„Trotz alledem“, ein Unabhängigkeitssong aus dem alten Schottland um 1795, begleitet Hannes Wader über lange Etappen seines Lebens in variierender Gestalt und gibt schließlich einen wunderbaren Titel ab, für eine Autobiographie eines eigenwilligen Musikers, bei dem man sofort einen Namen, einen Zeitgeist, ein Gefühl im Kopf hat.
„Allein bei der Vorstellung, mich derart einzuengen, meinen Tag zu planen, am Vorabend schon festzulegen, was ich am nächsten Vormittag tun und was ich am Nachmittag lassen werde, bekomme ich Bauchschmerzen.“ S.299
Er steht für ein in den Sechzigern aufkommendes tiefes Bedürfnis nach Befreiung von überkommenen Zwängen. Er liebt die Freiheit, seine Beziehungen sind unkonventionell, gleichzeitig ist er jemand, der an Beziehungen festhält, an seinem Wohnort gerne einen Garten hat, Gemüse anbaut, die ihn umgebenden Natur genießt und jede Nacht vor dem Einschlafen liest, egal wie betrunken er ist. Das Lied, das mich am meisten mit Hannes Weder verbindet ist „Heute hier, morgen dort“, eine zauberhafte Gitarrenmelodie, die man leicht ein bisschen umdichten kann und in die alle Sehnsüchte gepackt werden können.
„Ich verschließe >>dem tötenden Insekte gerühmter besserer Vernunft mein Herz<< und lasse meinem Hang zur Übertreibung bis zur Maßlosigkeit freien Lauf. Ohne Rücksicht auf eigene oder fremde Verluste.“ S.185
Hannes Waders Abkehr von einer beruflich gesicherten Zukunft, nach abgeschlossener Berufsausbildung und angefangenem Grafik-Studium in Berlin, bildet die Zäsur in seinem Leben, mit der es ihm weitestgehend gelingt, sich von den Zwängen eines Arbeitsbegriffs zu befreien, der den Vorstellungen einer Künstlernatur entgegen läuft. Mit der marxistischen Deutung von Arbeit wird er sich später befassen, zunächst wird er in seinen Zwanzigern in Berlin auf Leute treffen, die ihre Träume umsetzen wollen und er wird zum ersten mal mit der Gitarre auf der Strasse ein paar Mark verdienen.
„Einige meiner vor sich hindösenden Eigenheiten, die ich in den letzten Monaten unterm Deckel halten konnte, brechen jetzt erneut aus mir hervor. Rigide setzen sie ihren Führungsanspruch durch, den sie für den Rest meines Lebens immer wieder behaupten werden. Aufgelistet stünde da an erster Stelle mein Hang zur Besessenheit: mich anfallartig und obsessiv auf den jeweiligen Gegenstand meines Interesses und meiner Leidenschaft zu stürzen, um mich ihm dann mit einer fast wütenden Ausschließlichkeit zu widmen, bis ich seiner überdrüssig bin und in einen – zum Glück nie lange anhaltenden – Zustand depressiver Untätigkeit und Antriebslosigkeit verfalle.“ S.211
In seiner fast 600 Seiten starken Autobiographie beschreibt Hannes Wader seinen Werdegang als einer der einflussreichsten deutschen Liedermacher seiner Zeit. Diese Biographie ist auch ein Zeitdokument, das, immer ganz aus seiner persönlichen Perspektive heraus, die Zusammenhänge erhellt zwischen einer zunehmend anspruchsvollen Musikrezeption der jungen Zuhörerschaft und der Möglichkeit, in einer Zeit der Umbrüche mit deutschen Liedtexten dem revolutionären Anspruch auf ein anderes Leben Ausdruck zu geben.
Seit 1964 gibt es Open Air Konzerte auf der Burg Waldeck im Hunsrück unter dem Titel „Chanson Folklore International“. Beim dritten mal wird dort Hannes Waders erster großer Auftritt sein, bei dem er auch gleich die entsprechenden Kontakte knüpft um schon bald sein erstes Album herauszubringen. Zu diesen Kontakten gehört auch eine sich anbahnende, über Jahrzehnte haltende Freundschaft mit Reinhard May, später auch mit Konstantin Wecker. Mit beiden wird er 2003 eine Tournee und ein Album machen unter dem Titel „Das Konzert“. Die Diskographie ist beeindruckend. Genau 40 Alben bis zu „Macht’s gut“ 2018.
Hannes Wader betrachtet retrospektiv die Art und Weise eines vollkommen aufs Notwendigste reduzierten Musikmachens mit höchstem Anspruch auf das Texthören: „Wir haben unwillentlich, und gottlob nur vorübergehend, eine Diktatur der Auftrittsästhetik errichtet.“ S.429
Politisch zieht es ihn eine zeitlang zur DKP – obwohl der Juso Sigmar Gabriel damals, man glaubt es heute kaum, in Braunschweig regelmäßig Hannes Weder Konzerte organisiert. Über Jahrzehnte gehört er der DKP an, veröffentlicht Arbeiterlieder und wird dementsprechend von den öffentlich-rechtlichen in den „Giftschrank“ gepackt. Der Medienboykott schadet ihm nicht.
„Heute hier, morgen dort“ singt er 2013 gemeinsam mit Campino von den Toten Hosen, als er den „Echo“ verliehen bekommt. Und diese Melodie im Kopf verleitet immer wieder dazu, die Gitarre auszupacken und den alten Träumen nachzuspüren, mit ein bisschen Wehmut und mit ein bisschen Glück in der Melancholie. Gut, dass Hannes Weder seine Biographie schließlich selbst geschrieben hat.
Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben. Pinguin Verlag, München 2019
Mit bestem Dank an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar
Danke Dagmar,
für die Lesefrucht und Deine Einblicke.
„So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt
wie es war“.
Herzlich
Bernd
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Wunderbares Lied, habs die letzten Tage wieder auf der Gitarre gespielt. „Manchmal träume ich schwer und dann denk‘ ich es wär, Zeit zu gehen und nun was ganz andres zu tun ,,,“ Lässt sich herrlich variieren. 😉
Grüße dich herzlich
Dagmar
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