Anja Jonuleit: Rabenfrauen

Vielleicht das erschütterndste Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe. Eine verspätete Rezension, anlässlich der Neuerscheinung von Anja Jonuleit. Vor ein paar Tagen kam ihr Roman „Kaiserwald“ heraus, ich freue mich darauf.

In „Rabenfrauen“ erzählt Anja Jonuleit eine Verführungsgeschichte, eine Geschichte voller Manipulation, Gewalt, Entsetzen und Hilflosigkeit. Es ist eine Geschichte über die Colonia Dignidad. Und es ist eine Geschichte darüber, was eine „überwertige Idee“ aus Menschen macht, aus den Peinigern und aus den Opfern.

„RUTH. Lange Zweit habe ich geglaubt, dass Erich an allem schuld war. Dass all das ohne ihn niemals geschehen wäre. Ich habe meinen Hass auf ihn genährt, und erst jetzt, da ich kurz vor meiner großen Reise stehe, frage ich mich manchmal, ob nicht auch er ein Opfer war. Wie Christa und all die anderen, die wie die Lemminge auf den Abgrund zusteuerten. Obwohl es mir schwerfällt, die mit den Knüppeln als Opfer zu sehen.“

S. 9

Anja Jonuleit erzählt in dieser fiktiven Geschichte, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, wenn sie einen Menschen oder eine Idee lieben. Die Grausamkeit, die dafür in Kauf genommen wird, kennt nahezu keine Grenzen. Erschreckend ist auf der einen Seite, wie leicht manipulierbar Menschen sein können, bis hin zur Aufgabe ihrer Familie, ihrer Kinder, ihrer Selbst und auf der anderen wie bereitwillig auch nicht manipulierte Menschen sich in einen Wahn hineinsteigern.
Ein einziger charismatischer Mensch, der es versteht, unbedingte Loyalität einzufordern, reicht aus, um hundert Menschen dazu zu bringen, all ihr Hab und Gut, ihre Familien, ihre Heimat zu verlassen. Sie glauben an das gelobte Land und landen – in der Wüste in Chile. Es ist so karges Land, dass es unmöglich scheint, hier zu leben. Doch jahrzehntelang baut die Kolonie ein autarkes Refugium mit eigener Landwirtschaft auf, in dem und von dem sie leben kann. Die Außenwelt erfährt lange nicht, wie es den Menschen darin geht, dass sie über ihre Erschöpfungsgrenzen hinaus arbeiten müssen, dass alle persönlichen Beziehungen strengstens untersagt sind, dass sie selbst nichts besitzen, während ihr Anführer ein luxuriöses Leben führt. Die Kinder werden von klein auf in Schlafsälen zur Keuschheit erzogen mit Foltermethoden, gleichzeitig vergeht sich ihr Anführer an den Jungen in der Kolonie.

Die Skizze dieser Sekte ist sehr detailliert gezeichnet und beruht auf sorgfältiger Recherche. Aus drei Perspektiven wird erzählt, was über die Jahrzehnte geschah. Ruth, die damals gerade noch rechtzeitig dem Sog widerstanden hat, gibt Pixel für Pixel Erinnerungsbilder preis. Über die Macht der Verführung, über ihre eigene Anfälligkeit und wie sie versucht hat die Freundin zu retten. Vergeblich. Anne, Ruths Tochter aus dieser Zeit, kommt mit der ganzen Geschichte in Berührung über eine Familie, die sich in der Nähe niederlässt, die so anders lebt und so anders erscheint – aus der Welt gefallen. Und über diese Familie kommt sie mit der Geschichte der Colonia Dignidad und mit ihrer eigenen Geschichte erst in Verbindung. Und eine Erzählerin ist Christa, das hübsche junge Mädchen mit den blonden Zöpfen, das sein Leben aufgibt, für die Liebe, für die Sekte. Das nicht einmal eine Beziehung zu seinem Kind aufbauen darf. Trotz allem ist sie lange besessen von der Idee eines anderen Lebens. Bis die Grausamkeit alles überwiegt und ihren Glauben bricht.

Paul Schäfer, aus der kirchlichen Gemeinde ausgeschlossen wegen einiger Straftaten, gründet eine eigene freikirchliche Vereinigung. Es ist seine Person, sein Charakter, sein Charisma, das zentral im Raum steht als eine übertragbare Folie mit der Frage: wie ist es möglich, dass vernünftige Menschen im Angesicht einer solchen Person ihren eigenen Willen aufgeben? Aber die Person, um die sich die Entwicklung der Geschichte rankt, und deren abschnittsweise Erzählung man mit Gier, Unglauben und Entsetzen folgt, ist Christa. Sie glaubte an die Idee, ein gelobtes Land zu errichten aber wahrscheinlich weniger aus ideeller Überzeugung, als vielmehr aus einem Drang heraus, geführt zu werden. Und das verbunden mit den Verwirrungen einer jugendlichen Verliebtheit reichte aus, sich in die Obhut – und auch in die Gewalt – eines Sektenführers zu begeben, der auch seine Umgebung in Chile über Jahrzehnte zu manipulieren weiss.

„Die Carabineros tun, was die Herren ihnen sagen. Ich vermute, das hängt mit den Fresskörben zusammen, die sie immer von uns bekommen. Die Leute hier haben ja nicht viel.“

S.317

Selbst ein Fluchtversuch, bei dem sie bis in die deutsche Botschaft gelangt, misslingt, denn das erste, was die Botschaftsangehörigen tun, ist im „Fundo“ der Colonia Dignidad anzurufen und Christas Ankunft zu melden. Von dort wird sie von den Herren dann wieder abgeholt, schreiend und protestierend, niemand hat ihr geholfen.

Es ist ein kleine Konstruktionsübertreibung: Ruth und Christa, die beiden Freundinnen aus den 50er Jahren, bekommen beide – um einige Jahre versetzt – von Erich ein Kind. Die eine in Deutschland, die andere in der Colonia Dignidad. Und diese beiden Frauen lernen sich in Deutschland kennen, ohne etwas von den Zusammenhängen zu ahnen. Über diese Begegnung wird die ganze Geschichte enthüllt.

Trotzdem eine Geschichte, die es, wie es bei guter Literatur zu sein pflegt, über die exemplarische Einladung zum Miterleben schafft, an die allgemeinmenschlichen Fragen zu rühren, und hier die Abgründe aufzutun, die sich tagtäglich überall auf der Welt in irgendeiner Form wiederholen.

Anja Jonuleit: Rabenfrauen, dtv, München 2016

Eine Antwort auf „Anja Jonuleit: Rabenfrauen

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  1. Puh heftige Thematik und tolle Rezension.
    Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Menschen bereit sind ihr Leben zu opfern um einem Führer zu folgen. Ich fand den Satz besonders: mit einer Neigung sich fúhren zu lassen.
    Was läuft falsch, was geht Irrwege wenn der Weg im Ringen um eine bessere Welt in so einen Abgrund führt.

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