Über dreißig Jahre habe ich keinen Stephen King mehr gelesen, seit mich der „Friedhof der Kuscheltiere“ einst so gefesselt und gleichzeitig gegruselt hat. Im vergangenen Jahr bin ich zufällig durch einen Freund auf „The Stand“, Das letzte Gefecht, gestoßen und habe seither tausende Seiten King verschlungen. Die alten Bände aus den 70er und 80er Jahren sind so purer, bekannter Grusel mit dieser besonderen Faszination: man schlägt die Hände vors Gesicht und will eigentlich nicht hinschauen, aber zwischen den Fingern muss man doch durchgucken, weil es einen nicht loslässt. Und dann ist King einfach ein großartiger Erzähler, der immer Tempo und Spannung hält.
Die Geschichten in „Ihr wollt es dunkler“ bewegen sich zwischen 12 und 224 Seiten, sind zum Teil dem Übernatürlichen gewidmet und zum Teil besonderen menschlichen Fähigkeiten. Die Psychologie der Figuren ist abwechslungsreich, makaber und abgründig. Meine Lieblingsgeschichte ist „Danny Coughlins böser Traum“. Eine einzige Eingebung, eine Vision in einem Traum, die eine Lawine auslöst und nicht nur das Leben des Träumenden auf den Kopf stellt. Hier sind die Charaktere der Figuren in ihrer Entwicklung exzellent gezeichnet. Was macht es aus einem Mann, der sich niemandem anvertrauen kann, weil er weiß, dass ihm keiner glaubt? Und was macht es aus einem fanatischen Kommissar, der seine falsche Fährte nicht aufgeben kann, ohne sich selbst zu verraten?
Es gibt etwas Schreckliches, das man nicht erklären kann und das sich unserer Kontrolle entzieht: darin liegt die Faszination. Alles andere, was im Leben unerklärlich erscheint, ist ein Abklatsch gegen diese fantastischen Geschichten. Sie treiben es auf die Spitze und relativieren damit unsere täglichen Ängste.
In seinem Nachwort – das für sich genommen schon eine Perle über das Erzählen ist – nimmt er Bezug auf Goyas Bild Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer und schreibt:
„… dass ein solcher Schlaf und solche Ungeheuer notwendige Bestandteile der geistigen Gesundheit darstellen.“
S. 732–733
Sind solche Träume also eine Art Kritik an unserer Vernunft? Vielleicht. Vielleicht entspringen sie etwas Urmenschlichem, das einst überlebensnotwendig war in einer feindlichen Welt.
Und heute? Möglicherweise habe ich im letzten Jahr viele Stephen King Romane gelesen, um mich in eine Sphäre des Kontrollverlusts zu katapultieren, die mir verständlicher war als der totale politische Kontrollverlust in den unsichersten kriegerischen Zeiten, die wir gerade erleben.
Ja, es ist eine skurrile Sammlung unterschiedlicher Themen. Außerirdische kommen vor und lebendige Gespenster, genauso wie tatsächlich düstere Seelen, die durchaus von dieser Welt sind und vor denen man sich am meisten gruseln könnte. Dabei gibt es immer auch einen Rest von düsterem Humor.
„Ich weiß nicht einmal, warum Menschen Geschichten brauchen und warum ich – neben vielen anderen – die Notwendigkeit verspüre, welche zu schreiben. Ich weiß nur, dass die Freude daran, den gewöhnlichen Alltag zurückzulassen und eine Beziehung zu Leuten aufzubauen, die gar nicht existieren, zu beinahe jedem Leben gehört.“ Nachwort, S.732
Empfehlenswert auch „Das Leben und das Schreiben“. Wilhelm Heyne Verlag, durchgesehene und erweiterte Jubiläumsausgabe, München 2025. Ob man nun selber schreibt oder nicht, es ist eine Entdeckung, ihm bei der Entwicklung seiner Geschichten zuzuhören. Er hat meist nur eine Idee und beobachtet, wie sich die Geschichte, die er „gefunden“ hat, vor seinen Augen entwickelt. Und er lässt sich dabei überraschen. Die Geschichten sind schon da, sagt er, sie wollen nur von uns entdeckt werden.
Stephen King: Ihr wollt es dunkler. Heyne Verlag, München, Oktober 25
Hinterlasse einen Kommentar