Hannah Häffner: Die Riesinnen

In meinen Büchern kleben immer zurechtgeschnittene Streifen von Post it’s, an den schönsten oder wichtigsten Stellen. Bei diesem Buch habe ich erst gar nicht damit angefangen. Es ist so besonders und voller „schönster“ Stellen, dass ich einen Zettelwald hätte. Der Schreibstil ist einzigartig. Eine Poesie, die auch das Nüchterne, das Einfache, auch das Zwanghafte mit Worten beschreibt, die es fühlbar machen.
Drei Frauen, drei Generationen. In einem kleinen Dorf im Schwarzwald spielt diese Geschichte in den Zwischenräumen von Liebe und Zweifel, von Heimat und Sehnsucht.
Das Leben von Lise Riesberger ist in den fünfziger Jahren, wenige Jahre nach Kriegsende, in der ländlichen Region geprägt von starren Regeln, von Erwartungen, von Rollen, die auszufüllen sind. Lise ist ein kämpferischer Geist. Nach dem Unfalltod ihres Mannes übernimmt sie die Metzgerei und lässt sich alles Handwerkszeug dafür beibringen. Ihre Sehnsucht nach woanders ersäuft im Alltag der Pflichten.

„Sie hat ihr Leben, und sie hat das Leben, das hätte sein können. Das reicht.“
(S.108)

Lise hat eine Tochter, die bald schon so besonders betrachtet wird wie sie selbst. Die Frauen dieser Familie sind groß, groß und rothaarig. Doch das Gefühl nicht ganz dazu zu gehören ist bei Lise nicht stark genug, um das Dorf zu verlassen. Sie hat keine wirkliche Vorstellung davon, was Freiheit bedeuten könnte.
Um nicht zu viel zu erzählen: jeder der drei Generationen macht es anders, mit dem Gehen und dem Bleiben. Jede hat ihre eigenen Gründe. Und in den Falten zwischen den Gründen sind die großen Gefühle verborgen.

„Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?“
(S.102)

Über diesen Heimatbegriff lässt sich trefflich streiten, weil er einen Widerspruch enthält und Fragen aufwirft. Die Angst vor Heimatverlust kann eine existentielle sein. Wenn ich mich von „Heimat“ lösen könnte, wäre sie dann verschwunden? Ist die Geborgenheit, die wir uns von Heimat versprechen, also eine teuer erkaufte, eine mit existenzieller Angst verknüpfte?

Nach der Autorin laufen viele Männer durch den Roman, aber „sie spielen nicht die größte aller Rollen“, sie sind da, sie sind auch nicht unwichtig, sie sind einfach nicht der Dreh-und Angelpunkt“. 
https://www.swr.de/kultur/literatur/hinreissend-die-riesinnen-von-hannah-haeffner-100.html

Viele Dinge werden nicht gesagt. Manches bleibt im Geheimen, bis zum Schluss. Es ist also auch eine spannende Familiensaga. Mich hat die Geschichte um Lise, Cora und Eva sehr berührt, man kommt den Figuren nah. Und Hannah Häffner gelingt es sehr gut, das jeweilige Zeitkolorit als lebendige Kulisse zu zeichnen.
Und noch etwas: die Verletzlichkeit des Waldes zu zeigen, ist der Autorin wichtig. Für alle drei Frauen hat der Wald eine besondere Bedeutung in ihrem Leben. Vielleicht ist der Wald die Heimat.

Hannah Häffner: Die Riesinnen
Penguin Verlag, München 2026

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar

Leseprobe vom Verlag:

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