilt, das heißt, jedes autoritäre System braucht die Andersartigkeit, um an ihr immer wieder ein Exempel statuieren zu können. Und das ist das verstörende an dem Roman: dass in der Ausnahme – die in allen autoritären Systemen die Egel ist – legitim auf den Körper des Betroffenen zugegriffen wird, mit Gewalt.
Ihre Recherche führte Juli Zeh in die düsteren Zeiten der Hexenverfolgung und es gibt Vorbilder für die Hauptfiguren: Maria Holl, im 16. Jahrhundert in Ulm der Hexerei angeklagt und gefoltert, überstand 62 Folterungen und wurde schließlich durch das Eingreifen der Reichsstadt Ulm befreit. Heinrich Kramer, im 15. Jahrhundert im Elsass geboren, wurde zu dem grausamen Inquisitor, der den 700-seitigen „Hexenhammer“ verfasste, mit dem er die Hexenverfolgung und ihre Methoden zu legitimieren suchte. Etwa 60.000 Menschen sind diesem Wahnsinn zum Opfer gefallen.

Juli Zeh: „Fragen zu Corpus Delicti.“ Dieses Buch musste 2020 geschrieben werden. Natürlich liegt in Corpus Delicti ein Angriff, eine Anklage vor, gegen totalitäre Neigungen auch unserer demokratischen Systeme. Und gerade jetzt, während des zweiten, bisher noch softeren aber jetzt ins Totale übergehenden Lockdowns ist wieder einmal gefragt, wo die Grenzen einer Absolutsetzung von Gesundheit sind. Ist wirklich Gesundheit alles? Wozu wird der Gesundheitsanspruch in Zukunft als Rechtfertigung dienen?
Mittlerweile ist Juli Zeh ehrenamtliche Verfassungsrichterin in Brandenburg. Natürlich kann sie bei aller Kritik an die Freiheit einschränkenden Sicherheitsmaßnahmen nicht dabei zusehen, dass diese Geschichte, die sie 2009 als Roman herausgebracht hat, mit Munschutzmasken, Handschuhen, Bakterien- und Virenfreien Räumen, „Wächtehäusern“ und Denunziantentum, dass dieser Roman nun als Kritik missbraucht wird für die Massnahmen der Politik in der Pandemie. Gleichwohl gibt es nur ein kurzes Statement dazu, dass die Ausgangssituation in der Pandemie eine andere sei. Vielmehr ginge es ihr um viel allgemeinere Kritik, zum Beispiel am Paradigma der Selbstoptimierung, das uns verzweifeln lässt, weil es eine Aufgabe ohne Endziel ist. Wir können nur daran scheitern. Und in diesem Zusammenhang erklärt sie auch, warum diese Art von Utopie und Dystopie noch viel mehr ist, als ein Brennglas, mit dem auf die herrschenden Zustände geblickt wird. Es sind die großen philosophischen Fragen:

„Was macht den Menschen aus? Wie ist Mensch-Sein definiert, was unterscheidet uns vom Tier? Was ist Menschenwürde, wie fühlt sie sich an? Was bedeutet Glück, was ist das „gute Leben“?

Ebd., S.145

Juli Zeh/Ilja Trojanow: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte.“
Gemeinsam mit Ilja Trojanow verfasst und 2009, parallel zu Corpus Delicti herausgegeben, behandelt dieser Essay die Auswüchse eines Sicherheitsbedürfnisses, dass die demokratischen Staaten seit dem 11.09.2001 legitimiert, zu bisher nicht dagewesenen Maßnahmen der Kontrolle, Überwachung und Verdächtigung. Und auch hier ist die Frage, die gestellt wird: wie kann die Demokratie für die Zukunft Freiheit und Selbstbestimmung garantieren?
„Erliegen Sie nicht den simplen Freund-Feind-Schemata, die Ihnen tagtäglich aufgetischt werden.“ (Juli Zeh/Ilja Trojanow: Angriff auf die Freiheit. S.138) Das gilt immerzu, es macht uns menschlicher, uns nicht auf Kategorisierungen zu verlassen.
Aus diesem Grund ist es mehr als eine zukunftsgerichtete Art und Weise über die Literatur eine erweiterte Form von Inspiration zu bekommen. Es ist Auseinandersetzung mit dem Menschsein. Mit dem, was wir für uns und die Zukunft, für die Gesellschaften, in denen wir leben, wünschen können.

Die Basiswerte, die Grundgedanken zum Demokratieverständnis gehen zurück bis zum dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Die Überlegung der Befriedung der Religionen führte zu einem Toleranzgebot als erster Grundpfeiler von Demokratie. Und spätestens mit John Locke wurde, ebenfalls im 17. Jahrhundert, als eine weitere Idee der Legitimation eines demokratischen Systems das Widerstandsrecht formuliert. Ohne Toleranz und Widerstandsrecht ist Demokratie nicht zu denken. Aber dass dieses Widerstandsrecht auch Grenzen haben muss, erklärt sich aus der Sache selbst: unbegrenzter Widerstand hebelt die Demokratie aus. „Das Volk soll Richter sein“, nach John Locke darüber, die Letztentscheidung über den Einsatz von Widerstand zu fällen. Was würden die BürgerInnen sagen, zur Art und Weise des momentan vorgetragenen Widerstands? Damit ließen sich durch das Volk legitimiert unangemessene Formen des Widerstands auch aushebeln.

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2009

Juli Zeh/Ilja Trojanow: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte. Carl Hanser Verlag, München, 2009

Juli Zeh: Fragen zu Corpus Delicti. Verlagsgruppe Randomhouse GmbH, München 2020

3SAT-Mediathek: 2008 Sternstunde Philosophie: „Juli Zeh. Körper und Kontrolle – Die junge deutsche Schriftstellerin und freie Juristin hat einen neuen Roman veröffentlicht.“

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