Letztes Jahr liebte ich „Die Brüder Karamasow“, den letzten der fünf großen Roman Dostojewskis, und dieses Jahr bin ich in „Schuld und Sühne“ versunken, eigentlich der erste seiner Romanreihe. Er spielt zur selben Zeit wie „Die Brüder Karamasow“, um 1865 herum im alten Russland, er ist Gesellschaftskritik, Europakritik, Kritik des modernen Lebens und vieles andere und er bedient sich auch dieses besonderen Stilmittels, die menschliche Psyche unter ein Mikroskop zu legen, sie zu sezieren und durch das Anhalten der Zeit in all ihren Nuancen und Widersprüchlichkeiten zu zeichnen. Es vergehen nur acht Tage in diesem Roman und die ersten Tage, in denen der Protagonist Raskolnikow mit sich hadert und dauernd auf Messers Schneide tanzt, diese ersten Tage waren für mich eine Herausforderung in der Lektüre. Beinahe war ich versucht, das Buch wegzulegen. Das erste sind die fürchterlich verzweifelten Lebensumstände, die Raskolnikow dazu treiben, über den Mord an einer Wucherin nachzudenken, bei der er schon mehrere Dinge für wenig Geld versetzt hat. Das zweite, was beinahe nicht auszuhalten ist, ist seine Somatisierung der Selbstzweifel und der Verzweiflung am Leben.
„Fjodor M. Dostojewski: Schuld und Sühne“ weiterlesenHeinrich von Kleist: Michael Kohlhaas
Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.
Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.
About this photo
· Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr
Anna Seghers: Das siebte Kreuz
„Dieses Buch ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet.“
Anna Seghers’ umfangreicher Roman über die Verhältnisse im Hitler- Deutschland der späten dreißiger Jahre zählt zu den epischen Werken, die nie an politischer Aktualität verlieren. Ihre Widmung auf dem Vorsatzblatt ist gerade jetzt brandaktuell und zeigt, von welcher Brisanz die Thematik ist und von welcher Bedeutung, sich mit der Geschichte und der Literatur dieser Zeit auseinanderzusetzen.