Vor Jahren durften wir ihn hier in Isny live erleben, diesen sympathischen Autor, dessen Besonderheit darin besteht, der Welt, dem Leben, seinen Figuren mit eben dieser Sympathie und Zuneigung zu begegnen, dass man als Leser*in gar nicht anders kann, als sie alle ins Herz zu schließen mit all ihren Eigenarten. Die zwölf Geschichten, deren Zusammenhang sich erst im letzten Kapitel erschließt – weshalb es sich empfiehlt, der Reihe nach zu lesen – beginnen mit einem Gedankenexperiment. Was, wenn man einen „Anproberaum“ für die Zukunft, für künftige Erlebnisse, erfinden könnte und Menschen könnten schon mal testen, könnten ihr zukünftiges Ich für einen Moment anprobieren? Auf diese Idee kommen die vier Jugendlichen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen, die in einem Brennpunktviertel leben und die sich die Zukunft nicht leisten können.
Manche Geschichten handeln im Kern von der Familie, oder von der Liebe, von der Freundschaft oder davon, wie ein Autor zum Schriftsteller wird. Ob Heinrich Heine oder Heinrich Kleist, die Gaststätte „Krug“ fördert jedenfalls vielerlei Assoziationen.
Sasa Stanisic: Herkunft
„Du übertreibst: Herkunft als Wimmelbild mit Drachen? Und einer überwacht den Steg über den Fluss in die jenseitige Welt?“
„Es ist dein Steg, Oma.“ (S.355)
Das Erzählen hält sie nicht am Leben, aber die Erinnerung lebendig. „Herkunft“ ist ein Roman, ist eine Geschichte, die abbildet und erfindet zugleich. „Fiktion, wie ich sie mir denke, sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt – “ (S.20)
Natürlich hat er es drauf, der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019, genau dieses Versprechen einzulösen, ins Geschriebene umzusetzen: „Herkunft“ ist die Erzählung seiner Migrationsgeschichte, der Wurzeln in Visegrad im ehemaligen Jugoslawien, ist die Geschichte erfüllter und unerfüllter Träume und Sehnsüchte und ist ein Abschied. Anlass ist der Tod der an Demenz leidenden Großmutter. Mit ihrem Blick, der die sie umgebenden Dinge erkennt und auch nicht mehr erkennt, versucht Stanisic, sich ein Bild seiner Herkunft zu machen. „Sasa Stanisic: Herkunft“ weiterlesen