Karen Köhler: Miroloi

So muss es sein, wenn man ein gutes Buch liest: die Zeit vergeht und man merkt es nicht, man ist hineingezogen in eine Geschichte und spürt es nicht, das Buch ist zu Ende und man wollte das nicht. Ist es ein Coming-of-Age-Roman, eine Dystopie, eine Gesellschaftskritik, eine Kulturkritik … es ist ein Debütroman, der den/die Leser/in für einen Moment verzaubern kann, wenn man ihn nicht gleich mit Analysen überfrachtet.

Der Roman wird von den einen KritikerInnen in den Boden gestampft, von den anderen hoch gelobt, Trendthema Feminismus, Misogynie – war mir noch gar nicht klar, dass das gerade Trendthemen sind? – Glaubenskrise, Kulturkritik, Rebellion. Man kann so operieren, um den Roman zu zerlegen. Ich habe ihn ganz anders gelesen. Nachdem ich den Einstieg nicht sofort hatte, weil ich mich gefragt habe: wo soll das sein, diese Insel, wann soll das sein, dieses rückständige Dorf mit seiner bis ins Detail wechselseitig abhängigen Tauschgemeinschaft, habe ich das Herstellen von Bezügen einfach fahren lassen. Und dann hat mich die Geschichte in sich hineingezogen.
Eine Mittelmeer-archaische Dorfgemeinschaft der Tausend Augen wird gezeichnet mit ihren Versprechen und ihrer Abgründigkeit:
„Bei uns gibt es 30 Gesetze, sie wurden vom Ältestenrat beschlossen und sind uralt. (…)
Die Gesetze regeln wirklich alles. Ab wann die Mädchen das rote Band um die Taille tragen dürfen. Wie sie die Haare tragen sollen. Ab wann sie heiraten und wie viele Kinder sie haben dürfen, nach dem dritten ist Schluss. Der dritte Sohn muss Betmann werden, die dritte Tochter die Eltern im Alter versorgen. Bei allem entscheidet der Ältestenrat mit. Auch welcher Mann zu dir passt zum Beispiel. Wie lang unsere Kleider sein müssen auch. Welches Amt zu dir passt, wenn du ein Junge bist. Dass Jungs und Männer Hemd und Hose tragen müssen, nicht kochen und singen dürfen, jedes weibische Verhalten ihnen verboten ist. Die Gesetze stecken in allem drin, in jedem noch so kleinen Fetzen deines Lebens. Sie stimmen mit der Khorabel überein und regeln auch, wer Betmann wird und wer Bethaus-Vater.“ (S.87)
Klar, all diese aufgezählten Gesetzmäßigkeiten sind die Reibungspunkte, an denen sich die persönliche Geschichte des zunächst namenlosen Findelmädchens entzündet. Weil sie vom Dorf nicht wirklich angenommen wird, kann sie die „Klammer von Daswarschonimmerso und Daswirdimmersobleiben“ (S.135) sprengen. Die mögliche Willkür von Macht, auch im „Daswarschonimmerso“, offenbart sich hier nur der Fragenden, die entdeckt, dass selbst die Khorabel in der Tradition ihrer Abschriften verändert und umgedeutet wurde. Sie bezieht daraus die Kraft der Auflehnung. Eigentlich hat es eine relativ einfache Struktur, aber mich haben die Bilder in ihren Bann gezogen, die Karen Köhler entwerfen und mit Sprache malen kann.
Nur ganz am Schluss hatte ich doch noch den Eindruck, dieses Bild schon zu kennen. Die schwangere Frau im Meer, die für ihr Kind gegen das Sterben ansingt. Dieses Bild, das sich für immer in die Erinnerung der Lesenden eingebrannt hat, stammt aus „Gestrandet“ von Youssouf Amine Elalamy, ein in mehreren Stimmen orchestriertes Buch über zwölf Flüchtlinge aus dem Maghreb, die bei der Überquerung des Mittelmeers den Tod fanden.

Karen Köhler: Miroloi
Hanser Verlag, München 2019

2 Kommentare zu „Karen Köhler: Miroloi

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  1. Ja ehrlich, furchtbar, aus unserer Küche kommen die besten Sachen aus männlicher Kochkunst. Eigentlich sind es ganz einfache Themen, die seit den Siebzigern mit Beginn der neueren feministischen Bewegungen bearbeitet wurden und es ist schon irgendwie skurril, dass diese Themen immer noch ziehen, auch in der Literatur.
    Herzliche Grüße
    Dagmar

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