Maria Braig: Nie wieder zurück

Es ist bereits Maria Braigs fünfter Roman, der Geschichten erzählt von geflüchteten Menschen und ihren Begegnungen im Ankunftsland Deutschland. Sie hat sich ehrenamtlich in der Arbeit mit Geflüchteten engagiert und kennt diese Geschichten. Und beim Lesen tauchen Allgemeinplätze auf, die man kennt, aber auch viele Details, die sich erst im Einlassen auf die besonderen Umstände in ihrer Wechselwirkung mit den besonderen Umständen eines Gegenübers erschließen. In ihrem neuen Roman werden die beiden 16 jährigen Mädchen Fadia und Alisa und der Alltag ihrer Familien nebeneinander gestellt. Die aus einer praktizierend katholischen Familie kommende Alisa beneidet ihre Freundin Fadia um ihre Freiheiten. In Fadias Familie fasten die Eltern an Ramadan, ob Fadia sich religiösen Praktiken anschließen möchte, steht ihr jedoch gänzlich frei.
Bis sie einen Jungen kennenlernt. Und immer noch ist es nicht ihr eigener Vater, von dem das Drama, das jetzt seinen Lauf nimmt ausgeht, sondern ein Bruder des Vaters, der auf die marokkanische Tradition und auf die Familienehre pocht.
Die versuchte Besitzergreifung von Seiten der Männer mit patriarchalen kulturellen Vorgaben zeichnet sich drastisch ab bei Damaris, einer jungen Frau mit zwei kleinen Kindern aus Saudi Arabien, die ihren Mann auf der Flucht verloren hat und während eines Jahres in Deutschland anfängt, sich selbst zum ersten mal als eine Frau zu sehen, die alleine zurechtkommen könnte. Es ist eine Sache, abstrakt davon zu wissen, eine andere, eine Geschichte dazu zu hören. Das Selbstverständnis, mit dem ihr Mann, als er sie wiederfindet von ihrem Körper und ihrer Person Besitz ergreifen will, erscheint dem Leser/der Leserin als absurd, weil durch die Augen der betroffenen Frau empfunden ihre ohnehin schon fragile, verletzliche Verfassung im Ringen um Selbstwert doppelt geschädigt wird.
Fadia und Damaris lernen sich kennen in einem Frauenhaus. Und immer ist es die Hilfe von anderen mutigen Menschen, die sich mit viel Beherztheit vor die Betroffenen stellen, die ihren Anteil daran hat, dass sich das Blatt wendet.
Jane aus Uganda lebt in einer Unterkunft für Menschen, die aufgrund ihrer Homosexualität aus ihren Ländern flüchten mussten. Ein Thema, das kaum Raum einnimmt in öffentlichen Debatten. Es sind viele sogenannte sichere Herkunftsländer, die mit dieser bei uns verbrieften Freiheit radikal umgehen. In mehreren von Maria Braigs Romanen ist dieses weitestgehend stiefmütterlich behandelte Thema ein zentraler Teil der Geschichte.
Wöchentlich werden Begegnungen organisiert an der Volkshochschule mit Frauen aus den verschiedenen Kulturen, auch älteren Frauen, die immer schon in Deutschland leben. Im Austausch ihrer Geschichten lernen sie sich kennen und dabei stellen dabei fest: vor gar nicht allzu langer Zeit war die Situation der Frauen auch hier in Deutschland eine ganz andere. Mit welchem Recht also ist der Blick auf patriarchale Strukturen so abwertend? Das hilft aus der Situation nicht heraus. Das Anstoßen von Entwicklungen hin zu einem menschenrechtlichen, zu einem gleichberechtigten Menschenbild – und übrigens auch das überzeugte Festhalten daran – kann nicht mit Hilfe kolonialer Denkmuster angeregt werden.

Klappentext: nie wieder zurück ist ein bewegender Roman, der das Konstrukt fester Kulturen infrage stellt und zeigt, wie Frauen sich ihr Recht auf Entfaltung und ein selbständiges Leben nehmen.

Da ich schon mehrere Romane von Maria Braig hier besprochen habe und sie von einer Lesung auch persönlich kenne, nehme ich dieses Buch nun zum Anlass, ihr ein paar Fragen zu stellen:

Maria, seit wann veröffentlichst du Romane?

Mein erster Roman „Nennen wir sie Eugenie“ ist 2014 erschienen. Er war im Grunde ein Zufallsprodukt. Bei Recherchen ist mir die Geschichte der Senegalesin Eugenie, die wegen ihrer Homosexualität nach Europa fliehen musste, begegnet. Sie hat mich damals so gepackt und beschäftigt, dass daraus ein Buch entstanden ist. (Mittlerweile gibt es davon eine leicht überarbeitete und aktualisierte Neuauflage, die 2018 veröffentlicht wurde)

Speist sich deine Schwerpunktsetzung auf geflüchtete Menschen auf Erfahrungen aus einer Tätigkeit in diesem Bereich?

Ich würde gar nicht sagen, dass ich eine „Schwerpunktsetzung“ auf geflüchtete Menschen habe. Das wird von Leser*innen oft so gesehen, ist aber vielleicht auch eine Frage des Blickwinkels. Das müsste einmal ausführlich erklärt werden, dafür ist hier jedoch nicht der Ort. Dennoch gibt es natürlich immer wieder das Thema Flucht und geflüchtete Menschen mit zahlreichen Aspekten, die damit zusammenhängen. Wichtig  ist mir immer „unser“ Anteil. Unser Anteil sowohl an den Gründen, die die Menschen zur Flucht treiben, aber vor allem auch daran, wie sie im Zufluchtsland (also von „uns“) aufgenommen oder abgewiesen werden. Und hier schöpfe ich tatsächlich aus unterschiedlichen realen Erfahrungen. Lange Zeit habe ich mich ehrenamtlich  in der Arbeit mit Geflüchteten engagiert, im Arbeitsalltag wurden Kollegen zu Freunden, die ihre Geschichten mitbrachten, durch das Internet gibt es, wenn man sich darauf einlässt, weltweite Kontakte zu Menschen, die nach Wegen in ein neues und selbstbestimmtes Leben suchen, weil ihnen keine andere Wahl bleibt … All diese Geschichten haben Eingang in meine Romane gefunden, auch wenn ich sie meist nicht eins zu eins aus der Realität übertragen habe.

Haben deine Geschichten einen realitätsbasierten Hintergrund?

Eigentlich habe ich diese Frage ja bereits beantwortet. „Nennen wir sie Eugenie“ beruht in ihren Grundzügen auf einer realen Geschichte, viele Menschen und Geschehnisse in meinen andren Büchern haben reale Vorbilder und auch ich selbst komme wohl immer wieder vor – ich glaube, das lässt sich gar nicht vermeiden, dass man sich als Autor*in manchmal bewusst, meist aber unbewusst in die eigenen Romane verirrt und vielleicht auch so manches Persönliche  unbeabsichtigt preisgibt. Aber es handelt sich bei meinen Bücher immer um fiktive Romane.

 

Wir danken dem querverlag für das Rezensionsexemplar

Maria Braig: nie wieder zurück.
Querverlag GmbH, Berlin 2019
224 S.
ISBN: 978-3-89656-279-1

2 Kommentare zu „Maria Braig: Nie wieder zurück

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